Dirk Kurbjuweit : Nicht die ganze Wahrheit

Der Privatdetektiv Arthur Koenen ist es gewohnt, im Dreck zu wühlen, nachdem er seine Ambitionen, im Bereich der Wirtschaftskriminalität zu arbeiten, nicht verwirklichen konnte. Der Ich – Erzähler dieses hier vorgestellten Romans befasst sich immer noch mit außerehelichen Affären und muß sich bei der Bekämpfung von Taschendiebstählen im Berliner Zoo ein Zubrot verdienen. Sein neuester Auftrag verspricht Brisanz und nicht unerhebliche Schwierigkeiten, denn seine Mandantin wird die Ehefrau des Partei – und Fraktionsvorsitzenden Leo Schilf, dessen Partei den aktuellen Bundeskanzler stellt. Frau Schilf hat aufgrund des Verhaltens ihres Mannes den Verdacht, er betrüge sie, was ihm wegen der Entfernung von gemeinsamer Heimatstadt und Regierungssitz nicht unbedingt schwer gemacht würde. Koenen hat zunächst Bedenken, denn die Observierung eines von Sicherheitsleuten rundum geschützten Politikers dürfte sich schwierig gestalten, die flächendeckende Beobachtung durch die Medien desgleichen. Dennoch stimmt er schließlich zu, muß allerdings bald erkennen, daß sich seine Befürchtungen bestätigen. Es dauert lange, bis er eine mögliche Geliebte ausfindig machen kann, die junge Abgeordnete Anna Tauert, die als Parteirebellin gilt, weil sie die Pläne des Kanzlers, den Zahnersatz aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu streichen, vehement und öffentlich bekämpft. Doch Arthur Koenen kann allenfalls vage Verdachtsmomente aufspüren, keine handfesten Beweise, sodaß er zu einem letzten, drastischen Mittel greift : er bricht in Annas Wohnung ein, durchforstet ihren Computer und speichert ihren Mailverkehr auf einem Datenträger. Der Detektiv hat recht hohe moralische Grundsätze, und wohl ist ihm bei seinem Vorgehen nicht. Doch in den Mails findet er das benötigte Beweismaterial, mehr noch : den Fortgang einer komplizierten, nicht nur glückverheißenden Liebesgeschichte.

Leo Schilf, der einst selbst hat Kanzler werden wollen und sollen, ist bei einem ungeschickten Auftritt vor Medien vom amtierenden Bundeskanzler Fred Müller ausgebootet worden. Nun sieht er sich als dessen Freund und loyalen Adlatus, folgt der von diesem vorgeschlagenen Politik ohne Wenn und Aber. Neben der Schwierigkeit der Geheimhaltung der Liebesbeziehung erleichtern die politischen Differenzen und die daraus resultierenden Diskussionen das Miteinander von Leo und Anna keineswegs, zumal Leo weder seine Frau, noch seine politische Karriere aufs Spiel zu setzen gewillt ist. Auch Annas Bedürfnis, nicht immer der geheimgehaltene Teil seines Lebens bleiben zu müssen, schafft unvermeidliche Spannungen, erst recht als sie von Leo ein Kind erwartet. Leo erklärt, die Vaterschaft nicht anerkennen zu wollen, verknüpft aber eine Änderung ihres politischen Handelns mit einem möglichen Sinneswandel in dieser Frage. Arthur Koenen verliebt sich in Gedanken in Anna, erkennt aber auch, daß es bei beiden trotz Leos teils recht schäbigen Verhaltens, das in seinem Charakter und in seiner Gewöhnung an Macht und mediale Präsenz begründet liegt, um Liebe geht, so problematisch diese Beziehung auch sein mag. Nach und nach wandelt sich seine Zielsetzung vom ausforschenden Detektiv zu einer Art virtuellem Leibwächter. Er möchte Anna beschützen, letztlich sogar diese Liebesgeschichte vor Entdeckung bewahren, auch wenn er sich im Vergleich zu Leo für geeigneter und liebevoller hält. Seine Observierungen lassen ihn allerdings noch eine weitere Gefahr für Annas und Leos Liebe erkennen : Leo scheint erpresst zu werden. Und so entschließt sich der Detektiv Arthur Koenen zu einem recht eigenwilligen Vorgehen… .

Man kann den Roman formal als eine Art des modernen und durch den Ich – Erzähler moderierten Briefromans sehen. Dieser läßt in seine Erzählung immer wieder die Mails und SMS der beiden eigentlichen Protagonisten einfließen, wählt aus, legt Reihenfolge und Zeitpunkt fest, an dem sie die Erzählung gestalten, und kommentiert recht ausführlich seine Fundstücke. Diese geben ein recht detailliertes, gut ausgeleuchtetes Bild nicht nur des Innenlebens von Politikern, von der Schwierigkeit privaten Lebens unter den Umständen allgegenwärtiger Medienbegleitung, sondern auch von einer nicht unproblematischen Liebesgeschichte. Kurbjuweit, Redakteur und Berliner Büroleiter des „Spiegels“ verfügt über langjährige Erfahrung und Beobachtung der Berliner Politszene, um Mechanismen von Politik und Macht, von Selbstdarstellung und Medien glaubhaft und anspielungsreich, nicht ohne recht ironische Seitenhiebe zu beschreiben.

Einige seiner Figuren sind erkennbar, Fred Müller ist ein genau gezeichnetes, ironisch verfremdetes Portrait des nicht mehr amtierenden Bundeskanzlers Schröder, auch Joschka Fischer, Otto Schily und Angela Merkel geben sich in kurzen Gastauftritten die Ehre, doch die beiden Hauptpersonen sind – gewollt – nicht eindeutig zu identifizieren, obgleich sich für Leo Schilf die Namen Müntefering oder Struck aufdrängen, für Anna eine Andrea Nahles als Vorbild gedient haben könnte. Allerdings ist Anna als Figur jünger, unsicherer und teilweise unbedarfter angelegt als ihr vermeintliches Vorbild. Eine zeitliche Verortung der Handlung des Romans allerdings fällt leichter – wir befinden uns in der zweiten Legislaturperiode der Rot – Grünen Regierung, auch wenn der Autor gut daran tut, die Vorgänge ein wenig zu abstrahieren, die Agenda 2010 durch die komplette Streichung des Zahnersatzes aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu ersetzen. Dennoch wird der Leser nicht umhin kommen, einen Schlüsselroman zu vermuten, die Protagonisten enttarnen zu wollen, auch wenn „Nicht die ganze Wahrheit“ weder ein Schlüsselroman ist bzw. sein will, noch eigentlich ein wirklich politischer Roman. Denn dazu fehlt es an Stellungnahme, an politischer Argumentation.

Kurbjuweit interessieren mehr die Persönlichkeitsstrukturen, die Deformationen durch Macht und die Medien, durch Politikalltag und Fraktionszwänge. Schilf und Müller sind ausgeprägte Machtmenschen, brauchen sowohl Macht als auch mediale Aufmerksamkeit, um sich existent zu fühlen. Gleichzeitig sind sie ständig unter Beobachtung, jedes Zucken der Mundwinkel, jede Blickwendung wird aufgezeichnet, bewertet und interpretiert, sodaß kaum Schlupflöcher bleiben, und jeder Fehler könnte zum Machtverlust führen. Bis dahin aber scheinen sie sich allmächtig zu fühlen – sie bestimmen die Realität, die Wahrheit, mit der sich ein Achtzig – Millionen – Volk auseinanderzusetzen hat. Wirkliche Nähe zu ihren Wählern mit ihren Geschichten, ihren Ausdünstungen wird als eher unangenehm empfunden. Selbst die idealistische Jungabgeordnete Anna Tauert spürt mehr und mehr die Entfremdung, die Abstraktion der politischen Rituale und passt sich wenigstens teilweise an. Kurbjuweit setzt strategisch einen Mittler für solche Beobachtungen und Analysen ein, der das Geschehen, seine Wahrnehmungen kommentiert und möglicherweise auch filtert, bzw. nicht alles erfährt und beobachten kann, sodaß „Nicht die ganze Wahrheit“ auch als eine Art programmatischer Titel des Buches verstanden werden kann.

Ein wenig besteht für den Leser die Gefahr – an der Länge des Teiles dieser Rezension, der sich mit dem Politischen auseinandersetzt ist es auch hier abzulesen – daß die Liebesgeschichte, die komplexen Gefühle der beiden Protagonisten und die Strukturen dieser Beziehung ins Hintertreffen geraten. Anhand der Mails, der Verzögerung bei Antworten, der Beantwortung oder Nichtbeantwortung entsteht ein amouröses Geflecht aus Distanz und Nähe, Hingabe und Abweisung, Offenheit und Konfrontation. Anna muß sich dabei nicht nur gegen den Machismo des gestandenen Politikers, sondern auch gegen seine politische Einflußnahme zur Wehr setzen. Als Person ist sie dem Autor vielleicht zu sehr in die Nähe des Klischees der jungen, naiv-idealistischen und gutaussehenden Politikanfängerin geraten, dennoch beeindrucken ihre Persönlichkeit, ihre unerschütterliche Hinwendung an Leo, obgleich sie wohl die Unglücklichste in dieser Dreierkonstellation ist. Kurbjuweit erzählt seine Geschichte stringent, glaubhaft, in einer klaren, fast schnörkellosen Sprache, sodaß die Lektüre den Leser zu beeindrucken und zu fesseln vermag und ihn ästhetisch durchaus befriedigt, wiewohl der Roman nicht unbedingt als Meisterwerk zu bewerten ist. Immerhin ragt es über den Durchschnitt der Veröffentlichungen in Deutschland heraus und kann mit gutem Gewissen empfohlen werden.

Bibliographische Angaben :

Dirk Kurbjuweit : Nicht die ganze Wahrheit

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423138567

© Jost Renner

Sherwin B. Nuland : How We Die – Reflections on Life’s Final Chapter

Der amerikanische Chirurg und Professor für Medizingeschichte Sherwin B. Nuland beschäftigt sich auf knapp 400 Seiten mit dem Sterben des Menschen. Dazu beleuchtet er – mal in einem, mal in bis zu drei Kapiteln – die am meisten verbreiteten Todesursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über gewaltsame Todesarten – vom Unfall bis zum Suizid – bis hin zu AIDS und Krebs. Er schildert detailliert die physiologischen Vorgänge, den Untergang verschiedener Organe durch mangelnde oder ganz aussetzende Sauerstoffzufuhr, erläutert Krankheitsbilder und den Ablauf des Sterbens.

