Sachbuch

Peter Ackroyd : Die Themse : Biographie eines Flusses

In Deutschland wurde man auf Peter Ackroyd zunächst durch seine Romane aufmerksam, die sich mit Geschichte und historischen Persönlichkeiten auseinandersetzten. Allerdings war er, der englische Literatur studiert hatte und als Literaturkritiker arbeitete, in Großbritannien auch wegen seiner Biographien von T.S. Eliot, William Blake, Ezra Pound und Charles Dickens bekannt. Im Jahre 2000 veröffentlichte er mit „London. The Biography“ ein kulturgeschichtliches Sachbuch, das zusammen mit „Albion : The Origins of the English Imagination“ (2002) und dem hier vorgestellten Band „Thames. Sacred River“ (2007) eine Trilogie bildet. Während der zweite Teil erst gar nicht in Übersetzung veröffentlicht wurde, sah sich der deutsche Verlag veranlaßt, den Titel dieses dritten Bandes in „Die Themse. Biographie eines Flusses“ zu ändern. Diese Entscheidung mag man bedauern und sie allein dem Marketing zuschreiben, allerdings ist die Vorgehensweise Ackroyds in den Büchern über London und die Themse dieselbe, und nicht zuletzt ist London auch das eigentliche Zentrum seiner Ausführungen über diesen Fluß.

Die Themse ist ein 346 km langer Flußlauf, der bei Thames Head in der Nähe von Kemble entspringt und bei Southend in die Nordsee mündet. Bis nach London hinein sind die Gezeiten spürbar, und der Fluß führt dort Brackwasser. Während des Pleistozäns waren die Britischen Inseln und Kontinentaleuropa zeitweise (ca. 57.000 bis 15.000 v. Chr.) eine zusammenhängende Landfläche und die Themse ein Nebenfluß des Rheins. Die Herkunft des Namens ist nicht genau geklärt, wahrscheinlich scheint, daß er bretonisch-keltischen Ursprungs ist (Tamesas) und „dunkel“ bedeutet. Auch eine indo-europäische Variante mit der ähnlichen Bedeutung „schlammig“ wäre denkbar. Seit etwa 500.000 v. Chr. siedeln Menschen am Ufer dieses zweitlängsten Flusses Großbritanniens. Kein Wunder, daß das Gewässer die Menschen und das Land tief geprägt hat. Peter Ackroyd spürt den spirituellen Aspekten – Father Thames, Isis ! und Maria ebenso nach wie den historischen Ereignissen. Immerhin wurde die Magna Charta auf einer Themse-Insel unterzeichnet, wurden mit Oxford und Cambridge die wichtigsten Universitäten in nächster Nähe gegründet und eben London, die Hauptstadt einer Handels- und Weltmacht.

Außer im letzten von 46 Kapiteln geht Ackroyd dabei weder geographisch noch historisch vor. Wie aus seinem London-Buch schon bekannt, wählt er thematische Schwerpunkte, in denen er jeweils viele Fakten, Anekdoten und Zitate bündelt. Da stehen dann Aussagen zu Farben und Licht – und deren künstlerische Wahrnehmung gleichwertig zu Abschnitten über die Veränderung Londons, über ökologische und medizinische Aspekte, über Malerei und Literatur, und er kann die wichtigsten britischen Geister – von Chaucer über Shelley, Charles Dickens oder William Turner als Zeugen aufrufen und zitieren, denn sie alle haben zeitweise oder ihr ganzes Leben an den Ufern der Themse gelebt und den Fluß zu einem Thema ihrer Kunst gemacht. Selbst den deutschen Reisenden und Schriftsteller Karl Philipp Moritz zitiert er ausgiebig.

Die „Zeit“ bezeichnet Peter Ackroyd in ihrer Kritik zu dem hier besprochenen Buch als „Privatgelehrten“, und dies nicht zu Unrecht : immerhin hat er Englische Literatur studiert, nicht aber Geschichte. Doch auch in seinem literarischen Schaffen spielte die Geschichte schon immer eine große Rolle, und seine Bücher galten als ausgiebig recherchiert. Wiewohl er immer wieder auch belletristische Werke veröffentlicht, scheint sich sein Schwerpunkt in Richtung Geschichte zu verlagern, immerhin veröffentlichte er inzwischen eine sechsbändige Serie mit Jugendbüchern zur Weltgeschichte und fünf Bände einer englischen Geschichte. Ein Romancier hatte er eigentlich niemals sein wollen :

„I enjoy it, I suppose, but I never thought I’d be a novelist. I never wanted to be a novelist. I can’t bear fiction. I hate it. It’s so untidy. When I was a young man I wanted to be a poet, then I wrote a critical book, and I don’t think I even read a novel till I was about 26 or 27.“

sagte er in einem Interview mit Patrick McGrath 1989. Und doch sind es eben auch seine literarischen und erzählerischen Qualitäten, die das Lesen dieses Buches zu einem Genuß machen. Nur ab und an häuft er Fakten in reinen Aufzählungen, sondern geleitet den Leser mit sprachlichen Mitteln und erzählerischem Können durch die knapp 580 Seiten. Spürbar sind auch sein Enthusiasmus für London, seine Begeisterung für den Fluß und auch die britische Nation, ohne daß man nationalistische Mißtöne wahrnehmen müßte. Für Peter Ackroyd ist die Themse vor allem eines : „Liquid History“ – von den urzeitlichen tropischen Tieren bis zur heutigen Zeit, in der es die Londoner kaum zum Flanieren an die Ufer der Themse zieht (sofern sie es dank Bebauung überhaupt können …

Bibliographische Angaben :

Peter Ackroyd : Die Themse : Biographie eines Flusses

Übersetzt von Michael Müller

Abrecht Knaus Verlag

ISBN : 978-3813503166

© Jost Renner

Pascal Blanchard, Nicolas Bancel, Gilles Boëtsch, Eric Deroo, Sandrine Lemaire et al. : MenschenZoos – Schaufenster der Unmenschlichkeit

