Iris Hanika : Treffen sich zwei

In einer warmen Augustnacht flüchten Thomas und Senta aus ihren Wohnungen in eine Kreuzberger Kneipe. Ihre Begegnung ist der Beginn einer Liebesgeschichte, die mit dem ersten Blick beginnt und nach zehn Tagen vorerst endet. Beide empfinden das Aufeinandertreffen als schicksalhaft, scheint doch jeder dem Idealbild des Anderen zu entsprechen. Schnell landen beide miteinander im Bett, trennen sich wieder, um ihrer Arbeit nachzugehen. Doch schon die zweite Begegnung läßt Irritationen deutlich werden. Senta hatte Zeit gehabt, nachzudenken, diese ihr unheimliche Liebesgeschichte infrage zu stellen, und verhält sich zunächst abweisend und distanziert. Thomas kann damit überhaupt nicht umgehen, und auch als es Senta gelingt, die Situation zu entspannen und selbst zu ihrer Unbefangenheit zurückzukehren, bleibt ein leichter Schatten zurück.

Beide stammen aus unterschiedlichen Welten : Thomas ist Systemberater, Senta hatte einst ein Studium der Literaturwissenschaft abgebrochen und arbeitet nun in einer Galerie. Zwischen beiden herrscht eine starke körperliche Anziehung und die nicht benennbare Gewissheit, daß sie für einander bestimmt seien. Doch haben sie einander nur wenig zu erzählen. Selbst über ihre sexuellen Begegnungen wird nicht gesprochen, sodaß auch diese nicht wirklich unproblematisch verlaufen. Senta, die stark depressive Züge zeigt, schnell zu Tränen neigt, nimmt dies zum Anlaß, immer mehr Zweifel und Selbstzweifel zu entwickeln, versinkt in Grübeleien und Selbstvorwürfen und stillen Beschimpfungen von Thomas. Thomas bemüht sich dagegen, jeglichem Konflikt aus dem Wege zu gehen, versucht behutsam neutrale Gespräche zu führen und dadurch Anknüpfungspunkte zu finden. Als sich Senta mit ihrer besten Freundin Alina aussprechen will, verprellt sie auch diese. Doch der Abend gipfelt in einer vorläufigen Katastrophe. Sie hat sich betrunken und konfrontiert Thomas, der sie von ihrem Treffen in einer Pizzeria abholen will, mit lauter Stimme vor Personal und Gästen des Restaurants sowohl mit ihren Beschwerden über die gemeinsam verbrachten Nächte als auch mit einer ungestümen Liebeserklärung. Thomas, der sich bloßgestellt fühlt, fährt sie wortlos nach Hause und bricht den Kontakt rigoros ab. Beide leiden unter dieser Trennung, auch wenn es beiden zunächst recht zu sein scheint. Thomas vergräbt sich in seine Arbeit, Senta versinkt nun endgültig in Depressionen und Aggression gegen Thomas. Dieser, ermutigt durch seinen iranischen Chef, beginnt die Situation in der Pizzeria zu überdenken und sachlich zu analysieren, sodaß es ihm nun möglich wird, Strategien für einen Ausweg aus der Krise zu überlegen. Doch verhält er sich zunächst nur zögerlich. Es ist dann Senta, die – von einem unbewußten Impuls getrieben – die Gelegenheit einer Wiederbegegnung schafft, als sie den Hinterhof von Thomas‘ Haus besichtigt, wo sie von Thomas entdeckt wird. Bald kann ein Neuanfang gewagt werden….

