Britische Literatur

Kazuo Ishiguro : Der begrabene Riese

Weit zurück in die britische Vergangenheit führt uns Kazuo Ishiguros bislang letzter Roman : Wir befinden uns im 5. oder 6. Jahrhundert nach Christus, die römische Besatzung ist ebenso Vergangenheit wie die Zeit des sagenhaften Königs Artus. Das Christentum hat sich weitgehend durchgesetzt, wenngleich noch nicht alle Rituale und Aberglauben der heidnischen Zeit verschwunden sind. Immerhin tummeln sich noch Drachen, Kobolde und menschenfressende Oger in der Nähe der Siedlungen und vermögen, manches Unheil zu stiften. Britannier und eingewanderte Sachsen leben in einem labilen Frieden miteinander.

Beatrice und Axl, ein recht altes Ehepaar, das sich inzwischen an den Rand der Dorfgemeinschaft gedrängt sieht, beschließt, sich auf die Reise zu ihrem Sohn zu begeben. Dies allerdings ist ein recht schwieriges Unterfangen : neben den körperlichen Einschränkungen erschwert fehlende Erinnerung das Unternehmen. Weder Beatrice noch Axl wissen, wohin ihr Sohn gezogen ist, wie er aussah und weshalb er überhaupt fortgegangen war. Und das Vergessen sucht alle heim, als läge ein Nebel über dem Land, der die Erinnerung raubt.

Auf ihrer langen Reise treffen sie auf einen elfjährigen Jungen, der von Ogern geraubt und in Gefangenschaft von einem unbekannten Tier verletzt wurde, sodaß er nach seiner Rettung von der Gemeinschaft seines Heimatortes als Gefahr gesehen wird, und auf dessen Retter, den Krieger Wistan. Mit den beiden ziehen sie weiter und begegnen alsbald dem Ritter Gawain, dem letzten Überlebenden der Tafelrunde. Daß Wistan und Gawain erbitterte Gegner sind oder alsbald sein werden, ahnen sie derweil noch nicht. Immerhin sind die beiden mehr damit beschäftigt, trotz Beatrices Schmerzen überhaupt vorwärts zu kommen und die ab und an aufblitzenden beunruhigenden Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit mit der augenscheinlich vorhandenen tiefen Liebe zueinander in Einklang zu bringen.

Bald erfahren sie, daß die Ursache des Vergessens wohl der Atem des weiblichen Drachens Querig ist und daß der Recke Wistan ausgezogen war, die Drachin zu töten und Erinnerung wieder aufleben zu lassen. Daß Gawain dies nicht zulassen will, merken sie, als Wistan verraten wird, den Häschern allerdings dann doch entkommt. Und so treffen Gawain und Wistan im Kampfe aufeinander …

Kazuo Ishiguro hat sich für seinen Roman eine weit zurückliegende Zeit ausgesucht, über die man relativ wenig weiß, denn Aufzeichnungen und Dokumente sind rar. Gleichzeitig rechtfertigt die zeitliche Nähe zur sagenumwobenen Herrschaft König Artus‘ und die Anbindung die Aufnahme fantastischer Elemente und Lebewesen. Mögen diese auch nie existiert haben, so waren sie im Volksglauben und in der – späteren – literarischen Tradierung immer vorhanden und höchst lebendig. Ishiguro behandelt dieses – stimmige – Fantasy-Setting dennoch mit äußerster Zurückhaltung : mehr als einige, fast scheue Blicke werden dem Leser kaum geboten, denn anderes ist wichtiger.

