Fantasy – Science Fiction

Stephen King / Owen King : Sleeping Beauties

Als eines Tages eine junge, unbekleidete Frau in den Wäldern der Appalachen West-Virginias auftaucht, ahnt noch niemand etwas Böses. Das aber soll sich schnell ändern : Sie tötet zwei Drogenkocher mit übermenschlicher Körperkraft, läßt sich bereitwillig festnehmen und in das Frauengefängnis der kleinen Stadt Dooling überstellen, in der der Ehemann der Polizistin Lila Norcross als Psychiater arbeitet. Zeitgleich tritt weltweit ein seltsames Phänomen auf : Frauen schlafen ein, und aus ihren Sekreten entsteht ein Kokon, der sie nach und nach vollkommen umhüllt. Versuche, diesen zu entfernen, läßt die Frauen erwachen, zu reißenden Bestien werden und nach vollendeter Bluttat wieder einschlafen.

Die Frauen versuchen sich, als ihnen ihr Schicksal klar wird, mit allen Mitteln wachzuhalten, trinken literweise Kaffee, nehmen verschreibungspflichtige Medikamente oder – soweit zugänglich – Drogen. Ein besonderer Brennpunkt ist das Frauengefängnis, denn hier sind viele Frauen, Insassen und Aufseherinnen an einem Ort konzentriert. Letztlich aber ist man hilflos, denn ein Gegenmittel gibt es allem Anschein nicht. Nur der Neuzugang, Evie Black, kann wachen und schlafen, ohne dem Bann zu verfallen. Auch anderes läßt sie als mit übernatürlichen Kräften versehen erscheinen.

Die Männer des Ortes – und weltweit – haben ihre eigenen Methoden, mit dem Problem umzugehen. Wiewohl sehr besorgt, ihre – ja noch lebenden – weiblichen Angehörigeen irgendwie in Sicherheit zu bringen, glaubt man aufkommenden Gerüchten, daß die Fasern der Kokons ansteckend seien und geht daran, die Kokons mitsamt der schlafenden Frauen systematisch zu verbrennen. In Dooling selbst haben die Männer Gerüchte gehört, daß im Gefängnis eine Frau sei, die vielleicht helfen könnte, die Frauen wieder erwachen zu lassen. Man rüstet sich also zum Krieg, im Gefängnis unter der Leitung des Psychiaters zur Verteidigung, umso bereitwilliger, weil Evie durchblicken läßt, sie könnte die Frauen zurückbringen. Allerdings auch nur dann, wenn diese zustimmten.

Es ist nicht das erste Mal, daß sich Stephen King mit der Gewalt gegen Frauen beschäftigt, so war das schon Thema in „Rose Madder“ („Das Bild“), wo eine Frau nach 15 Jahren in einer gewalttätigen Beziehung „aufwacht und versucht, ein eigenständiges, neues Leben zu führen, und sich dann mit ihrem sie verfolgenden Ehemann auseinandersetzen muß. In „Sleeping Beauties“ aber gehen Stephen King und Sohn Owen das Thema politischer und globaler an. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern stimmen ganz und gar nicht. Die beschriebenen Männer sind so ein Panoptikum von gewalttätigen, unterdrückenden und herrischen Machthabern oder sind (selbstherrliche, kaum kommunizierende) einsame Wölfe, die die Basis des Miteinanders nicht erfüllen können (oder wollen).

Im Gefängnis finden sich dann die Gegenbilder dazu, Frauen, die selbst getötet haben, drogenabhängig wurden, nicht selten als Folge einer katastrophalen Beziehung, aber auch wegen vielerlei Diskriminierungen … An einer Stelle – in Hinsicht auf das mögliche (und ansatzweise geschilderte) Utopia konstatieren beide aber auch : Gewalt und Zwist gehörten zur menschlichen Grundausstattung, seien also auch dort nie ganz zu vermeiden.

Daß sich nun aber die Übelsten unter den Männern zusammenrotten, um das Gefängnis zu erstürmen, folgt einer typischen Dramaturgie Stephen Kings, wie man sie auch aus „The Stand“ oder „Needful Things“ kennt. Das Übernatürliche spielt gewiß eine – nicht unerhebliche – Rolle, aber die Menschen tun recht bereitwillig iihren Teil dazu, daß aus einem Schlamassel alsbald ein blutiges Gemetzel mit Endzeitcharakter entsteht. Und daran, daß es recht bald übel enden würde, kehrten die Frauen nicht aus ihrem Schlaf zurück, daran lassen beide Autoren keinen Zweifel. Und ich bin sehr geneigt, ihnen darin zu folgen.

Der Roman ist so sehr ein typischer „Stephen King“ – vom Ambiente der an der amerikanischen Ostküste über die Aufteilung der Protagonisten und Antagonisten hin bis zu seinem (hier nicht ganz so) unterschwelligen Engagement -, daß ich mich nach Interviews umsah, in dem der Anteil Owen Kings beschrieben wurde. Die dort geschilderte Arbeitsweise, etwa das gegenseitige Überarbeiten der jeweiligen anderen Teiltexte, haben einen recht einheitlich wirkenden Text entstehen lassen, der sehr deutlich die Handschrift des Vaters trägt. Ich vermute zudem, daß die Ambivalenz des übernatürlichen Wesens, das definitiv diesmal kein Monster ist, einigen Diskussionen zwischen den beiden zu verdanken ist. Auch die klare Struktur des Gesamtwerkes ist mit Sicherheit eine zwangsläufige und notwendige Folge der Kooperation.

Ich habe einen sehr ansprechenden, spannenden und unterhaltsamen Text gelesen, dessen Schemata mir über Jahre, Jahrzehnte vertraut erscheinen, ohne daß sie hier lustlos oder gar abgenutzt erschienen. Auch haben die Personen für mich genug Tiefe, um mehr zu sein als genormte Spielfiguren, aber natürlich weniger als in einem analysierenden psychologischen Kammerspiel, schließlich ist Handlung, zum Teil recht martialisch ein treibendes Element. Gelungen scheint mir auch die Einbindung des politischen, ansatzweise feministischen Hintergrunds, der an keiner Stelle zum Traktat wird, aber dennoch immer präsent ist. Inwieweit erzählende Literatur Bewußtsein verändern (oder auch nur erwecken) kann, bliebe zu diskutieren, aber der Satz „Steter Tropfen höhlt den Stein“ ist nicht ganz zu verwerfen …

Das Buch wird Mitte November 2017 in deutscher Übersetzung von Bernhard Kleinschmidt beim Heyne Verlag (ISBN : 978-3453271449) erscheinen.