„Treffen sich zwei“ ist der Beginn einer altbekannten Formel zur Einleitung eines Witzes, der meist darauf beruht, daß sich die Kommunikation der beiden Beteiligten in Richtung eines Mißverständnis bewegt, aus dem dann die Pointe entwickelt wird. Iris Hanika hat aber mit diesem Buch keinen Witz auf knapp 240 Seiten aufgebläht, allerdings die Tücken der (fehlenden) Kommunikation zu einem der Themen ihres Buches gemacht. Ihre beiden Protagonisten sind beide im vierten Lebensjahrzehnt, haben jeder ihre Beziehungserfahrungen gemacht und bewußt oder unbewußt Strategien entwickelt, um mit Liebe und Beziehung umgehen zu können. Senta Bergner, deren Namenspatronin allerdings eher in der den Liebestod sterbenden weiblichen Hauptrolle der Wagner – Oper „Der fliegende Holländer“ als in der Schauspielerin Senta Berger zu suchen ist, scheitert in ihren Beziehungen regelmäßig, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre Wünsche nach Romantik nicht erfüllt werden können. Wenn der Liebeskummer unerträglich wird, flüchtet sie voller Idealismus in eine neue Beziehung, die jedoch schnell durch ihre Depressionen und Zweifel unterminiert wird. Thomas dagegen hat gelernt, Konflikte zu vermeiden, unverfänglich zu bleiben und sich möglichst an den jeweiligen Partner anzupassen. Aber auch er hat das Bedürfnis nach Romantik, dem Idealen. Und so scheint die Begegnung der beiden Figuren wirklich vielversprechend. Ihr Sexualleben gestaltet sich, soweit es die Autorin andeutet, eher ungestüm und knapp. Doch eigentlich hätten beide das Bedürfnis, es langsamer und zärtlicher angehen zu lassen, ohne dies jedoch kundzutun. Und so passt sich jeder – vermeintlich – dem anderen an und vernachlässigt dabei die bei beiden vorhandenen tatsächlichen Bedürfnisse, bis es in der Pizzeria zum Eklat kommt.

Darin liegt eine gewisse Ironie, ebenso wie in der Kluft der gerade von Senta durch Kleist-Zitate und Versen aus der Popmusik erhofften Romantik und dem alltäglichen Erleben. Dennoch ist es nicht wirklich ein ironischer Roman, auch wenn eine gewisse Distanz der Autorin zu ihren Figuren, eine manchmal romantisch überhöhte und auf den Leser bombastisch wirkende Sprache diesen Effekt verstärkt. Genau diese Sprache könnte dem Leser aber den Einsteig erschweren und ihn gewisse Abwehrreflexe entwickeln lassen, doch ist sie für die Figur der Senta geradezu folgerichtig und konsequent, sodaß ein Weiterlesen unbedingt zu empfehlen ist. Der Leser ist im ganzen Buch eingeladen, sich auf (literarische) Spurensuche zu begeben, denn es finden sich höchst unterschiedliche Anspielungen, Zitate und Paraphrasierungen von Kleist über Rilke zu Jelinek oder Sexualratgebern etwa von Alex Comfort.

Iris Hanika, die vordem vor allem kleinere Prosastücke geschrieben hatte, gestaltet die aus wechselnder Perspektive der beiden Protagonisten geschriebenen Kapitel relativ kurz, garniert sie mit Einschüben, in denen etwa Problemmanagement-Strategien angerissen werden, ein Ausflug in die Geschichte des „Engelbeckens“, einer von Kreuzberg nach Berlin – Mitte verlaufenden Grünanlage, gemacht wird oder die Vorteile von Quickies auf einer sachlichen, dennoch werbenden Ebene abgehandelt werden. Dies macht, neben der temporeich erzählten Geschichte, einen Reiz des Buches aus. Iris Hanika beschränkt sich auf ein sehr kleines Ensemble von Figuren, von denen die meisten, außer den Protagonisten, meist im Hintergrund bleiben. Nur Alina, Sentas Freundin, die Arbeitgeber von Senta und Thomas haben an jeweils einer Stelle einen markanten Auftritt.