Ein Kapitel setzt sich mit dem Alterstod auseinander, den es in der heutigen medizinischen Terminologie nicht gibt, da die Medizin darauf besteht, eine letztendliche – auch vorhandene – Todesursache zu finden und zu benennen. Die gibt es auch zumeist, doch Nuland weist nach, daß Altersschwäche einen zeitlicher Ablauf darstellt, in dem sich krankhafte Vorgänge addieren, das Widerstandspotential des Körpers zunehmend schwächen, und es letztlich gleichgültig ist, welcher Vorgang dem Leben letztendlich das Ende bereitet. Jedes Kapitel seiner Argumentation baut auf einer Fallgeschichte auf, die er entweder als praktizierender Arzt, Freund eines Betroffenen oder gar als Verwandter miterlebt hat. Er kommt nicht umhin, festzustellen, daß das würdevolle, friedliche Sterben, das sich als Idealvorstellung bei den meisten Menschen festgesetzt hat, nur selten mit den realen Abläufen des Sterbens zu tun hat. Selbst die Zeugnisse von Medizinern von einem „friedlichen Dahinscheiden“ sind für ihn meist nur eine Augenblickswahrnehmung, eine gefilterte Darstellung eines Ausschnittes der Realität, denn vor dem letalen Koma oder einer tiefen Bewußtlosigkeit liegen zumeist Prozesse, die mit Leiden, Schmerzen und enttäuschten Hoffnungen verbunden sind.

In der Regel erfolgt der Untergang des Körpers in einer nicht wegzuleugnenden Katastrophe, folgerichtig sind denn auch die von ihm erläuterten Krankheiten in seiner Auffassung die „Apokalyptischen Reiter“. Der „schöne Tod“, im Sinne einer Ars moriendi scheint nicht wirklich erreichbar, egal ob man mit einem Herzinfarkt unter Schmerzen zusammenbricht, den unausweichlich eintretenden körperlichen Folgen der Alzheimer – Erkrankung ausgeliefert ist oder dem Wüten eines Krebses oder den Folgeinfektionen bei AIDS erliegt. Für Nuland ist der Tod jedes menschlichen Lebens unausweichlich, dient zur Erhaltung der Art und ist genetisch oder in den Zellen vorprogrammiert. Unsterblichkeit müßte verhindern, daß die Jungen sich durchsetzen, daß neue Entdeckungen und Erkenntnisse Raum gewinnen und eine Fortentwicklung der Gattung Mensch befördern könnten. Das Bedürfnis nach einem Tod in Würde ist dem Autor durchaus verständlich, und so beschäftigt er sich in einigen Abschnitten auch mit der Selbsttötung und der Sterbehilfe. Beides lehnt er nicht grundsätzlich ab, vorausgesetzt, ein Mensch sei unheilbar, irreversibel erkrankt und ein Leidensprozeß stünde ihm unausweichlich bevor. So scheint ihm die in den Niederlanden gesetzlich geregelte Form der Sterbehilfe annehmbar, da hier eine langjährige Arzt-Patienten – Bindung vorausgesetzt wird, die etwa in Sterbehilfevereinen, die es auch in den USA gibt (oder gegeben hat – das Buch erschien erstmals 1993) und mit dem Schweizer Pendant („Dignitas“) wohl vergleichbar sind, ihm keinesfalls gewährleistet ist.

Neben den Leiden stehen der Würde beim Sterben in seiner Sicht aber auch äußere Gegebenheiten entgegen : so ist die zunehmende Anonymisierung durch die Verlagerung in hoch technisierte Intensivstationen ebenso ein Problem wie einige Herangehensweisen der Ärzte. So stellt er fest, daß Mediziner sich immer dazu verpflichtet fühlen – und er spricht sich selbst davon nicht frei – alles nur Erdenkliche zu tun, um jedes Quentchen Hoffnung auf Lebensrettung wahrzunehmen, daß Ärzte jede auch tödliche Krankheit als eine Herausforderung und ein zu lösendes Rätsel betrachten, was zwar durchaus der Weiterentwicklung der Medizin diene, aber das Leiden des der immer weitergehenden Behandlung ausgelieferten Patienten außer Acht lasse. Dies führe mitunter dazu, daß ein Mediziner im Arzt – Patienten – Gespräch die Fakten einseitig positiv darstelle, um beim Patienten Hoffnung aufrechtzuerhalten, aber auch um ihm die eigenen Therapieschritte schmackhaft zu machen. Dabei unterstütze ihn – im Gegensatz zu der von Kübler-Ross angenommenen Entwicklung in Phasen – daß Patienten oftmals bis zum Ende (oder bis zum Eintritt der Bewußtlosigkeit) im ersten Stadium,der Leugnung, verharren und niemals bis zur Annahme des unabwendbaren Todes gelangen.

Dennoch sieht Nuland durchaus Wege, eine gewisse Würde im Sterbeprozeß zu wahren. Unnötige Therapien, die mehr und längeres Leiden brächten, seien zu vermeiden, sodaß ab einem bestimmten Punkt der Natur ihren Lauf gelassen werde. Die Sterbebegleitung durch Ärzte, aber auch durch Freunde und Angehörige müsse gefördert und ausgebaut werden, was nach sich ziehe, daß falsche Rücksichten und Schonung der Sterbenden und ihrer Nächsten vermieden werden müßte, damit ein aktives Abschiednehmen überhaupt gewährleistet werden könne. Gerade die AIDS – Patienten, die zum Teil aus ihrer gewohnten Gesellschaft ausgestoßen worden oder herausgebrochen seien, sich aber frei gewählte Bezugssysteme und – Personen geschaffen hätten, scheinen hier ein positives Beispiel darzustellen. Nuland plädiert zudem dafür, die Rolle des Hausarztes neu zu beleben, denn der sei es, der die Entwicklung des Patienten über lange Jahre beobachten und die Entwicklungen im Sterbeprozeß zum Wohle des Patienten genau einschätzen könne.

Dieses Buch entzieht sich weitgehend einer Kategorisierung. Es ist eine Mischung aus allgemeinverständlichem medizinischen Sachbuch, Ratgeber in begrenztem Maße und einer Art Bestandsaufnahme. Zwar wage ich zu bezweifeln, daß tödlich Erkrankte selbst oder deren unmittelbar betroffenen Angehörigen daraus Nutzen ziehen könnten oder sich gar derart explizit mit dieser Thematik auseinandersetzen wollten, es sei denn, ihre Ratio dominiere das Gefühlserleben in kaum nachvollziehbarer Weise, doch mag das Buch für Leser, die sich der Alterung und des unvermeidbaren Todes gewiß sind, einige Anhaltspunkte für eigene Gedanken und eigenes Handeln bereithalten, z.B., im Voraus dem ärztlichen Handeln durch eine Patientenverfügung Grenzen zu setzen.

In weiten Teilen funktioniert das Buch allerdings als eher populärwissenschaftliches Sachbuch, das medizinische Sachverhalte und pathologische Vorgänge ruhig, sachlich und detailliert erklärt. Nuland bedient sich dazu nicht nur seines medizinischen Wissens, sondern verweist auf kulturgeschichtliche Darstellungen in Bild oder Text – so entnimmt er eine Fallgeschichte einem Theaterstück – oder auf Dokumente und Aufzeichnungen aus der langen Geschichte der Medizin, mithilfe derer er Krankheitsbilder zum Teil seit der Antike bis in die Gegenwart verfolgt. Dazu gesellen sich Statistiken, die allerdings fünfzehn Jahre nach der Erstveröffentlichung im Original nicht mehr ganz aktuell sein dürften, aber durchaus auch heute noch gültige Tendenzen aufzeigen dürften. Ein ähnliches Problem ergibt sich, wenn er den Stand der Forschungen zu Alzheimer oder AIDS beschreibt, auch wenn natürlich in beiden Fällen weiterhin gilt, daß ein Heilmittel bislang nicht gefunden wurde. Dennoch bleibt auch dort die Grundaussage uneingeschränkt gültig, auch wenn einige neuere Entwicklungen keine Aufnahme in das Buch haben finden können.

Neben den Verweisen auf Kultur – und Medizingeschichte, der ausführlichen Schilderung pathophysiologischer Vorgänge, dem Übersetzen und Erklären von medizinischen Fachbegriffen greift der Autor immer wieder zu konkreten Fallbeispielen, zum Teil ohne sich selbst zu schonen. So schildert er seine Hilflosigkeit, als er als junger Assistenzarzt den tödlichen Herzinfarkt eines Patienten miterleben mußte, das jahrelange Sterben seiner Großmutter, das er als nach und nach eintretende Altersschwäche wahrgenommen hatte, oder den Krebstod seines älteren Bruders, bei dem er selbst wider besseres Wissen jede nur denkbare Therapie für möglich und notwendig hielt, nur um dem Bruder die Hoffnung nicht zu rauben. Sherwin B. Nuland erzählt und beschreibt in einer nüchternen, nie sentimentalen und klaren Sprache, ohne andererseits je in verklausulierte Wissenschaftssprache abzugleiten. Dennoch mag es vorkommen, daß Fremdwörter und einige, wenige Fachtermini auftauchen, die die Benutzung eines Fremdwörterbuches oder eines Lexikons mit medizinischen Fachbegriffen nötig machen. Häufiger ist es allerdings, daß ein vor ein – oder zweihundert Seiten erklärter Begriff noch einmal erscheint, der Leser aber die detaillierte Erklärung möglicherweise vergessen hat. Dann hilft ein Begriffs – und Namensregister, um an die ursprüngliche Stelle zurückzublättern. Effektiver allerdings schiene mir ein Glossar, das im Anhang kurzgefasste Begriffsdefinitionen sammelte.

Ob das Buch nun die Angst vor dem Tod mindert, wie der Verlag wirbt, liegt wohl im Auge des Betrachters. Dennoch entmythologisiert dieses Sachbuch das Sterben, beschreibt und analysiert die Vorgänge präzise, sachlich und kenntnisreich. Im Sinne der Aufklärung ist es ein nützliches und vielleicht wirkungsvolles Buch. Doch obwohl Nuland auf jedes sensationsheischende Momentum verzichtet und kaum die Grenze des Appetitlichen überschreitet, sollte sich jeder Leser vorher die Frage stellen, ob er denn alles so genau wissen möchte. Wenn er es wissen will, ist er bei Nuland in guten Händen.

Bibliographische Angaben :

Sherwin B. Nuland : How We Die – Reflections on Life’s Final Chapter

Vintage Books

ISBN : 978-0679742449 (Übersetzungen ins Deutsche sind derzeit nur gebraucht erhältlich)

© Jost Renner

David Mitchell : Der Wolkenatlas

David Mitchell verwebt in seinem Roman fünf verschiedene, stilistisch und sprachlich von einander getrennte Erzählstränge zu einem sechsten, der die Essenz der einzelnen Erzählungen zu einer drastischen und umfassenden Konsequenz führt. Im 19. Jahrhundert schließt sich ein amerikanischer Anwalt einer Expedition in die Südsee an und erlebt hautnah den Rassismus und die Ausbeutung durch die britischen Kolonialherren. Ohnmacht und Fassungslosigkeit lassen ihn Trost in einer Freundschaft zu einem britischen Arzt suchen und scheinbar auch finden. Erst sehr spät, beinahe zu spät, muß der Anwalt erkennen, daß sein Freund alles andere als ein Wohltäter ist.

Im zweiten Handlungsstrang lesen wir die Briefe eines jungen Komponisten. Er ist so hoch verschuldet, daß ihm wenig anderes bleibt, als außer Landes zu fliehen, um seinen Gläubigern zu entgehen. In Belgien findet er 1931 Unterschlupf bei einem Komponisten, dessen Genialität er lange bewundert hatte. Bald ist er dessen Adlatus und findet außerdem Gelegenheit, eigene Kompositionen zu schreiben. Allerdings ist der Idylle keine lange Dauer beschieden, denn er findet recht bald heraus, daß der bewunderte Meister ihn hemmunglos plagiiert und seine Ehefrau benutzt, um den jungen Flüchtling mittels sexueller Abhängigkeit weiter an sich zu binden.