Bibliographische Angaben :

Stephen King / Owen King : Sleeping Beauties

Hodder & Stoughton

ISBN : 978-1473665194

© Jost Renner

Frank Schätzing : Der Schwarm

Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden die Menschen an den verschiedensten Orten mit ungewöhnlichen Ereignissen konfrontiert. Manche davon wie das Verschwinden eines peruanischen Fischers werden allenfalls vermerkt, ohne der Ursache nachzuspüren, andere werfen drängende Fragen auf, wenn etwa große Schiffe durch ungewöhnlich starken Muschelbefall lahmgelegt und die Rettungsversuche von Walen anscheinend gezielt vereitelt werden. Wale sind es auch, die Boote im Norden Kanadas angreifen, auf denen Touristen eine seltene Gelegenheit zum Whale-Watching geboten wird. Diese Form des Tourismus ist nicht unumstritten, doch der leitende Biologe Leon Anawak sieht darin eine Form des Naturschutzes, brauchen doch die Menschen eine gewisse Nähe zu Tieren, um ihr Schutzbedürfnis begreiflich zu machen. Ganz anderer Meinung ist da die Aktivistengruppe um Jack O’Bannon, genannt Greywolf. Doch der Angriff der Wale, der für etliche Touristen aber auch Tierschützer tödlich endet, bringt die einstigen Freunde Leon und Jack wieder zueinander. Die Ursache für das Verhalten der Tiere jedoch bleibt im Dunkeln. Zur selben Zeit tut sich an der norwegischen Küste ähnlich Seltsames, das allerdings weniger bedrohlich scheint : Millionen von Würmern befallen ausgedehnte Flächen aus Methanhydrat und bohren sich hinein. Aufnahmen einer Ölförderungsgesellschaft dokumentieren diesen Vorgang, und der hinzugezogene Wissenschaftler Sigur Johanson ist zunächst ratlos und begreift auch keineswegs das darin liegende Gefährdungspotential, noch weniger allerdings die Ursache für diese Massierung von Lebewesen, die zudem bekannten Arten allenfalls ähneln. Zu spät erkennen er und die inzwischen konsultierten Wissenschaftler, daß nicht der Wurm die eigentliche Gefahr darstellt, sondern die von ihnen transportierten Bakterien, die das Methanhydrat soweit zerfressen, bis instabile Kavernen großflächig explodieren. Ein großflächiger Tsunami wird ausgelöst, der die Küsten Europas weitgehend zerstört und Hunderttausende von Menschen in den verschiedensten Ländern tötet, darunter auch eine Kollegin Johansons.

Weitere Konferenzen zwischen Wissenschaftlern aus aller Welt werden dadurch erschwert, daß Meldungen zu solchen Anomalien unterdrückt und die Kommunikationsversuche massiv behindert werden. Hierfür allerdings gibt es eine Verantwortliche, Judith Li, amerikanische Generalin chinesischer Abstammung und Vertraute des amerikanischen Präsidenten. Den Vereinigten Staaten ist daran gelegen, diese Krise zu nutzen, um mögliche Verursacher auszuschalten und gleichzeitig ihre Vormachtstellung in der Welt zu festigen. Diesem Anliegen widmet sich ebenfalls der schmierige, unsympathische CIA-Direktor Vanderbilt, der durchaus willens ist, seine Ziele mit Gewalt zu verfolgen. Li und er, die sich nicht leiden können, arbeiten dennoch reibungslos zusammen. Allerdings wird Vanderbilts Terror-Idee dadurch ad absurdum geführt, daß diese verheerenden Vorfälle alle Erdregionen gleichermaßen betreffen. Ein Schiff der amerikanischen Marine, umgebaut zu einem modernen Forschungsschiff, wird zum Sammelpunkt von Wissenschaftlern aus aller Welt, die nun damit betraut werden, die Ursachen zu eruieren und Lösungswege aufzuzeigen. Li überläßt wenig dem Zufall : alle Quartiere, Decks und Labore sind mit Kameras und Mikrophonen überwacht, zudem gibt es Einrichtungen, die ausschließlich dem Militär und der CIA vorbehalten sind, wo man ganz andere Ansätze zu verfolgen gewillt ist. Es ist Johanson, der den Verursacher identifizieren kann : Einzeller, die sich zusammenschließen und so eine kollektive Intelligenz bilden können, die Yrr. Und denen scheint daran gelegen, die Menschheit vom Planeten gründlich zu entfernen. Schlimmer aber ist, daß man zunächst keinen Weg findet, das sich abzeichnende Desaster zu vermeiden. Die Wissenschaftler erarbeiten Wege, um mit den Yrr zu kommunizieren, doch ist das Forschungschiff bald selbst Ziel heftigster Angriffe. Dagegen verfolgen General Li und Vanderbilt heimlich einen anderen Plan, denn sie sind nicht an Kommunikation, sondern an Sieg interessiert …

Auf knapp eintausend Seiten breitet Frank Schätzing vor dem Leser ein spannendes, geschickt konstruiertes, allerdings mit erheblichen Schwachstellen behaftetes Endzeitszenario aus, daß zumindest seinen Zweck, zu unterhalten, weitgehend erfüllt, auch wenn man sich einige Kürzungen gewünscht hätte. Doch montiert er – wie in einem Drehbuch – schnell geschnitten Episoden hintereinander, die sich meist auf die schnell und heftig ablaufende Handlungsebene konzentrieren und nur ab und an von wissenschaftlichen Erläuterungen in durchaus dem Laien verständlicher Sprache und eher sporadischer sozialer Interaktion unterbrochen werden. Recht schnell gewinnt das Szenario die Qualität einer globalen Katastrophe, sodaß Schätzing gezwungen ist, sein Augenmerk in der zweiten Hälfte des Romans eher auf die wissenschaftliche Arbeit und auf die Konflikte der Menschen, bzw. ihrer Gruppierungen untereinander zu legen. Auch das verlangsamt das Tempo nicht unbedingt, können doch unvermutete Angriffe der Yrr, aber auch das wenig gewaltlose Vorgehen der Generalin und ihres Bundesgenossen Vanderbilt die Spannungsbögen aufrecht erhalten.

