Polnische Literatur

Stefan Chwin : Tod in Danzig

Im August 1944 kommt Luise, die Freundin des Pathologen Hannemann, bei einem Fährunglück unter mysteriösen Umständen ums Leben. Spuren am Hals lassen Zweifel aufkommen, ob sie wie alle anderen Passagiere ertrunken ist, zumal eine polizeibekannte Person ebenfalls an Bord gewesen sei. Hannemann ist gerade im Dienst, als Luises Leichnam untersucht werden soll. Er verläßt das Institut abrupt und beendet seine dortige Tätigkeit. Im März 1945 wird Danzig von der Roten Armee eingekesselt, und die deutschen Bewohner fliehen Hals über Kopf aus der Stadt. Der einzig offene Fluchtweg ist der mit einem Frachtschiff über die Ostsee. Unter Beschuß gelingt es vielen, an Bord des Schiffes zu gelangen, nur Hannemann bleibt in den Wirren zurück. Dies wird ihm als einem von wenigen das Leben retten, denn das Frachtschiff wird versenkt, die meisten Flüchtlinge kommen ums Leben. Auch Hannemanns ehemaliger Assistent, der zunächst überlebte und in einem Brief von der Katastrophe berichtete, stirbt – noch bevor Hannemann sich zu einer Antwort entschließen kann – an Lungenkrebs.

Der Pathologe ist einer der letzten Deutschen in der seit dem vierzehnten Jahrhundert deutschgeprägten Stadt. Überall zeugen leerstehende Wohnungen, die Gebäude von der bürgerlichen, deutschen Kultur der Stadt, bis zunächst Wellen von Plünderern durch die Stadt ziehen, dann sich immer mehr aus anderen Gegenden – Litauen, der Ukraine oder Warschau – vertriebene Polen sich in den leerstehenden Wohnungen niederlassen. Sie treffen auf die Polen, die auch unter den Deutschen in Danzig geblieben waren, und auf den zurückgezogen lebenden, rätselhaften Hannemann. Einer der aus Wilna vertriebenen Familie, die in eine der Nachbarwohnungen gezogen ist, gelingt ein recht fragiler, dennoch freundschaftlicher Kontakt, denn gerade als sie in dem Haus eine Unterkunft suchten, hatten sie Hannemann vor aggressiven Plünderern gerettet. Während nach und nach die einst bürgerliche deutsche Prägung verblaßt, bleibt das Bedürfnis, die deutsche Sprache zu erlernen, in der polnischen Bevölkerung weit verbreitet, da man fast sicher ist, die Deutschen würden bald zurückkehren. Hannemann avanciert zum Deutschlehrer und bringt einigen die Grundlage des Deutschen bei. Eines seiner Lehrmittel sind die Briefe Heinrich von Kleists an Henriette Vogel und eine Schilderung des Selbstmordes. Als er diese Geschichte auch einem befreundeten Polen erzählt, antwortet dieser mit der Geschichte des polnischen Malers und Schriftstellers Stanislav Ignacy Witkiewicz, der sich unmittelbar nach dem Einmarsch der Russen in Polen, 1939, das Leben nahm. Im Gegensatz zu Henriette Vogel überlebte seine Begleiterin den geschlossenen Selbstmordpakt.

Derweil gerät Hannemann in das Visier der Behörden, denen er nicht nur als Deutscher suspekt ist, sondern auch wegen seiner inzwischen guten Kontakte zu den in Danzig lebenden Polen. Man möchte ihn für Spitzeldienste gewinnen, doch Hannemann lehnt ab. Einstweilen in Ruhe gelassen, erfährt Hannemann eine Erweiterung seines engeren Umfeldes : in das Haus ziehen die recht resolute und patente Ukrainerin Hanka, der er nach einem Selbstmordversuch das Leben rettet und der gehörlose Junge Adam, der bald ein tiefes Zutrauen zu Hannemann fasst, da dieser mittels Gebärdensprache mit ihm kommunizieren kann und dies auch Hanka und dem Nachbarsjungen beibringt. Auch wenn Adam unter seinen Mitschülern ein vollkommener Außenseiter bleibt und nicht selten Prügel befürchten muß, fühlt sich die kleine Gemeinschaft miteinander wohl. Doch die kommunistischen Behörden werden nun erst recht mißtrauisch….

Flucht und Vertreibung ganzer Volksgruppen oder Völker sind lange recht selten thematisiert worden – weder in der Geschichtswissenschaft und der Gesellschaft – nimmt man die Vertriebenenverbände aus – noch in der europäischen Nachkriegsliteratur. Allenfalls „Im Krebsgang“ von Günter Grass und jüngst Schlinks „Heimkehr“ scheinen mir als Auseinandersetzung mit diesem Thema präsent. In „Tod in Danzig“ ist es nun der polnische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Stefan Chwin, dessen Vater einst aus Wilna vertrieben wurde, der sich am Beispiel seiner Heimatstadt Danzig diesen Vorgängen widmet. Hannemann, sein recht rätselhafter, ziemlich verschwiegener Protagonist dient ihm gleichsam als Katalysator, mit dem er das Elend der Vertreibung bei beiden Seiten, der deutschen und der polnischen, sichtbar machen kann, ohne eine der Seiten mit Schuldzuweisungen zu bedenken. Denn es trifft beide, Polen wie Deutsche, gleich hart, ihre Heimat verlassen zu müssen, noch härter die Ungewißheit, die Flucht zu überleben.