In einer dritten Geschichte erzählt Mitchell von einem Verleger, den sein Bruder in ein Altenheim einweisen läßt, obwohl der gar keiner Pflege bedarf. Schlimmer noch : Das Heim erinnert weniger an eine Pflegeeinrichtung als an eine geschlossene Psychiatrie, in der die Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt wird und menschenunwürdige Pflegemethoden praktiziert werden. Ein Entkommen scheint unmöglich. Dennoch tut sich der Verleger mit Mitpatienten zusammen und begibt sich auf eine recht abenteuerliche Flucht.

Im Stil eines Kriminalromans werden die Leser in der vierten Geschichte mit dem Schicksal einer jungen Journalistin konfrontiert. Durch Zufall stößt sie auf Hinweise, daß es in der Atomindustrie seit langem bekannte, doch verschwiegene massive Sicherheitsprobleme gibt. Mit journalistischem Eifer begibt sie sich auf die Jagd nach weiteren Informationen und Quellen, muß aber bald feststellen, daß sie selbst zur Gejagten geworden ist.

Eine fünfte, in der Zukunft angesiedelte Geschichte ergänzt das so unterschiedliche Quartett : hier begegnet der Leser einer in der Retorte gezüchteten Mitarbeiterin der Systemgastronomie, die in diesem zukünftigen Jahrhundert bis zur Perfektion entwickelt worden ist. Obwohl dieser weibliche Klon eigens für ihre Arbeit gezüchtet wurde und eigentlich keine eigenen weitergehenden Impulse entwickeln dürfte, wird sie unversehens zur Rebellin und zur Hoffnung für viele, die aktiv die herrschenden Zustände bekämpfen. Jedoch bleibt ihr nicht die Erkenntnis erspart, daß sie von den Machthabern instrumentalisiert worden ist. In einer noch ferneren Zukunft entwirft die sechste Geschichte, auf die alle anderen letztendlich hinauslaufen, ein noch düstereres Bild : Die westliche Zivilisation ist untergegangen. Die wenigen Überlebenden treffen auf Hawaii auf zwei Stämme der hawaiianischen Ureinwohner….

Mitchell unternimmt in seinem Roman nichts weiteres, als eine Art fiktiver Menschheitsgeschichte, Literatur – und Ideengeschichte zu entwerfen, deren Pessimismus notwendig im Weltuntergang mündet. Er bedient sich verschiedener literarischer Muster, etwa der Expeditionsberichte- und Tagebücher der Kolonialzeit, der Brief- und Künstlerromane, der Genres Science Fiction und Kriminalroman, adaptiert sie mit eigenem Können und Stil zu einem nur auf den ersten Blick disparat erscheinenden Ganzen. Er beherrscht die Klaviatur des Erzählens und gestaltet die Form des Romans vollkommen neu.

Eines der herausstechendsten Merkmale ist der formale Aufbau des Buches : in zeitlicher Reihenfolge reihen sich die jeweiligen, bis zur Hälfte erzählten fünf Geschichten aneinander, bis sie in den Mittelteil münden, der ausführlich und eindrucksvoll den Untergang der bekannten Zivilisation (und mehr) schildert, um dann in umgekehrter Reihenfolge zuende erzählt zu werden. Diese Gestaltung macht es dem Leser zunächst schwer und vermittelt den Eindruck des Disparaten, sogar Unfertigen, doch bleibt nach der letzten Seite der Eindruck eines homogenen und gewaltigen Ganzen, dessen Erarbeitung gelohnt hat. Zu verdanken ist das dem erzählerischen Talent des Autors, der durchaus weiß, wie und wann er Spannungsbögen zu verwenden hat, um den Leser bei der Stange zu halten und ihn zu seinen Schlußfolgerungen zu geleiten. Dazu gehört, daß der Autor Distanz zu seinen Figuren behält, sich hauptsächlich hinter den verwendeten literarischen Formen verbirgt. Im weitesten Sinne kann man diesen Roman der Postmoderne zurechnen, es als Spiel mit Formen, Zitaten und Inhalten begreifen, allerdings ist aus dem ursprünglich eher unbelasteten Spiel inzwischen ernst(e) Literatur geworden, die ich mehr als nur faszinierend, sondern eher als eine Befriedigung empfand und der ich viele gleich empfindende Leser wünsche.

Bibliographische Angaben :

David Mitchell : Der Wolkenatlas

Übersetzt von Volker Oldenburg

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499240362

© Jost Renner

Olga Flor : Kollateralschaden

Zentrum der Handlung ist ein Supermarkt. Hier treffen die unterschiedlichsten Menschen an einem späten Winternachmittag aufeinander, kaufen ein oder begeben sich auf ihren Heimweg. In der Stunde von 16 Uhr 30 bis 17 Uhr 30 entwickelt sich ganz unversehens eine Tragödie aus beinahe nichtigem Anlaß. Unter den Käufern findet sich unter anderem ein gescheiterter Journalist, der wohl auf immer in eine Lokalredaktion verbannt scheint, nachdem er zu intensiv in den Angelegenheiten einer bekannten Politikerin der Rechten gewühlt hatte, diese Politikerin selbst, die nach dem gewaltsamen Tod ihres Ehemannes ihre politische Karriere mit „Law-and-Order“-Parolen und fremdenfeindlichen Ressentiments gestartet hatte, die einst eine Affäre mit dem Parteivorsitzenden auslebte, die nun einem Gleichgewicht des Schreckens gewichen ist, die Angestellte Doris, die ihr Leben nach Ernährungsrichtlinien gestaltet, ihre sozialen Kontakte vornehmlich in einer Selbsthilfegruppe findet, jedoch dem Süßwarenregal nicht wirklich widerstehen kann oder Anna, deren Ehemann jähzornig und, wie es scheint, gewalttätig ist, die sich in der Kunst des Arrangements übt.

Wir treffen auf Horst, einen Pensionär, der einst im Stadtplanungsamt gearbeitet hatte, sich nach alten Zeiten der Beschäftigung zurücksehnt und nun auch noch durch die Krebserkrankung seiner Frau, deren Operation gerade während seines Einkaufs stattfindet, schwer beunruhigt ist, den Stadtstreicher Anton, dem von der Marktleiterin der Eintritt verweigert wird und der sich, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, mittels einer anonymen Bombendrohung rächen will. Doch durch Ungeduld und Unaufmerksamkeit wendet er sich an die falsche Filiale. Dort nun sammelt sich ein ungeahntes Polizeiaufgebot und wird später – durch die ursprüngliche Bombendrohung sensibilisiert – auch am Ort der Handlung eintreffen.

Jede der Figuren ist in seinen Gedanken und Wahrnehmungen gefangen, Kommunikation findet kaum statt, allenfalls nonverbal oder sehr oberflächlich, neutral und vor allem abweisend. Selbst die Marktleiterin ist nicht in der Lage, sich den Namen einer Kassiererin zu merken, der Azubi Tobias wird mit Hilfsarbeiten in Beschäftigung gehalten, verantwortungsvollere Tätigkeiten bleiben ihm verwehrt, nachdem ihm ein von ihm nicht zu verantwortender Fehler zugeschrieben worden war. Er träumt von Markenturnschuhen als Statussymbolen, die ihm wegen der geringen Ausbildungsvergütung unerreichbar scheinen. Doch er wird seine Chance nutzen. Als Doris zum Treffen ihrer Selbsthilfegruppe fährt, kollidiert sie mit etwas Unbekanntem : ob Wild oder Mensch kann nicht geklärt werden, da das Unfallopfer nicht zu finden ist. Zu allem Unglück hat sie bei ihrer aufgeregten Suche auch noch die Autoschlüssel im Zündschloß stecken lassen, die Türen verriegelt. Hilfsangeboten begegnet sie mißtrauisch und schlägt lieber ein Seitenfenster ein.

Im Supermarkt bahnt sich derweil eine Katastrophe an : Mo (Morgan) hat vor, im Supermarkt einen Durchgang im „Parkour“, einer französischen Trendsportart, in der alle natürlichen Weghindernisse ohne Hilfsmittel überwunden werden müssen, zu absolvieren und sich von seinem Freund Sid dabei filmen zu lassen. Mo ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die sich trotz guter Ausbildung mit Putzjobs über Wasser halten muß, und er versucht, mit solchen Aktionen, der Beengtheit und Trübe seines Alltags zu entgehen, eine Gegenwelt mit Adrenalinrausch und (vermeintlicher) Anerkennung zu schaffen. Doch diesmal geht es schief : in den Gängen des Marktes verliert er den Halt und reißt einen Kunden zu Boden, der verletzt liegen bleibt. Sowohl der Journalist als auch die Politikerin vermuten sofort, es handele sich um einen Terroranschlag, der – bei aller Bedrohung – beiden nicht wirklich ungelegen käme. Dies allerdings hat unabsehbare Folgen….

Olga Flor erzählt ihre Geschichte fast ausschließlich aus der Gedankenwelt ihrer Figuren, ihren Wahrnehmungen. Sie setzt in ihren minütlich unterteilten Kapiteln Fragmente der Bewußtseinsströme der Kunden und einiger Angestellter mosaikartig zusammen, die sich hauptsächlich mit sich selbst, mit ihren Enttäuschungen und privaten Katastrophen beschäftigen, die andere nur am Rande und vehement abwehrend wahrnehmen. Niemand scheint willens oder fähig, seine eigene Gedankenwelt zu verlassen, Kontakt aufzunehmen, die Vereinzelung zu durchbrechen und zu kommunizieren. Begegnungen bedeuten ausschließlich Abwehr, Ablehnung, kritische Musterung und entsprechendes gedankliches Kommentieren. Da in den engen, regalbewehrten Gängen des Supermarktes unvermeidlich sind, entsteht ein Geflecht von Reflexionen, die aufeinander Bezug nehmen, vorantreiben und den Erzählstrom, auch mithilfe der chronologischen Unterteilung, einen erzählerischen Zusammenhang geben, der das Fragmentarische zu einer Geschichte zu bündeln vermag. Allerdings ist vom Leser konzentriertes Lesen verlangt, um die Gedankenbruchstücke konsequent den Figuren zuordnen zu können.

Am meisten Raum gewährt die Autorin der rechtsextremen Politikerin, die gelernt hat, in fast allen Situationen die Kontrolle zu behalten, Schwächen zu kaschieren und den Zeitgeist in griffige Parolen zu verpacken. Ihre Weltsicht transportiert die Vereinzelung, das Abwehrverhalten, das Sich-Einrichten in der kleinen persönlichen Welt, am subjektiv empfundenen Elend in das Allgemeine, in die Wahrnehmung der Gesellschaft und findet entsprechend Zustimmung. Ihr und allen anderen gegenübergestellt ist ausgerechnet Mo, der seine kleine Welt so nicht akzeptieren mag, der sich zumindest eine Traumwelt schafft, in die er ab und an ausbrechen kann. Daß sein – im wörtlichen Sinne – Fehltritt zu einer ungeahnten Eskalation führt, ist nicht ihm anzulasten, sondern der Ich – Bezogenheit und mangelnden Kommunikationsbereitschaft des Journalisten und der Politikerin. Und dennoch ahnt man als Leser, daß selbst eine solche Minimalrevolution in einem solchen menschlichen Umfeld gründlich mißlingen muß.