Ein weiterer Pluspunkt des Romans ist die genaue und umfassende wissenschaftliche Recherche, mit der Schätzing seine Handlung und die darin verwendeten Thesen untermauert. Wer interessiert ist, mag anhand dieser Linkliste einen Einblick in die wissenschaftlichen Grundlagen des Buches gewinnen. Selbst reale Personen wie die Wissenschaftler Seuss, Bohrmann oder – etwas maskiert – die SETI – Forscherin Jill Tarter erscheinen, um der Katastrophe Herr zu werden. Ebenfalls verfremdet, aber durchaus realen Personen nachempfunden sind General Li, die doch sehr an Condoleezza Rice erinnert, und ihr Freund im Weißen Haus, der allerdings bestenfalls zu einer Karikatur des 43. Präsidenten der USA, George W. Bush, geraten ist. Hier liegt schon die erste Schwachstelle des Romans, denn spätestens mit dem Eingreifen durch die USA und seiner Repräsentanten Li und Vanderbilt, der als Geheimdienstler eher einem drittklassigen Film entsprungen scheint, wird ein kaum nur latenter Anti-Amerikanismus mehr als deutlich. Man mag das mit der Entstehungszeit erklären – die Anschläge des 11. September und die daraus resultierenden Kriege in Afghanistan und im Irak – dürften den Autor wie viele andere Europäer beschäftigt haben. Und doch wirkt diese einseitige Parteinahme und Personenzeichnung eher störend, zumal die davon betroffenen Figuren meist wenig mehr als holzschnittartige Abbilder, kaum jedenfalls eigenständige und lebendige Personen sind. Wirkliche Sorgfalt bei der Wiedergabe von Personen läßt Schätzing allenfalls bei Sigur Johanson und Leon Anawak walten, wobei diese wohl auch die eindeutigen Sympathieträger und Protagonisten des Werkes sind. Das vermag den Unterhaltungswert des Buches nicht wirklich zu vermindern, beraubt es allerdings eines Teils seiner – literarischen – Glaubwürdigkeit und Substanz.

In dieser Hinsicht verheerender ist jedoch Schätzings Umgang mit der Sprache. Zumeist bewegt sich seine Erzählperspektive recht nah an der jeweils im Mittelpunkt einer Episode stehenden Figur. Auffallend ist seine Verwendung vieler und das Tempo verstärkender, nachdrücklicher Adjektive und manchmal leicht übertrieben wirkender Verben, sodaß man sich bald in einen eher minderwertigen Actionschmöker versetzt fühlt. Dann allerdings gibt es Sätze, in denen er sich plötzlich zu einer vollkommen überhöhten Sprachebene aufschwingt, es tauchen Worte wie „Gestade“, „Gefilde“ auf, die der geschilderten Situation und dem gesamten sprachlichen Gebildes des Buches seltsam unangemessen scheinen. Ordnet er Sprache den Äußerungen und Gedanken seiner Figuren zu, wird es ab und an wirklich unangenehm : zum einen läßt er jegliche sprachliche Differenzierung und damit die Unterscheidung der einzelnen Figuren vermissen, zum anderen begibt er sich auch dort auf ein sprachliches Niveau, das eher mit dem Genre des Actionfilms, nicht aber mit der Bildung hochspezialisierter Wissenschaftler zu vereinbaren ist. Letztlich ist das ebenso enervierend wie auf Dauer langweilend. In den letzten Abschnitten, die die zum Teil halluzinatorische Tauchfahrt der Wissenschaftsjournalistin Karen Weaver zu den Yrr schildern, gesellt sich nun auch noch ein leichtes Pathos, das der Roman bis dorthin ebenso erfolgreich vermieden hatte wie den erhobenen Zeigefinger. Bedenkt man, daß der Autor auf den einhundert bis einhundertfünfzig Seiten zuvor eher zu einem Schlachtfest eingeladen zu haben schien, wirken diese Passagen eher deplaziert, auch wenn einem die Motivation für gerade diesen Lösungsweg nachvollziehbar scheint.

Abgeschlossen wird das Buch mit einer Tagebuchaufzeichnung der SETI – Forscherin Samantha Crowe, die eigentlich – wie alle weiblichen Figuren – eher blass wirkte, in der sie ein Jahr nach der Katastrophe den religiös-philosophischen Implikationen der Begegnung mit den Yrr und letztlich der Unterlegenheit der menschlichen Rasse nachgeht. Kaum nachvollziehbar beschränkt sie sich dabei auf die Dogmen der christlichen Kirche und stellt besonders eine Frage nicht : Was ist oder wäre, wenn der Mensch nicht mehr am Ende der Nahrungskette stünde, sondern letztlich anderen Mächten ohne Möglichkeit der Gegenwehr ausgeliefert wäre. Denn der Roman als solcher kann diese Frage nur ansatzweise beantworten, er ist ja auf ein – zeitweiliges – verhältnismäßig gutes Ende angelegt.

Sofern man sich gut unterhalten und in seinen Gedanken über einen weitgehend unerforschten Teil unserer Lebenswelt, der sich gerade deshalb ausgezeichnet als Projektionsfläche für Ängste und Katastrophenszenarien eignet, anregen lassen möchte, ist dieser Roman von Frank Schätzing bestens geeignet. Man sollte es allerdings vermeiden, nach hochliterarischem Anspruch Ausschau zu halten. Denn diesen kann das Buch nicht erfüllen, will es aber auch nicht. Immerhin vermag Frank Schätzing es, den Leser an der Lektüre zu halten und den Ereignissen mit hoher Aufmerksamkeit folgen zu lassen. Auch das kann nicht jeder.

Bibliographische Angben :