Nachdem ich Gergely Péterfys Roman „Der ausgestopfte Barbar“ gelesen hatte, interessierte mich der generelle Umgang europäischer Gesellschaften mit Angehörigen indigener Völker. Bei meinen Recherchen stieß ich auf das nun hier vorgestellte Buch, das sich mit den Menschenzoos, also den Völkerausstellungen in Europa, den USA und Japan wissenschaftlich beschäftigt. Es ist dies ein Sammelband, der zunächst in Frankreich, später – um englischsprachige Beiträge erweitert – in Großbritannien erschien und vor einigen Jahren nun auch in deutscher Übersetzung in einem kleinen, eher unbekannten Verlag veröffentlicht wurde. Unter der Herausgeberschaft von fünf Autoren wurden hier die mit maximal 20 Seiten relativ kurzen Texte von gut dreißig Autoren gesammelt. Nur der einleitende Teil, der eine Gesamtdarstellung des Phänomens liefert, ist – wesentlich – länger geraten.

Phänomen ? Ja, ein solches sind diese Unternehmungen, denn zwischen 1800 und ca.1940 besuchten mehr als eine Milliarde Menschen diese Art von Veranstaltungen, die mit Unterhaltungswert, Schauder und wissenschaftlichem Bildungsanspruch ein Publikum, d.h., einen Markt zu erreichen versuchten. Die Autoren sehen, nicht ganz zu Unrecht, den Ursprung auch bei den Freakshows, also der Ausstellung von Menschen mit besonderen körperlichen Merkmalen, die nicht der Norm entsprachen und in der Antike und im Mittelalter teils noch religiös konnotiert waren. Von der ägyptischen Hochkultur an, sammelten Fürstenhäuser und Könige solche „Kuriositäten“, und erst die Französische Revolution demokratisierte das und machte sowohl unter Mißbildungen leidende Menschen als auch Angehörige indigener Völker der breiten Öffentlichkeit, aber auch der Wissenschaft zugänglich.

Die Wissenschaft jener Zeit allerdings war nicht weniger vorurteilsbehaftet als die allgemeine Bevölkerung. Phrenologie, Anatomie mischten sich mit sozialdarwinistischen Überzeugungen, und so war man allerorten damit beschäftigt, die niedere evolutionäre Rangstufe – knapp oberhalb der Tierwelt oder den Tieren sogar gleich – solcher Menschen zu bestätigen. Und so ist es nicht wirklich verwunderlich, daß sie nicht selten in Zoos und dort in Gehegen ausgestellt wurde. Zäune und Gitter allerdings sollten auch die Kommunikation mit den Besuchern verhindern, um die Inszenierung nicht durch Mitleid der Besucher oder Wahrnehmung einer gleichwertigen Intelligenz zu gefährden.

Inszenierungen waren es : die wenigsten Ausgestellten waren gezwungen worden, sondern bekamen Verträge und Entgelt und wurden so Darsteller des von ihnen imaginierten Bildes. Die „Arbeitsbedingungen“ waren jedoch zumeist erbärmlich und – gefährlich. Denn nicht selten starben die Ausgestellten etwa an Krankheiten, für die ihr Immunsystem kaum ausgestattet war. Oder die hygienischen Verhältnisse forderten Opfer. Widerstand dagegen gab es selten, aber doch ab und an, und auch erste Wissenschaftler äußerten Unmut, als der Bildungsvorwand nach und nach wegfiel und der Unterhaltungsaspekt in der Vordergrund kam.

Doch ging es nicht ausschließlich um Unterhaltung und dem mit ihr zu erwirtschaftenden Gewinn, wenngleich das für William „Buffalo Bill“ Cody oder Hagenbeck in Deutschland im Mittelpunkt gestanden haben dürfte. Durch die Abgrenzung vom Fremden, Exotischen konnten sich nämlich einerseits Gesellschaften definieren, andererseits konnten die westlichen (und östlichen – nämlich Japan) Staaten in der Hochzeit des Imperialismus die Ausbeutung ihrer Kolonien damit rechtfertigen, indem sie Menschen zu Wesen kaum unterschieden von der Tierwelt definierten oder später auf ihre begrenzte Anpassung verwiesen. Daß immer wieder auch und gerade Menschen ausgewählt wurden, deren körperliche Merkmale Besonderheiten aufwiese – Albinismus, Kleinwüchsigkeit oder zusammengeschnürte und damit mißgebildete Füße – erhöhte den Reiz und die Abgrenzung und rechtfertigt den Bezug der Autoren zu den Freakshows. Dumm nur, wenn – wie in Japan – unterworfene Staaten ihre Angehörigen schützten und so so den Abzug von Koreanern und Vietnamesen erzwangen. Der Rassismus selbst allerdings wurde auch von ihnen nicht grundsätzlich in Frage gestellt : die Ainu, die indigene Volksgruppe Japans galt allen als minderwertig, nur wollte man nicht auf eine Stufe mit ihnen gestellt werden.

Die interdisziplinäre Aufarbeitung – Geschichte, Anthropologie, Kommuniktionswissenschaft u. a. – war lange fällig, zumal der Zweite Weltkrieg und die Entkolonialisierung, die im Wesentlichen in den sechziger Jahren mit dem Ende des französisch-algerischen Unabhängigkeitskrieges genügend Ansatzpunkte geboten hätten, dieses Thema schon früher zu behandeln. Doch es wäre ein Trugschluß, dieses Phänomen hätte da schon geendet : Filme – wie etwa „Indiana Jones“ – transportierten noch jüngst ähnliche Stereotypien, wenn auch abgemildert, und die letzten Ausstellungen von indigenen Menschen gab es im 21. Jahrhundert, in den USA, in Belgien und in Augsburg (sic !).