Olga Flor gelingt es immer wieder, schmerzhaft genau zu beobachten, mit knappen aber detaillierten Strichen ein gesellschaftliches Abbild im Kleinen zu schaffen und einer stimmigen Diagnose zu kommen, als befundete sie anhand eines Zellabstriches unter dem Mikroskop die Krankheit eines ganzen Körpers. Es ist ihre Stärke, nicht zu einer System – oder Gesellschaftskritik anzuheben, sondern dem Leser letztlich die – allerdings kaum vermeidbare – Wertung zu überlassen. Der wird sich, sofern er sich nicht durch die Anforderungen des Textes abschrecken läßt, willig dahin geleiten lassen, fasziniert durch eine höchst ausgefeilte Konstruktion, gekonnt gesetzte Spannungsbögen und nachvollziehbare, lebendig erscheinende Personen, deren Glaubwürdigkeit über gut 200 Seiten erhalten bleibt. Auch im Sprachlichen bleibt Olga Flor eher nüchtern, klar und präzise, zwei oder drei Austriazismen stellen kein Hindernis bei der Verständlichkeit dar. Olga Flors Roman ist für mich ein interessanter, frischer und formal wie sprachlich Beitrag zur deutschsprachigen Literatur der Gegenwart.

Bibliographische Angaben :

Olga Flor : Kollateralschaden

Paul Zsolnay Verlag

ISBN : 978-3552054400 (derzeit nur gebraucht erhältlich)

© Jost Renner

Alexandre Dumas (père) : Der Graf von Sainte-Hermine

2009 erschien, vier Jahre nach der französischen Original-Ausgabe, mit ziemlichem Getöse die Übersetzung eines bislang unentdeckten Romans von Alexandre Dumas (père) : „Der Graf von Sainte-Hermine“. Der Literaturwissenschaftler und Dumas-Fachmann war Ende der achtziger Jahre auf Hinweise zu dessen Veröffentlichung als Fortsetzungsroman gestoßen und wurde nach einiger Suche fündig. 118 Kapitel des augenscheinlich Fragment gebliebenen Werkes hat er gesichert und als Buch herausgegeben, ergänzt durch weitere drei Kapitel, die sich als Manuskript fanden und einer im Anhang zitierten Skizze des Gesamtwerkes, inklusive des projektierten Endes. Darüber, daß „Der Graf von Sainte-Hermine“ der dritte Teil einer „Bürgerkriegs-Trilogie ist, der zusammen mit „Les Blancs et les Bleus“ und „Les Compagnons de Jéhu“ die napoleonische Ära abbilden soll, verlieren der Verlag und die meisten Rezensionen kaum ein Wort, im Nachwort immerhin erfährt der Leser dann doch davon. Und die Idee, die vorhergehenden Bände ebenfalls (neu) zu übersetzen und herauszubringen, schien wohl zu abwegig. So wurde also unter dem Schlagwort „Sensation“ nur dieser Band publiziert – und der ist nur 8 Jahre später in allen Ausgaben vergriffen.

Hector de Sainte-Hermine ist der jüngste Sproß eines alten Adelsgeschlechtes und der einzige Überlebende, nachdem der Vater und die beiden älteren Brüder als Royalisten gegen das Revolutionsregime kämpften und hingerichtet wurden. An ihn wurde die Aufgabe weitergereicht, und zeitweise scheint es, als könne er – nach Befriedung der Vendée und der Bretagne – doch seinem Schicksal entgehen. Hector nämlich ist alles andere als mit dem Herzen dabei. Doch Intrigen des ehemaligen und nun inoffiziellen Polizeiministers Joseph Fouché lassen den Widerstand wieder aufflammen, und Hector, um seine Verpflichtung zu erfüllen, bricht seine gerade sich vollziehende Eheschließung ab und schließt sich den Compagnons de Jéhu, Briganten aus adligem Hause, die ausschließlich Staatsgelder rauben, widerwillig an. Schon bei der ersten Aktion wird er gefangen genommen und bleibt drei Jahre im Gefängnis, Tag für Tag seine Hinrichtung erwartend.

Jedoch ist ihm Fouché unerwartet wohlgesonnen und erwirkt eine Begnadigung. Als einfacher Soldat soll er sich bewähren. So schließt er sich zunächst dem Korsaren Surcouf an, vollbringt Heldentaten und wird rasch befördert. Eine Reise nach Birma konfrontiert ihn mit wilden Tieren und der von ihm nicht erwiderbaren Liebe einer Cousine. Ein Jahr später geht er zur offiziellen Marine der Republik und nimmt an der Schlacht bei Trafalgar teil, und er ist es wohl, der Admiral Nelson tötet. Die Schlacht allerdings geht – verheerend – verloren. Napoleon ist dennoch höchst beeindruckt und empfängt ihn. Als er jedoch Hectors wahren Namen erfährt – dieser agiert seit seiner Freilassung unter dem Namen René – erweist er sich als höchst ungnädig. Einmal mehr geht Hector unter die Soldaten, diesmal nach Italien. Hier soll er den Banden von Straßenräubern ein Ende machen, die nicht nur rauben und morden, sondern auch der französischen Armee erheblichen Widerstand leisten.

„Der Graf von Sainte-Hermine“ ist weit mehr als ein Abenteuer-Roman, denn wie die beiden ersten Teile versucht er, ein Bild der Herrschaft Napoleons zu zeichnen. Während „Les Blancs et les Bleus“ den Aufstieg Bonapartes, die Zeit des „Terreur“ behandelt, „Les Compagnons de Jéhu“ sich mit der Zeit des Konsulats beschäftigt, widmet sich dieser Band nun dem Kaiserreich. Ich hatte die beiden ersten Bände zuvor in einer englischen, ziemlich tauglichen Übersetzung gelesen, um mich auf diese Lektüre vorzubereiten.

Das Konzept der Trilogie und dieses Romans macht es wenig verwunderlich, daß der Protagonist nach seinem ersten Erscheinen im Wesentlichen für 400 Seiten „verschwindet“ und daß stattdessen politische Geschehnisse im Vordergrund stehen. Dumas sieht sich selbst als einen eher erzählenden Historiker als einen „historischen Romanschriftsteller“. Dementsprechend akribisch und oft historisch stimmig sind die beschriebenen Situationen und Gespräche, wenngleich sich immer auch Ungenauigkeiten und Widersprüche einschleichen, die vermutlich dem Druck durch eine Veröffentlichung in Fortsetzungen geschuldet sind. Zudem ist die Autorschaft Dumas‘ immer recht problematisch, arbeiten doch etliche Zuträger und Zuarbeiter für ihn, und fraglich bleibt, welches nun sein Eigenanteil gewesen sein mag. Um genügend Stoff für seine Lieferungen an die Zeitung zu haben, zitiert er mindestens dreimal komplette Kapitel aus früheren Büchern oder ergeht sich in Exkursionen zur Geschichte Saint Malos oder der antiken Via Appia. Zumindest letzteres stellt die Geduld des Lesers auf die Probe.

Die Abenteuer des Protagonisten dagegen lassen an Tempo und Spannung wenig vermissen. Hector, der in der Haft mit dem Leben weitgehend abgeschlossen hat, sucht den Tod und begibt sich immer wieder in Gefahr. Er mutiert so zu einer Art Superheld, der Gefahren nicht scheut, den Tod aber dank seiner Tapferkeit, seiner Intelligenz und seiner guten Umgangsformen nicht findet. Er ist im Wesentlichen unpolitisch, hat sogar Sympathien für die Revolution und auch Napoleon, aber ebenso viel Abscheu, denn die Revolution war ein blutiges Geschäft, dem seine Familie zum Opfer fiel, und auch Napoleon ist höchst rigide in der Durchsetzung seiner Politik. Sainte-Hermine mag so in Teilen auch für Dumas stehen, dessen – farbiger – Vater als General bei Bonaparte in Ungnade fiel. Und auch er selbst war zu Lebzeiten der Hautfarbe wegen nicht immer wohlgelitten, zudem wurden seine Werke als Unterhaltungsliteratur eher geringgeschätzt. Es dauerte immerhin bis 2002, bis er neben anderen literarischen Größen im Panthéon beigesetzt wurde. Hector wie Dumas, der übrigens Anhänger der Republik war, mangelt es deutlich an einem Zugehörigkeitsgefühl, und Sainte-Hermines Handlungen wirken auch ab und an wie ein Kampf um Anerkennung.

Ich habe die Trilogie gern gelesen, die ersten beiden Bände etwas lieber als den hier besprochenen, weil diese etwas mehr bearbeitet und gestrafft wirkten, was sich dadurch erklärt, daß diese schon in Buchform – und damit endgültig revidiert – erschienen waren. Dennoch hatte ich eine vergnügliche und lehrreiche Zeit. Dumas‘ Intentionen haben sich also vollkommen verwirklicht.

Bibliographische Angaben :

Alexandre Dumas (père) : Der Graf von Sainte-Hermine

Übersetzt von Melanie Walz

Blanvalet Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3442378302 (derzeit nur gebraucht erhältlich)

© Jost Renner

Norbert Zähringer : Einer von vielen

Wir begegnen Edison Frimm im Jahre 2003 auf einer Brücke in Kalifornien : ein achtzigjähriges, bewegtes Leben, zuletzt ein mehrjähriger Gefängnisaufenthalt wegen einer Körperverletzung und die deprimierende Diagnose Alzheimer liegen hinter ihm, sodaß seine Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, solange seine Erinnerungen noch intakt und strukturiert sind, konsequent und nachvollziehbar scheint. Edison wird am 1.September 1923 in einem kleinen Ort mitten in der Mojave-Wüste während eines Erdbebens, dessen Epizentrum in Japan liegt und das dort verheerende Verwüstungen anrichtet, geboren. Am selben Tag kommt in Deutschland Siegfried Heinze zur Welt. Beide haben neben dem Geburtstag gemeinsam, daß es mindestens fraglich ist, ob die Väter, die ihnen früh abhanden kommen, wirklich die biologischen Erzeuger sind. Während Edisons Vater 6 Jahre nach Edisons Geburt auf einer Sauftour verschwindet, wird Siegfrieds Vater, ein früher und strammer Anhänger des Nationalsozialismus, schon am Tag der Geburt seines Sohnes erschossen, angeblich von den Kommunisten. Kommissar Mauser, der mit der Untersuchung befaßt ist, hat da erhebliche Zweifel, zumal sich weitere Leichen finden, die ähnliche Schußwunden aufweisen.