Frank Schätzing : Der Schwarm

Fischer Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3596164530

© Jost Renner

Susanna Clarke : Jonathan Strange und Mr. Norrell

Vom Herbst 1806 bis ins Jahr 1817 erzählt die Autorin die Geschehnisse um ihre beiden Protagonisten Jonathan Strange und Gilbert Norrell. Angesiedelt ist die Handlung in einem Großbritannien, daß auf eine reiche, aber inzwischen beinahe versiegte magische Tradition zurückblicken kann. Immer noch gibt es Magier, doch die beschäftigen sich fast ausschließlich mit den historischen und theoretischen Aspekten der Zauberei. Lange vergangen scheint das Goldene Zeitalter der Magie, in dem der Rabenkönig seine Herrschaftsgebiete Nordengland, das Elfenland und einen Teil der Hölle zusammenhielt. Doch in Yorkshire lebt Gilbert Norrell, ein eigenbrötlerischer und manischer Sammler von Büchern über die Zauberei, der sich – als einziger noch praktizierender Zauberer – berufen fühlt, die Magie in England wiederzubeleben. Auch wenn er keinen besseren Zeitpunkt hätte wählen können – Großbritannien braucht dringend Unterstützung im Kampf gegen die Armeen Napoleons – fehlen ihm doch die notwendigen Kontakte und Umgangsformen, um sein Vorhaben zu verwirklichen. So beginnt er mithilfe zweier Stutzer in der guten Gesellschaft Londons und den politischen Kreisen zu antichambrieren. Doch erst der Tod der jungen Ehefrau eines Politikers ebnet ihm den Weg, denn er schafft es, sie mit Unterstützung eines Elfen wiederzuerwecken. Norrell aber macht damit einen fatalen Fehler, denn der Elf bittet sich eine Gegenleistung aus, die der Zauberer vollkommen falsch einschätzt und daher gewährt : Die Hälfte ihrer noch verbleibenden Lebenszeit soll die Frau mit dem Elfenwesen verbringen. Abgelenkt durch das Auftauchen eines zweiten Zauberers, Jonathan Strange, und die Magie im Dienste der britischen Krone erfährt er nie, daß die Gerettete von nun an regelmäßig zu gespenstischen Bällen ins äußerst düstere Elfenland entführt wird und zurück in der realen Welt immer weiter psychisch zerfällt. Norrell, der eifersüchtig darauf bedacht ist, seine alleinige Kompetenz im Bereich der Zauberei zu behaupten, findet in Strange einen kompetenten und schnell verstehenden Gesprächspartner, sodaß er ihn als Schüler und Mitstreiter akzeptiert. Jedoch ist er eifrig darauf bedacht, vieles vor diesem geheimzuhalten und dessen Eifer zu bremsen. Jonathan Strange jedoch drängt es, seine Fähigkeiten zu beweisen, die Möglichkeiten bis hin zur Schwarzen Magie auszuprobieren, obwohl er bei weitem nicht alles beherrscht.

Als er vor Ort in Spanien und Belgien die britische Armee mit Magie unterstützen soll, findet er ein einzigartiges Experimentierfeld – und niemanden, der ihn zu bremsen vermag. So verändert er ungeniert Landschaften, versetzt Städte und Berge, ohne seine Handlungen jemals rückgängig zu machen oder erweckt tote feindliche Soldaten, um sie verhören zu können, weiß jedoch nicht, wie er sie wieder sterben oder wirklich leben lassen kann, sodaß sie als Untote dem Troß des englischen Militärs folgen müssen. Und Stranges Bestreben geht weit darüber hinaus : fasziniert vom „Rabenkönig“, dessen Wiedererscheinen von einem Scharlatan prophezeit wurde, und von der Zusammenarbeit zwischen menschlichen Magiern und Gehilfen aus dem Elfenland, beschäftigt er sich immer mehr mit diesem Grenzbereich. Dabei trifft er auf den erbitterten Widerstand seines Lehrers und Mentors Norrell, sodaß sich bald beide heftigst bekämpfen. Derweil ist der einstige Helfer Norrels nicht untätig : zum einen hat er Gefallen an Stranges Ehefrau gefunden und entführt sie in sein düsteres Reich, zum anderen macht er sich daran, den farbigen Diener Stephen Black, der einst im Hause der verstorbenen Politikerfrau gedient hatte, in seinen Bann zu ziehen und als „neuen Rabenkönig“ zu installieren. Jonathan, der durch den scheinbaren Tod seiner Frau schwer getroffen wurde, experimentiert mit Elixieren, die ihn in Wahnsinn versetzen, um Kontakt mit dem Elfenland aufnehmen zu können. Auch eine junge Frau, die er kennenlernt, kann ihn nicht von seinen Versuchen abbringen. Als seine Bemühungen Erfolg haben, muß er erfahren, daß seine Frau nicht gestorben ist und daß sich deren Entführer ein nächstes Opfer ausgesucht hat : seine neue Bekannte. Allmählich wird ihm die Gefahr bewußt, die von diesem Elfenwesen ausgeht, und auch Mr. Norrell wird nach und nach deutlich, welche Gefahren sich aus seinem Handeln entwickelt haben.

Die Autorin Susanna Clarke hat sich für ihren Roman ein umfangreiches Pensum gewählt. Nicht nur wollte sie einen Fantasyroman schreiben, der die Leser mit magischen, düsteren und unheimlichen Begebenheiten in seinen Bann zieht, sondern zugleich auch ein stimmiges, gut recherchiertes und immer wieder ironisches Gesellschaftsportrait Englands zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Im Buch selbst und in verschiedenen Interviews stößt man auf verschiedene literarische Bezugspunkte und Einflüsse, ohne daß man jedoch in Versuchung geraten sollte, eine Entsprechung zu erwarten, umso weniger als „Gothic Novel“ und Gesellschaftsromane von Austen oder Dickens denn doch weit auseinander liegen. Im Roman werden vor allem die Vertreter des britischen Schauerromans namentlich aufgeführt – Matthew Lewis („Der Mönch“), William Beckford („Vathek“), der Kreis um Mary Shelley („Frankenstein“) und Ann Radcliffe („Der Italiäner“) – ohne jedoch handelnde Personen zu sein. Allein Lord Byron (der durch sein Gedicht „Manfred“, dessen Protagonist ebenfalls ein Zauberer ist, sich bedingt dort einreihen kann) ist eine Nebenfigur, auf den Jonathan Strange mehrmals trifft.

Nur langsam und beinahe zögerlich entwickelt sich die magische, übernatürliche Ebene der Handlung, denn im Vordergrund steht zunächst die Abbildung der britischen Gesellschaft in den ersten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts. Susanna Clarke konzentriert sich dabei vor allem auf die gehobene Gesellschaft und wirft nur ab und an ein Schlaglicht auf andere Schichten der Gesellschaft, sieht man von zwei wichtigen Nebenpersonen – dem Diener und Berater Norrells, Childermass, und dem zum „Rabenkönig“ mutierenden Stephen Black ab. Vom Königshaus über die Ministerien, die Armeeführung bis in die Salons Londons streift ihr präziser und herb – ironischer Blick. Charles Dickens und vor allem Jane Austen haben in diesem Bereich einen unübersehbaren Einfluß, der sich in der Erzählhaltung, im Tonfall und dem ironischen Blickwinkel manifestiert (in der englischsprachigen Ausgabe, die ich gelesen habe, selbst bis in die zum Teil zeitgebundene Rechtschreibung).

