Deutschsprachige Literatur

Annemarie Weber : Westend

Es ist April 1945, ein Monat etwa vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Im Charlottenburger Westend, das durch Bombenangriffe teilweise zerstört ist, lebt die siebenundzwanzigjährige Elsa Lewinsky. Bis vor kurzem noch hatte sie in einer Fabrik gearbeitet, doch die ist nun durch die Operationen der Roten Armee unerreichbar. Und auch der Einmarsch der russischen Truppen in ihren Heimatbezirk steht kurz bevor. Elsa ist weitgehend auf sich allein gestellt : der Verlobte wird an der Westfront vermisst, später gibt es Nachricht, er sei in französische Kriegsgefangenschaft geraten. Die Eltern des jungen Mannes sind ihr gegenüber sehr reserviert, immerhin ist sie ja noch nicht mit ihm verheiratet, ihre eigenen Eltern haben sich ins Branndenburgische geflüchtet.

Als bald darauf Charlottenburg zur Frontlinie wird, beginnen für Elsa und alle anderen, vor allem für die Frauen, sehr üble Zeiten. Elsas Wohnhaus brennt nieder, Menschen, die sich Plünderungen widersetzen, werden getötet, die Gerüchte, russische Soldaten würden deutsche Frauen wahllos ? oder auch systematisch vergewaltigen, bewahrheiten sich. Eine andere Frau rät ihr, keinen Widerstand zu leisten und sich möglichst einen „festen“ Täter zu suchen, um dem Tod oder auch Vergewaltigungen durch ganze Trupps zu entgehen. Elsa, die eine Opferhaltung und eigene Schuldgefühle vermeiden, aber auch überleben will, hält sich pragmatisch daran, was ihr ein schlimmeres Schicksal erspart, aber eben auch nur das, denn übel genug wird ihr dennoch mitgespielt.

Erst mit der Kapitulation der Deutschen wird es für alle sicherer : Die russische Besatzungsbehörde verbietet nun solche Exzesse, die sie bei den kämpfenden Truppen mindestens gebilligt, wenn nicht gar angeordnet hatte,(zumal Charlottenburg bald darauf den Briten zugeschlagen wird. Elsa wird Dolmetscherin und – inoffiziell – Sachbearbeiterin bei der militärischen Kulturverwaltung der Briten. Hier muß sie Anträge zur Bewilligung auf Zeitungsgründungen und Kulturveranstaltungen bearbeiten und ihren vorgesetzten Offizieren sagen, ob die Antragsteller nach ihrer Kenntnis Mitglied der NSDAP gewesen seien. Ihre Eltern sind mittlerweile wieder nach Berlin zurückgekehrt und versuchen, die alte, bürgerliche Ordnung zu reetablieren. Daß Elsa aber eine Affäre mit einem britischen Unteroffizier beginnt, sehen sie zwiegespalten – moralisch ist es nicht in Ordnung, die zusätzliche Versorgung mit Lebensmitteln und Luxusgütern allerdings ist willkommen. Für Elsa – und auch den Soldaten – ist es Liebe, wenngleich eine recht aussichtslose.

In all diesen Tagen schreibt sie Briefe an ihren verschollenen, dann in Kriegsgefangenschaft sitzenden Verlobten, erklärt darin ihre unverbrüchliche Liebe und protokolliert doch auch die Änderungen, die sich in ihr entwickelt haben, ohne jedoch auf Einzelheiten wie die Vergewaltigungen oder die Liebesbeziehung explizit einzugehen. Man ahnt bald, daß eine Ehe nach tradiertem bürgerlichen Muster nur schwer durchlebt werden kann. Von einer recht selbständigen Frau ist Elsa auch zu einer sehr selbstbewußten geworden. Als der Verlobte gleich bei seiner Rückkehr versucht, das Zepter in die Hand zu nehmen, wissen wir : er wird diese Briefe niemals zu lesen bekommen …

Bereits 1996 war dieses Buch der Journalistin und Schriftstellerin erschienen und fand schnell literarische – und inhaltliche Anerkennung, während das sieben Jahre zuvor erschienene Buch „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ noch mehrheitlich abgelehnt worden war, da es „die Ehre der deutschen Frau“ beschmutze. Und doch zeigen beide Bücher im wesentlichen dasselbe : die systematische Gewalt gegen Frauen und die – notwendigen – Strategien im Umgang damit, um schlicht zu überleben. So pragmatisch und kaltschnäuzig die Betroffenen damit auch umgehen, bleiben diese Gewaltakte für die Frauen (und für die Leser) ekelhaft, entwürdigend und tief prägend.

In Bezug auf Annemarie Webers Sprache sträubten sich mir anfangs die Nackenhaare : da war eine Autorin zu oft auf der Suche nach einem hochsprachlichen, literarischen Wort, sodaß es gestelzt und allzu hölzern klang – und eben nicht dem Wesen der Protagonistin entspricht, die zwar gutbürgerlichem Hause entstammte, aber dennoch eher alltagsverbunden und lakonisch wirkt. Im Laufe der Zeit hat sich dieser Eindruck dann doch verflüchtigt, denn das Geschehen und die Schilderung der Lebenswelt waren stark genug, den Leser gefangenzunehmen.

Weber hat sich so auch nicht allein auf die Geschichte der Elsa Lewinsky konzentriert, sondern wirft einen recht genauen Blick auf das Verhalten anderer Personen, sei es auf die Mitläufer des Nazi-Regimes, auf die in alle Richtungen Angepaßten, aber auch auf die kleinen Versuche der Solidarität untereinander – und deren Zerbrechlichkeit. Sehr deutlich wird auch der Gegensatz von „irgendwie weitermachen“ und dem bürgerlichen „weiter so“, der zeigt, daß eher wenige aus der hereingebrochenen Katastrophe zu lernen bereit waren.

Alles in allem ist dies ein wichtiges, wenn auch nicht literarisch hochwertiges Buch, das die Endphase des Zweiten Weltkrieges eindrücklich beleuchtet und anhand der Elsa Lewinsky greifbar und nachvollziehbar macht. Gerade die Gegenüberstellung ihrer Erfahrungen mit den Briefen offenbart ein Spannungsverhältnis, das literarisch trägt und den Roman, über dessen autobiographischen Bezüge zu spekulieren müßig ist, dem Leser zum Nutzen vertieft.

In „Roter Winter“ wird die Geschichte Elsa Lewinskys weitergeführt. Diesen Roman werde ich in absehbarer Zeit dann ebenfalls lesen und hier vorstellen.

Bibliographische Angaben :

Annemarie Weber : Westend

AvivA Verlag

ISBN 978-3-932338-52-6

© Jost Renner

Angelika Reitzer : Taghelle Gegend

Gerade einmal 160 Seiten lang ist dieser Roman von Angelika Reitzer, in dem sie die ersten Schritte einer jungen Frau in das Erwachsenenleben beschreibt. Eines Tages, beinahe scheint es eine Affekthandlung, hält Maria ein Auto an, verläßt Familie und die kleine österreichische Provinzstadt und landet in Wien. Hier kommt sie bei einem Bekannten unter und teilt sich mit ihm zwei Jahre lang eine Wohnung. Sie kommt in Berührung mit der Hausbesetzer-Szene, lernt deren Entspanntheit, Offenheit und internationalen Flair zu schätzen. Über Wasser hält sie sich, indem sie für Absolventinnen einer Modeschule schneidert. Später, vermutlich in Berlin, dies bleibt wie vieles andere recht vage, wird sie in der Kostümbildner-Abteilung eines Theaters arbeiten, sich die Rollen vorstellen, deren Kostüme sie näht, um so die Ergebnisse ihrer Arbeit zu verbessern. Auch der Wechsel zum telefonischen Kartenverkauf verschafft ihr erfüllende Momente, erst recht dann, wenn sich unvorhergesehene Probleme mit der Kreditkartenzahlung ihrer Kunden schnell beheben lassen.