Der Roman ist Diskurs und Parabel zu den Themen Erinnern und Vergessen gleichermaßen, und dankenswerter Weise beschränkt sich der Autor nicht auf die politische Ebene, sondern wählt eine zweite, sehr persönliche Ebene : die Liebe. Recht früh in der Geschichte begegnen Axl und Beatrice nämlich einem Fährmann und einer von ihm abgewiesenen Passagierin. Während er ihren Gatten übersetzte, mußte sie zurückbleiben. Grund dafür war, daß die Ehepartner nicht gleich ann ihre gemeinsame Vergangenheit hatten erinnern können, daß also ihre Liebe zueinander immerhin zweifelhaft erschien. Und Beatrice und Axl haben ein ähnliches Problem : durch den Drachenatem können sie sich nicht an die Vergangenheit erinnern, und tauchen doch Bruchstücke auf, so sind sie verstöend und stellen infrage, wer oder was sie (einander) sind und bedeuten. Und daß der Leser sich hüten möge, den Augenschein und die Selbstbilder für bare Münze zu nehmen, erübrigt sich beinahe.

„Der begrabene Riese“ des Titels, das ist die Vergangenheit, bzw. Ishiguros Metapher für sie, und man kann sich vermutlich lebhaft vorstellen, daß seine Wiedererweckung zumindest nicht unproblematisch wäre. Dennoch gibt es Menschen, die genau daran interessiert sind, in diesem Buch die Sachsen, und andere, die die Vergangenheit lieber ruhen lassen wollen, hier die Britannier, für die Ritter Gawain ins Feld zieht und sich seinem Gegner Wistan entgegenstellt. Denn ist nicht das friedliche, aber gefährdete Zusammenleben von Sachsen und Britanniern nicht gerade diesem Vergessen, dem Verdrängen geschuldet ? Wenn wir erfahren, daß Artus den Frieden durch Verrat und ein unmenschliches Gemetzel hergestellt hatte und dann Merlin beauftragte, die Drachin zu verzaubern, wird es allmählich vorstellbar. Erst recht dann, wenn Wistan den Jungen schwören läßt, künftig alle Britannier zu hassen.

Erinnerung nämlich vermag, die Rache der einst Unterlegenen zu gebären oder die rigiden Unterdrückungsmaßnahmen der einstigen Sieger, um eben jene Rache zu verhindern. Konfrontation ist – zumindest in Ishiguros Sicht – unweigerlich die Folge. Politisch ist das allemal, schaut man auf die Bürgerkriege und Völkermorde des zwanzigsten Jahrhunderts zurück. Ob man dem Autor so ganz folgen mag, muß jeder selbst entscheiden, denn möglicherweise sind Aussöhnungsbemühungen wie etwa zwischen Weißen und Schwarzen in Südafrika zur Apartheid langfristig doch erfolgreich. Und dazu bedarf es eben schon der Bewußtmachung des vergangenen Unrechts. In diesem Roman hat allerdings Gawain, der Hüter der Drachin und des Vergessens die besseren Argumente für sich.

„Der begrabene Riese“ ist ein ebenso faszinierendes wie gelungenes Buch. Das verdankt sich zum einen dem Verzicht auf oberflächliche Thesenbildung und einer eher philosophischen und psychologischen Betrachtungsweise wie auch der sehr gelungenen Figurenbeschreibung, die eben Menschen mit all ihren Unwägbarkeiten und Unebenheiten handeln läßt und sie nicht als Thesen-Träger oder bessere Plakate mißbraucht. Die Geschichte ist spannend und unterhaltsam erzählt, wie es einem Buch aus dem Genre Fantasy ja durchaus entspricht (oder zumindest entsprechen sollte) und dennoch dabei fast minimalistisch instrumentiert. Als Vehikel für jedweden Eskapismus eignet sich der Roman allerdings nicht : man ist recht nah dran an einem wichtigen Thema unserer Gegenwart und darf – nachdenken.

Bibliographische Angaben :

Kazuo Ishiguro : Der begrabene Riese

Übersetzt von Barbara Schaden

Heyne Verlag

ISBN : 978-3453420007

© Jost Renner

David Mitchell : Der Wolkentlas

David Mitchell verwebt in seinem Roman fünf verschiedene, stilistisch und sprachlich von einander getrennte Erzählstränge zu einem sechsten, der die Essenz der einzelnen Erzählungen zu einer drastischen und umfassenden Konsequenz führt. Im 19. Jahrhundert schließt sich ein amerikanischer Anwalt einer Expedition in die Südsee an und erlebt hautnah den Rassismus und die Ausbeutung durch die britischen Kolonialherren. Ohnmacht und Fassungslosigkeit lassen ihn Trost in einer Freundschaft zu einem britischen Arzt suchen und scheinbar auch finden. Erst sehr spät, beinahe zu spät, muß der Anwalt erkennen, daß sein Freund alles andere als ein Wohltäter ist.