Und selbst Thomas ist mehr notwendiger Antagonist als wirklich im Zentrum des Buches. Iris Hanika, die sich vor allem auf die autobiographisch angelegte Figur der Senta konzentriert, vermag es aber dennoch, Thomas genug Leben einzuhauchen, damit er nicht als Staffage mißachtet werden kann, auch wenn man allzu schnell bereit ist, ihn als einen typischen Vertreter des männlichen Geschlechts abzubuchen. Doch er bleibt sympathisch, bemüht sich um Beziehung und Senta, auch wenn er von der hysterisch – depressiven Senta bald überfordert scheint. Und diese ist in voller Entfaltung nur schwer zu ertragen, für Thomas, den Leser und auch für sich selbst. Aber gerade ihre depressiven Grübeleien, ihre aggressiven Ausbrüche bieten zumindest im Kern auch einen Wiedererkennungswert, der hier allerdings potenziert und damit für ihre Mitmenschen unverträglich wird. Das Buch ist wunderbar klug konstruiert, sehr angenehm zu lesen und bietet Literatur und Unterhaltung auf hohem Niveau.

Bibliographische Angaben :

Iris Hanika : Treffen sich zwei

btb Verlag

ISBN : 978-3442739769

© Jost Renner

Kathrin Schmidt : Du stirbst nicht

Im Jahr 2002 erleidet die Schriftstellerin Helene Wesendahl eine massive Hirnblutung, nachdem ein Aneurysma gerissen ist. Mit viel Glück hat sie das Ereignis überlebt, denn fast zwei Drittel der Betroffenen versterben. Als sie wieder zu Bewußtsein kommt, kann sie sich weder bewegen, noch erinnern, geschweige denn verständlich machen. Eingeschlossen in ihrem Körper muß sie sich orientieren und begreift nur langsam, daß sie sich in einem Berliner Krankenhaus befindet. Matthes, ihr Mann, kümmert sich fortan rührend um sie, veranlaßt die Verlegung in eine stroke unit, damit die Folgen der Ruptur optimal therapiert werden können. Für Helene beginnt eine harte Zeit : sie ist halbseitig gelähmt und muß wenigstens ein Mindestmaß an selbständiger Beweglichkeit erlangen, um nicht an den Rollstuhl gefesselt zu sein, muß das Sprechen wieder erlernen, nicht nur physiologisch, sondern auch die Worte wiederfinden, derer sie verlustig gegangen ist, um sich verständlich machen zu können. Was an direkter Kommunikationsfähigkeit verschwand, ist aber durch ein Gespür für Menschen kompensiert worden : sie ahnt, ob jemand es gut mit ihr meint, sich ihr zuwendet oder eher widerwillig seine Arbeit als Arzt oder Pfleger verrichtet. Matthes gehört zu denen, die ihr ein Gefühl der Vertrautheit und der Ruhe vermitteln, er ist ebenso umsichtig wie zupackend.

Nach und nach lernt Helene, wieder zu sprechen, spürt Worten nach und verankert Begrifflichkeiten. Doch noch eine Aufgabe liegt vor ihr : sie muß sich erinnern – vor allem das zurückliegende Jahr ist aus ihrem Gedächtnis beinahe ausgelöscht. Sie erinnert sich, wie sie, die damals alleinerziehende Mutter, Kinderpsychologin mit dem verheirateten Matthes zusammenkam, an die Repressalien, die der neuen Patchwork – Familie in der ehemaligen DDR das Leben schwermachten, bis Matthes sich schließlich scheiden ließ und Helene heiratete, an die Kinder der beiden und die Probkeme, die diese neue Familienkonstellation mit sich brachte. Nach und nach allerdings wird ihr auch die allmähliche Entfremdung zwischen Matthes und ihr bewußt : daß er die Nächte oft in einem anderen Zimmer verbrachte, daß er eine Affäre mit einer ihrer Freundin hatte, aber irgendwann reumütig zurückgekehrt war. Mit diesen Erinnerungen wird auch das Verhältnis zu Matthes in der Gegenwart schwieriger, erst recht, als er bei einem kurzen Aufenthalt im eigenen Haus sie zum Sex zwingt, wohl wissend, daß sie sich weder wehren, noch sich wirklich dagegen aussprechen kann. Helene, inzwischen in einer Rehabilitationsklinik macht immer größere Fortschritte, lernt, mit einem Rollator zu laufen, ihre Wünsche zu äußern und immer mehr ihrer Identität zurückzuerobern. wenig bewußt ist ihr zunächst, daß sie geschrieben hatte, daß ein Roman von ihr in kurzer Zeit erscheinen wird und dann eigentlich Lesungen anstünden.

