Krimi

Stephen L. Carter : Schachmatt

 

Dieser 850 – Seiten – Roman ist eine recht spannende Mischung aus Kriminalgeschichte, Familien – und Gesellschaftsportrait und Politthriller. Er spielt in der schwarzen, zumeist konservativen Oberschicht, unter Anwälten, Juraprofessoren und Richtern , und reicht weit bis in die Kreise der Politik auf der einen Seite, der Mafia auf der anderen Seite. Richter Garland, ein afro-amerikanischer, stark konservativer Jurist, wird tot aufgefunden. Jahre zuvor stand er kurz vor seiner Ernennung als Richter am Supreme Court, doch ein Skandal, sein Kontakt mit einem ehemaligen CIA-Agenten, dessen Kontakte zur Mafia und zu Drogenhändlern ihn reich, aber auch geächtet werden ließen, machte diesen Karriereschritt zunichte. Oliver Garland begann, zu trinken, fing sich wieder und entwickelte sich zu einem rechten Hardliner, privat und politisch unversöhnlich.

Sein Sohn Talcott Garland, genannt Misha, glaubt an ein natürliches Ableben, während seine Schwester fest eine Mordverschwörung annimmt. Als Misha von verschiedenen Seiten nach „Vorkehrungen“ des Richters gefragt wird, beginnt er doch – zögernd – mit Nachforschungen. Falsche FBI-Beamte tauchen auf, sein Ferienhaus wird durchsucht, er und seine Frau werden unter Druck gesetzt, zumal Kimberly ebenfalls ein hohes Richteramt anstrebt. Und auch sie setzt Misha unter Druck, denn ihr geht ihre Karriere über alles. Seine Suche nach Verbündeten etwa an seiner Universität, an der er Jura unterrichtet, gestalten sich schwierig, denn überall gibt es Seilschaften, und die meisten sind ihm oder seinem Vater nicht gut gesinnt. Daß er selbst durch die Ermittlungen seine Dozentur als belastend empfindet und, dünnhäutiger geworden, in einen Konflikt mit einem Studenten gerät, macht seine Lage nicht einfacher. Talcott lernt viel – über seine Frau, über seinen Vater, über seine Stellung in der Gesellschaft und ein dunkles Geheimnis …

„Schachmatt“ ist der erste Band einer Trilogie, die sich mit der fiktiven Universitätsstadt Elm Harbor beschäftigt. Die Universität ist ihr Zentrum, ihr größter Arbeitgeber und Gestalter der Gemeinde. In einer Vorbemerkung zum zweiten Band verwahrt sich Carter dagegen, den Ort mit New Haven, die Universität mit Yale gleichzusetzen – und damit vermutlich auch gegen die Identifizierung seines fiktiven Protagonisten Talcott Garland als heimliches autobiographisches Portrait. Dies schien allerdings naheliegend, immerhin hatte Carter seit 1982 in Yale Jura unterrichtet. Bis zum Erscheinen dieses Romans war er vor allem als Autor mehrerer Sachbücher in Erscheinung getreten, die religiöse Themen behandelten oder sich mit den Fallstricken der Affirmative Action, also politischen Maßnahmen, die auf die Förderung von Minderheiten und den Ausgleich von Diskriminierung ausgelegt waren, auseinandersetzten.

Im Kern ist dieses Buch eindeutig ein Kriminalroman : ein ungeklärter Todesfall, Ermittlungen, Intrigen und eine Auflösung bestimmen die Grundstruktur des Romans. Und dennoch ist er – wie inzwischen viele Texte der modernen Kriminalliteratur –  weitaus mehr. Wir finden in ihm – gleichwertig – einen Familien – und einen Eheroman und die Darstellung der Gesellschaft, bzw., die einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe. Für Europäer, aber auch vermutlich für viele weiße Amerikaner zeigt sich hier Neuland, unbekannt und unentdeckt. Carter zeichnet nämlich akkurat ein Bild der zu Wohlstand und (politisch und gesellschaftlich) Einfluß gekommenen afro-amerikanischen Oberschicht. Und all dies ist recht spannend und – durch die Krimihandlung – unterhaltsam. Geld und Einfluß reichen nicht hin, um einen unangreifbaren Platz in der von Weißen dominierten Gesamtgesellschaft zu finden oder ihn ungefährdet halten zu können. Das sehen wir an Mishas Vater, an Kimberly und an Mishas Bemühungen, seinen Platz zu finden und zu behaupten.

Ein Grundmotiv des Buches sind Geheimnisse – das Geheimnis um den Tod des Richters, das Schachrätsel, das dem Sohn den Weg zu den Verfügungen seines Vaters zeigen soll und vor allem das Unausgesprochene, das man für sich behält, weil man Einzelgänger ist wie Oliver Garland, weil der familiäre Frieden gewahrt werden muß, weil Lebenswege nicht konvergieren oder weil die Rassengrenzen nie komplett überschritten und damit abgeschafft werden können. Misha sieht sich allein und allein gelassen. Selbst seine beruflichen Netzwerke – das aber ist bei anderen Figuren immerhin anders – funktionieren nicht zuverlässig. Dennoch wirkt er mir an manchen Stellen ein wenig zu larmoyant, sein Gegenpol, entfernt wie ein anderer fremder Planet, Kimberly dagegen ein wenig zu sehr stilisiertes „Karrierebiest“.

Dies tut dem Lesegenuß keinen Abbruch, ebenso wenig wie das Gefühl, der Roman hätte einige wenige Kürzungen gut vertragen. Es ist und bleibt ein gutes Buch, das neben Spannung und Unterhaltung Einblicke in Teile der amerikanischen Gesellschaft vermittelt und mit leichter Hand Themen in den Fokus rückt und Denkprozesse auszulösen vermag. Das ist nicht wenig. Ich habe den Roman nach etlichen vor kurzem ein zweites Mal gelesen, da mir die Folgebände zeitweise außer Sicht geraten waren, ich sie nun aber in nächster Zeit denn doch lesen mag. Der positive Eindruck der Erstlektüre hatte sich nicht verflüchtigt.

Bibliographische Angaben :

Stephen L. Carter : Schachmatt

Übersetzt von Jobst-Christian Rojahn und Hans-Ulrich Möhring

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499254727

© Jost Renner