Im zweiten Handlungsstrang lesen wir die Briefe eines jungen Komponisten. Er ist so hoch verschuldet, daß ihm wenig anderes bleibt, als außer Landes zu fliehen, um seinen Gläubigern zu entgehen. In Belgien findet er 1931 Unterschlupf bei einem Komponisten, dessen Genialität er lange bewundert hatte. Bald ist er dessen Adlatus und findet außerdem Gelegenheit, eigene Kompositionen zu schreiben. Allerdings ist der Idylle keine lange Dauer beschieden, denn er findet recht bald heraus, daß der bewunderte Meister ihn hemmunglos plagiiert und seine Ehefrau benutzt, um den jungen Flüchtling mittels sexueller Abhängigkeit weiter an sich zu binden.

In einer dritten Geschichte erzählt Mitchell von einem Verleger, den sein Bruder in ein Altenheim einweisen läßt, obwohl der gar keiner Pflege bedarf. Schlimmer noch : Das Heim erinnert weniger an eine Pflegeeinrichtung als an eine geschlossene Psychiatrie, in der die Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt wird und menschenunwürdige Pflegemethoden praktiziert werden. Ein Entkommen scheint unmöglich. Dennoch tut sich der Verleger mit Mitpatienten zusammen und begibt sich auf eine recht abenteuerliche Flucht.

Im Stil eines Kriminalromans werden die Leser in der vierten Geschichte mit dem Schicksal einer jungen Journalistin konfrontiert. Durch Zufall stößt sie auf Hinweise, daß es in der Atomindustrie seit langem bekannte, doch verschwiegene massive Sicherheitsprobleme gibt. Mit journalistischem Eifer begibt sie sich auf die Jagd nach weiteren Informationen und Quellen, muß aber bald feststellen, daß sie selbst zur Gejagten geworden ist.

Eine fünfte, in der Zukunft angesiedelte Geschichte ergänzt das so unterschiedliche Quartett : hier begegnet der Leser einer in der Retorte gezüchteten Mitarbeiterin der Systemgastronomie, die in diesem zukünftigen Jahrhundert bis zur Perfektion entwickelt worden ist. Obwohl dieser weibliche Klon eigens für ihre Arbeit gezüchtet wurde und eigentlich keine eigenen weitergehenden Impulse entwickeln dürfte, wird sie unversehens zur Rebellin und zur Hoffnung für viele, die aktiv die herrschenden Zustände bekämpfen. Jedoch bleibt ihr nicht die Erkenntnis erspart, daß sie von den Machthabern instrumentalisiert worden ist. In einer noch ferneren Zukunft entwirft die sechste Geschichte, auf die alle anderen letztendlich hinauslaufen, ein noch düstereres Bild : Die westliche Zivilisation ist untergegangen. Die wenigen Überlebenden treffen auf Hawaii auf zwei Stämme der hawaiianischen Ureinwohner….

Mitchell unternimmt in seinem Roman nichts weiteres, als eine Art fiktiver Menschheitsgeschichte, Literatur – und Ideengeschichte zu entwerfen, deren Pessimismus notwendig im Weltuntergang mündet. Er bedient sich verschiedener literarischer Muster, etwa der Expeditionsberichte- und Tagebücher der Kolonialzeit, der Brief- und Künstlerromane, der Genres Science Fiction und Kriminalroman, adaptiert sie mit eigenem Können und Stil zu einem nur auf den ersten Blick disparat erscheinenden Ganzen. Er beherrscht die Klaviatur des Erzählens und gestaltet die Form des Romans vollkommen neu.