Dieser Band gibt den Lesern einen guten – und so weit möglich – umfassenden Überblick über dieses Phänomen, und daß es kaum Stimmen der Ausgestellten oder private Aufzeichnungen er bürgerlichen Betrachter gibt, ist von ihnen nicht zu verantworten. Auch der Sonderfall Schweiz, die ja nirgends kolonial engagiert war und dennoch ein kongruentes Menschenbild tradierte, ist ein nicht ganz auserforschter Bereich, da es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zu wenig Daten gab, die Hypothesen allerdings scheinen tragfähig und belastbar. (Inzwischen gibt es ein Buch, das sich mit diesem Thema auseinandersetzt.) Bei aller Wissenschaftlichkeit bleibt das Buch gut lesbar und für den Laien verständlich. Die kaum vermeidbaren Überschneidungen von einzelnen Beiträgen sind unvermeidlich und stören kaum, da immer neue Zusammenhänge eruiert werden. Ich denke, gerade in der heutigen Zeit, in der der Rassismus wieder salonfähig zu werden scheint, ist die Lektüre empfehlenswert, umso mehr als der Band das Thema fundiert und detailliert darstellt.

Bibliographische Angaben :

Pascal Blanchard, Nicolas Bancel, Gilles Boëtsch, Eric Deroo, Sandrine Lemaire et al.: MenschenZoos – Schaufenster der Unmenschlichkeit

Übersetzt von Susanne Buchner-Sabathy

Les éditions du Crieur Public

ISBN : 978-3981506204

© Jost Renner

Ernst Piper : Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs

2013, kurz bevor sich der Tag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges zum einhundertsten Male jähren sollte, legte Ernst Piper, Historiker, Literaturagent und Verleger, seine Kulturgeschichte des ersten Weltkrieges vor. Der Einleitung kann man entnehmen, daß das – einstige – Familien-Unternehmen, der Piper-Verlag direkt vom Krieg betroffen war : hatte man sich zunächst als Begleiter der Avantgarde etabliert, so stand nun die Produktion von patriotischen Heften und Büchern im Vordergrund. Insgesamt aber war das Verlagsgeschäft in den Kriegsjahren ein Risiko, denn die deutsche Zensur war rigide, und wurden etwa pazifistische oder auch nur versöhnende Texte veröffentlicht, konnte das Verbote, aber auch mangelnden Absatz nach sich ziehen. Auch Großbritannien kannte bei Pazifismus kaum Nachsicht.

Piper eröffnet seine ausführliche Darstellung mit dem Schicksal Trakls, der als Militärapotheker diente, einen Nervenzusammenbruch erlitt, weil er mit den fürchterlichen Zuständen und der Hilflosigkeit im Lazarett nicht zurechtkam, wurde von Kameraden an einem Selbstmordversuch gehindert und in ein Militärhospital zur Beobachtung seines Geisteszustandes eingewiesen. Dort starb er an einer Überdosis Kokain. Wie viele andere expressionistischen Dichter behandelte er in seinen Texten das Thema Krieg, jedoch war für ihn – im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen – damit nichts Positives verbunden : er war die Apokalypse, der keine Erlösung folgen würde.

Viele Expressionisten, später sehr viel extremer die italienischen Futuristen, sahen den Krieg als Agens zur Änderung der herrschenden Zustände, als notwendiges Chaos zur Überwindung des grauen Einerlei. Insbesondere in Deutschland und Frankreich zogen unzählige Künstler in den Krieg – und verloren ihr Leben. So starben Apollinaire, der britische Komponist George Butterworth, Alfred Lichtenstein, August Stramm, Hermann Löns, August Macke und Franz Marc auf den Schlachtfeldern. Nicht wenige von ihnen waren begeistert ins Feld gezogen, um ihr jeweiliges Land zu verteidigen.

Auch die offizielle deutsche Propaganda sah Deutschland in einem Verteidigungskrieg. Man schuf im Parlament einen Burgfrieden, und die Sozialdemokraten stimmten immer wieder den Kriegskrediten zu, auch um dadurch eine Demokratisierung zu erreichen, die jedoch ausblieb. In Frankreich gab es als Pendant die Union sacrée, die allerdings liberaler und demokratischer war – und damit erfolgreicher. Selbst als deutsche Truppen die belgische Stadt Löwen und später die Kathedrale von Reims zerstörten, fanden sich Wissenschaftler und Akademiker, die solch barbarisches Vorgehen als notwendig verteidigten und den Argumenten des Kaisers und der Regierung blind folgten. Die Verteidigung dieser sinnlosen Zerstörungen gerieten außenpolitisch jedoch zum Desaster. Hatten die Länder bislang schon Kunst und Literatur des jeweiligen Gegners „aussortiert“, brachen nun auch die wissenschaftlichen Arbeitsbeziehungen zusammen.

Einer der wenigen Lichtblicke war die Schweiz : als neutraler Staat mit einer liberalen Einwanderungspolitik, die sich erst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ändern sollte, bot sie Zuflucht für Oppositionelle, Pazifisten aus allen Staaten. Romain Rolland, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Yvan Goll und Hugo Ball fanden hier Sicherheit …

Ernst Pipers Buch ist im wesentlichen eine populärwissenschaftliche Darstellung der künstlerischen und intellektuellen Positionen in den Jahren des Krieges, also kein Fachbuch, das an der Erarbeitung neuer historischer Erkenntnisse interessiert wäre. Das kommt dem Leser wegen einer sehr guten Lesbarkeit durchaus zugute. Als Laie ist es mir kaum möglich, etwaige Fehler zu finden oder die Aktualität der verwendeten Quellen zu beurteilen. (Dazu lese man den betreffenden Abschnitt einer Sammelrezension bei H-Soz-Kult.)

