Südafrikanische Literatur

John Maxwell Coetzee : Schande

Einst Philologe, ist der zweiundfünfzigjährige Professor David Lurie, dessen Spezialgebiete die englischen Romantiker und vor allem Lord Byron sind, inzwischen auf einen ungeliebten Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft abgeschoben worden. Gewissermaßen als Kompensation darf er in jedem Semester ein Seminar zu seinem eigentlichen Fachgebiet halten. Auch in Sachen Liebe hat sich Lurie mehr oder weniger zu bescheiden gelernt – zwei Ehen sind gescheitert, seine Anziehungskraft als Weiberheld ist längst erloschen, und er arrangiert sich in einer Pseudobeziehung mit einer farbigen Prostituierten. Als ihn eine zufällige Begegnung dazu treibt, ihr auch im Privatleben hinterherzuschnüffeln, zerbricht das fragile, geschäftliche Arrangement. Lurie wendet sich einer seiner Studentinnen zu, bedrängt sie und landet schließlich mit ihr im Bett. Ein gegenseitiges Einvernehmen, das der Professor zu spüren meint, bleibt jedoch äußerst fraglich, und so ist es wenig verwunderlich, daß sein Vorgehen bei der Universitätsleitung angezeigt wird. Ein Kommitee soll die Vorwürfe klären und eine mögliche Disziplinarstrafe empfehlen. Lurie gesteht zwar sein Vergehen, vermeidet es allerdings, die geforderte Reue zu zeigen. So ist sein Schicksal entschieden : er wird als Dozent entlassen und geht auch seiner Pension verlustig. Da sein Vergehen schnell an die Öffentlichkeit gelangte, obwohl man ihm anderes versprach, ist Lurie in Kapstadt und im akademischen Zirkel gebrandmarkt. Ihm bleibt voerst nur, zu seiner Tochter, die sich in einer ländlichen Provinz niedergelassen hat, zu flüchten.

Lucy, sein einziges Kind, die sich ihrem Vater entgegengesetzt entwickelt hat, bleibt ihm gegenüber distanziert und verschlossen. Sie baut Gemüse an, unterhält eine Hundepension und lebt – nach – der Trennung von ihrer Lebensgefährtin – allein in einem abgelegenen Farmhaus, einzig unterstützt durch den Farbigen Petrus, der nach dem Ende der Apartheid eigenes Land hatte erwerben können und nun große Pläne hegt. Doch dann geschieht Ungeheuerliches : Lucy und David werden von drei Schwarzen überfallen. Während man David schlägt, sein Haar in Brand setzt und ihn schließlich in der Toilette einsperrt, ergeht es seiner Tochter vermutlich um einiges schlimmer. David Lurie kann es im Nachhinein nur vermuten, denn Lucy schweigt – auch gegenüber der Polizei – und bringt nur den Raub und den Diebstahl des Wagens zur Anzeige. Lurie ist fassungslos, zum einen weil er Schlimmstes für die Tochter befürchtet, zum anderen, weil er die Tat gesühnt sehen will, von der er weiß, daß sie stattgefunden haben wird. Erst spät verschafft ihm Lucy darüber Gewissheit, denn sie ist schwanger. Dennoch akzeptiert sie die Schwangerschaft und die aus der Tat sich ergebenden Implikationen. Sie ist bereit, sich unter den Schutz ihres einstigen Gehilfen Petrus zu stellen, Mitglied seines Familienverbandes zu werden, um das Recht nicht zu verlieren, auf ihrer Farm weiterhin leben zu können. Lurie flüchtet zunächst zurück nach Kapstadt, aber kann auch dort nicht wieder Fuß fassen. Sein Schandmal bleibt ihm treu….