Edison, der von seinem europäischen Pendant nichts weiß, zieht mit seiner Mutter nach Los Angeles. Trotz ihrer Anstellung bei der Post hat die Familie wenig Geld, und Edison nimmt einen Job als Poolreiniger an. Daß sein Arbeitsort der Garten einer leerstehenden Villa eines Filmproduzenten ist, in dessen Pool einst die Aufnahmen für einen Piratenfilm entstanden, wird nicht unerhebliche Auswirkungen auf sein Leben haben, denn zum einem begegnet er hier Toshiro Koga, der nach dem Erdbeben in Japan, bei dem er alle Angehörigen verlor, das Land in Richtung Vereinigte Staaten verließ und der nun zu seinem spirituellen Mentor wird, zum anderen läuft ihm der einstige Stummfilmstar Penelope Brooks über den Weg, die ihn in die Welt des Films bugsiert und seine – zeitweilige – Freundin wird.

Derweil hat in Deutschland das Dritte Reich begonnen. Kommissar Mauser, immer noch auf der Suche nach dem Serienmörder, der Siegfrieds Vater und andere ermordet hat und immer noch tötet, warnt seinen jüdischen Vorgesetzten vor der geplanten Verhaftung. Nicht wirklich einverstanden mit der Diktatur unternimmt er allerdings ansonsten wenig gegen die Gewaltherrschaft. Sein übellauniges Foppen eines Gestapo – Mannes führt sogar dazu, daß er nun Hitlers Sicherheit gewährleisten muß, in dem er Abwasserrohre mit Gittern versieht. Doch zurück an seiner alten Dienststelle hat er noch einmal Gelegenheit, nicht nur im Strom angepaßt mitzuschwimmen, sondern sich gegen das Regime zu stellen, indem er einen jüdischen Jungen vor dem Abtransport rettet und sicher versteckt. Als die Japaner Pearl Harbour angreifen, ist Edison ein Komparse in der dokumentarisch-fiktiven filmischen Aufarbeitung des kriegerischen Überfalls, und als Edisons Militärdienst beginnt, wird er einem Filmteam zugeordnet, daß die Erfolge der Alliierten mit filmischen Mitteln und nicht eben wahrheitsgetreu dokumentieren soll. Man fliegt fiktive Einsätze ins ungefährliche Schottland. Doch bald sind wahre Helden gefunden, die Filmcrew wird vergessen und muß von nun an richtige Einsätze fliegen, bei denen es erhebliche Verluste geben wird.

Als Frimm und seine Kameraden 1945 Berlin bombardieren, wird das Flugzeug abgeschossen. Verantwortlich dafür ist ein letztes Aufgebot von Jugendlichen, das von eben jenem Siegfried Heinze befehligt wird, dessen Geburtstag beide miteinander verbindet. Nun also werden sich beide begegnen, ohne daß einer vom anderen weiß, in der Mitte einer vollkommen zerstörten Stadt. Edison wird gefangengenommen, ebenso sein Kamerad Bebo, ein georgisch-armenischer Exilant, der einst Berlin verlassen hatte, um nicht in die Mühlen der nationalsozialistischen Behörden zu geraten, und nun gerade in dieser Stadt mit dem Fallschirm landen mußte. Beider Weg ist damit jedoch nicht beendet, denn sie geraten später auch in russische Gefangenschaft. Während Edison als amerikanischer Soldat bald in die Staaten zurückkehren darf, hat man mit Bebo anderes vor : sein Transport bewegt sich überraschend in Richtung Sowjetunion….

Der Protagonist dieses Romans ist unzweifelhaft Edison Frimm. Er ist der eine, der den Gang dieses Buches zu bestimmen scheint, und doch nur einer von vielen. Sein Leben wie auch der Lauf der Geschichte sind verflochten mit den Schicksalen und Handlungen unzähliger anderer. Öffnet man den Band, stößt der Leser auf der Innenseite des Buches und auf dem Schmutzblatt auf eine eigentümliche Graphik, in der weit mehr als siebzig unterschiedliche Personen mit Linien untereinander verbunden sind. Und es fällt schwer all diesen Linien zu folgen, Beziehungen herzustellen und das Gewirr zu entflechten. Es ist Edisons Mutter Mary, die eine der Grundthesen des Romans formuliert :

„…Nur fünf, sechs Briefe muss man schreiben, um jeden auf der Welt zu erreichen…“

Alle Menschen sind unsichtbar untereinander verbunden und stehen miteinander in ungeahnter Beziehung. Edison selbst scheint das zu spüren, doch sein Mentor Koga rät, dem unter der Oberfläche liegenden Geflecht nicht nachzuspüren, denn der Nutzen sei zweifelhaft, der Schaden möglicherweise groß. An Stelle des Jungen unternimmt nun der Leser, geführt durch den Autor, diese abgründige Reise in einem Buch, das sich zunächst vor allem durch eine gewagte und komplizierte Konstruktion auszeichnet. Dabei macht es der Autor dem geneigten Leser zeitweise wirklich schwer : gerade zu Beginn wechseln Personen und Zeitebenen in rasantem Wechsel, ein kontinuierliches Erzählen mag nicht aufscheinen, sodaß es vorstellbar ist, daß sich bald ein innerer Widerstand entwickelt, die Lektüre fortzusetzen. Dazu sei aber schon an dieser Stelle ermuntert, denn Zähringer beherrscht seine Konstruktion in allen Details, vermag scheinbar Unzusammenhängendes zueinander zu bringen, jeden angefangenen Faden aufzunehmen und bis an sein Ende zu verfolgen, bis das Geflecht dem Leser entwirrt und jeder Zusammenhang erkennbar ist. Dennoch ist diese Übermacht der Konstruktion allenthalben spürbar, auch wenn der Autor nach einiger Zeit dem Erzählen mehr Raum läßt, Passagen einer Erzähllinie aneinanderfügt, sodaß es nun leichter wird, Edison oder dem Kommissar Mauser zu folgen und eine Geschichte zu erkennen.

Erschwert der technische Bauplan dieses Romans nun die Lektüre, so erleichtert der Autor dem Leser den Zugang vor allem mit sprachlichen und literarischen Mitteln : den ersten Teil des Buches prägt ein immer gegenwärtiger Unterton der Ironie, der die Episoden ebenso unterhaltsam wie gut lesbar macht, zudem ist die Sprache klar und präzise. Die Ironie, auch die bis dahin durchgehende Freundlichkeit ändert sich dann – mit einer gewissen Zwangsläufigkeit, wenn Figuren und Leser mit der Unmenschlichkeit des Krieges und der Bestialität des Nationalsozialismus konfrontiert werden. Die Entwicklung um Kommissar Mauser bedient dabei aber dennoch das Genre der Kriminalerzählung, weist also nachvollziehbare und willkommene Spannungsbögen auf, doch ist Norbert Zähringer nun direkter, bitterer und harscher zugange, als der erste Teil des Romans hätte vermuten lassen. Auch die Kriegsszenen werden durch nichts mehr abgemildert, allerdings auch nicht voyeuristisch ausgeschlachtet. Ein kaum zu übersehendes Element des Romans ist der Film. Anspielungen, Zitate und Verfremdungen, selbst Cameo-Auftritte integrieren die Filmkunst in Zähringers Romankonstrukt, um des Autors These anhand einer zweiten Ebene zu bebildern. Man begegnet Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger als der Wirklichkeit entlehnten Figuren, kann in der Figur des fiktiven Filmmoguls ohne jede Schwierigkeit Howard Hughes identifizieren und einen der zitierten Filme als „Der Dieb von Bagdad“ benennen, einen Klassiker der Filmkunst, der auch Nicht – Cineasten ein Begriff sein dürfte. Aber auch unter der glatt und reibungslos erscheinenden Oberfläche eines Films liegt ein vom Zuschauer kaum wahrzunehmendes Geflecht an Zufälligkeiten, Schicksalen und Tricksereien. Etwa der abgehalfterte und zahlungsunfähige einstige Star, die ob ihrer – angeblich – quietschenden Stimme beim Siegeszug des Tonfilms ausgemusterte Stummfilm-Diva. Vor allem aber die Tricksereien des Business : eine Seeschlacht, die in einem Swimmingpool gedreht wird, die unbemerkte Fiktionalisierung des Dokumentarischen zu Zwecken der Propaganda etc. Spätestens hier erscheint der Eindruck nicht abwegig, daß der Autor mit diesem Roman, mithilfe der Konstruktion und dem Spiel mit dem Film auch eine Metaebene des Schreibens gestalten wollte, den Leser also unter die glatte Handlungsebene einer durchaus interessanten Erzählung führen und gleichsam sein Skizzenbuch öffnen wollte.

Ziehe ich nun ein Fazit, kann ich feststellen, daß ich ein gutes, aber nicht unbedingt ein sehr gutes Buch gelesen habe, das nicht zu Unrecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises geführt wurde, das aber in meinen Augen – ebenso nachvollziehbar – nicht bis ins Finale gelangte. Dazu wirkt das Buch teilweise denn doch zu konstruiert. Und mag diese These für ein individuelles Leben hinreichend und für den Leser mit Gewinn illustriert worden sein, so fällt die Anwendung auf den Lauf der Geschichte nicht ganz so zwingend aus, denn gerade Mausers Retten eines jüdischen Kindes fällt in seiner Prägnanz und Eindrücklichkeit gegen den Rest des Buches doch ein wenig ab – so, als wäre der monumentale Plan eines Ölgemäldes in einem – durchaus kunstvollen – Aquarell verwirklicht worden. Dennoch lohnt die Lektüre allemal.

Bibliographische Angaben :

Norbert Zähringer : Einer von vielen

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499242861

© Jost Renner

Frank Schätzing : Der Schwarm

Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden die Menschen an den verschiedensten Orten mit ungewöhnlichen Ereignissen konfrontiert. Manche davon wie das Verschwinden eines peruanischen Fischers werden allenfalls vermerkt, ohne der Ursache nachzuspüren, andere werfen drängende Fragen auf, wenn etwa große Schiffe durch ungewöhnlich starken Muschelbefall lahmgelegt und die Rettungsversuche von Walen anscheinend gezielt vereitelt werden. Wale sind es auch, die Boote im Norden Kanadas angreifen, auf denen Touristen eine seltene Gelegenheit zum Whale-Watching geboten wird. Diese Form des Tourismus ist nicht unumstritten, doch der leitende Biologe Leon Anawak sieht darin eine Form des Naturschutzes, brauchen doch die Menschen eine gewisse Nähe zu Tieren, um ihr Schutzbedürfnis begreiflich zu machen. Ganz anderer Meinung ist da die Aktivistengruppe um Jack O’Bannon, genannt Greywolf. Doch der Angriff der Wale, der für etliche Touristen aber auch Tierschützer tödlich endet, bringt die einstigen Freunde Leon und Jack wieder zueinander. Die Ursache für das Verhalten der Tiere jedoch bleibt im Dunkeln. Zur selben Zeit tut sich an der norwegischen Küste ähnlich Seltsames, das allerdings weniger bedrohlich scheint : Millionen von Würmern befallen ausgedehnte Flächen aus Methanhydrat und bohren sich hinein. Aufnahmen einer Ölförderungsgesellschaft dokumentieren diesen Vorgang, und der hinzugezogene Wissenschaftler Sigur Johanson ist zunächst ratlos und begreift auch keineswegs das darin liegende Gefährdungspotential, noch weniger allerdings die Ursache für diese Massierung von Lebewesen, die zudem bekannten Arten allenfalls ähneln. Zu spät erkennen er und die inzwischen konsultierten Wissenschaftler, daß nicht der Wurm die eigentliche Gefahr darstellt, sondern die von ihnen transportierten Bakterien, die das Methanhydrat soweit zerfressen, bis instabile Kavernen großflächig explodieren. Ein großflächiger Tsunami wird ausgelöst, der die Küsten Europas weitgehend zerstört und Hunderttausende von Menschen in den verschiedensten Ländern tötet, darunter auch eine Kollegin Johansons.