Auch privat testet sie sich aus. Hatte sie einst die Avancen eines älteren Autofahrers selbstbwußt abgewiesen, so verliebt sie sich nun in einen älteren Regisseur, der auch eine Art kultureller Mentor zu sein scheint. Allerdings ist der verheiratet und hat ein Kind. Maria ist dennoch zufrieden, mag nicht auf die Trennung ihres Liebhabers von seiner suizidgefährdeten Frau drängen, sondern sieht auch die Sehnsucht, wenn er abwesend ist, als wesentlichen Bestandteil ihrer Beziehung.

Dennoch erkaltet auch diese Liebe, und Maria trennt sich von ihm. Ein Galerist, dann ein Schauspieler sind kurzfristiger Ersatz. Komplikationen gibt es in keinem Fall. Die Gegenwart ist für Maria taghell, vielleicht auch die Zukunft. Dunkle Töne mischen sich allerdings in ihre Geschichte, wenn sie unversehens die Erinnerung überfällt : an ihre Familie, den Tod der Großmutter, der unpassenderweise an einem Ostermontag, Marias Geburtstag, alle Planungen über den Haufen wirft und bei den Eltern allenfalls die Frage aufwirft, wo sich der Sohn gerade aufhält, aufzuwerfen imstande ist.

Der Bruder wiederum ist ein Problemfall, ein Alkoholiker, der mehr recht als schlecht mit einer Leidensgenossin zusammenlebt und dessen Ehe massiv gefährdet ist. Maria hört sich zwar die Klagen ihrer Schwägerin an, verweist sie aber an ihre Eltern, denn ihr ist recht bewußt, daß ihr die Möglichkeiten fehlen, zu helfen. Eine andere Erinnerung – oder ist es ein Tagtraum ? – ist weit finsterer : Als sie in einem Schwimmbad war, ertrank ein Junge, den sie als ihren jüngeren Bruder beschrieb … Hier wird, ziemlich vage und nicht wirklich eindeutig, eine Katastrophe für die Famile angedeutet, die auch Maria fort – und ins Selbständigwerden getrieben haben mag …

Ich bin versucht, zu behaupten, der Roman ist auch nicht mehr das, was er niemals war. Denn spätestens seit dem 20. Jahrhundert, betrachtet man es genauer, eigentlich seit Laurence Sternes „Tristram Shandy“ ist der Roman nicht nur episches Erzählen, sondern immer wieder auch literarisches Experimentierfeld. Und Angelika Reitzer mag sich nicht von den traditionellen Formen des Erzählens binden lassen, sondern testet, spielt und versucht, die Grenzen des Erzählbaren auszuloten, ohne die Geschichte – oder deren Protagonistin – aus dem Blick zu verlieren.

Es mischen sich Orts- und Situationsbeschreibungen, die obwohl nüchtern und schnörkellos geschrieben, eine feine Ästhetik – mehr differenzierte Zeichnung als Ölgemälde – aufweisen, mit Handlung, Träumen und Erinnerungen, sodaß vor dem Leser nicht nur ein Bild, sondern eine Art flirrenden Kaleidoskop zu liegen scheint, das, wiewohl vage, doch dieses Buch, dieses Kunstwerk zu tragen vermag. Dieser Roman ist so eigenwillig wie fordernd, aber es vermag gerade dadurch, den Leser zu bannen und ihm einen befriedigenden Genuß zu schaffen.

Bibliographische Angaben :

Angelika Reitzer : Taghelle Gegend

Haymon Verlag

ISBN : 978-3852188119

© Jost Renner

Christoph Hein : Frau Paula Trousseau

Gerade einmal achtundvierzig Jahre ist die Malerin Paula Trousseau, als sie im Jahr 2000 nach ihrem Selbstmord tot in Frankreich aufgefunden wird. Ihr Vermächtnis : etliche Bilder und Zeichnungen, die sich nach dem Mauerfall kaum noch verkaufen ließen, und ihre umfangreichen Erinnerungen, die sie ihrer Tochter Cordula zugedacht hatte – als Erklärung und Rechtfertigung. Doch Cordula öffnet das Paket nicht einmal. Paula Trousseau hatte eine bedrückende Kindheit durchleben müssen : mit einem tyrannischen Vater, einer trinkenden Mutter und wenig Unterstützung durch die älteren Geschwister. Kurz nach dem Beginn ihrer Ausbildung zur Krankenschwester und ihrer Verlobung mit Hans, einem älteren Architekten, beschließt sie, in Berlin Kunst zu studieren. Die Aufnahmeprüfung findet just am Tag der geplanten Hochzeit statt, und es kostet sie Mühe, sich gegen ihre Eltern und ihren Bräutigam durchzusetzen.

Hans ist alles andere als begeistert über Paulas künstlerische Ambitionen und versucht mit allen Tricks, das Studium zu unterbinden. So tauscht er ihre Anti-Baby-Pillen gegen Plazebos aus, schwängert Paula, um sie an Heim und Haus zu ketten. Doch Paula studiert auch hochschwanger und später mit Baby weiter. Als es zur Scheidung kommt, erhält Hans das Sorgerecht für das gemeinsame Kind, nachdem Paula im Gerichtssaal die Umstände ihrer Empfängnis in einem emotionalen Ausbruch anklagend schildert. Für sie bleibt das Studium das unumstößliche Ziel. Sie beginnt eine Beziehung mit einem ihrer Professoren, doch kann ihn nicht wirklich lieben. Erfüllender sind auf Dauer die Beziehungen zu Kathi, einer alten Freundin, und zu Sibylle, der Frau eines gemeinsamen Bekannten von ihr und ihrem Lebensgefährten. Doch auch hier kann sie sich nicht wirklich öffnen. In der Kunsthochschule wird sie weitgehend gemieden, da sie aufgrund ihres Zusammenlebens mit ihrem Lehrer als Karrieristin und Flittchen gesehen wird.

In dieser Zeit entsteht das „Weiße Bild“, eine fast abstrakte Schneelandschaft, das das Mißfallen ihres Freundes erregt und politisch mehr als heikel wäre. Denn die offizielle Politik der DDR sieht abstrakte Kunst als einen dekadenten Einfluß des Westens an. Als ihr Lebensgefährte selbst in Ungnade fällt, nachdem ein anderer Kunstprofessor eine Ausstellung in der Bundesrepublik zur Republikflucht genutzt hat, verläßt sie ihn. Sie besteht ihre Prüfung, muß jedoch schlechte Noten in den politisch-philosophischen Fächern verbuchen. Nur schwer faßt sie als Malerin und Graphikerin Fuß, erst als sie mit dem bekannten Schauspieler Jan zusammen lebt, geht es voran. Dessen Bekannte, Kollegen und Freunde kaufen ihr Bilder und Zeichnungen ab. Für einen größeren Verlag darf sie ein Märchenbuch illustrieren. Jan wird der Vater ihres Sohnes Michael, doch verläßt sie ihn, ohne ihm von der Schwangerschaft zu erzählen.