Der Autor folgt zumeist der Chronologie der Geschehnisse, unterbricht sie aber ab und an, um bestimmte Schwerpunkte, etwa das Exil in der Schweiz, die Lage der Juden in Deutschland und Rußland auszuleuchten oder die Entwicklung des Alldeutschen, des Antisemitismus und Völkischen bis hin zum späteren Nationalsozialismus darzustellen. Hier weitet sich die Kulturgeschichte in Bereiche der Geistesgeschichte und Ideologie-Geschichte. Das scheint mir wichtig und geboten, denn keine Kunst, kein Künstler existiert außerhalb geistiger, gesellschaftlicher Strömungen, mag er sich ihnen anschließen oder zu ihnen in Opposition stehen.Dennoch wirkt der Aufbau des Buches so teils wenig stringent, manchmal ein bißchen zerfleddert. Dagegen findet Alltag, bzw. Kulturgeschichte „von unten“ fast gar nicht statt.

„Nacht über Europa“ ist in meinen Augen ein gelungener Überblick über die künstlerischen und intellektuellen Debatten Strömungen und Ereignisse der damaligen Zeit, gut und gut lesbar geschrieben und durchaus anregend, sich mit dem Thema und der Zeit weiter lesend auseinanderzusetzen. Es ist geeignet, manches Erstaunen durch Erklärungen und Antworten abzumildern und in die nachfolgenden historischen Entwicklungen einzufügen. Als interessierter Laie war ich zwar immer gefordert, nie aber überfordert, und mein Schulwissen wurde – relevant – in einigen Bereichen erweitert.

Bibliographische Angaben :

Ernst Piper : Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs

Propyläen Verlag

ISBN : 978-3549073735

© Jost Renner

Sherwin B. Nuland : How We Die – Reflections on Life’s Final Chapter

Der amerikanische Chirurg und Professor für Medizingeschichte Sherwin B. Nuland beschäftigt sich auf knapp 400 Seiten mit dem Sterben des Menschen. Dazu beleuchtet er – mal in einem, mal in bis zu drei Kapiteln – die am meisten verbreiteten Todesursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über gewaltsame Todesarten – vom Unfall bis zum Suizid – bis hin zu AIDS und Krebs. Er schildert detailliert die physiologischen Vorgänge, den Untergang verschiedener Organe durch mangelnde oder ganz aussetzende Sauerstoffzufuhr, erläutert Krankheitsbilder und den Ablauf des Sterbens.

Ein Kapitel setzt sich mit dem Alterstod auseinander, den es in der heutigen medizinischen Terminologie nicht gibt, da die Medizin darauf besteht, eine letztendliche – auch vorhandene – Todesursache zu finden und zu benennen. Die gibt es auch zumeist, doch Nuland weist nach, daß Altersschwäche einen zeitlicher Ablauf darstellt, in dem sich krankhafte Vorgänge addieren, das Widerstandspotential des Körpers zunehmend schwächen, und es letztlich gleichgültig ist, welcher Vorgang dem Leben letztendlich das Ende bereitet. Jedes Kapitel seiner Argumentation baut auf einer Fallgeschichte auf, die er entweder als praktizierender Arzt, Freund eines Betroffenen oder gar als Verwandter miterlebt hat. Er kommt nicht umhin, festzustellen, daß das würdevolle, friedliche Sterben, das sich als Idealvorstellung bei den meisten Menschen festgesetzt hat, nur selten mit den realen Abläufen des Sterbens zu tun hat. Selbst die Zeugnisse von Medizinern von einem „friedlichen Dahinscheiden“ sind für ihn meist nur eine Augenblickswahrnehmung, eine gefilterte Darstellung eines Ausschnittes der Realität, denn vor dem letalen Koma oder einer tiefen Bewußtlosigkeit liegen zumeist Prozesse, die mit Leiden, Schmerzen und enttäuschten Hoffnungen verbunden sind.

In der Regel erfolgt der Untergang des Körpers in einer nicht wegzuleugnenden Katastrophe, folgerichtig sind denn auch die von ihm erläuterten Krankheiten in seiner Auffassung die „Apokalyptischen Reiter“. Der „schöne Tod“, im Sinne einer Ars moriendi scheint nicht wirklich erreichbar, egal ob man mit einem Herzinfarkt unter Schmerzen zusammenbricht, den unausweichlich eintretenden körperlichen Folgen der Alzheimer – Erkrankung ausgeliefert ist oder dem Wüten eines Krebses oder den Folgeinfektionen bei AIDS erliegt. Für Nuland ist der Tod jedes menschlichen Lebens unausweichlich, dient zur Erhaltung der Art und ist genetisch oder in den Zellen vorprogrammiert. Unsterblichkeit müßte verhindern, daß die Jungen sich durchsetzen, daß neue Entdeckungen und Erkenntnisse Raum gewinnen und eine Fortentwicklung der Gattung Mensch befördern könnten. Das Bedürfnis nach einem Tod in Würde ist dem Autor durchaus verständlich, und so beschäftigt er sich in einigen Abschnitten auch mit der Selbsttötung und der Sterbehilfe. Beides lehnt er nicht grundsätzlich ab, vorausgesetzt, ein Mensch sei unheilbar, irreversibel erkrankt und ein Leidensprozeß stünde ihm unausweichlich bevor. So scheint ihm die in den Niederlanden gesetzlich geregelte Form der Sterbehilfe annehmbar, da hier eine langjährige Arzt-Patienten – Bindung vorausgesetzt wird, die etwa in Sterbehilfevereinen, die es auch in den USA gibt (oder gegeben hat – das Buch erschien erstmals 1993) und mit dem Schweizer Pendant („Dignitas“) wohl vergleichbar sind, ihm keinesfalls gewährleistet ist.