In weiten Teilen des Romans stehen sich nicht Gut und Böse oder Menschen und das Übernatürliche gegenüber, sondern die beiden Protagonisten Gilbert Norrell und Jonathan Strange. Beide sind vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten. Norrell ist eher ein elitärer Bewohner eines Elfenbeinturms, kaum im Umgang mit Menschen geübt, ein eifersüchtiger und eifriger Bücher – und Wissenssammler, Strange dagegen eher dem praktischen Versuch und der ungehinderten Verbreitung der magischen Errungenschaften zugeneigt. Allerdings eint neben dem Interesse an der Magie beide eine Besonderheit : ihre nicht unbedingt meisterlichen magischen Fähigkeiten. Immer wieder scheitern beide, verrennen sich oder bewirken Dinge, deren Folgen sie weder abzuschätzen noch zu beherrschen in der Lage sind. So verpuffen die Alpträume, die Norrell zu Napoleon schickt, wirkungslos, seine sträfliche Fehleinschätzung des Elfen setzt Kräfte frei, die zunehmend bedrohlicher werden. Und Jonathan Stranges Zaubereien verlaufen nicht selten nach dem Muster „Versuch und Irrtum“. Beide Figuren geben der Autorin Gelegenheit zu recht schwarzhumorigen Anmerkungen, die – ebenso wie der generell ironische Tonfall – das Buch zu einer meist unterhaltsamen Lektüre machen.

Allerdings ist das Erzähltempo fast über den ganzen Roman eher gelassen, sodaß sich bei einer Länge von etwas mehr als eintausend Seiten doch gewisse Ermüdungserscheinungen einstellen, ohne daß man das dem sprachlichen Vermögen der Autorin oder ihren genauen Beobachtungen anlasten wollte. Ab und an hätte ich mir jedoch eine leichte Straffung der Handlung gewünscht, ohne aber andererseits auf Einsichten, Schilderungen und Blickwinkel verzichten zu wollen. Eine Besonderheit dieses Romans scheint sich dabei sofort anzubieten : Susanna Clarke hat den ganzen Roman mit Fußnoten versehen. Um die 180 davon verteilen sich – zum Teil über zwei Seiten fortlaufend – auf den gesamten Text. Hier bettet die Autorin ihre Geschichte in Teils fiktive, teils reale Quellen ein, wirft einen blick auf Volkserzählungen über Magie und auf die Geschichte des Goldenen (und Silbernen) Zeitalters der Magie in England (die es in diesem Sinne niemals gegeben hat oder die nie in diesem Maße überliefert wurde). Für mich allerdings gehören die Fußnoten unbedingt zu diesem Roman und tragen zu seiner Originalität ebenso bei wie zur Anpassung an Literaturkonventionen des neunzehnten Jahrhunderts.

„Jonathan Strange und Mr. Norrell“ ist bei weitem kein Meisterwerk, kein Meilenstein der Fantasy oder der postmodernen Spielerei, aber ein solides, unterhaltsames, sprachlich sehr angenehmes Buch, das weder flach daherkommt, noch im Grundsatz auf Marketingstrategien wie „Ein Harry Potter für Erwachsene“ abgestellt ist, sondern eigenständig und hintergründig seine Daseinsberechtigung unter Beweis stellt. Allerdings sollte man mit Muße und ebenso gelassen, wie es die Erzählhaltung der Autorin nahelegt, an die Lektüre herangehen.

Bibliographische Angaben :

Susanna Clarke : Jonathan Strange und Mr. Norrell

Berlin Verlag Taschenbuch

ISBN : 978-3833303333

© Jost Renner

Larry Niven / Jerry Pournelle : Lucifer’s Hammer

1977 erschien dieser Science-Fiction-Roman, der wohl erstmals weitgehend realistisch den Einschlag eines Asteroiden auf der Erde und dessen Folgen beschreibt. Zu diesem Zeitpunkt gab es die These, das Aussterben der Dinosaurier sei auf eine solche Kollision zurückzuführen, noch nicht.

Mitte der siebziger Jahre entdeckt der Amateur-Astronom und Erbe eines Industriekonzerns zufällig einen sich der Erde nähernden Kometen. Wissenschaftler taufen ihn Hammer-Brown, die Boulevard-Medien und Untergangsprediger nennen ihn Luzifers Hammer. Die Astronomen allerdings sind der Meinung, er werde die Erde verfehlen und keine Gefahr darstellen. Doch dann zerbricht der Komet in mehrere Teile, deren Flugbahn kaum noch berechenbar ist. Und sie schlagen ein, sodaß Europa und Afrika weitgehend zerstört werden.

Hinzu kommen Klimaveränderungen, Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis, die verheerenden Schaden anrichten. Demzufolge sind Ressourcen und besiedelbares Land sehr knapp – und erwartungsgemäß entspinnen sich Konflikte bis hin zum Atomkrieg zwischen China und Rußland. Immerhin können die Regierenden in den USA überzeugt werden, daß ein Angriff auf ihr Land nicht geplant ist, allerdings erbittet Rußland militärischen Beistand gegen den Angreifer China. Dabei ist die Lage in den Vereinigten Staaten chaotisch. Verschiedene Politiker ernennen sich – gleichzeitig – zum neuen Präsidenten, marodierende Banden ziehen durch das Land. Ratten und zu Risenkarpfen mutierte Goldfische dienen als Nahrung, immer wieder aber auch Menschen. Dabei dient der Kannibalismus vor allem dazu, Menschen zu brechen und in Abhängigkeit zu den Banden zu bringen.

Die zentralen Figuren des amerikanischen Handlungsverlauf sind ein amerikanischer Senator, der seinen Landsitz zu einem streng abgeschotteten Überlebenszentrum ausbaut, in dem strenge Hierarchien wie auch noch strengere Zugangskontrollen herrschen, und ein evangeliklner Prediger, der ehemalige Armeeeinheiten zu einem schlagkräftigen Heer ausbaut, das plündernd und mordend durchs Land zieht. Zwischen beiden kommt es zu einer Entscheidungsschlacht …

Vor einigen Tagen wurde bekannt, daß Jerry Pournelle, einer der beiden Autoren, verstorben ist. Er gilt als der erste Autor, der einen Roman mit einem Textverarbeitungsprogramm auf einem Computer geschrieben hat. Er, wie auch Larry Niven, sind bekannt als Verfechter technologischen Fortschritts und der Raumfahrt. Für beides setzten sie sich auch politisch ein und berieten Ronald Reagan etwa beim SDI-Programm.

Beiden Autoren ist ein realitätsnaher und spannender Roman gelungen, der den wissenschaftlichen Erkenntnissen der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts nicht nur standhält, sondern sie auch so weit weiterdachte, daß er die Wissenschaft zu weiteren Arbeiten inspirierte. Aus heutiger Sicht allerdings scheinen die Folgen eines Einschlags eines größeren Asteroiden eher konservativ gedacht. Von einem inzwischen anzunehmenden nuklearen Winter etwa ist hier nichts zu lesen. Abstand wahrt er auch zu einer denkbaren Heldensaga, wie man sie zum Beispiel bei „Armageddon“ im Kino sah. Stattdessen lehnen sich Konstruktion und Aufbau eher an die Katastrophenfilme der Siebziger wie „Erdbeben“ oder „Flammendes Inferno“ an, letzterer wird sogar im Text erwähnt.

