Französische Literatur

Alexandre Dumas (père) : Der Graf von Sainte-Hermine

2009 erschien, vier Jahre nach der französischen Original-Ausgabe, mit ziemlichem Getöse die Übersetzung eines bislang unentdeckten Romans von Alexandre Dumas (père) : „Der Graf von Sainte-Hermine“. Der Literaturwissenschaftler und Dumas-Fachmann war Ende der achtziger Jahre auf Hinweise zu dessen Veröffentlichung als Fortsetzungsroman gestoßen und wurde nach einiger Suche fündig. 118 Kapitel des augenscheinlich Fragment gebliebenen Werkes hat er gesichert und als Buch herausgegeben, ergänzt durch weitere drei Kapitel, die sich als Manuskript fanden und einer im Anhang zitierten Skizze des Gesamtwerkes, inklusive des projektierten Endes. Darüber, daß „Der Graf von Sainte-Hermine“ der dritte Teil einer „Bürgerkriegs-Trilogie ist, der zusammen mit „Les Blancs et les Bleus“ und „Les Compagnons de Jéhu“ die napoleonische Ära abbilden soll, verlieren der Verlag und die meisten Rezensionen kaum ein Wort, im Nachwort immerhin erfährt der Leser dann doch davon. Und die Idee, die vorhergehenden Bände ebenfalls (neu) zu übersetzen und herauszubringen, schien wohl zu abwegig. So wurde also unter dem Schlagwort „Sensation“ nur dieser Band publiziert – und der ist nur 8 Jahre später in allen Ausgaben vergriffen.

Hector de Sainte-Hermine ist der jüngste Sproß eines alten Adelsgeschlechtes und der einzige Überlebende, nachdem der Vater und die beiden älteren Brüder als Royalisten gegen das Revolutionsregime kämpften und hingerichtet wurden. An ihn wurde die Aufgabe weitergereicht, und zeitweise scheint es, als könne er – nach Befriedung der Vendée und der Bretagne – doch seinem Schicksal entgehen. Hector nämlich ist alles andere als mit dem Herzen dabei. Doch Intrigen des ehemaligen und nun inoffiziellen Polizeiministers Joseph Fouché lassen den Widerstand wieder aufflammen, und Hector, um seine Verpflichtung zu erfüllen, bricht seine gerade sich vollziehende Eheschließung ab und schließt sich den Compagnons de Jéhu, Briganten aus adligem Hause, die ausschließlich Staatsgelder rauben, widerwillig an. Schon bei der ersten Aktion wird er gefangen genommen und bleibt drei Jahre im Gefängnis, Tag für Tag seine Hinrichtung erwartend.

Jedoch ist ihm Fouché unerwartet wohlgesonnen und erwirkt eine Begnadigung. Als einfacher Soldat soll er sich bewähren. So schließt er sich zunächst dem Korsaren Surcouf an, vollbringt Heldentaten und wird rasch befördert. Eine Reise nach Birma konfrontiert ihn mit wilden Tieren und der von ihm nicht erwiderbaren Liebe einer Cousine. Ein Jahr später geht er zur offiziellen Marine der Republik und nimmt an der Schlacht bei Trafalgar teil, und er ist es wohl, der Admiral Nelson tötet. Die Schlacht allerdings geht – verheerend – verloren. Napoleon ist dennoch höchst beeindruckt und empfängt ihn. Als er jedoch Hectors wahren Namen erfährt – dieser agiert seit seiner Freilassung unter dem Namen René – erweist er sich als höchst ungnädig. Einmal mehr geht Hector unter die Soldaten, diesmal nach Italien. Hier soll er den Banden von Straßenräubern ein Ende machen, die nicht nur rauben und morden, sondern auch der französischen Armee erheblichen Widerstand leisten.

„Der Graf von Sainte-Hermine“ ist weit mehr als ein Abenteuer-Roman, denn wie die beiden ersten Teile versucht er, ein Bild der Herrschaft Napoleons zu zeichnen. Während „Les Blancs et les Bleus“ den Aufstieg Bonapartes, die Zeit des „Terreur“ behandelt, „Les Compagnons de Jéhu“ sich mit der Zeit des Konsulats beschäftigt, widmet sich dieser Band nun dem Kaiserreich. Ich hatte die beiden ersten Bände zuvor in einer englischen, ziemlich tauglichen Übersetzung gelesen, um mich auf diese Lektüre vorzubereiten.