Und erst durch Zufall erinnert sie sich an Viola, eine Transsexuelle, die sie bei Arbeiten zu einer Studie kennengelernt hatte und in die sie sich verliebte. Viola war – noch in der DDR – zur Scheidung gezwungen worden, mußte den Kontakt zu ihren Söhnen abbrechen und die Personenstandsänderung per Operation unumkehrbar machen. Allerdings hatte es Probleme gegeben, die die eigentlich begrüßte Änderung mit kleinen Widerhaken versah : die Brüste blieben trotz Hormontherapie klein, der Bartwuchs fand nie wirklich ein Ende. Ihre Begegnungen waren von Helenes Irritationen und Violas Verletzlichkeiten geprägt, doch emotional fanden beide doch zueinander. Allerdings haftete Helene stark am Vertrauten, entwickelte gleichzeitig Strategien, den Ehemann wieder an sich zu binden, und stieß damit Viola unbewußt zurück. Als Matthes ihr in der Klinik eröffnet, Viola sei gestorben, erleidet Helene einen Rückfall, einen der Epilepsie nicht unähnlichen Hirnkrampf, der ihr alle erreichten Fähigkeiten wieder nimmt. Noch einmal müssen Therapien und Training beginnen. Allerdings duldet sie von nun an nicht mehr jede ihr aufgezwungene Maßnahme oder Medikation, sodaß die Ärzte sogar ein Betreuungsverfahren anregen, das aber auch von Matthes kategorisch abgelehnt wird. Einem Freund verspricht sie sogar, eine Einleitung zu einer Büchner – Rezitation zu schreiben, auch wenn sie sich erst spät wirklich daran wagt, ist sie ihrer Sprache doch immer noch unsicher wie ihres Körpers, der die notwendigen Schreibbewegungen nur mühsam ausführen kann. Doch der Text wird entstehen… .

Mit ihrem in wesentlichen Teilen autobiographischen Roman „Du stirbst nicht“ hatte Kathrin Schmidt ohne Frage einen der besten deutschsprachigen Romane des Frühjahrs 2009 vorgelegt. Wie ihre Protagonistin, die ihr auch in anderen Lebensstationen gleicht, hat die Autorin den Riß eines Aneurysmas erlitten und überlebt, sich ähnlichen Therapien und Lernprozessen unterziehen müssen. Der jetzt vorgestellte Roman folgte allerdings nicht unmittelbar auf die Genesung – „Seebachs schwarze Katzen“ erschien 2005 – sondern in notwendigem und für den Leser auch wohltuenden Abstand. Was ein larmoyantes Klagelied oder eine hadernde Selbstbetrachtung hätte werden können, geriet zu einem gut kalkulierten, dennoch intensiven Roman, dessen Erzählperspektive meist eng bei der Protagonistin bleibt, aber jeden Anschein der Betroffenheitsliteratur weit von sich weist.