Eines der herausstechendsten Merkmale ist der formale Aufbau des Buches : in zeitlicher Reihenfolge reihen sich die jeweiligen, bis zur Hälfte erzählten fünf Geschichten aneinander, bis sie in den Mittelteil münden, der ausführlich und eindrucksvoll den Untergang der bekannten Zivilisation (und mehr) schildert, um dann in umgekehrter Reihenfolge zuende erzählt zu werden. Diese Gestaltung macht es dem Leser zunächst schwer und vermittelt den Eindruck des Disparaten, sogar Unfertigen, doch bleibt nach der letzten Seite der Eindruck eines homogenen und gewaltigen Ganzen, dessen Erarbeitung gelohnt hat. Zu verdanken ist das dem erzählerischen Talent des Autors, der durchaus weiß, wie und wann er Spannungsbögen zu verwenden hat, um den Leser bei der Stange zu halten und ihn zu seinen Schlußfolgerungen zu geleiten. Dazu gehört, daß der Autor Distanz zu seinen Figuren behält, sich hauptsächlich hinter den verwendeten literarischen Formen verbirgt. Im weitesten Sinne kann man diesen Roman der Postmoderne zurechnen, es als Spiel mit Formen, Zitaten und Inhalten begreifen, allerdings ist aus dem ursprünglich eher unbelasteten Spiel inzwischen ernst(e) Literatur geworden, die ich mehr als nur faszinierend, sondern eher als eine Befriedigung empfand und der ich viele gleich empfindende Leser wünsche.

Bibliographische Angaben :

David Mitchell : Der Wolkenatlas

Übersetzt von Volker Oldenburg

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499240362

© Jost Renner

William Boyd : Eines Menschen Herz

„Eines Menschen Herz“ sind die fiktiven Tagebuchaufzeichnungen des Schriftstellers Logan Mountstuart, der 1906 in Uruguay geboren wurde und 1991 in Südfrankreich verstarb. Mit siebzehn Jahren, kurz vor dem Wechsel vom College zur Universität, beginnt Logan, Tagebuch zu schreiben. Er plant, Schriftsteller zu werden, und arbeitet bald ernsthaft und letztlich erfolgreich an einer Biographie des romantischen Dichters Shelley. Doch der hoffnungsvolle Auftakt zu einer Schriftstellerkarriere droht bald zu versanden. Während sich sein Freund Peter nach etlichen Kriminalromanen zu einem viel beachteten Autor entwickelt, heiratet er eine Adlige, die er nicht wirklich liebt. Die Ehe wird immer belastender. Als Kriegsberichterstatter zieht Mountstuart in den Spanischen Bürgerkrieg. Auf Seiten der Franco-Gegner beobachtet er die unheilvollen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Anarchisten. Er trifft auf Ernest Hemingway und gerät bei einem Botengang an einige Bilder des Malers Joan Miró, die er seinem anderen Schulfreund Benjamin überläßt. Zurück in Großbritannien trifft er auf seine große Liebe Freya, die er bald heiratet. Beide bekommen eine Tochter. Doch dann verdingt er sich beim Britischen Geheimdienst, für den er den abgedankten König und (aktuellen) Prinzen von Wales bespitzeln soll, da dieser im Verdacht steht, Kontakte zu Sympathisanten der Nationalsozialisten zu pflegen.

