Italienische Literatur

Alessandro Barbero : Das schöne Leben des Edelmannes Robert Pyle und die Kriege der anderen

Im Jahre 1806 wird man in den Vereinigten Staaten angesichts des französischen Expansionsdranges auf dem europäischen Kontinent allmählich unruhig, denn es scheint nicht ausgeschlossen, daß Napoléon Bonaparte auch Ambitionen hegt, auch amerikanisches Territorium seinem Einflußgebiet hinzuzufügen. Eilends wird ein Botschafter nach Großbritannien entsandt, um ein strategisches Bündnis zu schmieden. Allerdings braucht man auch Hintergrundinformationen vom europäischen Festland, insbesondere das Verhalten des preußischen Königs Friedrich Wihelm III. und das des russischen Zarenhofes soll erkundet werden. William Pinkney, der Botschafter am britischen Hof, wählt den aus Maryland stammenden jungen Anwalt und Genußmenschen Robert Pyle aus, die Interessen Amerikas in Berlin zu vertreten, auch wenn der Kongreß eher unwillig ist, Diplomaten in alle Welt zu entsenden.

Im Frühjahr 1806 schifft Pyle sich ein und erreicht im Juli 1806 Amsterdam. Von nun an reist er mit Kutschen quer durch Deutschland, das allerdings in zahlreiche Fürstentümer geteilt ist. Über Münster, Hannover und Braunschweig reist Pyle recht mühsam nach Berlin, trifft regierende Fürsten, Generäle und andere Militärs und versucht ihre Haltung zu Frankreich und einem möglichen Krieg zu erkunden. Als Genußmensch fühlt sich Robert Pyle nicht wirklich wohl auf dieser langwierigen und anstrengenden Fahrt, zu sehr fehlen ihm Bequemlichkeit, gute Verpflegung und erotische Abenteuer. Und allzu widersprüchlich scheinen ihm die Einschätzungen seiner Gesprächspartner über die politische und militärische Situation angesichts der seit der Schlacht von Austerlitz geübten preußischen Neutralität, die das Königreich zunehmend isoliert hatte. Immerhin hatte Friedrich Wilhelm Rußland zugesichert, Napoléon nicht zu unterstützen, falls dieser gegen Rußland zu Felde ziehen würde. Schließlich in Berlin angekommen, wird Pyle am Hof akkreditiert, auch seine äußeren Lebensumstände verbessern sich wesentlich. Statt schmaler Kost und unbequemer Unterbringung kann er nun recht komfortable Verhältnisse genießen, wird in die bessere Gesellschaft aufgenommen und hat Kontakt zu Offizieren und Adligen, darunter den Prinzen Louis Ferdinand. Er besucht den literarischen Salon von Rahel Levin / Varnhagen von Ense, verkehrt in einem recht niveauvollen Bordell. Er freundet sich mit Major von Schack an und trifft auf Victoire, die er zunächst überhaupt nicht attraktiv findet, deren Verstand und Gedanken er aber alsbald zu schätzen lernt. Seine Erfahrungen mit dem preußischen Militär allerdings sind mehr als ernüchternd : vieles ist bloßer Schein, an Uniformen, Ausrüstung und Verpflegung der einfachen Soldaten wird gespart, das Exerzieren wirkt zwar beeindruckend, ist aber alles andere als auf den Ernstfall vorbereitend. Nur die Offiziere, die Verpflegung und Ausrüstung größtenteils selbst finanzieren müssen, stehen besser da. Die Beratungen zwischen der Armeeführung und dem Königshaus wirken unkoordiniert und unentschlossen, sodaß man im Kriegsfalle das Schlimmste erwarten könnte, zumal nicht Friedrich Wilhelm selbst, sondern der gebrochene und wenig enthusiastische Herzog von Braunschweig das Oberkommando der preußischen Armee innehaben wird.

Pinkney beordert Pyle in das ehemalige polnische Staatsgebiet, das zu dieser Zeit als Ost – bzw. Westpreußen unter preußischer Herrschaft steht. Auch hier soll er die Stimmungslage erkunden, zumal gewisse Sympathien für die „demokratischen“ Verbesserungen durch Napoléon vermutet werden können. In der Tat sind die Unterschiede in den materiellen Gegebenheiten zwischen Polen und preußischen Besatzern kaum zu übersehen. Hausen die deutschen Bauern in Häusern, gibt es für die polnische Landbevölkerung nur Katen – und Pyle muß einmal mehr auf die meisten der gewohnten Annehmlichkeiten verzichten. Bis nach Königsberg reist er und tritt erst dann die Rückreise an, als er den König auf dem Weg nach Sachsen weiß. Sachsen und Preußen sind militärisch verbündet – und dort will er sich der königlichen Entourage wieder anschließen. Mittlerweile hat Friedrich Wilhelm sein Zaudern aufgegeben und den Franzosen das Ultimatum gestellt, seine Truppen umgehend aus Süddeutschland abzuziehen. Als Napoléon die Forderung ignoriert kommt es im Oktober zur Kriegserklärung. Mit seinem farbigen Diener Henry gerät Robert Pyle in die ersten Scharmützel und schließlich in die Schlacht bei Jena und Auerstedt, die in einer verheerenden Niederlage für die Preußen und Sachsen endet. Friedrich Wilhelm ist entmachtet, Preußen wird mehr oder minder zerschlagen. Pyle gerät in französische Gefangenschaft, mittellos, sein Diener getötet, und darf wegen seiner Stellung als Diplomat über Hamburg in die Vereinigten Staaten zurückreisen.