Das Konzept der Trilogie und dieses Romans macht es wenig verwunderlich, daß der Protagonist nach seinem ersten Erscheinen im Wesentlichen für 400 Seiten „verschwindet“ und daß stattdessen politische Geschehnisse im Vordergrund stehen. Dumas sieht sich selbst als einen eher erzählenden Historiker als einen „historischen Romanschriftsteller“. Dementsprechend akribisch und oft historisch stimmig sind die beschriebenen Situationen und Gespräche, wenngleich sich immer auch Ungenauigkeiten und Widersprüche einschleichen, die vermutlich dem Druck durch eine Veröffentlichung in Fortsetzungen geschuldet sind. Zudem ist die Autorschaft Dumas‘ immer recht problematisch, arbeiten doch etliche Zuträger und Zuarbeiter für ihn, und fraglich bleibt, welches nun sein Eigenanteil gewesen sein mag. Um genügend Stoff für seine Lieferungen an die Zeitung zu haben, zitiert er mindestens dreimal komplette Kapitel aus früheren Büchern oder ergeht sich in Exkursionen zur Geschichte Saint Malos oder der antiken Via Appia. Zumindest letzteres stellt die Geduld des Lesers auf die Probe.

Die Abenteuer des Protagonisten dagegen lassen an Tempo und Spannung wenig vermissen. Hector, der in der Haft mit dem Leben weitgehend abgeschlossen hat, sucht den Tod und begibt sich immer wieder in Gefahr. Er mutiert so zu einer Art Superheld, der Gefahren nicht scheut, den Tod aber dank seiner Tapferkeit, seiner Intelligenz und seiner guten Umgangsformen nicht findet. Er ist im Wesentlichen unpolitisch, hat sogar Sympathien für die Revolution und auch Napoleon, aber ebenso viel Abscheu, denn die Revolution war ein blutiges Geschäft, dem seine Familie zum Opfer fiel, und auch Napoleon ist höchst rigide in der Durchsetzung seiner Politik. Sainte-Hermine mag so in Teilen auch für Dumas stehen, dessen – farbiger – Vater als General bei Bonaparte in Ungnade fiel. Und auch er selbst war zu Lebzeiten der Hautfarbe wegen nicht immer wohlgelitten, zudem wurden seine Werke als Unterhaltungsliteratur eher geringgeschätzt. Es dauerte immerhin bis 2002, bis er neben anderen literarischen Größen im Panthéon beigesetzt wurde. Hector wie Dumas, der übrigens Anhänger der Republik war, mangelt es deutlich an einem Zugehörigkeitsgefühl, und Sainte-Hermines Handlungen wirken auch ab und an wie ein Kampf um Anerkennung.

Ich habe die Trilogie gern gelesen, die ersten beiden Bände etwas lieber als den hier besprochenen, weil diese etwas mehr bearbeitet und gestrafft wirkten, was sich dadurch erklärt, daß diese schon in Buchform – und damit endgültig revidiert – erschienen waren. Dennoch hatte ich eine vergnügliche und lehrreiche Zeit. Dumas‘ Intentionen haben sich also vollkommen verwirklicht.

Bibliographische Angaben :

Alexandre Dumas (père) : Der Graf von Sainte-Hermine

Übersetzt von Melanie Walz

Blanvalet Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3442378302 (derzeit nur gebraucht erhältlich)

© Jost Renner

Michel Matveev : Das Viertel der Maler

Michel Matveev, der eigentlich Joseph Constantinovsky hieß, gehört im deutschsprachigen Raum vermutlich zu den weitgehend unbekannten Autoren. 1892 in Jaffa geboren, verläßt er 1919, nachdem Vater und Bruder bei einem Pogrom getötet wurden, die noch junge Sowjetunion in Richtung Israel, um dort als Bildhauer und Maler in Tel Aviv zu arbeiten. Bald schon zieht es ihn weiter, und über die Türkei und Rumänien gelangt er 1923 nach Paris. Er nennt sich nun Joseph Constant und führt eine weitgehend prekäre Existenz als Bildender Künstler. Anhaltender Geldmangel bewegt ihn, auch als Autor tätig zu werden. Dafür wählt er das Pseudonym Michel Matveev.