Nach einer Zeit, in der sie sich auf ihr Kind und ihre künstlerische Arbeit konzentriert, zieht sie mit dem Restaurator Heinrich zusammen. Er scheint der ideale Ersatzvater für ihren Sohn und – als ruhiger, kaum Ansprüche stellender Mann – ein ebenso idealer Lebensgefährte zu sein. Er baut mit Hingabe ein Haus auf dem Land für die kleine Familie um, doch Paula hält es auch mit Heinrich nicht aus. Dann kommt die Wende : Paula verliert die meisten Aufträge, scheitert daran, das Verhältnis zu ihrer Tochter neu aufzubauen und muß feststellen, daß ihr Sohn immer mehr eigene Wege verfolgt….

Recht deutlich gemahnt der Titel „Frau Paula Trousseau“ an ein anderes Werk der deutschen Literatur : an „Frau Jenny Treibel“ von Theodor Fontane. Zwar verfolgen beide verschiedene Lebenswege, doch scheinen sie charakterlich ähnlich und gleichen sich in manchem. Während Jenny Treibel ihren Hang zur Poesie zugunsten materiellen Wohlstands und einer gehobenen gesellschaftlichen Stellung aufgab, der Literatur und dem einfachen Leben allenfalls reichlich sentimental hinterhertrauert, doch recht engagiert die Beziehung ihres jüngsten Sohnes mit einem Mädchen aus einfacheren Verhältnissen hintertreibt und unterbindet, verfolgt Paula, in einer nicht unbedingt geringeren Sentimentalität, ihr Ziel, Kunstmalerin zu werden.

Unterstützung findet sie weder im Elternhaus, noch bei ihrem Ehemann, der sie mit dem Austausch ihrer Kontrazeptiva schmählich verrät. In ihrer Enttäuschung und Wut nimmt sie es in Kauf, daß sie das Sorgerecht für ihre Tochter verliert, fühlt sich sogar einer Falle entkommen. Ihre folgenden Beziehungen sieht sie leidenschaftslos und rational, Liebe ist dabei niemals im Spiel, allenfalls ihre Beziehungen zu Frauen gründen auf Emotionen, sind aber von wirklicher Hingabe und Vertrauen fast ebensoweit entfernt. Dennoch scheint ihr ihr Zweckdenken, ihre Ausnutzung der Lebensgefährten allenfalls halb bewußt zu sein, wiederum etwas, was sie mit Jenny Treibel eint.

Weite Teile des Romans werden von der Ich-Erzählerin, Paula Trousseau, erzählt, ergänzt von einigen eingeschobenen Kapiteln, in denen ein neutraler Erzähler ihre Kindheit schildert, die von Schikanen und Wutausbrüchen ihres autoritären Vaters und der alkoholisierten Gleichgültigkeit der Mutter geprägt war. Nur einmal, als der Vater schwer erkrankt und sein Ableben zu erwarten steht, gelingt es der Mutter das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen, klare Strukturen zu schaffen, um dann – als sich die Krankheit des Vaters als ungefährlicher als gedacht herausstellt – wieder im Alkohol zu versinken. Als sie sich in einen Gleichaltrigen wahrhaft verliebt, wirft der ihr vor, sie sei kaltherzig und berechnend – was sich allerdings erst in ihren nachfolgenden Beziehungen bewahrheiten wird. Ihr Ausweg wird die Malerei, teilweise recht düster und immer ohne menschliche Figuren.

Paula, die ihre Geschichte niederschreibt, ist Malerin, keine Schriftstellerin, auch wenn sie in späten Jahren mit Prosaskizzen, die ebenso menschenleer wie ihre Bilder sind, zu reüssieren versucht. Entsprechend ist ihr Erzählstil – und mit ihm der des Autors Christoph Hein – eher ausgreifend und an der Grenze der Redundanz. Es ist eine tastende, sich vergewissernde Selbstbeobachtung, ein Erklärungsversuch und eine Rechtfertigung gegenüber der im Stich gelassenen Tochter, die – naturgemäß – auf eine deutliche Analyse und Wertung des Autors verzichtet. Dem Leser selbst bleibt die Analyse und Wertung vorbehalten, während er sich im Spannungsfeld psychischer Mechanismen und des Widerspiels von Ursache und Wirkung bewegt. Dies ist eine klug gewählte Strategie, denn es garantiert die innere und emotionale Beteiligung des Lesers ebenso wie die differenzierte Darstellung und Wahrnehmung dieser doch recht komplexen Lebensgeschichte.

Deren Komplexität gewinnt eine weitere Dimension dadurch, daß es ein Leben in der nun vergangenen DDR ist, einen Zeitraum vom Ende der sechziger Jahre bis zu Nach – Wende – Zeiten umspannt. Es ist ein Frauenschicksal in einem Land, das offiziell die Gleichberechtigung von Frauen und Männern als erreicht ansah, und doch wird deutlich, daß auch hier patriarchalische Mechanismen wirkten, daß Emanzipation und Gleichberechtigung ihren nicht zu geringen Preis forderten. Die realsozialistische Wirklichkeit bleibt weitgehend dezent im Hintergrund, wird aber in einzelnen Aspekten, etwa bei der Kunstauffassung und in der Frage der Ahndung von Republikflucht dann wieder bedrohlich greifbar. Zur Kulisse oder gar reinen Stffage verkommt sie nie. Paula selbst will „nur malen“, sieht sich selbst also als unpolitisch. Und so arrangiert sie sich mit dem System, versteckt ihr „Weißes Bild“ und arbeitet im geduldeten Rahmen weiter, ohne dies als ein politisches Verhalten zu begreifen, noch weniger als endgültige Beschneidung ihrer künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Dies wird ihr erst sehr spät – zu spät – bewußt.

Christoph Hein gestaltete diesen Roman ohne jegliche Larmoyanz seiner Protagonistin, allerdings ließ er auch die fortschreitende Verhärtung der Figur nicht oder kaum in den Erzählstil oder die Sprache seiner Figur einfließen. So war das Buch für mich eine interessante, befriedigende und auf der sprachlichen Ebene sehr angenehme Lektüre, zumal ich eine etwas ausgreifendere Erzählweise immer zu schätzen weiß.

Bibliographische Angaben :

Christoph Hein : Frau Paula Trousseau

Suhrkamp Verlag

ISBN : 978-3518460047

© Jost Renner

Dirk Kurbjuweit : Nicht die ganze Wahrheit

Der Privatdetektiv Arthur Koenen ist es gewohnt, im Dreck zu wühlen, nachdem er seine Ambitionen, im Bereich der Wirtschaftskriminalität zu arbeiten, nicht verwirklichen konnte. Der Ich – Erzähler dieses hier vorgestellten Romans befasst sich immer noch mit außerehelichen Affären und muß sich bei der Bekämpfung von Taschendiebstählen im Berliner Zoo ein Zubrot verdienen. Sein neuester Auftrag verspricht Brisanz und nicht unerhebliche Schwierigkeiten, denn seine Mandantin wird die Ehefrau des Partei – und Fraktionsvorsitzenden Leo Schilf, dessen Partei den aktuellen Bundeskanzler stellt. Frau Schilf hat aufgrund des Verhaltens ihres Mannes den Verdacht, er betrüge sie, was ihm wegen der Entfernung von gemeinsamer Heimatstadt und Regierungssitz nicht unbedingt schwer gemacht würde. Koenen hat zunächst Bedenken, denn die Observierung eines von Sicherheitsleuten rundum geschützten Politikers dürfte sich schwierig gestalten, die flächendeckende Beobachtung durch die Medien desgleichen. Dennoch stimmt er schließlich zu, muß allerdings bald erkennen, daß sich seine Befürchtungen bestätigen. Es dauert lange, bis er eine mögliche Geliebte ausfindig machen kann, die junge Abgeordnete Anna Tauert, die als Parteirebellin gilt, weil sie die Pläne des Kanzlers, den Zahnersatz aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu streichen, vehement und öffentlich bekämpft. Doch Arthur Koenen kann allenfalls vage Verdachtsmomente aufspüren, keine handfesten Beweise, sodaß er zu einem letzten, drastischen Mittel greift : er bricht in Annas Wohnung ein, durchforstet ihren Computer und speichert ihren Mailverkehr auf einem Datenträger. Der Detektiv hat recht hohe moralische Grundsätze, und wohl ist ihm bei seinem Vorgehen nicht. Doch in den Mails findet er das benötigte Beweismaterial, mehr noch : den Fortgang einer komplizierten, nicht nur glückverheißenden Liebesgeschichte.