Mit einer trügerischen Einfachheit kommt der Roman „Schande“ des 1940 in Kapstadt geborenen Autors J.M. (= John Maxwell) Coetzee daher : geradlinig erzählt, schnörkellos und auch sprachlich beinahe auf das Nötigste reduziert, verfolgt das Buch die Entwicklung seines Protagonisten David Lurie. Der auktoriale Erzähler bleibt ebenso sachlich wie neutral und setzt allenfalls zurückhaltend leichte ironische Brechungen, ohne als eine eigene Stimme kommentierend einzugreifen. Doch schon mit der Zuordnung zu einem literarischen Genre wird es schwierig. Beginnt das Buch als eine Art Campus – Roman, der den Weg eines alternden Akademikers und seine vergeblichen Versuche, die einstige Teilhabe am Uni – Betrieb und vor allem am Liebesleben zu wahren, bedient sich der Autor bald der Strukturen eines handfesten Kriminalromans, der allerdings ohne endgültige Auflösung und eigentlich erwartete Katharsis auskommen muß. Immerhin werden die Motive des Verbrechens deutlicher, Täter und Drahtzieher dem Leser präsentiert, ohne daß aber das Rechtssystem seine ihm zugedachte Rolle spielen könnte.
Es ist David Lurie, der liberale weiße Intellektuelle, der vor allem an das Rechtssystem glaubt, der auch voraussetzt, daß Bestrafung Sühne bedeuten könnte. Dies weist ihn als eigentlichen Romantiker aus, einer der mit der von ihm behandelten Gedankenwelt Byrons und Wordsworths immer noch eng verwoben ist. In einer Sitzung seines Seminars hatte er Wordworth zitiert, abgewandelt durch den Autor Coetzee, der den usurpierenden Sinneseindruck beklagte, der die einst gehegte Vorstellung, die Idee des Mont Blanc massiv verdränge. Lurie sucht einen Weg, wahrgenommene Realität und romantische Idee nebeneinander existieren zu lassen. Auch ihn selbst betrifft das : sieht er sich doch als einen von Impulsen getriebenen Byronschen Luzifer, der nicht geliebt werden kann, als ein Nachfahre Byrons selbst, der ebenso wegen seiner triebhaften Impulse wegen hatte fliehen müssen und im griechischen Exil frühzeitig starb. Hier erweitert Coetzee Genrezuordbung und Reflexionsebene noch einmal, das Element des Künstlerromans tritt hinzu : Lurie arbeitet, seiner Lehrtätigkeit beraubt, aber auch nicht wirklich willens, sich seinem Gegenstand, seiner Identifikationsfigur Byron rein wissenschaftlich zu nähern, an einer Oper. Als bombastisches Werk mit musikalischen Anleihen bei allen namhaften westlichen Komponisten der Klassik geplant, reduziert sich das Werk nur allzu schnell : statt eines großen Orchesters beschränkt er sich auf die metallenen Klänge eines Banjos, allenfalls begleitet durch ein Kammerorchester, später nur durch ein Instrumentalquartett. Doch die Reduzierung wird tiefgehender, denn „sein“ Byron wird in die Unterwelt verbannt, gerade noch als Geisterstimme aus dem Jenseits hörbar, während dessen Geliebte uneingeschränkt in den Mittelpunkt rückt. Luries unterschwellige Intention, sich mit diesem Werk zu rechtfertigen, den Weg in die intellektuellen Kreise wiederzufinden, muß damit zwangsläufig auf der Strecke bleiben, selbst der Anspruch, Kunst zu schaffen, kann nicht unbedingt gehalten werden, das Urteil muß der Nachwelt überlassen bleiben. Hier gibt es Bezüge zum eigenen Vorgehen Coetzees, gewissermaßen ein künstlerisches Manifest und dessen Umsetzung angesichts der Realität in Südafrika. Kein Rechten mit der Wirklichkeit ist möglich, keine Utopie kann und soll unabhängig von der Realität Bestand haben, und die Aufgabe des Autors ist, zu beschreiben, realistisch, schmerzhaft deutlich und ohne ein impliziertes Jammern.

Und die südafrikanische Realität nach dem Fall der Apartheid, die Coetzee exemplarisch anhand des brutalen Überfalls auf Lucy und ihren Vater schildert, ist hart und bitter. Es sind die Schwarzen, die nun die Macht haben, die ihre Interessen rücksichtslos und mit allen Mitteln durchsetzen, ohne daß sie durch Versöhnungs – und Ausgleichskommitees je hätten versöhnt werden können. Denn es bleibt fraglich, ob Sühne, Reue (hier kommen religiöse Kategorien ins Spiel, die auch durch die Personennamen und den (Original)Titel „Disgrace“, der ebenfalls „Ungnade“ bedeuten kann,angedeutet werden) je durch staatliche Institutionen erreicht werden könnten. Im Gegensatz zu ihrem Vater weiß Lucy das, spürt den Haß und die Unversöhnlichkeit ihrer schwarzen Nachbarn, nimmt sie an, unterwirft sich den realen Machtverhältnissen. Vielleicht hat der westlich geprägte Leser gerade an dieser Stelle sein größtes Problem mit diesem Roman, mag nicht anerkennen, daß es wenig zählt, in der Zeit der Apartheid liberal gewesen zu sein, daß es eine Gesellschaft nicht durch westliche Werte und tradierte Gerichtsbarkeit geregelt werden kann bzw. geregelt wird. Aber eben dies ist die Botschaft des Romans an europäische, westliche bzw. weiße Leser : setzt die idealistischen Brillen ab und befaßt Euch mit der Realität des Landes. Lurie selbst hat das nur spät begriffen. Sah er sich einst als Luzifer Byronscher Größe, abgestiegen aus der akademischen Heimstatt, beraubt seiner Verführungsmacht, muß er nun weiter absteigen, sich reduzieren auf ein existentielles Minimum, ähnlich darin seiner Tochter, die diesen Weg allerdings sehenden Auges und freiwillig ging, während er selbst diese Entwicklung nur widerstrebend nahm.

Zum Schluß des Romans begleitet Lurie zur Einschläferung verurteilte und überflüssige in den Tod und sorgt für ihre „humane“ Beseitigung. Im Grunde jedoch ist auch dieses Ende des Buches ein offenes. Coetzee beantwortet nicht, ob es in Zukunft eine gute Entwicklung mit Südafrika nehmen kann, ob die persönlichen Lebenswege von Lucy und David ein ungefährdetes Leben erlauben werden. Je intensiver man dieses Buch liest, seinen Querverweisen folgt und sich auf kulturelle, literarische, politische oder religiöse Kontexte einläßt, desto komplexer, schillernder und gehaltvoller wird dieser so reduziert, bescheiden daherkommende Roman, desto mehr regt er Gedanken und Phantasie an. Kurz : in meinen Augen ist „Schande“ ein Meisterwerk, das man unbedingt lesen sollte.

Bibliographische Angaben :

John Maxwell Coetzee : Schande

Überrsetzt von Reinhild Böhnke

Fischer Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3596150984

© Jost Renner