Der nächste Auftrag führt ihn dann in die Schweiz. Hier wird er festgenommen und bis zum Kriegsende in Haft gehalten. Freya hält ihn für tot und heiratet erneut. Doch kurz vor Kriegsende kommen sie und die Tochter bei einem Bombenanschlag ums Leben, ein Schicksalsschlag, den Logan nur schwer verwindet. Zwar verarbeitet er seine Haft in einem von der Kritik freundlich aufgenommenen Buch, aber ihn zieht es ins Ausland, zunächst in die USA, wo er eine Filiale der Kunstgalerie seines Freundes Benjamin leitet. Hier ist er vor allem für den Erwerb von Bildern und Kunstwerken zuständig und bewegt sich zwischen Künstlerkreisen und amerikanischem Jet – Set. Sein Alkoholkonsum wächst bedenklich, seine Libido jedoch hat unter dem Verlust von Frau und Tochter gelitten. Ein weiterer Ortswechsel führt ihn nach Nigeria. Hier lehrt er Englisch und gerät in den Bürgerkrieg. Erst in den siebziger Jahren führt ihn sein Weg zurück nach England. Die Suche nach einem bescheidenen Nebenverdienst führt den mittlerweile fast vollkommen Verarmten zu einer Gruppierung, die mit der deutschen Rote Armee Fraktion sympathisiert und sie schließlich auch unterstützt. Und Mountstuart läßt sich nicht gerade unwillig einspannen…

Selten war mein Eindruck von einem Buch so zwiespältig wie bei diesem Roman. Ich gebe zu, ich habe es gerne gelesen, denn William Boyd versteht es, flüssig zu erzählen und zumindest seinen Protagonisten, den er entfernt an den britischen Schriftsteller William Gherardie angelehnt hat, nahezubringen. Dazu trägt sein trockener, teils leicht ironischer Tonfall einiges bei. Ein weiterer Grund liegt für mich in der meisterhaften Umsetzung des Genres Tagebuchroman. Er fügt für verschiedene Tagebücher, die unterschiedliche Lebensabschnitte spiegeln, zusammen, mal sind es lückenlose und akkurat datierte Aufzeichnungen, ein anderes Mal gibt es Auslassungen, Sprünge und eine von einem – ebenso fiktiven – Herausgeber eingefügte grobe Datierung oder eine Zusammenfassung nicht niedergeschriebener Ereignisse, so als wäre man wirklich mit den Zeugnissen eines recht bewegten Lebens konfrontiert.

Nach den Büchern „Nat Tate“ und „Die neuen Bekenntnisse“ ist es das dritte Mal, daß Boyd mit dem Fiktiv- (Auto-) Biographischen spielt. Inhaltlich jedoch war dieser Roman wenig befriedigend. Das beginnt bei dem Eindruck, alle vorkommenden Personen der Zeitgeschichte – von Virginia Woolf, Evelyn Waugh über Pablo Picasso und Ernest Hemingway bis zu Jackson Pollock – blieben reine und immer blechern wirkende Staffage. Aber das Grundproblem des Buches scheint eher im Konzeptionellen zu liegen : Der Protagonist Logan Mountstuart kann von sich behaupten, in jedem Jahrzehnt des Zwanzigsten Jahrhunderts gelebt zu haben, auch wenn das letzte dabei recht kurz kam. Und so ergibt sich beinahe zwangsläufig das Unterfangen des Autors, neben der Darstellung einer Lebensgeschichte, ein bewegtes und bewegendes Jahrhundert zu besichtigen. Und das (allzu) gründlich, denn seine Hauptperson gerät immer wieder in die unterschiedlichen Brennpunkte dieses Jahrhunderts, von der Abdankung des Königs, dem Spanischen Bürgerkrieg und dem Zweiten Weltkrieg über die brodelnde Kunstszene New Yorks und den Biafra-Krieg bis hin zu zu den Nachwirkungen von Kollaboration und Résistance im heutigen Frankreich oder dem Terror durch die RAF, als hätte er eine Sightseeing-Tour gebucht. Das wirkt nicht selten angestrengt, manchmal arg künstlich und auf Dauer ermüdend. Und die Vorstellung, daß ein über siebzigjähriger Mann zum Helfershelfer einer britischen Sympathisantengruppe bundesdeutschen Terrors wird, schien mir allzu bemüht und aufgesetzt, sodaß spätestens hier die Glaubwürdigkeit des gesamten Romans beschädigt wurde.