Dies scheint auch in Hinsicht auf die Intentionen der beiden Verfasser sinnvoll. Der Asteroiden-Einschlag ist notwendiger Aufhänger für die Darstellung der post-apokalyptischen Gesellschaft und die Diskussion der beiden möglichen Grundpositionen : ein allmählicher Aufbau technologischer Strukturen oder ein Rückfall in quasi „prä-zivilisatorische“ Ursprünge. Nivens und Pournelles Position zu dieser Fragestellung ist klar, und so kann man sich vorstellen, wie der zentrale Konflikt, bebildert durch den Konflikt um ein Atomkraftwerk, letztendlich entschieden wird. Und doch darf man beiden zugutehalten, daß sie die Gegner des neuen technologischen Fortschritts zu Wort kommen lassen und die Auseinandersetzung führen.

Ich habe das Buch in der englischsprachigen Originalfassung gelesen. Eine Neuübersetzung unter dem Titel „Komet – Der Einschlag“ wird am 13. November 2017 im Mantikore-Verlag (ISBN : 978-3945493977) erscheinen.

Bibliographische Angaben :

Larry Niven / Jerry Pournelle : Lucifer’s Hammer

Del Rey Books

ISBN : 978-0449208137

© Jost Renner

J.K. Rowling : Harry Potter und die Heiligtümer des Todes

Kurz vor Harrys siebzehnten Geburtstag beschließen Ministerium und Orden, Harry und die Dursleys zu evakuieren, da mit der Vollendung des 17. Lebensjahres der Schutz des Durleyschen Hauses endgültig erlischt. Zeitpunkt und Ablauf werden jedoch verraten, und die Gefährten geraten in einen Hinterhalt. Nur knapp entkommen, steht für Harry eine Rückkehr nach Hogwarts außer Diskussion, steht das Internat doch unter dem Regiment Snapes und einiger Todesser. Zudem ist Harrys Aufgabe, alle Horcruxe zu finden und zu vernichten, noch nicht erfüllt. So flüchten Harry, Hermine und Ron von Ort zu Ort, entkommen oft genug nur mit knapper Not ihren Verfolgern und geraten sogar in die Gefangenschaft der Todesser. Und nicht weniger mühsam erweist sich die Suche nach den verbliebenen Horcruxen, zumal die Spannungen unter den drei Freunden nicht geringer werden. Immerhin wird Harry durch eine geheimnisvolle Erscheinung zu einer wirksamen Waffe geleitet. Und selbst als die ihnen abhanden kommt, finden die Freunde eine Alternative. Ministerium, Gringotts – Bank, Harrys Geburtstort sind einige Stationen auf ihrem Weg. Eine Alternative scheint sich ihnen zu bieten, als Mr. Lovegood von den Heiligtümern des Todes erzählt. Durch ein Buch, das Dumbledore Hermine hinterlassen hatte, werden dessen Angaben gestützt, und Harry liegt nicht ganz falsch, wenn er sich im Besitz mindestens eines dieser Heiligtümer glaubt. Aber nur der Besitz aller drei verspricht unendliche Macht und damit auch ein Ende der Herrschaft Voldemorts. Letztendlich führt der Weg der drei Freunde sie zurück nach Hogwarts und in die Entscheidungsschlacht gegen Lord Voldemort. Doch Harrys Schicksal ist ein ganz anderes, als er sich vorgestellt hatte…

Auch wenn Rowling den siebten Band ab und an dazu nutzt, notwendige Einzelheiten nachzureichen – und so auch Harrys Vorstellung von Dumbledore gehörig ins Wanken bringt – ist dieses Buch schon früh mit schnellen und spannungsreichen Handlungselementen angereichert, während sich die vorhergehenden Bücher bis zur Mitte nur langsam entwickelten. Insgesamt bekommt das dem Abschlußband recht gut, sodaß sich Ermüdungserscheinungen, die mir etwa den fünften Band beinahe vergällten, nicht wirklich einstellten. Handlungshöhepunkte und die Konzentration vor allem auf die drei Freunde bewirkten allerdings auch, daß einige der Nebenakteure im Gegensatz zu ihren vorherigen Auftritten denn doch reichlich verblassten. Auch wenn es dem Buch nicht wirklich schadet, sahen sich zumindest diverse „Fangemeinden“ eher verprellt. Vor allem dann, wenn deren Identifikationsfiguren im Laufe der verschiedenen Auseinandersetzungen ihr Leben ließen.

Denn Tote gibt es reichlich, und die Liste der Sympathieträger wurde erheblich zusammengestrichen. Spätestens mit dem vierten Band war die Zuordnung „Kinderbuch“ hinfällig geworden, und mit Band 6 und 7 wäre die angemessene Leserschaft wohl mindestens bei sechzehn Jahren anzusetzen. Der Verlag allerdings empfiehlt 10 – 12 Jahre als angemessenes Lesealter. Ich habe da meine Zweifel, aber das mag altersbedingt sein : inzwischen sind selbst Filme, die ich als Jugendlicher nicht hätte sehen dürfen, mit einer FSK 16 ohne zusätzliche Eingriffe durchaus freigegeben. Da ja zumindest die erste Lesergeneration mit ihrem Helden (zehn Jahre liegen zwischen dem Erscheinen von Band 1 und Band 7) mitgewachsen ist, stellte das zunächst kein Problem dar, die folgenden Generationen, die Band nach Band ohne Unterbrechung lesen können, sind vor einer eventuell auftretenden Überforderung allenfalls durch das Verantwortungsgefühl der Eltern geschützt.

Rowling hat in sieben Bänden ein recht stimmiges, sehr phantasiereiches Universum geschaffen, das durchaus gestattet, über bestimmte Unstimmigkeiten, Fehler und Ungenauigkeiten hinwegzulesen. Ihre Figuren sind eindrucksvoll, bleiben im Gedächtnis – von Dolores Umbridge über Draco Malfoy bis hin zu Dumbledore oder Snape. Für den Erfolg der Reihe verantwortlich sind aber wohl die drei Protagonisten Harry Potter, Hermine und Ron, nicht weil sie Superhelden wären oder unfehlbar (auch Hermine ist eigentlich mehr eine Fleißarbeiterin denn ein Naturtalent), sondern weil es sich – in gewissen Grenzen um normale Jugendliche handelt, die ihre Fehler und Unzulänglichkeiten haben, sich aber auf ein solides Fundament aus Herzensgüte, Mitleidensfähigkeit, gesunden Menschenverstand und Gerechtigkeitsempfinden stützen können und zudem die Begriffe Freundschaft und Liebe ernstzunehmen in der Lage sind.