Leo Schilf, der einst selbst hat Kanzler werden wollen und sollen, ist bei einem ungeschickten Auftritt vor Medien vom amtierenden Bundeskanzler Fred Müller ausgebootet worden. Nun sieht er sich als dessen Freund und loyalen Adlatus, folgt der von diesem vorgeschlagenen Politik ohne Wenn und Aber. Neben der Schwierigkeit der Geheimhaltung der Liebesbeziehung erleichtern die politischen Differenzen und die daraus resultierenden Diskussionen das Miteinander von Leo und Anna keineswegs, zumal Leo weder seine Frau, noch seine politische Karriere aufs Spiel zu setzen gewillt ist. Auch Annas Bedürfnis, nicht immer der geheimgehaltene Teil seines Lebens bleiben zu müssen, schafft unvermeidliche Spannungen, erst recht als sie von Leo ein Kind erwartet. Leo erklärt, die Vaterschaft nicht anerkennen zu wollen, verknüpft aber eine Änderung ihres politischen Handelns mit einem möglichen Sinneswandel in dieser Frage. Arthur Koenen verliebt sich in Gedanken in Anna, erkennt aber auch, daß es bei beiden trotz Leos teils recht schäbigen Verhaltens, das in seinem Charakter und in seiner Gewöhnung an Macht und mediale Präsenz begründet liegt, um Liebe geht, so problematisch diese Beziehung auch sein mag. Nach und nach wandelt sich seine Zielsetzung vom ausforschenden Detektiv zu einer Art virtuellem Leibwächter. Er möchte Anna beschützen, letztlich sogar diese Liebesgeschichte vor Entdeckung bewahren, auch wenn er sich im Vergleich zu Leo für geeigneter und liebevoller hält. Seine Observierungen lassen ihn allerdings noch eine weitere Gefahr für Annas und Leos Liebe erkennen : Leo scheint erpresst zu werden. Und so entschließt sich der Detektiv Arthur Koenen zu einem recht eigenwilligen Vorgehen… .

Man kann den Roman formal als eine Art des modernen und durch den Ich – Erzähler moderierten Briefromans sehen. Dieser läßt in seine Erzählung immer wieder die Mails und SMS der beiden eigentlichen Protagonisten einfließen, wählt aus, legt Reihenfolge und Zeitpunkt fest, an dem sie die Erzählung gestalten, und kommentiert recht ausführlich seine Fundstücke. Diese geben ein recht detailliertes, gut ausgeleuchtetes Bild nicht nur des Innenlebens von Politikern, von der Schwierigkeit privaten Lebens unter den Umständen allgegenwärtiger Medienbegleitung, sondern auch von einer nicht unproblematischen Liebesgeschichte. Kurbjuweit, Redakteur und Berliner Büroleiter des „Spiegels“ verfügt über langjährige Erfahrung und Beobachtung der Berliner Politszene, um Mechanismen von Politik und Macht, von Selbstdarstellung und Medien glaubhaft und anspielungsreich, nicht ohne recht ironische Seitenhiebe zu beschreiben.

Einige seiner Figuren sind erkennbar, Fred Müller ist ein genau gezeichnetes, ironisch verfremdetes Portrait des nicht mehr amtierenden Bundeskanzlers Schröder, auch Joschka Fischer, Otto Schily und Angela Merkel geben sich in kurzen Gastauftritten die Ehre, doch die beiden Hauptpersonen sind – gewollt – nicht eindeutig zu identifizieren, obgleich sich für Leo Schilf die Namen Müntefering oder Struck aufdrängen, für Anna eine Andrea Nahles als Vorbild gedient haben könnte. Allerdings ist Anna als Figur jünger, unsicherer und teilweise unbedarfter angelegt als ihr vermeintliches Vorbild. Eine zeitliche Verortung der Handlung des Romans allerdings fällt leichter – wir befinden uns in der zweiten Legislaturperiode der Rot – Grünen Regierung, auch wenn der Autor gut daran tut, die Vorgänge ein wenig zu abstrahieren, die Agenda 2010 durch die komplette Streichung des Zahnersatzes aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu ersetzen. Dennoch wird der Leser nicht umhin kommen, einen Schlüsselroman zu vermuten, die Protagonisten enttarnen zu wollen, auch wenn „Nicht die ganze Wahrheit“ weder ein Schlüsselroman ist bzw. sein will, noch eigentlich ein wirklich politischer Roman. Denn dazu fehlt es an Stellungnahme, an politischer Argumentation.

Kurbjuweit interessieren mehr die Persönlichkeitsstrukturen, die Deformationen durch Macht und die Medien, durch Politikalltag und Fraktionszwänge. Schilf und Müller sind ausgeprägte Machtmenschen, brauchen sowohl Macht als auch mediale Aufmerksamkeit, um sich existent zu fühlen. Gleichzeitig sind sie ständig unter Beobachtung, jedes Zucken der Mundwinkel, jede Blickwendung wird aufgezeichnet, bewertet und interpretiert, sodaß kaum Schlupflöcher bleiben, und jeder Fehler könnte zum Machtverlust führen. Bis dahin aber scheinen sie sich allmächtig zu fühlen – sie bestimmen die Realität, die Wahrheit, mit der sich ein Achtzig – Millionen – Volk auseinanderzusetzen hat. Wirkliche Nähe zu ihren Wählern mit ihren Geschichten, ihren Ausdünstungen wird als eher unangenehm empfunden. Selbst die idealistische Jungabgeordnete Anna Tauert spürt mehr und mehr die Entfremdung, die Abstraktion der politischen Rituale und passt sich wenigstens teilweise an. Kurbjuweit setzt strategisch einen Mittler für solche Beobachtungen und Analysen ein, der das Geschehen, seine Wahrnehmungen kommentiert und möglicherweise auch filtert, bzw. nicht alles erfährt und beobachten kann, sodaß „Nicht die ganze Wahrheit“ auch als eine Art programmatischer Titel des Buches verstanden werden kann.

