Griechische Literatur

Ilias Venesis : Äolische Erde

Ilias Venesis (andere Schreibweisen : Elias oder Ilias Venezis bzw. Benezes) hieß eigentlich Ilias Mellos. Er wurde 1904 in Ayvalik, im damals griechisch besiedelten Teil Anatoliens geboren. Zum Ende der „Kleinasiatischen Katastrophe“ wurde er von den türkischen Behörden gefangengenommen und verbrachte lange Zeit in türkischen Arbeitslagern. Nach seiner Befreiung mußte er das türkische Staatsgebiet verlassen und lebte längere Zeit auf der griechischen Insel Lesbos, bevor er nach Athen übersiedelte. Hier war er zunächst Mitarbeiter der Staatsbank, später widmete er sich hauptsächlich seinem literarischen Schaffen. 1928 erschien sein erster Roman „Manolis Lekas“. Seinen Durchbruch erlebte er mit dem Roman „Nummer 31328“ – der Titel gibt die Nummer seiner Erkennungsmarke als Gefangener wieder – , der ihm gute Kritiken und stetig hohe Verkaufszahlen brachte. Zeitweise bekleidete er den Posten des Generalintendanten der Organisation der griechischen Theater. Ab dem Jahr 1957 war Venesis Mitglied der Griechischen Akademie der Wissenschaften. Sein literarisches Werk, vor allem Romane und Erzählungen, aber auch Theaterstücke, beschäftigte sich hauptsächlich mit der Vertreibung der Griechen aus den kleinasiatischen Siedlungsgebieten und den Problemen der Wiedereingliederung in das Mutterland, später aber auch mit der Besetzung Griechenlands durch die Deutschen. Ilias Venesis wird zu der „Generation der Dreißiger Jahre“ gerechnet, einer Autorengeneration, die unter den Eindrücken der „Kleinasiatischen Katastrophe“ schrieb. Insbesondere Lyriker dieser Gruppe fanden international hohe Anerkennung und wurden auch durch Nobelpreise geehrt : Giorgos Seferis und später Odysseas Elytis. Der hier vorgestellte stark autobiographisch geprägte Roman erschien bereits im Jahre 1944 und wurde 1949 erstmals ins Deutsche übersetzt. Er gilt als sein bestes Werk. Es gab Übersetzungen anderer Romane und auch Erzählungen, diese liegen jedoch teilweise Jahrzehnte zurück. Ilias Venesis verstarb 1973 in Athen.

Seit der Antike erstreckte sich das griechische Siedlungs – und Einflußgebiet über lange Zeit bis in den kleinasiatischen Raum. Es wurde aber durch das Erstarken des Osmanischen Reichs begrenzt und massiv verkleinert. Jedoch lebten – vor allem im Raum Smyrna (heute : Izmir) – bis 1922 griechische Bevölkerungsteile, zum Teil aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs standen Griechenland und das Osmanische Reich auf verschiedenen Seiten : Griechenland war mit England und Frankreich verbündet, das Osmanische Reich hielt vor allem zum Deutschen Reich und wurde von dort massiv unterstützt. Innenpolitisch begann eine organisierte Verfolgung der Christen, die einerseits im Völkermord an den Armeniern gipfelte und andererseits indirekt zur „Kleinasiatischen Katastrophe“ führte. Nach Ende des Ersten Weltkriegs (1919) unternahm eine relativ instabile griechische Regierung nämlich den Versuch, das politische Einflußgebiet durch einen Einmarsch in Anatolien zu vergrößern. Die ehemaligen Alliierten allerdings unterstützten das Bestreben nicht, umso weniger als Frankreich sich der neuen Türkei annäherte. Nach ersten militärischen Erfolgen erlitt Griechenland eine herbe Niederlage. In einem Vertrag wurde vereinbart, daß alle christlichen Bewohner Kleinasiens, darunter auch durchaus türkischstämmige Bürger, ins griechische Mutterland verbracht werden mußten, während Griechenland seine türkischstämmigen Bürger aussiedelte. Weit über eine Million Griechen waren nun in die griechische Gesellschaft zu integrieren, nachdem sie unter dem Flüchtlingsdasein zu leiden hatten. Der Integrationsprozeß, wiewohl den griechischen Machthabern nicht unerwünscht, war schwierig und dauerte lang.