Weitere Konferenzen zwischen Wissenschaftlern aus aller Welt werden dadurch erschwert, daß Meldungen zu solchen Anomalien unterdrückt und die Kommunikationsversuche massiv behindert werden. Hierfür allerdings gibt es eine Verantwortliche, Judith Li, amerikanische Generalin chinesischer Abstammung und Vertraute des amerikanischen Präsidenten. Den Vereinigten Staaten ist daran gelegen, diese Krise zu nutzen, um mögliche Verursacher auszuschalten und gleichzeitig ihre Vormachtstellung in der Welt zu festigen. Diesem Anliegen widmet sich ebenfalls der schmierige, unsympathische CIA-Direktor Vanderbilt, der durchaus willens ist, seine Ziele mit Gewalt zu verfolgen. Li und er, die sich nicht leiden können, arbeiten dennoch reibungslos zusammen. Allerdings wird Vanderbilts Terror-Idee dadurch ad absurdum geführt, daß diese verheerenden Vorfälle alle Erdregionen gleichermaßen betreffen. Ein Schiff der amerikanischen Marine, umgebaut zu einem modernen Forschungsschiff, wird zum Sammelpunkt von Wissenschaftlern aus aller Welt, die nun damit betraut werden, die Ursachen zu eruieren und Lösungswege aufzuzeigen. Li überläßt wenig dem Zufall : alle Quartiere, Decks und Labore sind mit Kameras und Mikrophonen überwacht, zudem gibt es Einrichtungen, die ausschließlich dem Militär und der CIA vorbehalten sind, wo man ganz andere Ansätze zu verfolgen gewillt ist. Es ist Johanson, der den Verursacher identifizieren kann : Einzeller, die sich zusammenschließen und so eine kollektive Intelligenz bilden können, die Yrr. Und denen scheint daran gelegen, die Menschheit vom Planeten gründlich zu entfernen. Schlimmer aber ist, daß man zunächst keinen Weg findet, das sich abzeichnende Desaster zu vermeiden. Die Wissenschaftler erarbeiten Wege, um mit den Yrr zu kommunizieren, doch ist das Forschungschiff bald selbst Ziel heftigster Angriffe. Dagegen verfolgen General Li und Vanderbilt heimlich einen anderen Plan, denn sie sind nicht an Kommunikation, sondern an Sieg interessiert …

Auf knapp eintausend Seiten breitet Frank Schätzing vor dem Leser ein spannendes, geschickt konstruiertes, allerdings mit erheblichen Schwachstellen behaftetes Endzeitszenario aus, daß zumindest seinen Zweck, zu unterhalten, weitgehend erfüllt, auch wenn man sich einige Kürzungen gewünscht hätte. Doch montiert er – wie in einem Drehbuch – schnell geschnitten Episoden hintereinander, die sich meist auf die schnell und heftig ablaufende Handlungsebene konzentrieren und nur ab und an von wissenschaftlichen Erläuterungen in durchaus dem Laien verständlicher Sprache und eher sporadischer sozialer Interaktion unterbrochen werden. Recht schnell gewinnt das Szenario die Qualität einer globalen Katastrophe, sodaß Schätzing gezwungen ist, sein Augenmerk in der zweiten Hälfte des Romans eher auf die wissenschaftliche Arbeit und auf die Konflikte der Menschen, bzw. ihrer Gruppierungen untereinander zu legen. Auch das verlangsamt das Tempo nicht unbedingt, können doch unvermutete Angriffe der Yrr, aber auch das wenig gewaltlose Vorgehen der Generalin und ihres Bundesgenossen Vanderbilt die Spannungsbögen aufrecht erhalten.

Ein weiterer Pluspunkt des Romans ist die genaue und umfassende wissenschaftliche Recherche, mit der Schätzing seine Handlung und die darin verwendeten Thesen untermauert. Wer interessiert ist, mag anhand dieser Linkliste einen Einblick in die wissenschaftlichen Grundlagen des Buches gewinnen. Selbst reale Personen wie die Wissenschaftler Seuss, Bohrmann oder – etwas maskiert – die SETI – Forscherin Jill Tarter erscheinen, um der Katastrophe Herr zu werden. Ebenfalls verfremdet, aber durchaus realen Personen nachempfunden sind General Li, die doch sehr an Condoleezza Rice erinnert, und ihr Freund im Weißen Haus, der allerdings bestenfalls zu einer Karikatur des 43. Präsidenten der USA, George W. Bush, geraten ist. Hier liegt schon die erste Schwachstelle des Romans, denn spätestens mit dem Eingreifen durch die USA und seiner Repräsentanten Li und Vanderbilt, der als Geheimdienstler eher einem drittklassigen Film entsprungen scheint, wird ein kaum nur latenter Anti-Amerikanismus mehr als deutlich. Man mag das mit der Entstehungszeit erklären – die Anschläge des 11. September und die daraus resultierenden Kriege in Afghanistan und im Irak – dürften den Autor wie viele andere Europäer beschäftigt haben. Und doch wirkt diese einseitige Parteinahme und Personenzeichnung eher störend, zumal die davon betroffenen Figuren meist wenig mehr als holzschnittartige Abbilder, kaum jedenfalls eigenständige und lebendige Personen sind. Wirkliche Sorgfalt bei der Wiedergabe von Personen läßt Schätzing allenfalls bei Sigur Johanson und Leon Anawak walten, wobei diese wohl auch die eindeutigen Sympathieträger und Protagonisten des Werkes sind. Das vermag den Unterhaltungswert des Buches nicht wirklich zu vermindern, beraubt es allerdings eines Teils seiner – literarischen – Glaubwürdigkeit und Substanz.

In dieser Hinsicht verheerender ist jedoch Schätzings Umgang mit der Sprache. Zumeist bewegt sich seine Erzählperspektive recht nah an der jeweils im Mittelpunkt einer Episode stehenden Figur. Auffallend ist seine Verwendung vieler und das Tempo verstärkender, nachdrücklicher Adjektive und manchmal leicht übertrieben wirkender Verben, sodaß man sich bald in einen eher minderwertigen Actionschmöker versetzt fühlt. Dann allerdings gibt es Sätze, in denen er sich plötzlich zu einer vollkommen überhöhten Sprachebene aufschwingt, es tauchen Worte wie „Gestade“, „Gefilde“ auf, die der geschilderten Situation und dem gesamten sprachlichen Gebildes des Buches seltsam unangemessen scheinen. Ordnet er Sprache den Äußerungen und Gedanken seiner Figuren zu, wird es ab und an wirklich unangenehm : zum einen läßt er jegliche sprachliche Differenzierung und damit die Unterscheidung der einzelnen Figuren vermissen, zum anderen begibt er sich auch dort auf ein sprachliches Niveau, das eher mit dem Genre des Actionfilms, nicht aber mit der Bildung hochspezialisierter Wissenschaftler zu vereinbaren ist. Letztlich ist das ebenso enervierend wie auf Dauer langweilend. In den letzten Abschnitten, die die zum Teil halluzinatorische Tauchfahrt der Wissenschaftsjournalistin Karen Weaver zu den Yrr schildern, gesellt sich nun auch noch ein leichtes Pathos, das der Roman bis dorthin ebenso erfolgreich vermieden hatte wie den erhobenen Zeigefinger. Bedenkt man, daß der Autor auf den einhundert bis einhundertfünfzig Seiten zuvor eher zu einem Schlachtfest eingeladen zu haben schien, wirken diese Passagen eher deplaziert, auch wenn einem die Motivation für gerade diesen Lösungsweg nachvollziehbar scheint.

Abgeschlossen wird das Buch mit einer Tagebuchaufzeichnung der SETI – Forscherin Samantha Crowe, die eigentlich – wie alle weiblichen Figuren – eher blass wirkte, in der sie ein Jahr nach der Katastrophe den religiös-philosophischen Implikationen der Begegnung mit den Yrr und letztlich der Unterlegenheit der menschlichen Rasse nachgeht. Kaum nachvollziehbar beschränkt sie sich dabei auf die Dogmen der christlichen Kirche und stellt besonders eine Frage nicht : Was ist oder wäre, wenn der Mensch nicht mehr am Ende der Nahrungskette stünde, sondern letztlich anderen Mächten ohne Möglichkeit der Gegenwehr ausgeliefert wäre. Denn der Roman als solcher kann diese Frage nur ansatzweise beantworten, er ist ja auf ein – zeitweiliges – verhältnismäßig gutes Ende angelegt.

Sofern man sich gut unterhalten und in seinen Gedanken über einen weitgehend unerforschten Teil unserer Lebenswelt, der sich gerade deshalb ausgezeichnet als Projektionsfläche für Ängste und Katastrophenszenarien eignet, anregen lassen möchte, ist dieser Roman von Frank Schätzing bestens geeignet. Man sollte es allerdings vermeiden, nach hochliterarischem Anspruch Ausschau zu halten. Denn diesen kann das Buch nicht erfüllen, will es aber auch nicht. Immerhin vermag Frank Schätzing es, den Leser an der Lektüre zu halten und den Ereignissen mit hoher Aufmerksamkeit folgen zu lassen. Auch das kann nicht jeder.

Bibliographische Angben :

Frank Schätzing : Der Schwarm

Fischer Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3596164530

© Jost Renner

Alonso Cueto : Die blaue Stunde

Adrián Ormache ist ein erfolgreicher Anwalt und Teihaber einer Kanzlei in Lima. Wenige auserwählte reiche Kunden verlangen Dienstleistungen aller Art – von Rechtsgeschäften bis hin zur Bestätigung ihrer Egos. Adrián geht es damit gut, denn er hat ein hohes Einkommen, eine Frau aus reichem Hause, vielversprechende Töchter und Umgang mit den Oberen Zehntausend der peruanischen Gesellschaft. Doch dann stirbt seine Mutter, die ihn und seinen Bruder Rubén allein großgezogen hat. Schon nach drei Jahren Ehe hatte sie sich vom Vater ihrer Kinder, einem Offizier, scheiden lassen. Adrián hatte nur selten Kontakt zu ihm, anders als sein Bruder Rubén, der ihm auch körperlich und im Wesen ähnlicher ist. Als der Vater im Sterben gelegen hatte, ignorierte Adrián dessen Wunsch, er solle eine junge Frau suchen, die der Vater einst gekannt habe. Doch nach dem Tod der Mutter stößt er erneut auf Hinweise zu dieser Frau.