Allerdings fordert diese Nähe den Leser, Therapie und das Ringen um Worte, Bewegung, Erinnerung und letztendlich Identität, die zu verzeichnenden Rückschläge werden zur beinahe quälenden Gegenwart des Lesers. Kathrin Schmidt hat eine mehr oder weniger personale Erzählhaltung gewählt, das „Ich“ wohlweislich vermieden. Ihr ist in diesem Buch vieles erlaubt : sie nähert sich an bis zur erlebten Rede, beinahe bis in einen inneren Monolog, kann und darf aber auch immer wieder Abstand gewinnen und (sich selbst) kommentieren. Neben Perspektive und Erzählhaltung ist die Sprache der Autorin eines der prägendsten Merkmale des 348 Seiten langen Romans. Hier entwickelt die Autorin wahre Meisterschaft, verbunden mit einer nicht zu unterschätzenden Sensibilität. Mühsam wie der Protagonistin der Weg aus der Sprachunfähigkeit gerät, fällt auch Schmidts Umgang mit der Sprache in den Anfangspassagen des Buches aus, abgehackt, tastend, rhapsodisch, um dann an Intensität, Freiheit und Wortlust zu gewinnen, sich ab und an auf fast lyrischer Ebene durch den Test zu mäandern, ohne doch jemals die Bodenhaftung zu verlieren. Es entsteht ein Resonanz – und Klangraum, der die Handlung und eines der Hauptthemen des Romans mit zurückhaltender, sich aber nie verbergender Poesie unterfüttert. Man wollte, müßte weiterlesen, auch wenn einem die Handlungsebene des Buches fremd bliebe. Jedoch auch diese vermag zu fesseln, das Aneinanderfügen von Bruchstücken der Erinnerung zu einer, ihrer Identität, die in sechs Kapiteln sich steigernden, dann wieder retardierenden Schritte in ein selbstbestimmtes und erfüllendes Leben. Das ist Literatur auf hohem Niveau, die einen inhaltlich und sprachlich gleichermaßen zu begeistern vermag. Und ich mag diese Lektüre nicht missen.

Bibliographische Angaben :

Kathrin Schmidt : Du stirbst nicht

btb Verlag

ISBN : 978-3442741137

© Jost Renner

Charlotte Roche : Feuchtgebiete

Durch Zufall und unter Anleitung einer männlichen Zufallsbekanntschaft hat Helen Memel die Intimrasur als ein für sie stimmiges Ritual entdeckt, das sie auch ohne einen Partner regelmäßig praktiziert – allerdings, wie es ihre Art ist – ausgedehnter und mit weniger Rücksicht auf etwaige Verletzungen. Und so bleibt es nicht aus, daß eine bis in die Analregion reichende Rasur zu Verletzungen an Hämorrhoiden und After führen, die eine Operation und einen Aufenthalt im Krankenhaus unumgänglich machen. Allerdings ist dieses Ritual nur eines von mehreren, die Helen seit Jahren ausübt. Extreme Praktiken der Masturbation gesellen sich zu einem recht eigenwilligen Umgang mit Körperflüssigkeiten und Sekreten, zu exhibitionistischen Neigungen und Inzestphantasien. Die Familie jedoch ist eine zweite schwärende und mit Sicherheit schwerere Wunde für die achtzehnjährige Schülerin, die sich ein kleines, unabhängiges Einkommen als Aushilfe an einem Gemüsestand verdient.

Ihren Krankenhausaufenthalt sieht sie als Chance, ihre seit langem geschiedenen Eltern wieder miteinander zu versöhnen. So versucht sie, die Besuche von Vater und Mutter auf einen Termin zu legen, scheitert aber, da sich die Mutter nicht unerheblich verspätet. Das Gespräch mit dem Vater ist mühsam, bleibt wie seit Jahren im Unpersönlichen. Nicht einmal an den Beruf des Vaters kann sie sich erinnern. Das Verhältnis zur Mutter ist noch komplizierter. Denn Helen meint sich zu erinnern, daß sie in ihrer Kindheit die Mutter bei einem Versuch des erweiterten Suizids gefunden habe, dem auch ihr damals noch kleiner Bruder ebenfalls zum Opfer gefallen wäre. In der nachfolgenden Zeit wurde das Thema totgeschwiegen. Stattdessen entwickelt sich die Mutter zur nachhaltigen Vermittlerin der geltenden Schönheits – und Hygienenormen. Wirkliche Zuwendung, wenn auch nur minutenweise, findet Helen bei Robin, einem Krankenpfleger, der von ihr und ihrer Art fasziniert ist.