Das von Chwin gezeichnete Danzig der unmittelbaren Nachkriegszeit ähnelt eher einer utopischen Welt der Aussöhnung, das Danzig der Vergangenheit einer bürgerlichen, stilvollen Idylle. In beiden Fällen sind es die Obrigkeit, die herrschenden Mächte, die massiv eingreifen und eine andere Welt hinterlassen. Hannemann, der schon unter den Nationalsozialisten in das Visier der Machthaber geraten war, muß mit den Behörden der Nachkriegszeit dieselbe Erfahrung machen. Die Existenz des Einzelnen, das Miteinander von Gemeinschaften erweisen sich angesichts politischer Katastrophen wie einem Krieg, behördlicher Willkür, selbst einem privaten Desaster, wie der Tod von Hannemanns Geliebter Luise das globale Geschehen vorwegzunehmen scheint, als äußerst zerbrechlich. Und so mag es kaum verwundern, daß eines der zentralen Themen dieses Romans der Suizid – erweitert oder nicht – bildet. Kleists erfolgreicher Selbstmordpakt, der einst an seine Schwester Ulrike geschrieben hatte :

„…daß mir auf Erden nicht zu helfen war…“

wird an einer zentralen Stelle des Buches dem Tod des Malers und Schriftstellers Witkiewicz gegenübergestellt. Während Hannemann Kleists Tod als mannhafte Zurückweisung der als unerträglich empfundenen Zukunft sieht, des Malers Tod dagegen als Schwäche eines Flüchtlings, wertet sein polnischer Freund J., der das Konzentrationslager Stutthoff überlebt hatte, den Tod des polnischen Künstlers als national beflügelnde Tat der Stärke, den Tod des deutschen Dichters und seiner Geliebten angesichts der Inszenierung als eher fragwürdig. Und dennoch eint Hannemann und J. eines : das Überleben, das J. auch im Konzentrationslager als eine Pflicht empfunden hatte, das auch Hannemann – über reines Vegetieren hinaus durchaus verwirklicht.

Stefan Chwin erzählt detailliert, minutiös den Zerfall des einst bürgerlichen Glanzes dieser einst deutsch geprägten Stadt : über das Verlieren von Besteckteilen, Zerspringen von Geschirr und der wachsenden Patina aus Fett, Staub und Ruß – denn die neu zugezogenen Polen sind arm und mit anderem beschäftigt, als die einstige Gediegenheit aufrechtzuerhalten. und ebenso genau beobachtend verfährt er mit seinen Figuren, darin dem kleinen Adam ähnelnd, dessen Talent es ist, die Menschen seines Umfeldes genaustens zu imitieren, ohne daß er der Sprache bedürfte. Chwin erzählt nicht alles aus, läßt in der Schilderung der Vorgänge Lücken, die der Leser nach und nach selbst füllen, die er erarbeiten bzw. interpretieren muß. Dabei verdichtet Chwin die Sprache gerade in Beschreibungen auf ein intensives, poetisches Niveau, schwelgt in Bildern und im Rhythmus der Sätze, was die Übersetzerin Renate Schmidgall – will mir scheinen (mangels Kenntnis der polnischen Sprache diese Einschränkung) – kongenial ins Deutsche übertragen hat. So ist es allein von der Sprache und vom Stil her ein Genuß, diesen Roman zu lesen, vorausgesetzt, man weiß Ausführlichkeit und Präzision von Beschreibungen zu schätzen, denen sich die Handlung allerdings nur scheinbar unterordnet. Doch hat eben dies auch seine Berechtigung, versteht sich Chwin doch als Chronist seiner Heimatstadt und eine Art Treuhänder einer untergegangenen Welt. Und Chwin vermeidet es, dabei das Maß zu verlieren.

Das Buch wäre ornamental geblieben, hätte sich Chwin nicht mit gleicher Sorgfalt und genauso liebevoll seiner Figuren angenommen. In seiner Erzählperspektive ist er oft nahe an seinen Personen, wenngleich es einen, manchmal eher verborgenen Ich – Erzähler gibt : den Sohn der mit Hannemann nahezu befreundet polnischen Flüchtlingsfamilie, Piotr, der zu Beginn des Romans noch nicht geboren ist, dennoch schon da ab und an das Wort ergreift, um aus ihm später Erzählten die Geschichte weiterzutreiben oder zu kommentieren. Menschen und Dinge, deutsche Straßennamen und polnische, Ich – Erzählung und personale Perspektive, die beiden Selbsttötungen bilden eine Art doppelbödiger Ausgeglichenheit, die man fast als geheimes Prinzip des Buches und Chwins Erzählen empfinden kann. Es ist in meinen Augen ein ebenso sinnlicher wie kluger Roman, der sowohl Ansprüche stellt als auch den Leser befriedigt, der Inhalt und Form auf das Kunstvollste vereint, und den ich daher meinen Lesern ans Herz legen möchte.

Bibliographische Angaben :

Stefan Chwin : Tod in Danzig

Übersetzt von Renate Schmidgall

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499226236 (derzeit nur gebraucht erhältlich)

© Jost Renner