Rubén erzählt ihm, ihr Vater habe in seiner Dienstzeit als Garnisonskommandant in der Provinz Ayacucho ein junges Indiomädchen längere Zeit gefangen gehalten und mißbraucht, bis sie mit einer List hatte entkommen können. Entgegen der sonst üblichen Verfahrensweisen habe er sie nicht an die Soldaten weitergereicht und später töten lassen. Auch in den Unterlagen der verstorbenen Mutter finden sich Hinweise, daß diese davon gewußt hatte, daß sie von Verwandten des Mädchens erpreßt worden war. Adrián Ormache, der alles nur schwer glauben kann, macht sich auf die Suche nach mehr Informationen. Er trifft auf ehemalige Untergebene seines Vaters, enge Vertraute und effektive Folterer im Dienste des Kampfes gegen den „Sendero Luminoso“, die Terrorbewegung „Leuchtender Pfad“. Nun beginnt für Adrián eine Suche nach der ehemaligen Gefangenen Miriam.

Er reist nach Ayacucho, erfährt von den Brutalitäten, Morden und Folterungen des Sendero, aber auch des Militärs, deren Opfer vor allem die Zivilisten geworden waren. 70.000 Menschen wurden in den achtziger Jahren in dieser Auseinandersetzung gefoltert, vergewaltigt oder getötet. Hinweise auf Miriam aber bleiben spärlich, bis Adrián sie in Lima aufspüren kann. Hier arbeitet sie in einem Friseursalon, den sie nach und nach abbezahlt, und zieht ihren Sohn Miguel groß. Der ist inzwischen ein Teenager und leidet an einer schweren Kontaktstörung. Adrián erste Sorge ist es, daß nichts von der Tat seines Vaters bekannt werde, damit seine eigene gesellschaftliche Stellung nicht in Gefahr gerate. Zunächst weigert sich Miriam, sich mit dem Sohn ihres Peinigers zu unterhalten, gibt jedoch zu verstehen, daß sie sich nicht an die Öffentlichkeit wenden wolle. Doch dann ändert sie ihre Meinung und stimmt verschiedenen Treffen zu. Adrián indessen vermutet, Miguel könnte sein Halbbruder sein. Er ist rührend bemüht, beiden zu helfen, und verliebt sich schließlich in Miriam. Währenddessen droht seine Ehe zu zerbrechen und auch seine Stellung in der Anwaltskanzlei wackelt. Miriam und er beginnen eine kurze Liebesaffäre, bis er eines Tages von ihrem Tod erfahren muß. Ein Herzanfall habe die junge Frau aus dem Leben gerissen….

„Die blaue Stunde“ von Alonso Cueto ist weniger ein Roman über die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Peru der achtziger Jahre als der Roman ihrer Aufarbeitung. Natürlich werden die Grausamkeiten beider Seiten – und Cueto setzt Militär und Terrorgruppe in dieser Hinsicht vollkommen gleich – nicht ausgelassen. Sinnlose Brutalität, Unmenschlichkeit finden ihren Platz in dieser Geschichte. Doch eigentlich ist es ein Roman über die peruanische Gegenwart. Die Kämpfe scheinen beendet, doch wird anhand Adrián Ormaches Reise in die Vergangenheit seines Vaters deutlich, daß sich Peru in der „blauen Stunde“ befindet, der Zeit des Hellwerdens zwischen Nacht und Tag, die oftmals die gefährlichste ist, wie es auch Miriam auf ihrer Flucht aus der Garnison hatte erfahren müssen. In der Morgendämmerung wäre sie schnell entdeckt worden und in die Hände der einen oder anderen gefallen und hätte dieses Mal wohl nicht überlebt.

Adrián Ormache und Miriam als Figuren sind Zeichen für den gleichzeitigen Optimismus und Pessimismus, den man angesichts der peruanischen Vergangenheit und Gegenwart entwickeln kann : Adrián, Angehöriger der oberen Gesellschaftschicht, der Elite des Landes, ist einer der Wenigen, der sich auf seiner Suche nach Miriam und damit der Vergangenheit des Vaters der peruanischen Vergangenheit stellt, sich mit dem Erbe des Vaters auseinandersetzt und es letztlich anzunehmen bereit ist. Währenddessen verharrt die Gesellschaftselite in ihren Blasiertheiten und ihrer Unkenntnis bzw. ihrem Nichtwissenwollen. Geld, Ansehen, persönliche Eitelkeiten bestimmen das Leben der Oberschicht, während in den armen Vierteln Limas und auf dem Lande alles andere als angenehme Verhältnisse herrschen. Ein nicht nur materieller Riß spaltet die peruanische Gesellschaft. Miriam selbst ist ein spätes Opfer der ihr angetanen Gewalt, niemand kann ihr mehr wirklich helfen. Mag es ein schwaches Herz oder ein Selbstmord gewesen sein, die ihr Leben vorzeitig beendet haben, es war eine Spätfolge der ihr angetanen Grausamkeiten, der Vernichtung ihrer Familienangehörigen durch Sendero oder Miltär. Ihr Liebesverhältnis zu Adrián war nur ein vorläufiges, denn sie ahnt sehr wohl, daß ihr Herz zu schwach ist. Nach ihrem Entkommen hat sie im Verborgenen gelebt, ihre Gefühle gegenüber Adriáns Vater schwanken zwischen Zuneigung und Abscheu, Dankbarkeit und Furcht, während sie Adrián, seinen Sohn, wohl durchaus schätzt. Liebe aber scheint es allerdings nicht zu sein, eher wird sie von der Sorge um ihren Sohn Miguel getrieben.

Cueto hat mit „Die blaue Stunde“ einen intensiven Roman über die peruanische Vergangenheit und Gegenwart geschrieben. Der Abstieg des Protagonisten in die Dunkelheit der Vergangenheit und ihrer Schuld, aber auch in die Armenviertel der Hauptstadt Lima ist glaubwürdig, berührend und nachvollziehbar geschildert, die dagegengestellte Gesellschaftselite wirkt einerseits überzogen und karikiert, andererseits gerade deswegen umso realistischer. Einwände mag man haben, wenn sich Adriáns Suche zu einer Liebesbeziehung und zu sexuellen Begegnungen mit dem Opfer seines Vaters ausweitet. Zu sehr scheint da lateinamerikanischer Machismo das Heft in die Hand zu nehmen. Dennoch ist es literarisch sogar erklärbar und durchaus sinnvoll : es ist das Erbe des Vaters, das der Anwalt zu übernehmen scheint, diesmal in einer zivilen, unzweideutig angenehmen Weise, in der Macht und Gewalt keine Rolle spielen. Eher ist Adrián schüchtern und behutsam. Miriam dagegen – als einstiges Opfer, aber auch als Mutter – ist allerdings auch hier durchaus ambivalent. Sie findet die angenehmen Seiten von Adriáns Vater in dessen Sohn und vermag sie bis zu einem gewissen Grade sicher auch zu genießen, doch ist ihr Sohn Miguel mit Sicherheit ein bestimmendes Element ihrer Handlungen. „Die blaue Stunde“, stilistisch und sprachlich eher einfach und vor allem unprätentiös gehalten, ist ein sehr dichter, fesselnder und interessanter Roman auf hohem Niveau, der es vermag, ein eindrückliches Bild peruanischer Vergangenheit und Gegenwart zu entwickeln, der politisch ist, ohne das Literarische zu verraten, und dem es dennoch gelingt, eine Diagnose und mögliche Prohnosen zu stellen.

Bibliographische Angaben :

Alonso Cueto : Die blaue Stunde

Übersetzt von Elke Wehr

Berlin Verlag Taschenbuch

ISBN : 978-3833304262 (derzeit nur gebraucht erhältlich, allerdings existieren lieferbare eBook–Ausgaben für ePub & kindle (Bloomsbury Verlag) )

© Jost Renner

William Boyd : Eines Menschen Herz

„Eines Menschen Herz“ sind die fiktiven Tagebuchaufzeichnungen des Schriftstellers Logan Mountstuart, der 1906 in Uruguay geboren wurde und 1991 in Südfrankreich verstarb. Mit siebzehn Jahren, kurz vor dem Wechsel vom College zur Universität, beginnt Logan, Tagebuch zu schreiben. Er plant, Schriftsteller zu werden, und arbeitet bald ernsthaft und letztlich erfolgreich an einer Biographie des romantischen Dichters Shelley. Doch der hoffnungsvolle Auftakt zu einer Schriftstellerkarriere droht bald zu versanden. Während sich sein Freund Peter nach etlichen Kriminalromanen zu einem viel beachteten Autor entwickelt, heiratet er eine Adlige, die er nicht wirklich liebt. Die Ehe wird immer belastender. Als Kriegsberichterstatter zieht Mountstuart in den Spanischen Bürgerkrieg. Auf Seiten der Franco-Gegner beobachtet er die unheilvollen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Anarchisten. Er trifft auf Ernest Hemingway und gerät bei einem Botengang an einige Bilder des Malers Joan Miró, die er seinem anderen Schulfreund Benjamin überläßt. Zurück in Großbritannien trifft er auf seine große Liebe Freya, die er bald heiratet. Beide bekommen eine Tochter. Doch dann verdingt er sich beim Britischen Geheimdienst, für den er den abgedankten König und (aktuellen) Prinzen von Wales bespitzeln soll, da dieser im Verdacht steht, Kontakte zu Sympathisanten der Nationalsozialisten zu pflegen.

Der nächste Auftrag führt ihn dann in die Schweiz. Hier wird er festgenommen und bis zum Kriegsende in Haft gehalten. Freya hält ihn für tot und heiratet erneut. Doch kurz vor Kriegsende kommen sie und die Tochter bei einem Bombenanschlag ums Leben, ein Schicksalsschlag, den Logan nur schwer verwindet. Zwar verarbeitet er seine Haft in einem von der Kritik freundlich aufgenommenen Buch, aber ihn zieht es ins Ausland, zunächst in die USA, wo er eine Filiale der Kunstgalerie seines Freundes Benjamin leitet. Hier ist er vor allem für den Erwerb von Bildern und Kunstwerken zuständig und bewegt sich zwischen Künstlerkreisen und amerikanischem Jet – Set. Sein Alkoholkonsum wächst bedenklich, seine Libido jedoch hat unter dem Verlust von Frau und Tochter gelitten. Ein weiterer Ortswechsel führt ihn nach Nigeria. Hier lehrt er Englisch und gerät in den Bürgerkrieg. Erst in den siebziger Jahren führt ihn sein Weg zurück nach England. Die Suche nach einem bescheidenen Nebenverdienst führt den mittlerweile fast vollkommen Verarmten zu einer Gruppierung, die mit der deutschen Rote Armee Fraktion sympathisiert und sie schließlich auch unterstützt. Und Mountstuart läßt sich nicht gerade unwillig einspannen…

Selten war mein Eindruck von einem Buch so zwiespältig wie bei diesem Roman. Ich gebe zu, ich habe es gerne gelesen, denn William Boyd versteht es, flüssig zu erzählen und zumindest seinen Protagonisten, den er entfernt an den britischen Schriftsteller William Gherardie angelehnt hat, nahezubringen. Dazu trägt sein trockener, teils leicht ironischer Tonfall einiges bei. Ein weiterer Grund liegt für mich in der meisterhaften Umsetzung des Genres Tagebuchroman. Er fügt für verschiedene Tagebücher, die unterschiedliche Lebensabschnitte spiegeln, zusammen, mal sind es lückenlose und akkurat datierte Aufzeichnungen, ein anderes Mal gibt es Auslassungen, Sprünge und eine von einem – ebenso fiktiven – Herausgeber eingefügte grobe Datierung oder eine Zusammenfassung nicht niedergeschriebener Ereignisse, so als wäre man wirklich mit den Zeugnissen eines recht bewegten Lebens konfrontiert.