Ein wenig besteht für den Leser die Gefahr – an der Länge des Teiles dieser Rezension, der sich mit dem Politischen auseinandersetzt ist es auch hier abzulesen – daß die Liebesgeschichte, die komplexen Gefühle der beiden Protagonisten und die Strukturen dieser Beziehung ins Hintertreffen geraten. Anhand der Mails, der Verzögerung bei Antworten, der Beantwortung oder Nichtbeantwortung entsteht ein amouröses Geflecht aus Distanz und Nähe, Hingabe und Abweisung, Offenheit und Konfrontation. Anna muß sich dabei nicht nur gegen den Machismo des gestandenen Politikers, sondern auch gegen seine politische Einflußnahme zur Wehr setzen. Als Person ist sie dem Autor vielleicht zu sehr in die Nähe des Klischees der jungen, naiv-idealistischen und gutaussehenden Politikanfängerin geraten, dennoch beeindrucken ihre Persönlichkeit, ihre unerschütterliche Hinwendung an Leo, obgleich sie wohl die Unglücklichste in dieser Dreierkonstellation ist. Kurbjuweit erzählt seine Geschichte stringent, glaubhaft, in einer klaren, fast schnörkellosen Sprache, sodaß die Lektüre den Leser zu beeindrucken und zu fesseln vermag und ihn ästhetisch durchaus befriedigt, wiewohl der Roman nicht unbedingt als Meisterwerk zu bewerten ist. Immerhin ragt es über den Durchschnitt der Veröffentlichungen in Deutschland heraus und kann mit gutem Gewissen empfohlen werden.

Bibliographische Angaben :

Dirk Kurbjuweit : Nicht die ganze Wahrheit

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423138567

© Jost Renner

Olga Flor : Kollateralschaden

Zentrum der Handlung ist ein Supermarkt. Hier treffen die unterschiedlichsten Menschen an einem späten Winternachmittag aufeinander, kaufen ein oder begeben sich auf ihren Heimweg. In der Stunde von 16 Uhr 30 bis 17 Uhr 30 entwickelt sich ganz unversehens eine Tragödie aus beinahe nichtigem Anlaß. Unter den Käufern findet sich unter anderem ein gescheiterter Journalist, der wohl auf immer in eine Lokalredaktion verbannt scheint, nachdem er zu intensiv in den Angelegenheiten einer bekannten Politikerin der Rechten gewühlt hatte, diese Politikerin selbst, die nach dem gewaltsamen Tod ihres Ehemannes ihre politische Karriere mit „Law-and-Order“-Parolen und fremdenfeindlichen Ressentiments gestartet hatte, die einst eine Affäre mit dem Parteivorsitzenden auslebte, die nun einem Gleichgewicht des Schreckens gewichen ist, die Angestellte Doris, die ihr Leben nach Ernährungsrichtlinien gestaltet, ihre sozialen Kontakte vornehmlich in einer Selbsthilfegruppe findet, jedoch dem Süßwarenregal nicht wirklich widerstehen kann oder Anna, deren Ehemann jähzornig und, wie es scheint, gewalttätig ist, die sich in der Kunst des Arrangements übt.

Wir treffen auf Horst, einen Pensionär, der einst im Stadtplanungsamt gearbeitet hatte, sich nach alten Zeiten der Beschäftigung zurücksehnt und nun auch noch durch die Krebserkrankung seiner Frau, deren Operation gerade während seines Einkaufs stattfindet, schwer beunruhigt ist, den Stadtstreicher Anton, dem von der Marktleiterin der Eintritt verweigert wird und der sich, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, mittels einer anonymen Bombendrohung rächen will. Doch durch Ungeduld und Unaufmerksamkeit wendet er sich an die falsche Filiale. Dort nun sammelt sich ein ungeahntes Polizeiaufgebot und wird später – durch die ursprüngliche Bombendrohung sensibilisiert – auch am Ort der Handlung eintreffen.

Jede der Figuren ist in seinen Gedanken und Wahrnehmungen gefangen, Kommunikation findet kaum statt, allenfalls nonverbal oder sehr oberflächlich, neutral und vor allem abweisend. Selbst die Marktleiterin ist nicht in der Lage, sich den Namen einer Kassiererin zu merken, der Azubi Tobias wird mit Hilfsarbeiten in Beschäftigung gehalten, verantwortungsvollere Tätigkeiten bleiben ihm verwehrt, nachdem ihm ein von ihm nicht zu verantwortender Fehler zugeschrieben worden war. Er träumt von Markenturnschuhen als Statussymbolen, die ihm wegen der geringen Ausbildungsvergütung unerreichbar scheinen. Doch er wird seine Chance nutzen. Als Doris zum Treffen ihrer Selbsthilfegruppe fährt, kollidiert sie mit etwas Unbekanntem : ob Wild oder Mensch kann nicht geklärt werden, da das Unfallopfer nicht zu finden ist. Zu allem Unglück hat sie bei ihrer aufgeregten Suche auch noch die Autoschlüssel im Zündschloß stecken lassen, die Türen verriegelt. Hilfsangeboten begegnet sie mißtrauisch und schlägt lieber ein Seitenfenster ein.

Im Supermarkt bahnt sich derweil eine Katastrophe an : Mo (Morgan) hat vor, im Supermarkt einen Durchgang im „Parkour“, einer französischen Trendsportart, in der alle natürlichen Weghindernisse ohne Hilfsmittel überwunden werden müssen, zu absolvieren und sich von seinem Freund Sid dabei filmen zu lassen. Mo ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die sich trotz guter Ausbildung mit Putzjobs über Wasser halten muß, und er versucht, mit solchen Aktionen, der Beengtheit und Trübe seines Alltags zu entgehen, eine Gegenwelt mit Adrenalinrausch und (vermeintlicher) Anerkennung zu schaffen. Doch diesmal geht es schief : in den Gängen des Marktes verliert er den Halt und reißt einen Kunden zu Boden, der verletzt liegen bleibt. Sowohl der Journalist als auch die Politikerin vermuten sofort, es handele sich um einen Terroranschlag, der – bei aller Bedrohung – beiden nicht wirklich ungelegen käme. Dies allerdings hat unabsehbare Folgen….

Olga Flor erzählt ihre Geschichte fast ausschließlich aus der Gedankenwelt ihrer Figuren, ihren Wahrnehmungen. Sie setzt in ihren minütlich unterteilten Kapiteln Fragmente der Bewußtseinsströme der Kunden und einiger Angestellter mosaikartig zusammen, die sich hauptsächlich mit sich selbst, mit ihren Enttäuschungen und privaten Katastrophen beschäftigen, die andere nur am Rande und vehement abwehrend wahrnehmen. Niemand scheint willens oder fähig, seine eigene Gedankenwelt zu verlassen, Kontakt aufzunehmen, die Vereinzelung zu durchbrechen und zu kommunizieren. Begegnungen bedeuten ausschließlich Abwehr, Ablehnung, kritische Musterung und entsprechendes gedankliches Kommentieren. Da in den engen, regalbewehrten Gängen des Supermarktes unvermeidlich sind, entsteht ein Geflecht von Reflexionen, die aufeinander Bezug nehmen, vorantreiben und den Erzählstrom, auch mithilfe der chronologischen Unterteilung, einen erzählerischen Zusammenhang geben, der das Fragmentarische zu einer Geschichte zu bündeln vermag. Allerdings ist vom Leser konzentriertes Lesen verlangt, um die Gedankenbruchstücke konsequent den Figuren zuordnen zu können.