Es mag sein, der Autor hat gehofft, daß das Liebesleben seiner Figur, deren Alltagsquerelen und das letztendliche Scheitern einer hoffnungsvoll begonnenen Schriftstellerkarriere ein genügend großes Gegengewicht hätten bilden können, damit das Zeitgeschichtliche und das Persönliche zu einem Gesamtbild verschmolzen wären. Aber eben dies scheint mir mißlungen. Vielleicht auch, weil die Intimität von Tagebuchaufzeichnungen die Mehrdimensionalität eines Menschen, mögen sie so ehrlich sein, wie sie können und wie es sich Mountstuart vorgenommen hatte, nur schwer darzustellen in der Lage sind, da eine Außensicht entweder gänzlich unterbleibt oder nur subjektiv gefiltert durch den Tagebuchschreiber wiedergegeben wird, sodaß Ecken und Kanten seltsam geglättet wirken. Mountstuart als Person ist nicht immer sympathisch, jedoch meint man die grundsätzliche Sympathie des Autors für seine Hauptfigur über das ganze Buch hin spüren zu können. Und dies mag sich – wie bei mir – auch auf den Leser übertragen, sodaß er dem Buch und den Volten des Autors gerne folgt. In diesem Sinne möchte ich den zwiespältigen Eindruck noch einmal betonen und damit dem Eindruck eines Totalverisses entgegentreten. Interessierte sollten sich nicht grundsätzlich von diesem Roman abschrecken lassen.

Bibliographische Angaben :

William Boyd : Eines Menschen Herz

Übersetzt von Chris Hirte

Berlin Verlag Taschenbuch

ISBN : 978-3833305085

© Jost Renner

Ian McEwan : Am Strand

Im Jahr 1962 heiraten Edward und Florence. Nach den Feierlichkeiten haben sich beide zu zweit in ein Hotel an der Kanalküste zurückgezogen, um gemeinsam zu Abend zu essen und dann die Hochzeitsnacht zu verbringen. Weder Florence, Tochter aus gutem Hause und Musikerin und Initiatorin eines musikalischen Quartetts, noch Edward, der Junge vom Lande, der seit seinem fünften Lebensjahr mit einer durch einen Unfall hirngeschädigten Mutter aufgewachsen ist, haben sexuelle Erfahrungen. Das Geschlechtliche kennen sie allenfalls vom Hörensagen oder aus wenig hilfreichen Ehefibeln. Entsprechend groß sind Florences Ängste und Edwards Erwartungen. Jedoch wird recht schnell deutlich, daß Florence mehr als nur die normale Unsicherheit plagt, denn allein die Vorstellung dessen, was da kommen wird, läßt sie zwischen Panik und Ekel schwanken. In einer Zeit jedoch, in der das Reden über Sex tabuisiert ist, in der selbst die Worte und Sprachformen für ein Gespräch über dieses Thema zumindest in bürgerlichen Kreisen nicht vorhanden sind, steht beiden die einzige Rettung nicht zur Verfügung : das Reden. Und zu unterschiedlich sind beide, als daß sie sich wortlos, intuitiv verstehen könnten.

Edward, der Rock’n’Roll und Beat schätzt, in früheren Jahren keiner Prügelei aus dem Weg gegangen war und sich einen drängenden, zupackenden Charakter bewahrt hat, und Florence, die möglicherweise ein schlimmes Geheimnis hütet, sich in der klassischen Musik verwirklicht und dort auch Zielstrebigkeit und Selbstbewußtsein an den Tag legt. Die junge Frau versucht, wenn auch zögernd, den Anleitungen der Ehefibel und den Verpflichtungen des Ehestandes nachzukommen. Aber schon das Öffnen des Kleides wird für den unerfahrenen Ehemann zur Katastrophe, da er den Reißverschluß unrettbar verhakt. Schlimmer ist jedoch, daß er die Regungen und Lautäußerungen seiner Frau ständig mißinterpretiert : ihr Zurückzucken und das Unterdrücken der Panik deutet er als Erregung und drängt immer weiter, und als sie einen ersten Anflug von Wohlgefühl erlebt, zieht er sich schnell zurück. Der Versuch endet letztlich in einem Desaster, dem Florence an den Strand entflieht.