1928 debütiert er mit dem weitgehend autobiographischen Buch „Die Armee der namenlosen Revolutionäre“, in dem er die Vorgänge der Revolution von 1905 und seine und seines Vaters Rolle darin beschreibt. Literarisch gesehen ist dieser Text eher eine Mischform aus Sachbuch und Bericht. Nach weiteren Veröffentlichungen erscheint 1947 sein semi-autobiographischer Roman „Das Viertel der Maler“.

In diesem Buch schildert Matveev nun sein Leben als Künstler, aber auch das seiner meist ebenfalls jüdisch-osteuropäischen Kollegen und – Leidensgenossen. Hatte er zunächst versucht, Broterwerb und künstlerische Arbeit miteinander zu vereinbaren, um sich eine zumutbare Unterkunft leisten zu können, die als Atelier und Wohnraum zu dienen hatte, läßt er die reguläre und bezahlte Arbeitsstelle bald fallen, um sich ausschließlich der Kunst zu widmen. Die Folgen sind absehbar : seine bisherige Wohnung ist für ihn unerschwinglich, und nach einiger Zeit, die er auf Pariser Straßen oder bei einem Freund notdürftig untergebracht verbringt, landet er in der Künstlerkolonie „La Ruche“ im 15. Arrondissement, die 1902 vom französischen Bildhauer Alfred Boucher in einem ehemaligen Bau Gustave Eiffels für die Weltausstellung gegründet wurde. Die Wohnräume, die gleichzeitig Ateliers waren, kosteten nicht viel, waren aber bar jeder Annehmlichkeit. Hier sammeln sich vor allem Künstler aus Osteuropa, meistens sind und bleiben sie erfolglos. Zu den bekanntesten derer, die es geschafft haben, gehören etwa Marc Chagall, Robert Delaunay, Amedeo Modigliani und Blaise Cendrars. Das Leben der Gescheiterten, zu denen sich Matveev – nicht ganz ohne Stolz – selbst zählt, ist recht eintönig : man klappert die Galerien ab, um seine Werke zu verkaufen, schaut nach, wie Bilder von sich in Ausstellungen platziert wurden (meist natürlich in den hintersten, dunkelsten Ecken), geht ins Bistro, um zu kommunizieren oder sich ein Getränk ausgeben zu lassen oder träumt von Frauen. Die Affäre des Ich-Erzählers mit Françoise endet schnell – und wird zu einer Nemesis, denn immer wieder begegnet er ihr, zuletzt als Muse und Geliebte verschiedener anderer Künstler. Endlich einmal hat er einen bescheidenen Erfolg : ein Sammler entdeckt und fördert ihn. Er verbringt, bezahlt vom Mäzen etliche Monate auf dem Land …

Wirkliche künstlerische Anerkennung erfährt Joseph Constant / Michel Matveev erst nach dem zweiten Weltkrieg. Bis zu seinem Tod im Jahr 1969 arbeitete er in Frankreich und Israel. Doch sein Buch gibt einen wertvollen Einblick in die Welt der Gescheiterten, der Exilanten aus Osteuropa, die vor Pogromen oder der russischen Revolution geflohen waren. Er schildert Typen, Menschen, ohne sie mit den wirklichen Vorbildern zu identifizieren. Ihm geht es weniger darum, einen Bericht zu verfassen, sondern eine Welt widerzuspiegeln, in der Scheitern zum Lebensentwurf gehört, in der Reibereien und Solidarität einander abwechseln. Seine Menschen sind kauzig, biestig, liebenswert und auch in nicht geringem Maße selbstgefällig. So entsteht für den Leser ein intensiver und damit höchst interessanter Kosmos. Matveev bleibt sprachlich eher nüchtern, nichts ist zu spüren von emotionalem Überquellen, und so bleibt jede Romantisierung, jeder Kitsch fern. Es ist also dem Weidle Verlag zu danken, einen Autor entdeckt zu haben, der in unseren Gefilden eher unbekannt geblieben ist und doch die Annäherung lohnt. Zwei weitere Bände sind dort ebenfalls erschienen.

Bibliographische Angaben :

Michel Matveev : Das Viertel der Maler

Übersetzt von Rudolf von Bitter

Weidle Verlag

ISBN : 978-3938803769

© Jost Renner