Neben den Leiden stehen der Würde beim Sterben in seiner Sicht aber auch äußere Gegebenheiten entgegen : so ist die zunehmende Anonymisierung durch die Verlagerung in hoch technisierte Intensivstationen ebenso ein Problem wie einige Herangehensweisen der Ärzte. So stellt er fest, daß Mediziner sich immer dazu verpflichtet fühlen – und er spricht sich selbst davon nicht frei – alles nur Erdenkliche zu tun, um jedes Quentchen Hoffnung auf Lebensrettung wahrzunehmen, daß Ärzte jede auch tödliche Krankheit als eine Herausforderung und ein zu lösendes Rätsel betrachten, was zwar durchaus der Weiterentwicklung der Medizin diene, aber das Leiden des der immer weitergehenden Behandlung ausgelieferten Patienten außer Acht lasse. Dies führe mitunter dazu, daß ein Mediziner im Arzt – Patienten – Gespräch die Fakten einseitig positiv darstelle, um beim Patienten Hoffnung aufrechtzuerhalten, aber auch um ihm die eigenen Therapieschritte schmackhaft zu machen. Dabei unterstütze ihn – im Gegensatz zu der von Kübler-Ross angenommenen Entwicklung in Phasen – daß Patienten oftmals bis zum Ende (oder bis zum Eintritt der Bewußtlosigkeit) im ersten Stadium,der Leugnung, verharren und niemals bis zur Annahme des unabwendbaren Todes gelangen.

Dennoch sieht Nuland durchaus Wege, eine gewisse Würde im Sterbeprozeß zu wahren. Unnötige Therapien, die mehr und längeres Leiden brächten, seien zu vermeiden, sodaß ab einem bestimmten Punkt der Natur ihren Lauf gelassen werde. Die Sterbebegleitung durch Ärzte, aber auch durch Freunde und Angehörige müsse gefördert und ausgebaut werden, was nach sich ziehe, daß falsche Rücksichten und Schonung der Sterbenden und ihrer Nächsten vermieden werden müßte, damit ein aktives Abschiednehmen überhaupt gewährleistet werden könne. Gerade die AIDS – Patienten, die zum Teil aus ihrer gewohnten Gesellschaft ausgestoßen worden oder herausgebrochen seien, sich aber frei gewählte Bezugssysteme und – Personen geschaffen hätten, scheinen hier ein positives Beispiel darzustellen. Nuland plädiert zudem dafür, die Rolle des Hausarztes neu zu beleben, denn der sei es, der die Entwicklung des Patienten über lange Jahre beobachten und die Entwicklungen im Sterbeprozeß zum Wohle des Patienten genau einschätzen könne.

Dieses Buch entzieht sich weitgehend einer Kategorisierung. Es ist eine Mischung aus allgemeinverständlichem medizinischen Sachbuch, Ratgeber in begrenztem Maße und einer Art Bestandsaufnahme. Zwar wage ich zu bezweifeln, daß tödlich Erkrankte selbst oder deren unmittelbar betroffenen Angehörigen daraus Nutzen ziehen könnten oder sich gar derart explizit mit dieser Thematik auseinandersetzen wollten, es sei denn, ihre Ratio dominiere das Gefühlserleben in kaum nachvollziehbarer Weise, doch mag das Buch für Leser, die sich der Alterung und des unvermeidbaren Todes gewiß sind, einige Anhaltspunkte für eigene Gedanken und eigenes Handeln bereithalten, z.B., im Voraus dem ärztlichen Handeln durch eine Patientenverfügung Grenzen zu setzen.

In weiten Teilen funktioniert das Buch allerdings als eher populärwissenschaftliches Sachbuch, das medizinische Sachverhalte und pathologische Vorgänge ruhig, sachlich und detailliert erklärt. Nuland bedient sich dazu nicht nur seines medizinischen Wissens, sondern verweist auf kulturgeschichtliche Darstellungen in Bild oder Text – so entnimmt er eine Fallgeschichte einem Theaterstück – oder auf Dokumente und Aufzeichnungen aus der langen Geschichte der Medizin, mithilfe derer er Krankheitsbilder zum Teil seit der Antike bis in die Gegenwart verfolgt. Dazu gesellen sich Statistiken, die allerdings fünfzehn Jahre nach der Erstveröffentlichung im Original nicht mehr ganz aktuell sein dürften, aber durchaus auch heute noch gültige Tendenzen aufzeigen dürften. Ein ähnliches Problem ergibt sich, wenn er den Stand der Forschungen zu Alzheimer oder AIDS beschreibt, auch wenn natürlich in beiden Fällen weiterhin gilt, daß ein Heilmittel bislang nicht gefunden wurde. Dennoch bleibt auch dort die Grundaussage uneingeschränkt gültig, auch wenn einige neuere Entwicklungen keine Aufnahme in das Buch haben finden können.

Neben den Verweisen auf Kultur – und Medizingeschichte, der ausführlichen Schilderung pathophysiologischer Vorgänge, dem Übersetzen und Erklären von medizinischen Fachbegriffen greift der Autor immer wieder zu konkreten Fallbeispielen, zum Teil ohne sich selbst zu schonen. So schildert er seine Hilflosigkeit, als er als junger Assistenzarzt den tödlichen Herzinfarkt eines Patienten miterleben mußte, das jahrelange Sterben seiner Großmutter, das er als nach und nach eintretende Altersschwäche wahrgenommen hatte, oder den Krebstod seines älteren Bruders, bei dem er selbst wider besseres Wissen jede nur denkbare Therapie für möglich und notwendig hielt, nur um dem Bruder die Hoffnung nicht zu rauben. Sherwin B. Nuland erzählt und beschreibt in einer nüchternen, nie sentimentalen und klaren Sprache, ohne andererseits je in verklausulierte Wissenschaftssprache abzugleiten. Dennoch mag es vorkommen, daß Fremdwörter und einige, wenige Fachtermini auftauchen, die die Benutzung eines Fremdwörterbuches oder eines Lexikons mit medizinischen Fachbegriffen nötig machen. Häufiger ist es allerdings, daß ein vor ein – oder zweihundert Seiten erklärter Begriff noch einmal erscheint, der Leser aber die detaillierte Erklärung möglicherweise vergessen hat. Dann hilft ein Begriffs – und Namensregister, um an die ursprüngliche Stelle zurückzublättern. Effektiver allerdings schiene mir ein Glossar, das im Anhang kurzgefasste Begriffsdefinitionen sammelte.