Der Hauptstrang des Romans erzählt von den Kinderjahren des Protagonisten und Ich – Erzählers Petros. Seit frühen Kinderjahren verlebt er die Sommer auf dem Landgut seiner Großeltern in der Nähe der ägäischen Küste Anatoliens. Nur mit Mühe haben diese dem Land reichliche Erträge abringen können, immer gefährdet und bedroht durch das Salzwasser, meteorologische Unwägbarkeiten oder Räuberbanden. Die Großeltern haben gelernt, in sich zu ruhen, sich den Zeitläuften anzuvertrauen und nicht mit dem Schicksal zu hadern. Die Kinder (drei Schwestern hat Petros) genießen zumeist die Freiheit auf dem Lande. Seine drei Jahre ältere Schwester Artemis verliebt sich – dreizehnjährig – in den Jäger. Doch als eine griechischstämmige Schottin den Nachbarssohn heiraten soll und auf dem Nachbarhof einzieht, wird das Leben von Petros und seiner Schwester durcheinandergewirbelt. Denn Doris, die künftige Braut, scheint mit dem Jäger anzubandeln und verbringt viel Zeit mit ihm auf Streifzügen durch das bergige Land. Und auch Petros mit seinen zehn Jahren ist von Doris fasziniert und erotisiert. So findet Artemis eine Rivalin gleich in zwei Bereichen, in der Liebe und der Geschwisterliebe. Sowohl Petros als auch der Jäger versuchen, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Während Petros in einem Gewitter, ein Adlerjunges aus dem Horst zu stehlen versucht, macht sich der Jäger auf, ihr ein Bärenjunges zu fangen. Petros Unternehmen endet beinahe fatal : er stürzt. Jedoch sind seine Verletzungen nicht allzu schlimm. Der Jäger jedoch wird zunächst vermißt und, als sein Pferd ohne ihn zum Gut zurückkehrt, erschossen aufgefunden. Bald wird klar, daß es sich bei diesem Mord um keinen Einzelfall handelt, daß weder Raub noch persönlicher Zwist die Ursache der Tat waren….

Dieser Roman ist weit mehr als die knappe Schilderung der Handlung wiederzugeben vermag. Es ist vor allem ein Zeitgemälde einer nicht mehr wiederkehrenden Zeit. Er bildet die Einheit zwischen Land und Menschen, zwischen Natur und Bewohnern wie ein impressionistisches Gemälde ab. Die Natur scheint beseelt, göttlich und teilweise bewußt, Bäume, Tiere und Berge denken und reden. In Naturerscheinungen werden Entwicklungen der Handlung vorweggenommen, widergespiegelt. Immer wieder mischen sich Binnenerzählungen – Märchen, Fabeln, Einzelschicksale der Bewohner – in das Geflecht des Romans, sodaß für den Leser ein harmonisches Ganzes, eben ein Gemälde entsteht. Der Autor hütet sich jedoch, eine Blut – und – Boden – Ideologie zu vertreten. Dies ist für den heutigen Leser ziemlich ungewohnt – in Erzählstil als auch in der Wortwahl – und wird im Zusammenhang der gewählten Ich – Perspektive auch ein wenig problematisch, denn zu vieles weist über das Erleben des Protagonisten hinaus. Allerdings ist Venesis ein Erzähler und Künstler, dem man das nur selten übel nehmen mag, meistens dann jedoch, wenn die eigentliche Handlung wie fast im ganzen ersten von drei Teilen vollkommen in den Hintergrund tritt. Und doch ist das Lesen dieses Romans bereichernd, stilistisch, sprachlich und letztenendes auch inhaltlich. Ich halte es für nicht verkehrt, sich auf dieses Buch einzulassen.

Bibliographische Angaben :

Ilias Venesis : Äolische Erde

Übersetzt von Roland Hampe

Insel Verlag

978-3458344391 (derzeit nur gebraucht erhältlich)

© Jost Renner