Am meisten Raum gewährt die Autorin der rechtsextremen Politikerin, die gelernt hat, in fast allen Situationen die Kontrolle zu behalten, Schwächen zu kaschieren und den Zeitgeist in griffige Parolen zu verpacken. Ihre Weltsicht transportiert die Vereinzelung, das Abwehrverhalten, das Sich-Einrichten in der kleinen persönlichen Welt, am subjektiv empfundenen Elend in das Allgemeine, in die Wahrnehmung der Gesellschaft und findet entsprechend Zustimmung. Ihr und allen anderen gegenübergestellt ist ausgerechnet Mo, der seine kleine Welt so nicht akzeptieren mag, der sich zumindest eine Traumwelt schafft, in die er ab und an ausbrechen kann. Daß sein – im wörtlichen Sinne – Fehltritt zu einer ungeahnten Eskalation führt, ist nicht ihm anzulasten, sondern der Ich – Bezogenheit und mangelnden Kommunikationsbereitschaft des Journalisten und der Politikerin. Und dennoch ahnt man als Leser, daß selbst eine solche Minimalrevolution in einem solchen menschlichen Umfeld gründlich mißlingen muß.

Olga Flor gelingt es immer wieder, schmerzhaft genau zu beobachten, mit knappen aber detaillierten Strichen ein gesellschaftliches Abbild im Kleinen zu schaffen und einer stimmigen Diagnose zu kommen, als befundete sie anhand eines Zellabstriches unter dem Mikroskop die Krankheit eines ganzen Körpers. Es ist ihre Stärke, nicht zu einer System – oder Gesellschaftskritik anzuheben, sondern dem Leser letztlich die – allerdings kaum vermeidbare – Wertung zu überlassen. Der wird sich, sofern er sich nicht durch die Anforderungen des Textes abschrecken läßt, willig dahin geleiten lassen, fasziniert durch eine höchst ausgefeilte Konstruktion, gekonnt gesetzte Spannungsbögen und nachvollziehbare, lebendig erscheinende Personen, deren Glaubwürdigkeit über gut 200 Seiten erhalten bleibt. Auch im Sprachlichen bleibt Olga Flor eher nüchtern, klar und präzise, zwei oder drei Austriazismen stellen kein Hindernis bei der Verständlichkeit dar. Olga Flors Roman ist für mich ein interessanter, frischer und formal wie sprachlich Beitrag zur deutschsprachigen Literatur der Gegenwart.

Bibliographische Angaben :

Olga Flor : Kollateralschaden

Paul Zsolnay Verlag

ISBN : 978-3552054400 (derzeit nur gebraucht erhältlich)

© Jost Renner

Norbert Zähringer : Einer von vielen

Wir begegnen Edison Frimm im Jahre 2003 auf einer Brücke in Kalifornien : ein achtzigjähriges, bewegtes Leben, zuletzt ein mehrjähriger Gefängnisaufenthalt wegen einer Körperverletzung und die deprimierende Diagnose Alzheimer liegen hinter ihm, sodaß seine Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, solange seine Erinnerungen noch intakt und strukturiert sind, konsequent und nachvollziehbar scheint. Edison wird am 1.September 1923 in einem kleinen Ort mitten in der Mojave-Wüste während eines Erdbebens, dessen Epizentrum in Japan liegt und das dort verheerende Verwüstungen anrichtet, geboren. Am selben Tag kommt in Deutschland Siegfried Heinze zur Welt. Beide haben neben dem Geburtstag gemeinsam, daß es mindestens fraglich ist, ob die Väter, die ihnen früh abhanden kommen, wirklich die biologischen Erzeuger sind. Während Edisons Vater 6 Jahre nach Edisons Geburt auf einer Sauftour verschwindet, wird Siegfrieds Vater, ein früher und strammer Anhänger des Nationalsozialismus, schon am Tag der Geburt seines Sohnes erschossen, angeblich von den Kommunisten. Kommissar Mauser, der mit der Untersuchung befaßt ist, hat da erhebliche Zweifel, zumal sich weitere Leichen finden, die ähnliche Schußwunden aufweisen.

Edison, der von seinem europäischen Pendant nichts weiß, zieht mit seiner Mutter nach Los Angeles. Trotz ihrer Anstellung bei der Post hat die Familie wenig Geld, und Edison nimmt einen Job als Poolreiniger an. Daß sein Arbeitsort der Garten einer leerstehenden Villa eines Filmproduzenten ist, in dessen Pool einst die Aufnahmen für einen Piratenfilm entstanden, wird nicht unerhebliche Auswirkungen auf sein Leben haben, denn zum einem begegnet er hier Toshiro Koga, der nach dem Erdbeben in Japan, bei dem er alle Angehörigen verlor, das Land in Richtung Vereinigte Staaten verließ und der nun zu seinem spirituellen Mentor wird, zum anderen läuft ihm der einstige Stummfilmstar Penelope Brooks über den Weg, die ihn in die Welt des Films bugsiert und seine – zeitweilige – Freundin wird.

Derweil hat in Deutschland das Dritte Reich begonnen. Kommissar Mauser, immer noch auf der Suche nach dem Serienmörder, der Siegfrieds Vater und andere ermordet hat und immer noch tötet, warnt seinen jüdischen Vorgesetzten vor der geplanten Verhaftung. Nicht wirklich einverstanden mit der Diktatur unternimmt er allerdings ansonsten wenig gegen die Gewaltherrschaft. Sein übellauniges Foppen eines Gestapo – Mannes führt sogar dazu, daß er nun Hitlers Sicherheit gewährleisten muß, in dem er Abwasserrohre mit Gittern versieht. Doch zurück an seiner alten Dienststelle hat er noch einmal Gelegenheit, nicht nur im Strom angepaßt mitzuschwimmen, sondern sich gegen das Regime zu stellen, indem er einen jüdischen Jungen vor dem Abtransport rettet und sicher versteckt. Als die Japaner Pearl Harbour angreifen, ist Edison ein Komparse in der dokumentarisch-fiktiven filmischen Aufarbeitung des kriegerischen Überfalls, und als Edisons Militärdienst beginnt, wird er einem Filmteam zugeordnet, daß die Erfolge der Alliierten mit filmischen Mitteln und nicht eben wahrheitsgetreu dokumentieren soll. Man fliegt fiktive Einsätze ins ungefährliche Schottland. Doch bald sind wahre Helden gefunden, die Filmcrew wird vergessen und muß von nun an richtige Einsätze fliegen, bei denen es erhebliche Verluste geben wird.

Als Frimm und seine Kameraden 1945 Berlin bombardieren, wird das Flugzeug abgeschossen. Verantwortlich dafür ist ein letztes Aufgebot von Jugendlichen, das von eben jenem Siegfried Heinze befehligt wird, dessen Geburtstag beide miteinander verbindet. Nun also werden sich beide begegnen, ohne daß einer vom anderen weiß, in der Mitte einer vollkommen zerstörten Stadt. Edison wird gefangengenommen, ebenso sein Kamerad Bebo, ein georgisch-armenischer Exilant, der einst Berlin verlassen hatte, um nicht in die Mühlen der nationalsozialistischen Behörden zu geraten, und nun gerade in dieser Stadt mit dem Fallschirm landen mußte. Beider Weg ist damit jedoch nicht beendet, denn sie geraten später auch in russische Gefangenschaft. Während Edison als amerikanischer Soldat bald in die Staaten zurückkehren darf, hat man mit Bebo anderes vor : sein Transport bewegt sich überraschend in Richtung Sowjetunion….