Ob das Buch nun die Angst vor dem Tod mindert, wie der Verlag wirbt, liegt wohl im Auge des Betrachters. Dennoch entmythologisiert dieses Sachbuch das Sterben, beschreibt und analysiert die Vorgänge präzise, sachlich und kenntnisreich. Im Sinne der Aufklärung ist es ein nützliches und vielleicht wirkungsvolles Buch. Doch obwohl Nuland auf jedes sensationsheischende Momentum verzichtet und kaum die Grenze des Appetitlichen überschreitet, sollte sich jeder Leser vorher die Frage stellen, ob er denn alles so genau wissen möchte. Wenn er es wissen will, ist er bei Nuland in guten Händen.

Bibliographische Angaben :

Sherwin B. Nuland : How We Die – Reflections on Life’s Final Chapter

Vintage Books

ISBN : 978-0679742449 (Übersetzungen ins Deutsche sind derzeit nur gebraucht erhältlich)

© Jost Renner

Jonathan Allen / Amie Parnes : Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign

Einige Bücher gibt es inzwischen, die den Wahlkampf und die Niederlage Hillary Clintons beleuchten, so eines, das die Schuld beim rechten Lager sucht, ein anderes, das eines Republikaners, der sich eher Trumps Vorgehen widmet. Allen und Parnes, White-House-Korrespondenten und erkennbar auf Seiten Clintons, sehen die Gründe der Niederlage eher in Clinton selbst und in ihrem Wahlkamp – Team. Dazu begleiten sie minutiös – und damit etwas ermüdend – den Vorwahlkampf und – etwas kürzer – den Wahlkampf der ehemaligen Außenministerin.

Ihre Gründe sind einleuchtend : Clinton ist, durch ihre lange Rolle in der Öffentlichkeit, aus Selbstschutz persönlich unzugänglich geworden, in ihrem Team sind kaum Leute, die das kompensieren könnten. So fehlt es an einer vermittelbaren persönlichen Motivation und Vision für den Wunsch, das Land zu regieren. Die aber sind notwendig, gilt sie doch als Vertreterin des Status Quo und der Hochfinanz (Wallstreet), was bei weißen Arbeitern, die sich noch immer nicht von der Bankenkrise erholt haben, nicht gut ankommt. Und dann werden sie im Wahlkampf auch noch zugunsten der Afro-Amerikaner und Latinos vernachlässsigt. Es gibt Staaten, in denen sie gar nicht erst auftaucht, weil ominöse – und wie sich herausstellt : falsche – statistische Daten, das für unnötig halten. Auch in der E-Mail-Affäre sehen die Autoren einen hohen Eigenanteil : daß sie nich hätte passieren dürfen, ist unbestritten. Eine frühe Entschuldigung und ein Eingeständnis eines Fehlers hätten viel gutgemacht, aber aus strafrechtlichen Gründen schweigt sie zunächst – und dann lügt sie. Eine später folgende Entschuldigung kann wenig retten : sie gilt als „untrustworthy“ und findet kaum Unterstützer, die die Fußarbeit in den Bundesstaaten machen.

Daß ihr Wahlkampfmanager aus Konkurrenzgründen die einzige funktionierende Graswurzel-Bewegung neutralisiert und zudem bei Personal, Info-Material , Meinungsumfragen etc. spart, ist ebenso fatal. Bill Clinton ahnt das, er fordert, zu den Wählern zu gehen. Doch auch er ist eines der Probleme : er hat ein Temperament, daß ihn und den Wahlkampf in ungute Situationen bringt. Die beiden Gegner, Sanders und später Trump, tun ihr Übriges, Clinton zu schwächen. Antworten auf die Kandidaten, ihren Populismus und die Stimmung der Wähler findet sie nicht, ahnt nicht einmal, das etwas grundlegend schiefläuft. Und dann ist es zu spät.

Dies Buch ist m.E. eine notwendige, gerechtfertigte Bestandsaufnahme jenseits des Gender – und eMail-Geschreis, auch wenn die verschiedenen Stellungnahmen des republikanischen FBI-Leiters, Wikileaks oder russische Intervention an Sabotage grenzen : Nur war da das Kind längst im Brunnen. Die beiden Autoren sind erkennbar um Sachlichkeit und Fakten bemüht und haben etliche Hintergrundgespräche geführt, vor allem im demokratischen Lager und im Wahlkampf-Team. Noch habe ich Clintons Buch „What Happened“ nicht gelesen, die Rezensionen allerdings lassen vermuten, daß sie konsequent ihr eigenes Versagen ausblendet, um die Schuld anderen zu geben. Auch Bernie Sanders macht sie wohl als einen Verursacher aus, realistischer scheint mir hier aber auch wieder die Darstellung Allans und Parnes, daß es eher die sich um ihren Sieg betrogenen Anhänger des eher linken Kandidaten handelte, die auch Sanders nicht in den Griff bekam. Und dies scheint mir zumindest nachvollziehbar, wenn man sich das Taktieren der Demokraten anschaut, die eine Partei des Establishment sind und wohl auch definitiv bleiben wollen. Denkt man das weiter, kommen auch für die Zukunft der USA eher ungute Gefühle auf. Denn das Wahlergebnis bedeutet auch : Die Demokraten, Clinton und die Politik Obamas wurden abgestraft, denn Letzterer hat auch für die eigene Klientel, Afro-Amerikaner, Hispano-Amerikaner zu wenig bewirkt : im Gegenteil – Rassismus und Tötung schwarzer Bürger durch die Polizei erlebten in seinen Amtszeiten einen traurigen Aufschwung. Zu hören war dazu aus dem Weißen Haus wenig, von Gegenmaßnahmen ganz zu schweigen.