Edward, der sich erniedrigt fühlt und im Grunde ebenso verunsichert ist wie seine Frau, tut nichts, um sie aufzuhalten, sondern zögert den Moment, da er hinter ihr hergeht, bewußt hinaus. Am Strand schließlich gerät das Paar in heftigen Streit. Während er ihr Frigidität, monatelange Täuschung und mangelnde Liebe vorwirft, hält sie ihm sein Drängen vor, ohne allerdings ihre vermeintliche Schuld abzuleugnen. Mehr noch : sie glaubt, einen Weg gefunden zu haben, der ihre Liebe würde retten können….

Ian McEwan wirkt zu Beginn des nicht allzu langen Romans wie ein jovialer, freundlicher Gastgeber, der seinen Lesern eloquent und zuvorkommend das Interieur seiner Geschichte zeigt, Personen, Zusammenhänge und Hintergründe, und auch kleine Marotten und Schäden zu erklären versucht. So wird dem Leser bald deutlich, daß es sich bei beiden Ehepartnern um Liebe, um die große Liebe handelt. Das sich nun vollziehende Kammerspiel um eine vollkommen aus dem Ruder laufende Hochzeitsnacht schildert er umso erbarmungsloser mit genauer Beobachtung (und doch ungeschmälerter Sympathie für seine Figuren), ohne allerdings sich selbst oder den Leser zum Voyeur werden zu lassen.

Jetzt ist wieder der aus seinen Romanen „Der Zementgarten“ und „Der Trost von Fremden“ vertraute Erzähler in sein Recht gesetzt, der uns das Schlachtfeld des Zwischenmenschlichen ungeschönt darbietet. Aber auch, wenn er die Unsensibilität Edwards nicht verharmlost, ist sein Buch allenfalls im Hintergrund ein Psychogramm zweier Eheleute, zumal er den möglichen Mißbrauch von Florence durch ihren Vater nur erahnen läßt, sondern in erster Linie das Portrait einer Zeit. Wir sind in die frühen sechziger Jahre versetzt : zwar deuten sich die möglichen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft schon an, die jungen Leute, darunter auch Florence und Edward erhoffen nichts sehnlicher als eine Verjüngung im politischen Establishment, eine Befreiung aus der dumpfen Einengung des Nach-Weltkriegs-Englands, das wenig anderes zu tun hat, als sich die Wunden des ständigen Verlustes von Kolonialgebieten und des Schrumpfen des Commonwealth zu lecken, zwar gibt es – wenn auch versteckt – homosexuelle Lebensgemeinschaften, die zu kennen man sich insgeheim rühmen kann, doch ist der Grundtenor ein strikt konservativer, puritanischer, der den Diskurs, selbst das persönliche Gespräch über Sexualität verbietet, geschweige denn öffentlich das Abweichen von bürgerlichen Mustern erlaubte.

Und selbst die beiden Ehepartner sind eingebunden in die Vorstellungen und Moralvorschriften ihrer Zeit. Allerdings, und das macht McEwan deutlich : es gäbe noch nicht einmal eine (gemeinsame) Sprache, die ein Gespräch problemlos ermöglicht hätte. Umso erstaunlicher und unerhörter ist der Lösungsvorschlag, den Florence Edward präsentiert : eine offene Ehe, in der er sich – trotz gegenseitiger Liebe und Verbundenheit – Sexualpartner frei wählen könnte. Und Florence weiß auch das eigentliche Versagen Edwards zu benennen : sein Drängen und die fehlende Zusicherung, daß man sich, da das ganze (Ehe -) Leben ja noch vor ihnen liege, getrost Zeit lassen könne, einander (körperlich) wirklich nahezukommen.