Doch für Helens Versöhnungsplan wird die Zeit immer knapper. Entlassung droht, sobald sie normalen, unblutigen Stuhlgang hat. Unter diesem Druck wählt Helen ein drastisches Mittel, um ihren Krankenhausaufenthalt zu verlängern : sie öffnet die eigentlich schon verheilende Wunde, gerät durch den folgenden Blutverlust beinahe in Lebensgefahr und muß zudem feststellen, daß weder Vater noch Mutter erreichbar waren, um ihr in dieser brenzligen Situation Beistand zu leisten. Robin, den sie um Benachrichtigung ihrer Elternteile gebeten hatte, bevor die Notoperation begann, hatte nur die Anrufbeantworter erreichen können. Und auch danach wartet sie vergeblich. Nur ihr Bruder läßt sich sehen und bringt Kleidung vorbei, denn mit der nun fest vernähten Wunde meint man im Krankenhaus, sie ohne Risiko entlassen zu können. Doch den Weg zurück in die Wohnung der Mutter will Helen nicht gehen. Der einzige Ausweg scheint Pfleger Robin, in den sie sich in den Tagen des Krankenhausaufenthaltes verliebt hat.

Leser meiner Rezensionen, die eine eindeutige Empfehlung oder eine eindeutige Ablehnung dieses Buches erwarten, werden sich in diesem Fall enttäuscht sehen. Der Roman „Feuchtgebiete“ ist ein gutes Buch, zugleich ist er ein schlechtes Buch. Abzuraten sei zumindest schon einmal den Lesern, deren Ekelschwelle relativ niedrig angesiedelt ist oder die dazu neigen, sich in Büchern Geschildertes deutlich und lebendig auszumalen. Ein recht hoher Grad an Abstraktionsvermögen scheint mir hier eine wünschenswerte Fähigkeit des Lesers zu sein. Denn recht drastisch beschreibt Charlotte Roche Helens diverse Rituale, ihren Umgang mit Sekreten, Menstruationsblut und anderen Ausscheidungen. Dabei benutzt sie alternierend ein recht kindlich und präpubertär anmutendes Vokabular und die eher vulgären Varianten der deutschen Sprache. Auch die sexuellen und autosexuellen Szenen lassen gelegentlich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, was den ursprünglich vorgesehenen Verlag Kiepenheuer und Witsch dazu veranlaßte, auf eine Veröffentlichung des Romanes zu verzichten, da man ihn dort als „pornographisch“ qualifizierte. Allerdings gehört zum Begriff der Pornographie in der gängigen Definition die Absicht, beim Leser / Zuschauer sexuelle Erregung hervorzurufen, was ich in diesem Roman für beinahe ausgeschlossen halte.

Die Leser, die das Buch weiterlesen und nicht entrüstet oder angewidert zur Seite legen, werden in Helens Gebaren eine permanente, verfestigte Protesthaltung gegen die Mutter und eine Reaktion auf das vermeintliche ? Kindheitstrauma erkennen können. Als Reaktion und in ihren Ursachen eher unreflektierte Handlung verharrt das Verhalten allerdings eher im Stadium kindlicher Hilflosigkeit, fernab „erwachsener“, entscheidungsgesteuerter Verhaltensweisen. Und so gestaltet sich dieser Roman – überraschenderweise – gegen Ende – noch als eine Art Entwicklungsroman, auch wenn die Gewißheit ausbleibt – und ausbleiben muß – daß Helen ihr Leben künftig wird meistern können. Den ersten Schritt ist sie aber zum Ende des kurzen Klinikaufenthaltes mit Sicherheit gegangen. Unverkennbar ist, zumindest nach der Meinung der Autorin, die literarische und gesellschaftliche Stoßrichtung des Romans. Mit seiner auf Eigenständigkeit und Einflußnahme bedachten und damit im weitesten Sinne als feministisch zu erkennenden Protagonistin will Charlotte Roche provozieren, gegen die Hygiene – und Kosmetikzwänge der heutigen Gesellschaft zu Felde ziehen. Dafür wählte Charlotte Roche die bis ins Groteske gehende Übertreibung und Überzeichnung von Verhaltensweisen, die vielen allenfalls als bescheidene, flüchtige Ansätze bekannt sein könnten. Eine „anale Phase“ ist als Stadium der Entwicklung eines Kindes immer wieder feststellbar, „Mukophagie“, das Verzehren von eigenen Körperbestandteilen, etwa Schorf, ist nicht eben ungewöhnlich. Roche motiviert – wenigstens halbwegs deutlich – Helens dahingehende Grenzenlosigkeit mit der traumatischen Erfahrung aus Kindertagen, ohne allerdings deutlich zu konstatieren, daß diese Erinnerung auf Tatsachen beruht. Der Leser jedoch, und insofern ist der Hintergrund klug konstruiert, wird letztlich zu dem Schluß gelangen (müssen), daß Helen eben jenen Versuch des erweiterten Suizids erlebt haben wird und entsprechend traumatisiert wurde.