Bibliographische Angaben :

Jonathan Allen / Amie Parnes : Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign

The Crown Publishing Group

ISBN : 978-0553447088

© Jost Renner

Manfred Lütz : Irre ! Wir behandeln die Falschen

Manfred Lütz, der Autor dieses populärwissenschaftlichen Sachbuchs, studierte Medizin, Philosophie und katholische Theologie. Als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung wurde er Chefarzt eines katholischen Krankenhauses in Köln und befasste sich praktisch mit verschiedenen Richtungen der therapeutischen Arbeit. Zudem ist er in verschiedenen Gremien der katholischen Kirche engagiert. Er verfasste verschiedene Sachbücher, zuletzt das hier vorzustellende „Irre! Wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde“, in dem er dem interessierten Laien psychische Erkrankungen und unterschiedliche Therapieverfahren näherbringen will. Dabei setzt er sich im ersten Teil des Buches – der Untertitel des Bandes deutet es an – vornehmlich mit den „Normalen“ auseinander. Dabei unterscheidet er zwischen dem „normalen Wahnsinn“, dem er zeitgeschichtliche Erscheinungen wie Hitler, Stalin, Saddam Hussein und Osama bin Laden zurechnet, und dem „normalen Blödsinn“, der sich in vermeintlichen Prominenten von Dieter Bohlen bis Paris Hilton, in der Comedy oder der Esoterik manifestiert. In einem dritten Abschnitt dieses Kapitels betrachter er die „blödsinnig Normalen“, den Alltag, ihre Anpassungsprozesse und Abgrenzungsversuche, etwa in verschiedenen Milieus, die für ihn ein Zersplittern des gesellschaftlichen Zusammenhangs signalisieren, das unter der Tünche der vorherrschenden political correctness voranschreitet. Im zweiten Teil des Buches befasst sich Lütz mit verschiedenen therapeutischen Verfahren – von der Freudschen Psychoanalyse, die er allerdings in modernisierten Weiterentwicklungen für angemessen hält, über Verhaltenstherapie und der systemischen Therapie bis zur medikamentösen Behandlung. Er stellt deren Prinzipien und Grundlagen dar und illustriert das Vorgehen anhand konkreter Beispiele. Ebenso verfährt er im dritten Teil des Buches, wenn er verschiedene psychische Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen beschreibt, Ursachen und Wirkungen näher betrachtet und ab und an auch therapeutische Fehlschlüsse – durchaus selbstkritisch benennt. Dabei nimmt er die International Classification of Diseases (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Grundlage. Außerdem vermittelt er auch einen Einblick in das Erleben und die Gesamtpersönlichkeit der Erkrankten und wahrt so ihre Menschlichkeit. Sucht, demenzielle Erkrankungen wie das Alzheimersyndrom, Schizophrenie, Depressionen und manische Erkrankungen werdem dem Leser verständlich und systematisch vorgestellt, Symptome und mögliche Therapieansätze genannt, sodaß ein Laie an dieses Feld der Medizin ohne größere Verständnisbarrieren herangeführt wird. Ergänzend behandelt er auch Erkrankungen und Störungen der Psyche, die erst in den letzten Jahrzehnten ins den Fokus der Psychiatrie und Psychologie genommen wurden : das posttraumatische Belastungssyndrom, Zwangserkrankungen und Phobien, die ebenfalls einschneidende Folgen und Leiden bei den Betroffenen hervorrufen. Ausdrücklich nicht in seinen umfassenden Katalog aufgenommen hat Lütz allerdings jede Art der geistigen Behinderung. Zum Abschluß des Buches nimmt er noch einmal das „Normale“ ins Blickfeld, denn in ihm sieht er vor allem – dank der diesem innewohnenden Ausgrenzungsmechanismen – große Gefahren für die psychisch Erkrankten, aber auch die Gesellschaft selbst. Spätestens die totalitären Systeme des zwanzigsten Jahrhunderts vom Dritten Reich bis zum Stalinismus haben bewiesen, wie unmenschlich, tödlich und effektiv solche Mechanismen perfektioniert werden können. Er plädiert für ein Miteinander aller Bevölkerungsgruppen, gegen ein Abschieben psychisch Kranker in isolierte, fachlich betreute Ghettos, allein schon, weil viele der Erkrankungen therapierbar oder so zu lindern sind, daß eine Integration in normale gesellschaftliche Zusammenhänge durchaus gewährleistet wäre, stünden nicht die Vorurteile der „Normalen“ dagegen.

„Irre!“ von Manfred Lütz kann man im besten un humanistischen Sinne als ein Buch der Aufklärung sehen und erfaßt damit zugleich die Intention des Autors. So macht er es dem Leser einfach und beschreibt, erklärt Erkrankungsformen und Therapien, ohne auf wissenschaftliche Theoriegebäude und fachliche Terminologie zurückzugreifen. Während vor allem im ersten Teil ein eher ironischer Tonfall mit durchaus scharfen Spitzen dominiert, erhält sich Lütz in den beiden sachlichen Teilen des Bandes zwar eine angemessene Heiterkeit, wird aber im Ganzen um vieles ernsthafter, sachlicher und begründeter. Genau an diesen Passagen ist wenig auszusetzen, mehr noch : man kann anhand dieser darstellenden Teilen dem Buch nicht genug Leser wünschen, denn es trägt dazu bei, Phänomene und Krankheiten begreifbar, nahezu erfahrbar zu machen, ohne einerseits fachliche Arroganz durchscheinen zu lassen, andererseits aber allgemein verbreitete Vorurteile und Ängste zu verstärken, wiewohl er niemals verschweigt, daß akute Erkrankungen auch Belastungen für das unmittelbare Umfeld bedeuten. Etwas kritischer sehe ich den ersten Teil des Buches, in dem er sich vor allem mit den Normalen beschäftigt.