Alessandro Barbero ist Historiker und Dozent für Mittelalterliche Geschichte, hat allerdings neben einem Buch über Karl den Großen, sich wissenschaftlich auch mit der Schlacht bei Waterloo beschäftigt und einige Romane verfaßt, von denen allerdings nur dieser ins Deutsche übersetzt worden ist. Formal angelehnt an die Lebensbeschreibungen von Giacomo Casanova oder die Reisejournale von Lawrence Sterne oder Samuel Johnson ist dieser Roman eine äußerst detaillierte Reisebeschreibung quer durch das spätere deutsche Staatsgebiet, dessen erste Vereinigungsbestrebungen ausgerechnet durch Napoléon Bonaparte mit der Schaffung eines Süddeutschen Bundes angestoßen werden. Akribisch rekonstruiert Barbero Gebäude – von den einfachsten Landgasthöfen bis zu den Fürstenresidenzen, erkundet Stimmungen und Lebensgewohnheiten bei Bauern, Soldaten, Bürgern, Adligen und Politikern, schildert Begegnungen mit Geistesgrößen wie Jean Paul oder Goethe, mit Militärs wie General von Blücher oder dem späteren Militärtheoretiker von Clausewitz, und selbst der spätere, antisemitisch geifernde, Turnvater Jahn läuft seinem Ich – Erzähler Robert Pyle über den Weg. Pyle selbst ist Hedonist, dem leiblichen Wohl, zu dem er auch seine nicht unterentwickelte Sexualität rechnet, nicht abgeneigt, überzeugter Demokrat und steht der deutschen Kleinstaaterei und dem politischen Durcheinander eher leicht überheblich gegenüber. Daß ihn die Vereinigten Staaten, die weder über ein stehendes Heer verfügen (wollen), noch von der Notwendigkeit diplomatischer Beziehungen wirklich überzeugt sind, finanziell an der kurzen Leine halten, fuchst ihn allerdings denn doch.

Die Stärke dieses mit dem Premio Strega ausgezeichneten Buches ist allerdings gleichzeitig seine (nicht allzu große) Schwäche : auf über siebenhundert Seiten kann die Detailfreudigkeit, das akribische Beschreiben auch der letzten Kleinigkeit ab und an recht ermüdend sein, zumal die Erwartungen an einen eher konventionellen historischen Roman schlicht nicht erfüllt werden. Wer also eine – kompakte – (Abenteuer) – Geschichte erwartet oder die Entwicklung des Protagonisten erhofft, wird eher enttäuscht. Zwar hat auch dieser Roman seinen Beginn und einen Endpunkt, der den Ausgang einer – politischen – Entwicklung beschreibt, ist aber dennoch eher – fiktives – Journal und durch die Details recht weitschweifige Lebensgeschichte : immerhin werden auf knapp siebenhundertdreißig Seiten gerade vier Monate – von Juli bis Oktober 1806 abgehandelt. Dennoch hat genau dies, zumindest für den Leser, der etwa an Casanovas „Geschichte meines Lebens“ in etlichen Bänden Gefallen gefunden hat, seinen Reiz. Mag auch die Gesamtsicht des Autors und Historikers Barbero eher modern sein, beläßt er seine Figuren in ihrer eigenen Geschichtlichkeit, modernisiert in keinem Fall ihr Denken oder transportiert durch sie oder ihre Handlungen Allegorien auf die Gegenwart. So ist etwa auch sein Protagonist Pyle keineswegs frei von dem in Europa grassierenden und durch Jahn vehement vertretenen Antisemitismus, der auf finstere zukünftige Entwicklungen weist, doch persönliche Begegnungen – etwa mit Rahel Varnhagen – relativieren dann doch dessen Vorurteile stark.

Ebenfalls äußerst positiv aufgefallen sind mir die Schilderungen der Kriegshandlungen : weder heroisch noch maschinenhaft agierend kommen seine Soldaten daher. Auf einen Angriff folgen zunächst meist kopflose Fluchtversuche, die nur mit Mühe gebändigt und in wirkliche Kampfhandlungen überführt werden können. Und das gilt für Preußen und Franzosen. Auch wenn alles Geschilderte – zwangsläufig – mehr oder weniger fiktiv ist, sobald der Autor die großen Handlungslinien von Politik und Krieg verläßt, erweckt dieses Buch einen angenehmen Eindruck von Authentizität. Barbero beläßt die real – historischen Vorgänge, die ja eh zumeist in Paris oder London stattfinden, eher im Hintergrund, ohne sie jedoch vollkommen aus den Augen zu verlieren. Stattdessen beschäftigt er sich lustvoll mit der realen Erlebniswelt seiner Figuren, mit ihren Persönlichkeiten und Charakteristika. Mag auch Pyle nicht wirklich begeistert von Deutschland bzw. dessen Fürstentümern und Königreichen sein – der Autor Barbero ist es anscheinend allemal. Beinahe liebevoll hat er sich in diesem Roman dem Wendepunkt einer historischen Epoche und den Auswirkungen auf eine damit konfrontierte vielschichtige Gesellschaft gewidmet. Für mich war dieses Buch, das allzu lange ungelesen in meinen Regalen stand, eine interessante, informative und durchaus unterhaltende Lektüre, die allenfalls ein wenig Lesedisziplin abverlangte.

Bibliographische Angaben :

Alessandro Barbero : Das schöne Leben des Edelmannes Robert Pyle und die Kriege der anderen

Übersetzt von Michael Killisch-Horn

Fischer Taschenbuch Verlag

978-3596313709

© Jost Renner