Hier manifestieren sich auch die christlichen Grundlagen des Rowlingschen Universums, wenngleich es auch andere Einflüsse gegeben hat. Jedoch verzichtet die Autorin auf die sehr aufdringliche Programmatik (und Belehrung), auf die man etwa überdeutlich, heutzutage fast unverdaulich in C.S.Lewis‘ „Narnia – Chroniken“ stößt.
Nicht wirklich begeistert hat mich die Hintergrundschablone des Faschismus, speziell nationalsozialistischer Prägung, mit den deutlichen Verweisen auf den Antisemitismus, die Resistance, Vichy etc. Zwar waren Hinweise dazu von Anfang an vorhanden und entwickelten sich über die einzelnen Bände fort, jedoch stellt auch in diesem Belang der siebte Band einen Höhepunkt dar, sodaß ich mir hier entweder eine größere Zurückhaltung (also dezenteres Umgehen damit) oder aktuellere Bezugssysteme gewünscht hätte.

Alles in allem war die Harry – Potter – Reihe vor allem ein Leseabenteuer, das sowohl fesseln als auch unterhalten konnte, das Spaß machte und selten langweilte. Die Autorin hat die Geschichte im übrigen weitgehend auserzählt und selbst die wichtigsten Lebensstationen der bestimmenden Nebenfiguren – ob lebendig oder tot – soweit integriert, daß eine Fortsetzung (selbst ein Prequel) nahezu unmöglich geworden ist, es sei denn sie setzte ein paar Jahrzehnte später erneut an oder machte jemanden aus der Nachfolgegeneration zum Helden. Aber auch dann scheint Hogwarts als Handlungsort eher ausgeschlossen.

Bibliographische Angaben :

J.K. Rowling : Harry Potter und die Heiligtümer des Todes

Übersetzt von Klaus Fritz

Carlsen Verlag

ISBN : 978-3551354075

© Jost Renner

Gordon Dahlquist : Die Glasbücher der Traumfresser

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sind drei Personen unvermittelt mit unerwarteten Ereignissen konfrontiert, die sie recht bald in das Zentrum einer großen, ziemlich undurchsichtigen Verschwörung führen. Celeste Temple, eine fünfundzwanzigjährige, aus der Karibik stammende Tochter eines Plantagenbesitzers hatte fernab der Heimat nach einem geeigneten Bräutigam gesucht und in Robert, einem Mitarbeiter des Außenministeriums, auch gefunden. Der jedoch beendet die Verlobung ohne Begründung, und Celeste beschließt, dessen Motive zu erforschen und Robert zu beschatten. Der Auftragsmörder Kardinal Chang hat ein ganz anderes Problem : er wurde gedungen, einen Regimentskommandeur im Auftrag von dessen Rivalen um den Posten zu ermorden. Zwar ist Oberst Trapping bald darauf tot, doch hat jemand anderes Changs Auftrag ausgeführt. Auch Abelard Svenson, Hofarzt des mecklenburgischen Kronprinzen, steckt in Schwierigkeiten : der Kronprinz, bekannt für seine psychische Instabilität und ein Faible für Frauen, ist verschwunden. Alles deutet auf eine Entführung. Und Svenson kann auch im Stab des Kronprinzen niemandem trauen.

Bald darauf finden sich die drei auf einem nahe der Küste gelegenen Landsitz wieder, der von einem Gefängnis inzwischen zu einer Art Festung ausgebaut worden war. Hier findet anscheinend eine Art Maskenball statt. Anlaß ist die Verlobung der Tochter des Gastgebers, eines reichen Geschäftsmannes, mit dem Kronprinzen von Mecklenburg. Celeste wird Zeugin unheimlicher Vorgänge, in denen indigofarbenes Glas und unheimliche Apparaturen eine Hauptrolle zu spielen scheinen. Als man sie entdeckt, setzen die eigentlichen Organisatoren des Festes alles daran, ihrer habhaft zu werden. Chang und Svenson geraten ebenfalls in das Visier der Verschwörer, ohne jedoch zu wissen, was eigentlich vorgeht. Zwar glückt auch die Befreiung des Kronprinzen, doch ist der bald darauf ein zweites Mal entführt. Als Celeste, Chang und Svenson aufeinandertreffen, schmieden sie ein Bündnis und tauschen ihre Erkenntnisse aus, immer in der Gefahr, von den Verschwörern gefasst zu werden. Kleine Platten aus Glas, die lebendige Bilder gespeichert halten und den Betrachter in ihren Bann zu ziehen scheinen, sind eine erste konkrete Spur.

Weil Celeste einem emotionalen Impuls nachgibt und verschwindet, trennen sich die Wege der drei Protagonisten wieder. Einzeln treffen sie auf die Köpfe der Verschwörung, die Comtessa Laquer – Sforza, Francis Xonck und den Comte d’Orkancz, versuchen deren Mitverschwörern und Schergen zu entkommen. Denn der Verschwörerkreis ist um einiges größer und illustrer : Ein Verwandter der Königin und Mitglied des Kronrates, der Vize – Außenminister und dessen Mitarbeiter Robert, Celestes Verlobter, ein hoher Geistlicher und selbst der Kronprinz von Mecklenburg scheinen dazuzugehören. Die Entdeckung von indigofarbenen Glasbüchern, in denen unzählige Erinnerungen und Phantasievorstellungen gespeichert zu sein scheinen, machen die Unternehmungen der Hauptfiguren nicht ungefährlicher, zumal sie kaum jemandem wirklich trauen können, scheinen doch fast alle unter dem Einfluß der Glasbücher und der Verschwörer zu stehen. Alle drei geraten schließlich unabhängig von einander in die Gewalt der Verbrecher und haben einiges zu tun, um ihre Freiheit wiederzuerlangen oder gar das nackte Leben zu retten. Und noch immer wissen sie nicht wirklich, worum es den Bösen eigentlich geht. Und es scheint äußerst fraglich, ob deren Treiben wirklich ein Ende gesetzt werden kann, denn mit dem Erscheinen dreier indigofarbenen Frauen mit ungeheuren mentalen Fähigkeiten wird deutlich, daß sie mit einer beinahe überirdischen Macht zu kämpfen haben… .