„Normale“ wurden im Nachgang des Dritten Reiches zu einem Thema der Psychologie und Psychiatrie, denn man suchte nach Wegen, das Verhalten und die Taten „ganz normaler“ Personen zu erklären, die die industrielle Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen befahlen, ausführten oder entweder stillschweigend begünstigten bzw. duldeten. So beschäftigte sich Hannah Arendt mit der „Banalität des Bösen“, diagnostizierten Margarete und Alexander Mitscherlich „Die Unfähigkeit zu trauern“, die die Verarbeitung der Gewaltherrschaft in den sechziger Jahren der Bundesrepublik weiterhin verhinderte. Wirklich deutlich und psychologisch – theoretisch wurde in den achtziger Jahren dann der Psychoanalytiker und Therapeut, der sich des Themas in seinen Büchern „Der Verrat am Selbst“ und vor allem „Der Wahnsinn der Normalität“ befasste. Er versuchte darin, die menschliche Destruktivität zu ergründen und dafür eine grundlegende Theorie zu schaffen. Seine Hauptthese lautete, wenn ein Kind sich früh der Macht seiner Eltern anpasse, übe es – freiwillig und im Austausch gegen vermeintliche Gunst – einen Verrat am Selbst, der letztlich einen Selbsthaß verursache, der mit dem gesamten Innenleben, den Gefühlen abgespalten und verborgen werde. Die Folge daraus seien die „Normalen“, die entweder zu Konformisten würden, manchmal Rebellen, ab und an aber Machtmenschen, die unsere Realität mit Destruktivität gestalteten – als Manager, Politiker und in extremster Form als Psychopathen und Diktatoren. Gruen sieht also in der Person Hitlers durchaus psychopathologische Züge, die ihm Lütz ausfrücklich nicht zubilligen mag – für ihn ist Hitler gesund, stark und keineswegs behandlungsbedürftig. Er beruft sich dabei auf Joachim Fests Hitler – Biographie. Das erscheint mir wenig einleuchtend, noch weniger nachvollziehbar begründet : Wären Hitler oder andere Täter wie Stalin, Saddam Hussein krank gewesen, wären sie nicht so lange und ununterbrochen handlungsfähig geblieben.

Das, was das Buch so gut lesbar, teilweise auch unterhaltend macht, ist in der besonderen Ausprägung im ersten Teil für mich auch ein Problem. Der Leser ertappt sich zeitweise bei einem immer wiederkehrenden bestätigenden Nicken und gleitet vermutlich auch über einige Widerstandslinien hinweg, die er bei rein sachlicher Behandlung des Themas durchaus – und schmerzhaft – gespürt hätte. Zudem enthebt der Erzählton den Autor sowohl nachhaltiger Begründungen wie auch schlichter theoretische Bezüge und Nachweisen. Ab und an mag man sogar eine religiöse Parteilichkeit attestieren, wenn er etwa Comedy als vollkommen sinnlos darstellt, kurz vorher aber den Karneval als Rückzugsgebiet der befreiten Menschlichkeit feiert, als ob dieser andere, stärkere Inhalte hätte als eben Zoten, Alkohol und Bestätigung vornehmlich erzkonservativer Vorurteile. Mit derselben Beiläufigkeit bewahrt er den heiligen Franziskus – obwohl dieser die Stimme Gottes zu hören vermeinte – vor der Diagnose „Schizophrenie“ und nennt ihn gesund. Ich mag soweit folgen, als daß er nach des Autors eigenen Maßstäben – nicht leidend, niemandem, auch sich selbst nicht schadend – nicht wirklich behandlungsbdürftig sei. Doch von „gesund“ zu sprechen, halte ich für gewagt.

Eine wichtige Rolle spielt gerade im Anfangsteil der freie Wille des Menschen. In den Abschnitten über die Formen der Therapie taucht dieser auch auf, relativiert als therapeutische Perspektive, als eine Art an eine Erkrankung heranzugehen, da ja krankhafte Prozesse im Gehirn oder der Psyche den freien Willen zeitweise, gerade in akuten Stadien einschränken können. Im ersten Teil allerdings steht der freie Wille als mehr oder weniger absolutes Phänomen. Natürlich ist der freie Wille in der westlichen Gesellschaft und in der christlichen Religion ein grundlegendesw Axiom, ohne den beide nicht funktionieren könnten. Und doch ist diese Grunddefintion der menschlichen Existenz nicht unangezweifelt, weder von früheren religiösen Theorien, noch von Philosophen oder in jüngster Zeit von Hirnforschern. Erkenntnisse der Hirnforschung, die sehr wohl am gesellschaftlichen und vor allem am moralischen Fundament rütteln könnten, lehnt er nicht rundweg ab, sieht sie allerdings – wahrscheinlich im Einklang mit den meisten – als nur eine Dimension der menschlichen Existenz. Denn es kann und darf ja daher nicht sein, daß die Handlungen eines Menschen nur durch Hirnstrukturen bestimmt würden, durch physiologische Abweichunjgen von jeflicher Verantwortung befreiten. Das nämlich ginge an die Substanz der Gesellschaft wie jedes ethischen Systems, etwa der Religion. Das allerdings erscheint mir zwar erklärbar, aber nicht wirklich befriedigend. Sollten sich die Thesen auf Dauer verifizieren lassen, wird man wohl kaum umhin kommen, Gesellschaft neu zu denken.

Trotz meiner – vielleicht allzu subjektiven – Einwände, halte ich das Buch vor allem in seinen sachlichen Teilen für gut gelungen und wichtig. Es ist gut lesbar und verständlich. Die Botschaft, der Ausgrenzung und gesellschaftlichen Ächtung psychisch Kranker keine Chance zu geben, sondern deren Integration zu befördern und eigene Vorurteile und Berührungsängste abzubauen, ist zutiefst human und lobenswert.

Bibliographische Angaben :

Manfred Lütz : Irre ! Wir behandeln die Falschen : Unser Problem sind die Normalen

Goldmann Verlag

ISBN : 978-3442156795