Nach den Büchern „Nat Tate“ und „Die neuen Bekenntnisse“ ist es das dritte Mal, daß Boyd mit dem Fiktiv- (Auto-) Biographischen spielt. Inhaltlich jedoch war dieser Roman wenig befriedigend. Das beginnt bei dem Eindruck, alle vorkommenden Personen der Zeitgeschichte – von Virginia Woolf, Evelyn Waugh über Pablo Picasso und Ernest Hemingway bis zu Jackson Pollock – blieben reine und immer blechern wirkende Staffage. Aber das Grundproblem des Buches scheint eher im Konzeptionellen zu liegen : Der Protagonist Logan Mountstuart kann von sich behaupten, in jedem Jahrzehnt des Zwanzigsten Jahrhunderts gelebt zu haben, auch wenn das letzte dabei recht kurz kam. Und so ergibt sich beinahe zwangsläufig das Unterfangen des Autors, neben der Darstellung einer Lebensgeschichte, ein bewegtes und bewegendes Jahrhundert zu besichtigen. Und das (allzu) gründlich, denn seine Hauptperson gerät immer wieder in die unterschiedlichen Brennpunkte dieses Jahrhunderts, von der Abdankung des Königs, dem Spanischen Bürgerkrieg und dem Zweiten Weltkrieg über die brodelnde Kunstszene New Yorks und den Biafra-Krieg bis hin zu zu den Nachwirkungen von Kollaboration und Résistance im heutigen Frankreich oder dem Terror durch die RAF, als hätte er eine Sightseeing-Tour gebucht. Das wirkt nicht selten angestrengt, manchmal arg künstlich und auf Dauer ermüdend. Und die Vorstellung, daß ein über siebzigjähriger Mann zum Helfershelfer einer britischen Sympathisantengruppe bundesdeutschen Terrors wird, schien mir allzu bemüht und aufgesetzt, sodaß spätestens hier die Glaubwürdigkeit des gesamten Romans beschädigt wurde.

Es mag sein, der Autor hat gehofft, daß das Liebesleben seiner Figur, deren Alltagsquerelen und das letztendliche Scheitern einer hoffnungsvoll begonnenen Schriftstellerkarriere ein genügend großes Gegengewicht hätten bilden können, damit das Zeitgeschichtliche und das Persönliche zu einem Gesamtbild verschmolzen wären. Aber eben dies scheint mir mißlungen. Vielleicht auch, weil die Intimität von Tagebuchaufzeichnungen die Mehrdimensionalität eines Menschen, mögen sie so ehrlich sein, wie sie können und wie es sich Mountstuart vorgenommen hatte, nur schwer darzustellen in der Lage sind, da eine Außensicht entweder gänzlich unterbleibt oder nur subjektiv gefiltert durch den Tagebuchschreiber wiedergegeben wird, sodaß Ecken und Kanten seltsam geglättet wirken. Mountstuart als Person ist nicht immer sympathisch, jedoch meint man die grundsätzliche Sympathie des Autors für seine Hauptfigur über das ganze Buch hin spüren zu können. Und dies mag sich – wie bei mir – auch auf den Leser übertragen, sodaß er dem Buch und den Volten des Autors gerne folgt. In diesem Sinne möchte ich den zwiespältigen Eindruck noch einmal betonen und damit dem Eindruck eines Totalverisses entgegentreten. Interessierte sollten sich nicht grundsätzlich von diesem Roman abschrecken lassen.

Bibliographische Angaben :

William Boyd : Eines Menschen Herz

Übersetzt von Chris Hirte

Berlin Verlag Taschenbuch

ISBN : 978-3833305085

© Jost Renner

Ian McEwan : Am Strand

Im Jahr 1962 heiraten Edward und Florence. Nach den Feierlichkeiten haben sich beide zu zweit in ein Hotel an der Kanalküste zurückgezogen, um gemeinsam zu Abend zu essen und dann die Hochzeitsnacht zu verbringen. Weder Florence, Tochter aus gutem Hause und Musikerin und Initiatorin eines musikalischen Quartetts, noch Edward, der Junge vom Lande, der seit seinem fünften Lebensjahr mit einer durch einen Unfall hirngeschädigten Mutter aufgewachsen ist, haben sexuelle Erfahrungen. Das Geschlechtliche kennen sie allenfalls vom Hörensagen oder aus wenig hilfreichen Ehefibeln. Entsprechend groß sind Florences Ängste und Edwards Erwartungen. Jedoch wird recht schnell deutlich, daß Florence mehr als nur die normale Unsicherheit plagt, denn allein die Vorstellung dessen, was da kommen wird, läßt sie zwischen Panik und Ekel schwanken. In einer Zeit jedoch, in der das Reden über Sex tabuisiert ist, in der selbst die Worte und Sprachformen für ein Gespräch über dieses Thema zumindest in bürgerlichen Kreisen nicht vorhanden sind, steht beiden die einzige Rettung nicht zur Verfügung : das Reden. Und zu unterschiedlich sind beide, als daß sie sich wortlos, intuitiv verstehen könnten.

Edward, der Rock’n’Roll und Beat schätzt, in früheren Jahren keiner Prügelei aus dem Weg gegangen war und sich einen drängenden, zupackenden Charakter bewahrt hat, und Florence, die möglicherweise ein schlimmes Geheimnis hütet, sich in der klassischen Musik verwirklicht und dort auch Zielstrebigkeit und Selbstbewußtsein an den Tag legt. Die junge Frau versucht, wenn auch zögernd, den Anleitungen der Ehefibel und den Verpflichtungen des Ehestandes nachzukommen. Aber schon das Öffnen des Kleides wird für den unerfahrenen Ehemann zur Katastrophe, da er den Reißverschluß unrettbar verhakt. Schlimmer ist jedoch, daß er die Regungen und Lautäußerungen seiner Frau ständig mißinterpretiert : ihr Zurückzucken und das Unterdrücken der Panik deutet er als Erregung und drängt immer weiter, und als sie einen ersten Anflug von Wohlgefühl erlebt, zieht er sich schnell zurück. Der Versuch endet letztlich in einem Desaster, dem Florence an den Strand entflieht.

Edward, der sich erniedrigt fühlt und im Grunde ebenso verunsichert ist wie seine Frau, tut nichts, um sie aufzuhalten, sondern zögert den Moment, da er hinter ihr hergeht, bewußt hinaus. Am Strand schließlich gerät das Paar in heftigen Streit. Während er ihr Frigidität, monatelange Täuschung und mangelnde Liebe vorwirft, hält sie ihm sein Drängen vor, ohne allerdings ihre vermeintliche Schuld abzuleugnen. Mehr noch : sie glaubt, einen Weg gefunden zu haben, der ihre Liebe würde retten können….

Ian McEwan wirkt zu Beginn des nicht allzu langen Romans wie ein jovialer, freundlicher Gastgeber, der seinen Lesern eloquent und zuvorkommend das Interieur seiner Geschichte zeigt, Personen, Zusammenhänge und Hintergründe, und auch kleine Marotten und Schäden zu erklären versucht. So wird dem Leser bald deutlich, daß es sich bei beiden Ehepartnern um Liebe, um die große Liebe handelt. Das sich nun vollziehende Kammerspiel um eine vollkommen aus dem Ruder laufende Hochzeitsnacht schildert er umso erbarmungsloser mit genauer Beobachtung (und doch ungeschmälerter Sympathie für seine Figuren), ohne allerdings sich selbst oder den Leser zum Voyeur werden zu lassen.

Jetzt ist wieder der aus seinen Romanen „Der Zementgarten“ und „Der Trost von Fremden“ vertraute Erzähler in sein Recht gesetzt, der uns das Schlachtfeld des Zwischenmenschlichen ungeschönt darbietet. Aber auch, wenn er die Unsensibilität Edwards nicht verharmlost, ist sein Buch allenfalls im Hintergrund ein Psychogramm zweier Eheleute, zumal er den möglichen Mißbrauch von Florence durch ihren Vater nur erahnen läßt, sondern in erster Linie das Portrait einer Zeit. Wir sind in die frühen sechziger Jahre versetzt : zwar deuten sich die möglichen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft schon an, die jungen Leute, darunter auch Florence und Edward erhoffen nichts sehnlicher als eine Verjüngung im politischen Establishment, eine Befreiung aus der dumpfen Einengung des Nach-Weltkriegs-Englands, das wenig anderes zu tun hat, als sich die Wunden des ständigen Verlustes von Kolonialgebieten und des Schrumpfen des Commonwealth zu lecken, zwar gibt es – wenn auch versteckt – homosexuelle Lebensgemeinschaften, die zu kennen man sich insgeheim rühmen kann, doch ist der Grundtenor ein strikt konservativer, puritanischer, der den Diskurs, selbst das persönliche Gespräch über Sexualität verbietet, geschweige denn öffentlich das Abweichen von bürgerlichen Mustern erlaubte.

Und selbst die beiden Ehepartner sind eingebunden in die Vorstellungen und Moralvorschriften ihrer Zeit. Allerdings, und das macht McEwan deutlich : es gäbe noch nicht einmal eine (gemeinsame) Sprache, die ein Gespräch problemlos ermöglicht hätte. Umso erstaunlicher und unerhörter ist der Lösungsvorschlag, den Florence Edward präsentiert : eine offene Ehe, in der er sich – trotz gegenseitiger Liebe und Verbundenheit – Sexualpartner frei wählen könnte. Und Florence weiß auch das eigentliche Versagen Edwards zu benennen : sein Drängen und die fehlende Zusicherung, daß man sich, da das ganze (Ehe -) Leben ja noch vor ihnen liege, getrost Zeit lassen könne, einander (körperlich) wirklich nahezukommen.

Der Autor versteht, es in einem Kammerspiel ein Welttheater sichtbar werden zu lassen, ohne seine Figuren zu vernachlässigen. Im Wesentlichen beschränkt er sich auf zwei Personen, auch wenn er die jeweiligen Familien und andere Nebenfiguren nicht vollkommen ausklammert, mithilfe derer er die Endphase einer Epoche beleuchtet. Bald, nur gerade noch nicht, wird die Pille zur sexuellen Revolution führen, wird der Aufbruch in die Achtundsechziger und die Hippiekultur sich Bahn brechen, bis dahin aber werden Enge und Unfreiheit immer schmerzlicher. Für mich ist dieses Buch ein intensives, schillerndes Kleinod, das mich inhaltlich fesseln und erzählerisch überzeugen konnte.

Bibliographische Angaben :

Ian McEwan : Am Strand

Übersetzt von Bernhard Robben

Diogenes Verlag

ISBN : 978-3257237887

© Jost Renner