Der Protagonist dieses Romans ist unzweifelhaft Edison Frimm. Er ist der eine, der den Gang dieses Buches zu bestimmen scheint, und doch nur einer von vielen. Sein Leben wie auch der Lauf der Geschichte sind verflochten mit den Schicksalen und Handlungen unzähliger anderer. Öffnet man den Band, stößt der Leser auf der Innenseite des Buches und auf dem Schmutzblatt auf eine eigentümliche Graphik, in der weit mehr als siebzig unterschiedliche Personen mit Linien untereinander verbunden sind. Und es fällt schwer all diesen Linien zu folgen, Beziehungen herzustellen und das Gewirr zu entflechten. Es ist Edisons Mutter Mary, die eine der Grundthesen des Romans formuliert :

„…Nur fünf, sechs Briefe muss man schreiben, um jeden auf der Welt zu erreichen…“

Alle Menschen sind unsichtbar untereinander verbunden und stehen miteinander in ungeahnter Beziehung. Edison selbst scheint das zu spüren, doch sein Mentor Koga rät, dem unter der Oberfläche liegenden Geflecht nicht nachzuspüren, denn der Nutzen sei zweifelhaft, der Schaden möglicherweise groß. An Stelle des Jungen unternimmt nun der Leser, geführt durch den Autor, diese abgründige Reise in einem Buch, das sich zunächst vor allem durch eine gewagte und komplizierte Konstruktion auszeichnet. Dabei macht es der Autor dem geneigten Leser zeitweise wirklich schwer : gerade zu Beginn wechseln Personen und Zeitebenen in rasantem Wechsel, ein kontinuierliches Erzählen mag nicht aufscheinen, sodaß es vorstellbar ist, daß sich bald ein innerer Widerstand entwickelt, die Lektüre fortzusetzen. Dazu sei aber schon an dieser Stelle ermuntert, denn Zähringer beherrscht seine Konstruktion in allen Details, vermag scheinbar Unzusammenhängendes zueinander zu bringen, jeden angefangenen Faden aufzunehmen und bis an sein Ende zu verfolgen, bis das Geflecht dem Leser entwirrt und jeder Zusammenhang erkennbar ist. Dennoch ist diese Übermacht der Konstruktion allenthalben spürbar, auch wenn der Autor nach einiger Zeit dem Erzählen mehr Raum läßt, Passagen einer Erzähllinie aneinanderfügt, sodaß es nun leichter wird, Edison oder dem Kommissar Mauser zu folgen und eine Geschichte zu erkennen.

Erschwert der technische Bauplan dieses Romans nun die Lektüre, so erleichtert der Autor dem Leser den Zugang vor allem mit sprachlichen und literarischen Mitteln : den ersten Teil des Buches prägt ein immer gegenwärtiger Unterton der Ironie, der die Episoden ebenso unterhaltsam wie gut lesbar macht, zudem ist die Sprache klar und präzise. Die Ironie, auch die bis dahin durchgehende Freundlichkeit ändert sich dann – mit einer gewissen Zwangsläufigkeit, wenn Figuren und Leser mit der Unmenschlichkeit des Krieges und der Bestialität des Nationalsozialismus konfrontiert werden. Die Entwicklung um Kommissar Mauser bedient dabei aber dennoch das Genre der Kriminalerzählung, weist also nachvollziehbare und willkommene Spannungsbögen auf, doch ist Norbert Zähringer nun direkter, bitterer und harscher zugange, als der erste Teil des Romans hätte vermuten lassen. Auch die Kriegsszenen werden durch nichts mehr abgemildert, allerdings auch nicht voyeuristisch ausgeschlachtet. Ein kaum zu übersehendes Element des Romans ist der Film. Anspielungen, Zitate und Verfremdungen, selbst Cameo-Auftritte integrieren die Filmkunst in Zähringers Romankonstrukt, um des Autors These anhand einer zweiten Ebene zu bebildern. Man begegnet Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger als der Wirklichkeit entlehnten Figuren, kann in der Figur des fiktiven Filmmoguls ohne jede Schwierigkeit Howard Hughes identifizieren und einen der zitierten Filme als „Der Dieb von Bagdad“ benennen, einen Klassiker der Filmkunst, der auch Nicht – Cineasten ein Begriff sein dürfte. Aber auch unter der glatt und reibungslos erscheinenden Oberfläche eines Films liegt ein vom Zuschauer kaum wahrzunehmendes Geflecht an Zufälligkeiten, Schicksalen und Tricksereien. Etwa der abgehalfterte und zahlungsunfähige einstige Star, die ob ihrer – angeblich – quietschenden Stimme beim Siegeszug des Tonfilms ausgemusterte Stummfilm-Diva. Vor allem aber die Tricksereien des Business : eine Seeschlacht, die in einem Swimmingpool gedreht wird, die unbemerkte Fiktionalisierung des Dokumentarischen zu Zwecken der Propaganda etc. Spätestens hier erscheint der Eindruck nicht abwegig, daß der Autor mit diesem Roman, mithilfe der Konstruktion und dem Spiel mit dem Film auch eine Metaebene des Schreibens gestalten wollte, den Leser also unter die glatte Handlungsebene einer durchaus interessanten Erzählung führen und gleichsam sein Skizzenbuch öffnen wollte.

Ziehe ich nun ein Fazit, kann ich feststellen, daß ich ein gutes, aber nicht unbedingt ein sehr gutes Buch gelesen habe, das nicht zu Unrecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises geführt wurde, das aber in meinen Augen – ebenso nachvollziehbar – nicht bis ins Finale gelangte. Dazu wirkt das Buch teilweise denn doch zu konstruiert. Und mag diese These für ein individuelles Leben hinreichend und für den Leser mit Gewinn illustriert worden sein, so fällt die Anwendung auf den Lauf der Geschichte nicht ganz so zwingend aus, denn gerade Mausers Retten eines jüdischen Kindes fällt in seiner Prägnanz und Eindrücklichkeit gegen den Rest des Buches doch ein wenig ab – so, als wäre der monumentale Plan eines Ölgemäldes in einem – durchaus kunstvollen – Aquarell verwirklicht worden. Dennoch lohnt die Lektüre allemal.

Bibliographische Angaben :

Norbert Zähringer : Einer von vielen

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499242861

© Jost Renner

Karen Duve : Die entführte Prinzessin

Das hoch im Norden gelegene Königreich Snögglinduralthorma hat viele Probleme : während Armut und lange und deprimierende Winter unabänderlich scheinen, hat man wenigstens die Schwierigkeiten mit der Namensgebung beheben können und Snögglinduralthorma einfach in „Nordland“ umbenannt. Gegen die Armut wüßte man ebenfalls ein Mittel : Prinzessin Lisvana müßte einen begüterten Prinzen heiraten, der auf eine hohe Mitgift nicht allzu viel Wert legen dürfte. Doch bislang mochte sich kein Prinz in dieses abgelegene Stück Erde verirren, zumal die Reise dorthin entweder – über das offene Meer – gefährlich ist, weil sich dort Heerscharen unglaublicher Meeresungetüme tummeln, oder – auf dem Landweg – recht unkomfortabel, weil das benachbarte Nebelreich von den Ausdünstungen brünstiger Drachen verpestet ist. Eine Gesellschaftgazette mit einer Liste unverheirateter Prinzessinnen, detailgenau in den Angaben über Aussehen und die Höhe der Mitgift, läßt im fernen Baskarien den von seinen Eltern in permanente Opposition getriebenen Prinzen Diego aufhorchen. Ihm gefällt der Gedanke, eine beinahe mittellose Prinzessin zu freien, sei es allein, um seine Eltern zu ärgern. Und so zieht er gen Nordland, schwarz gekleidet, Vegetarier und in allen höfischen Fähigkeiten gut ausgebildet.

