Peruanische Literatur

Alonso Cueto : Die blaue Stunde

Adrián Ormache ist ein erfolgreicher Anwalt und Teihaber einer Kanzlei in Lima. Wenige auserwählte reiche Kunden verlangen Dienstleistungen aller Art – von Rechtsgeschäften bis hin zur Bestätigung ihrer Egos. Adrián geht es damit gut, denn er hat ein hohes Einkommen, eine Frau aus reichem Hause, vielversprechende Töchter und Umgang mit den Oberen Zehntausend der peruanischen Gesellschaft. Doch dann stirbt seine Mutter, die ihn und seinen Bruder Rubén allein großgezogen hat. Schon nach drei Jahren Ehe hatte sie sich vom Vater ihrer Kinder, einem Offizier, scheiden lassen. Adrián hatte nur selten Kontakt zu ihm, anders als sein Bruder Rubén, der ihm auch körperlich und im Wesen ähnlicher ist. Als der Vater im Sterben gelegen hatte, ignorierte Adrián dessen Wunsch, er solle eine junge Frau suchen, die der Vater einst gekannt habe. Doch nach dem Tod der Mutter stößt er erneut auf Hinweise zu dieser Frau.

Rubén erzählt ihm, ihr Vater habe in seiner Dienstzeit als Garnisonskommandant in der Provinz Ayacucho ein junges Indiomädchen längere Zeit gefangen gehalten und mißbraucht, bis sie mit einer List hatte entkommen können. Entgegen der sonst üblichen Verfahrensweisen habe er sie nicht an die Soldaten weitergereicht und später töten lassen. Auch in den Unterlagen der verstorbenen Mutter finden sich Hinweise, daß diese davon gewußt hatte, daß sie von Verwandten des Mädchens erpreßt worden war. Adrián Ormache, der alles nur schwer glauben kann, macht sich auf die Suche nach mehr Informationen. Er trifft auf ehemalige Untergebene seines Vaters, enge Vertraute und effektive Folterer im Dienste des Kampfes gegen den „Sendero Luminoso“, die Terrorbewegung „Leuchtender Pfad“. Nun beginnt für Adrián eine Suche nach der ehemaligen Gefangenen Miriam.

Er reist nach Ayacucho, erfährt von den Brutalitäten, Morden und Folterungen des Sendero, aber auch des Militärs, deren Opfer vor allem die Zivilisten geworden waren. 70.000 Menschen wurden in den achtziger Jahren in dieser Auseinandersetzung gefoltert, vergewaltigt oder getötet. Hinweise auf Miriam aber bleiben spärlich, bis Adrián sie in Lima aufspüren kann. Hier arbeitet sie in einem Friseursalon, den sie nach und nach abbezahlt, und zieht ihren Sohn Miguel groß. Der ist inzwischen ein Teenager und leidet an einer schweren Kontaktstörung. Adrián erste Sorge ist es, daß nichts von der Tat seines Vaters bekannt werde, damit seine eigene gesellschaftliche Stellung nicht in Gefahr gerate. Zunächst weigert sich Miriam, sich mit dem Sohn ihres Peinigers zu unterhalten, gibt jedoch zu verstehen, daß sie sich nicht an die Öffentlichkeit wenden wolle. Doch dann ändert sie ihre Meinung und stimmt verschiedenen Treffen zu. Adrián indessen vermutet, Miguel könnte sein Halbbruder sein. Er ist rührend bemüht, beiden zu helfen, und verliebt sich schließlich in Miriam. Währenddessen droht seine Ehe zu zerbrechen und auch seine Stellung in der Anwaltskanzlei wackelt. Miriam und er beginnen eine kurze Liebesaffäre, bis er eines Tages von ihrem Tod erfahren muß. Ein Herzanfall habe die junge Frau aus dem Leben gerissen….

„Die blaue Stunde“ von Alonso Cueto ist weniger ein Roman über die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Peru der achtziger Jahre als der Roman ihrer Aufarbeitung. Natürlich werden die Grausamkeiten beider Seiten – und Cueto setzt Militär und Terrorgruppe in dieser Hinsicht vollkommen gleich – nicht ausgelassen. Sinnlose Brutalität, Unmenschlichkeit finden ihren Platz in dieser Geschichte. Doch eigentlich ist es ein Roman über die peruanische Gegenwart. Die Kämpfe scheinen beendet, doch wird anhand Adrián Ormaches Reise in die Vergangenheit seines Vaters deutlich, daß sich Peru in der „blauen Stunde“ befindet, der Zeit des Hellwerdens zwischen Nacht und Tag, die oftmals die gefährlichste ist, wie es auch Miriam auf ihrer Flucht aus der Garnison hatte erfahren müssen. In der Morgendämmerung wäre sie schnell entdeckt worden und in die Hände der einen oder anderen gefallen und hätte dieses Mal wohl nicht überlebt.