Dennoch will mir scheinen, daß eben jene groteske Überzeichnung unseligerweise eine Art „Overkill“ ist, der gute Ansätze mindestens beschädigt, der auch die von der Autorin geplante Provokation verpuffen läßt. Denn es steht meiner Meinung nach kaum zu erwarten, daß angesichts unzähliger und ausgedehnter Ekel – Passagen, sprachlicher Derbheiten eine von der Autorin gewünschte Auseinandersetzung stattfindet. Und nur am Rande übrigens findet der Angriff auf eine der bestimmenden und vorantreibenden Institutionen in dieser Auseinandersetzung statt : auf die Industrien der Zweige Kosmetik, Hygiene und Putz – und Waschmittel. Im Vordergrund, bedingt durch die Figur der Mutter, stehen eher die gesellschaftlich tradierten Normen, ohne daß die Ursachen und treibenden Kräfte meines Erachtens deutlich genug betrachtet würden. Dennoch darf man nicht dem Trugschluß unterliegen, ein Autor dürfe nicht so provokant schreiben, daß die Mehrheit der Leser das Buch angewidert abbreche oder doch letztlich nach vollendeter Lektüre mit heftigem Kopfschütteln beiseite lege. Doch, das darf ein Autor, sogar ohne an literarischer Gültigkeit oder Rang zu verlieren. Als Beispiel dafür mag „American Psycho“ von Bret Easton Ellis dienen, das in meinen Augen eine der tiefschürfendsten Diagnosen der achtziger Jahre in den USA darstellt. Doch diesen Rang erreicht Charlotte Roche mit „Feuchtgebiete“ bei weitem nicht.

Allerdings sind in diesem Roman durchaus auch Qualitäten zu verbuchen, die das Lesen über eine reine Pflichtlektüre hinaus interessant, spannend und sogar unterhaltsam machten. Roche versteht es nämlich, ihre Figur Helen gleich konsistent, präsent und – nebenbei – beinahe liebenswert zu gestalten. Ihr fast pubertär plappernder Erzählstil trägt über die gerade 220 Seiten des Buches mit ziemlicher Leichtigkeit. Sie scheint ausschließlich ich – bezogen, kindlich in ein Spiel mit sich selbst und mit ihrer „Neurose“ versunken, ist dabei aber durchaus zu erstaunlichen Beobachtungen fähig. Ein weiteres Plus dieses Romans ist der immer wieder durchblitzende Humor, der regelmäßig ein Schmunzeln, ab und an sogar ein recht breites Grinsen auf die Lippen zaubert. Subsummiere ich meine Eindrücke, kommt dabei allerdings das nüchterne Urteil „Weniger wäre Mehr gewesen“ heraus. Und so wünsche ich der Autorin, daß sie ihren Erstling als eine Art Spielwiese betrachtet, auf der sie ihre Kräfte und Fähigkeiten hat ausprobieren können, um ein rechtes Maß zu finden, das bei weiteren Versuchen zielführender, dosierter und damit besser eingesetzt werden kann.

Bibliographische Angaben :

Charlotte Roche : Feuchtgebiete

Dumont Verlag

ISBN : 978-3832180577

© Jost Renner