Zwar erlebt er im eher roh möblierten nordländischen Schloß einen nicht geringen Kulturschock, doch verliebt er sich von einem Augenblick auf den anderen in die Tochter des Königs, mißtrauisch beäugt vom Ritter Bredur, der seinerseits ein Auge auf sie geworfen hatte und die Gelegenheit eines gemeinschaftlichen Tanzes nutzt, dem Prinzen ein Bein zu stellen. Nicht unerwartet beginnt eine Schlägerei, die jede Heiratsabsicht Diegos zunichte macht. So bleibt dem baskarischen Prinzen nur ein Mittel, doch noch Lisvana als Braut zu gewinnen : eine Entführung. Er verschleppt Lisvana, den Hofzwerg Pedsi und die von diesem geliebte Hofdame Rosamonde nach Baskarien. Während das Nordland zum Krieg rüstet, eilt Ritter Bredur den Entführern hinterher, durchquert das Nebelland und trifft auf einen Zauberer und dessen Drachen „Grendel“, der eher einem tapsigen, nähebedürftigen Haustier als einer Kampfmaschine gleicht, als die ihn dessen Besitzer gern sähe. Allenfalls die emotionale Nähe zu einer Prinzessin könnte den Drachen auf Dauer stählen. Doch einstweilen muß Bredur herhalten.

Derweil hat Prinz Diego allerdings offensichtlich kaum Chancen, seine entführte Braut vor den Altar zu führen, auch wenn er – nicht zu Unrecht – ahnt, daß diese ihn ebenfalls liebt. Nichts fruchtet, weder zuvorkommende Behandlung, noch eindringliche Liebesgeständnisse oder gar der Druck Diegos Mutter, die sie niederste Arbeiten verrichten läßt. Diego wird auf eine Schiffsreise geschickt, die eine seltene Pflanze für die Hochzeitsfeier finden und nach Baskarien bringen soll. Unter falschem Namen begibt er sich an Bord und trifft dort ausgerechnet auf Bredur, der betrunken auf das Schiff verschleppt wurde und dort nun, ebenfalls unter falschem Namen, Dienst tut. Beide freunden sich an und klagen ihr gegenseitiges Liebesleid. Nichtsahnend verspricht ihm Diego, Bredur dabei zu helfen, seine Geliebte zu gewinnen. Erst spät erkennt Bredur seinen Rivalen, doch zunächst stellt sie die Insel, auf der die sagenumwobenen Goronzien wachsen soll, vor ungeahnte und lebensgefährliche Herausforderungen….

Das grobe Gerüst des Romans bildet der dritte Teil der „Kudrun – Saga“, eines mittelalterlichen Versepos‘ von mehr als 14.000 Versen, das etwa in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts entstand und als eine Art Gegenentwurf zum Nibelungenlied gesehen wird. Hebt das Nibelungenlied vor allem auf den Verrat als Grundmotiv ab, behandelt das Kudrun – (oder : Gudrun -) Lied vor allem den Aspekt der Liebe und deren Folgen. Allerdings ist diese Dichtung für Karen Duve keineswegs eine starre Vorlage, der sie sklavisch zu folgen sich verpflichtet sähe, vielmehr greift sie deutlich ein, um ihren eigenen Zielen gerecht zu werden, blendet den Krieg zwischen beiden Reichen nahezu komplett aus und ändert auch den Ausgang der Geschichte nach eigenen Vorstellungen. Mehr noch : in diesen phantastischen Ritterroman, um die Bezeichnung „Fantasy“, die durchaus zutreffend wäre, aber gleichzeitig falsche Erwartungen wecken könnte, weitgehend zu meiden, mischen sich verschiedenste Motive – aus dem deutschen Volksmärchen ebenso wie aus der griechischen Mythologie, aus den „Erzählungen aus tausendundeiner Nacht“ oder der Sage um Beowulf.

Eine kaum übersehbare Änderung findet sich auf der sprachlichen Ebene : vor allem die Dialoge verankern die handelnden Personen mit einer gegenwärtig anmutenden Umgangssprache in der heutigen Zeit und verfremden Motive und Erzählung nicht selten, allerdings auch nicht konsequent bis zum Ende, ironisch. So ist „Die entführte Prinzessin“ sowohl Abenteuerroman, Spielfeld für überbordende Phantasie und augenzwinkernde Juxerei, als auch eine höchst gegenwartsbezogene Auslotung des Themas Liebe und Beziehung, in der manches an heutige Phänomene ebenso wie an ihren Roman „Dies ist kein Liebeslied“ gemahnt. Rollenzuweisungen und Haltungen zur Liebe sind wiedererkennbar die des zwanzigsten bzw. einundzwanzigsten Jahrhunderts und werden mit leichter Hand, nahezu unbeschwert zur Diskussion gestellt, ohne daß sich der tiefgreifende Pessimismus ihrer anderen Werke, zumindest des vorgenannten Romans, allzu deutlich manifestieren kann. Dennoch erleben fast alle wichtigen Figuren eine zumindest zeitweise Ernüchterung, etwa wenn Lisvana feststellen muß, daß Diego ein Ehrenwort höher schätzt als die Möglichkeit zur gemeinsamen Flucht, oder wenn Bredur mit einem ihm geschenkten Zauberglöckchen zwar wünschen darf, das Ergebnis allerdings meist eine recht eigenwillige Interpretation seiner Wünsche darstellt.

Natürlich ergeht es dem Leser zuweilen nicht anders : beabsichtigt, wenn er erkennen muß, daß der Zauberer kaum zaubern kann, daß sein Lehrbuch für die Abrichtung von Drachen allenfalls theoretisches Gefasel ist, das der Wirklichkeit kaum standzuhalten vermag, unbeabsichtigt, wenn – leider – die ironischen Momente in den Dialogen ab der zweiten Hälfte des Romans fast verschwunden sind und allenfalls aus verschiedenen Situationen Komik entstehen mag, der Roman sich also mehr in Richtung pikaresken Abenteuerroman entwickelt. Dies geht aber so allmählich vonstatten, daß es der Leser angesichts einer fast nahtlosen und klugen Konstruktion nicht wirklich als störend empfindet und allenfalls im Nachhinein aufseufzen mag wegen der vergebenen Möglichkeiten. Denn ihm wird letztlich der Spaß an diesem Buch nicht wirklich genommen, und er wird interessiert sein, das Ende der Âventiuren zu erfahren und mitzuerleben. Bei alldem ist „Die entführte Prinzessin“ keine Literatur, die in den Zwängen und engen Grenzen einer Genreliteratur gefangen bleibt. Das Erkunden der Liebe und anderer Ungeheuer bleibt ernsthaftes und ernsthaft literarisches Anliegen, nur daß Karen Duve sich möglicherweise dem anglo – amerikanischen Anspruch genähert hat, Anspruchsvolles, gar Tiefsinniges in eine unterhaltsame Form zu verpacken und auch bittere Pillen mit Zuckerguß schmackhaft zu machen. Ebenso wie andere Rezensenten denke ich nicht, daß dieser Weg in genau dieser Weise ein weiteres Mal gangbar wäre, doch daß er diesmal gegangen wurde, stimmt mich froh. Denn ich habe einen unterhaltsamen, durchaus kurzweiligen Roman gelesen, der dennoch nicht auf der oberflächlichen Ebene verharrt oder sich allein dem literarischen Spiel ergibt.

Bibliographische Angaben :

Karen Duve : Die entführte Prinzessein

Goldmann Verlag

ISBN : 978-3442461424 (derzeit nur gebraucht erhältlich, allerdings existieren lieferbare eBook – Ausgaben für ePub & kindle (Kiepenheuer & Witsch) ).

© Jost Renner