Bereits zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts etablierte sich – mit der weiten Verbreitung des Mediums Zeitung – die Form des Fortsetzungsromans, zunächst für die anspruchsvollere Literatur, sodaß Autoren wie Charles Dickens oder Wilkie Collins damit ihren Lebensunterhalt verdienten. In der Mitte des Jahrhunderts aber eroberten trivialere Hervorbringungen diesen Markt : „Dime Novels“, sogenannte Groschenromane, die einzig auf Unterhaltung und Spannung ausgelegt waren und auf soziale oder psychologische Hintergründe weitestgehend verzichteten. Gordon, W. Dahlquist, ein us – amerikanischer Dramatiker hat sich genau diese als Vorbild für seinen Roman „Die Glasbücher der Traumfresser“ genommen. Zwei Konsequenzen des portionsweisen Erscheinens – durchaus auch für angesehene Autoren wie Charles Dickens – waren, daß der Umfang von Romanen letztlich auch die daraus zu gewinnenden Einnahmen bestimmte, und daß jeder Autor sorgfältig auf die Spannungsbögen innerhalb und am Ende eines Kapitels zu achten hatte, um die bisherigen Käufer zum Erwerb der weiteren Folgen zu motivieren. Beides gilt – zumindest in der Theorie – auch für Dahlquists Roman, der zwar in Einzelbänden, aber in einem Schuber gesammelt, veröffentlicht wurde. Nur einmal zuvor in den letzten Jahren wurde ein ähnliches Experiment, damals aber mit einer wirklichen Veröffentlichung in einzelnen Kapiteln, gewagt : Stephen Kings „The Green Mile“ erschien auch in Deutschland zunächst in sechs nacheinander erscheinenden Taschenbüchern, bevor eine einbändige Gesamtedition angeboten wurde. Inzwischen sind aber auch die „Glasbücher“ in einem Band erhältlich.

Dahlquist bleibt – sowohl im Umfang als auch bei den Konstruktionsprinzipien seinem gewählten Vorbild verhaftet : über neunhundert Seiten füllt er mit einer temporeichen, sich manchmal beinahe überschlagenden Handlung, die nur wenige Ruheinseln bietet. Und selbst Zugfahrten, Treffen oder Gespräche finden zumeist in einer Atmosphäre der unmittelbaren Bedrohung statt. Dennoch steht der Erzählton dazu nicht selten in einem völligen Gegensatz : Dahlquist schildert Umgebungen, Räumlichkeiten mit einer dem adaptierten Jahrhundert entsprechenden Genauigkeit und Weitschweifigkeit. Dies mag daran liegen, daß Gordon W. Dahlquist, wie er in einem Interview bekannte, die Örtlichkeiten den Notwendigkeiten der jeweiligen Handlung angepasst hat. Die Umgebung selbst bleibt relativ undefiniert, ist aber einem viktorianischen England und dessen Hauptstadt London weitestgehend angenähert, wenn auch ab und an französische Namen für Bahnstationen irritieren. Auch das ausschließlich in Gesprächen und Schilderungen auftauchende Mecklenburg hat wenig mit der (historischen und geographischen) Realität zu tun. Denn von mecklenburgischen Bergen zu sprechen, wäre ansonsten in diesem flachen, küstennahen Gebiet eher tollkühn. Nicht weniger auffallend ist immer wieder der Ton der Gespräche selbst zwischen den Gegnern und unter größter Bedrohung : zumeist gestalten sich diese in vollendeter britischer Höflichkeit, gelassen, wenig von Affekten beeinflußt, als finde man sich gerade zur Teestunde zusammen oder James Bond und sein Widersacher übten sich in nonchalanter Souveränität.

Das Buch versammelt einige zeitgemäße, aber auch unzeitgemäße Einflüsse und Bezüge : von der „Gothic Novel“, etwa Frankenstein, über Jules Vernes technische Utopien bis hin zu Szenen aus Kubricks Film „Eyes Wide Shut“ und einem Handlungsablauf, der einem überdimensionierten Actionfilm gerecht würde, hat Dahlquist aus einem unendlichen Reservoir der Populärkultur geschöpft und alles recht vergnüglich miteinander vermengt. Der Roman bleibt, getreu seinen Vorbildern, weitestgehend auf einer reichlich oberflächlichen Unterhaltungsebene, wenngleich er mit einer ziemlich labyrinthischen Lösungsfindung das Seine dazu tut, den Leser nicht vollkommen widerstandslos durch das Buch gleiten zu lassen. Allerdings verzichtet Dahlquist auf die psychologische Ausgestaltung seiner Figuren und beläßt es bei leichten Anspielungen und dem nicht nur Unterhaltungszwecken dienenden immer wiederkehrenden, nur wenig unterschwelligen Motiv der Sexualität, mit der er – nicht vollkommen unabsichtlich – seine drei Protagonisten konfrontiert. Ausgearbeitet wird dies aber ebensowenig, wie Dahlquists Behandlung des Themas in Pornographie ausartet. Denoch galt früher wie auch heute : Erotik und Gewalt verkaufen sich immer. Celeste Temple, jungfäulich, selbstbewußt und impulsiv ist das eigentliche Zentrum des Buches innerhalb einer Dreierkonstellation der Protagonisten, ohne aber daß der Autor versäumt hätte, die anderen beiden ebenso eindrücklich, teilweise unvergesslich zu gestalten. Ihnen gegenüber steht ein nicht minder eindrucksvolles Trio von Schurken, das sich aber in der Flut der Helfer und Anhänger etwas stärker zu behaupten hat.

Für mich ist das Buch ein ziemlich gelungener, spannender Unterhaltungs – und Abenteuerroman, der aber über die ganze Länge von über 900 Seiten zu ermüden beginnt. Es ist meiner Meinung nach weniger die mangelnde Fähigkeit des Autors, seinen Handlungsablauf zu gestalten, als vielmehr die beinahe spürbare Endlosigkeit des Romans, so als müsse man sich auf einem Langstreckenlauf dem Ziel mit unerträglichem Seitenstechen nähern. Eine Kürzung und Raffung hätte diesem Buch vermutlich gutgetan, obwohl es Hinweise darauf gibt, daß „Die Glasbücher der Traumfresser“ vor Erscheinen noch länger gewesen sind (und daß etliche us – amerikanische Verlage eine Veröffentlichung u.a. wegen dessen Länge nicht in Betracht gezogen hatten). Im Anschluß erschienen noch zwei Folgebände : „Das Dunkelbuch“ und „Die Alchemie des Bösen“. Nur der dritte, abschließende Band ist noch regulär erhältlich. Für diee ersten Teile müßte man auf englischsprachige eBook-Versionen oder gebrauchte Bände zurückgreifen. (Stand : 09/2017)

Bibliographische Angaben :

Gordon Dahlquist : Die Glasbücher der Traumfresser

Übersetzt von Bernhard Kempen

Blanvalet Verlag

ISBN : 978-3442372744 (derzeit nur gebraucht erhältlich)

© Jost Renner