Adrián Ormache und Miriam als Figuren sind Zeichen für den gleichzeitigen Optimismus und Pessimismus, den man angesichts der peruanischen Vergangenheit und Gegenwart entwickeln kann : Adrián, Angehöriger der oberen Gesellschaftschicht, der Elite des Landes, ist einer der Wenigen, der sich auf seiner Suche nach Miriam und damit der Vergangenheit des Vaters der peruanischen Vergangenheit stellt, sich mit dem Erbe des Vaters auseinandersetzt und es letztlich anzunehmen bereit ist. Währenddessen verharrt die Gesellschaftselite in ihren Blasiertheiten und ihrer Unkenntnis bzw. ihrem Nichtwissenwollen. Geld, Ansehen, persönliche Eitelkeiten bestimmen das Leben der Oberschicht, während in den armen Vierteln Limas und auf dem Lande alles andere als angenehme Verhältnisse herrschen. Ein nicht nur materieller Riß spaltet die peruanische Gesellschaft. Miriam selbst ist ein spätes Opfer der ihr angetanen Gewalt, niemand kann ihr mehr wirklich helfen. Mag es ein schwaches Herz oder ein Selbstmord gewesen sein, die ihr Leben vorzeitig beendet haben, es war eine Spätfolge der ihr angetanen Grausamkeiten, der Vernichtung ihrer Familienangehörigen durch Sendero oder Miltär. Ihr Liebesverhältnis zu Adrián war nur ein vorläufiges, denn sie ahnt sehr wohl, daß ihr Herz zu schwach ist. Nach ihrem Entkommen hat sie im Verborgenen gelebt, ihre Gefühle gegenüber Adriáns Vater schwanken zwischen Zuneigung und Abscheu, Dankbarkeit und Furcht, während sie Adrián, seinen Sohn, wohl durchaus schätzt. Liebe aber scheint es allerdings nicht zu sein, eher wird sie von der Sorge um ihren Sohn Miguel getrieben.

Cueto hat mit „Die blaue Stunde“ einen intensiven Roman über die peruanische Vergangenheit und Gegenwart geschrieben. Der Abstieg des Protagonisten in die Dunkelheit der Vergangenheit und ihrer Schuld, aber auch in die Armenviertel der Hauptstadt Lima ist glaubwürdig, berührend und nachvollziehbar geschildert, die dagegengestellte Gesellschaftselite wirkt einerseits überzogen und karikiert, andererseits gerade deswegen umso realistischer. Einwände mag man haben, wenn sich Adriáns Suche zu einer Liebesbeziehung und zu sexuellen Begegnungen mit dem Opfer seines Vaters ausweitet. Zu sehr scheint da lateinamerikanischer Machismo das Heft in die Hand zu nehmen. Dennoch ist es literarisch sogar erklärbar und durchaus sinnvoll : es ist das Erbe des Vaters, das der Anwalt zu übernehmen scheint, diesmal in einer zivilen, unzweideutig angenehmen Weise, in der Macht und Gewalt keine Rolle spielen. Eher ist Adrián schüchtern und behutsam. Miriam dagegen – als einstiges Opfer, aber auch als Mutter – ist allerdings auch hier durchaus ambivalent. Sie findet die angenehmen Seiten von Adriáns Vater in dessen Sohn und vermag sie bis zu einem gewissen Grade sicher auch zu genießen, doch ist ihr Sohn Miguel mit Sicherheit ein bestimmendes Element ihrer Handlungen. „Die blaue Stunde“, stilistisch und sprachlich eher einfach und vor allem unprätentiös gehalten, ist ein sehr dichter, fesselnder und interessanter Roman auf hohem Niveau, der es vermag, ein eindrückliches Bild peruanischer Vergangenheit und Gegenwart zu entwickeln, der politisch ist, ohne das Literarische zu verraten, und dem es dennoch gelingt, eine Diagnose und mögliche Prohnosen zu stellen.

Bibliographische Angaben :

Alonso Cueto : Die blaue Stunde

Übersetzt von Elke Wehr

Berlin Verlag Taschenbuch

ISBN : 978-3833304262 (derzeit nur gebraucht erhältlich, allerdings existieren lieferbare eBook–Ausgaben für ePub & kindle (Bloomsbury Verlag) )

© Jost Renner