Der Autor versteht, es in einem Kammerspiel ein Welttheater sichtbar werden zu lassen, ohne seine Figuren zu vernachlässigen. Im Wesentlichen beschränkt er sich auf zwei Personen, auch wenn er die jeweiligen Familien und andere Nebenfiguren nicht vollkommen ausklammert, mithilfe derer er die Endphase einer Epoche beleuchtet. Bald, nur gerade noch nicht, wird die Pille zur sexuellen Revolution führen, wird der Aufbruch in die Achtundsechziger und die Hippiekultur sich Bahn brechen, bis dahin aber werden Enge und Unfreiheit immer schmerzlicher. Für mich ist dieses Buch ein intensives, schillerndes Kleinod, das mich inhaltlich fesseln und erzählerisch überzeugen konnte.

Bibliographische Angaben :

Ian McEwan : Am Strand

Übersetzt von Bernhard Robben

Diogenes Verlag

ISBN : 978-3257237887

© Jost Renner

Mark Haddon : A Spot of Bother

Für George Hall und seine Familie beginnt eine harte Zeit, als er eines Tages beim Anprobieren einer Hose eine tumorartige Veränderung seiner Haut feststellt. Gerade ist ein Freund gestorben, und nun befürchtet er, selbst todkrank zu sein. Auch die Auskunft des Arztes, es handele sich nur um ein leicht behandelbares Ekzem, kann ihn kaum beruhigen. George, der sich in seinem Rentnerdasein ausschließlich auf die Errichtung eines Anbaus seines Hauses als Lebensinhalt konzentriert, ist zutiefst verunsichert. Die Nachricht, daß seine Tochter Katie ein zweites Mal zu heiraten gedenkt, stößt bei ihm und auch dem Rest der Familie auf alles andere als Begeisterung, denn Ray, ihr Lebensgefährte, erscheint ihnen zu wenig gutbürgerlich und kultiviert und stellt damit das genaue Gegenteil der kunstinteressierten Tochter dar. Seine Vorteile, ein ausgeprägter Pragmatismus, ein Gespür im Umgang mit Menschen und im besonderen mit Katies Sohn Jacob, nicht zuletzt seine tief empfundene Zuneigung, sind augenscheinlich nicht geeignet die allseits herrschenden Zweifel zu zerstreuen. Selbst Katie ist nicht wirklich sicher, ob sie ihn liebt oder die Geborgenheit und Sicherheit genießt.

Als Ray Katie wegen eines Treffens mit ihrem Ex – Mann eifersüchtig eine Szene macht, kommt es zum Zerwürfnis. Auch Katies Bruder Jamie, ein homosexueller Immobilienmakler, wird durch die geplante Hochzeit in Mitleidenschaft gezogen. Zum einen schätzt auch er den zukünftigen Ehemann Ray wenig, zum anderen versucht er seinen Freund Tony davon abzuhalten, die auch an ihn gerichtete Einladung zur Feier anzunehmen, genau wissend, daß seine Eltern seiner Homosexualität – und damit seinem Freund – eher zwiespältig gegenüberstehen, umso mehr als sie befürchten, den Gästen und Verwandten ein Klatschthema zu bieten. Tony wirft seinem Freund Jamie mangelnde Unterstützung und Liebe vor, sodaß er die Beziehung beendet und nach Kreta reist.

Die familiäre Situation eskaliert, als sich George den vermeintlichen Tumor mit einer Nagelschere herausschneidet und das Haus mit Blut vollsudelt. Hypochondrie, Todesangst und die Entdeckung, daß seine Frau ihn seit längerem mit einem ehemaligen Arbeitskollegen betrügt, lassen ihn vollkommen entgleisen. Nach einer Weile raufen sich zumindest Katie und Ray wieder zusammen, sodaß die Hochzeit dann doch stattfinden kann, wenn auch etwas weniger organisiert als geplant, da die meisten Arrangements inzwischen abgesagt wurden. Doch schon der Vorabend der Hochzeitsfeier bringt neue Schwierigkeiten : eine Toilette ist verstopft, der Boden des Festzeltes von Regen überflutet und Verwandte bringen zur Feier einen Hund mit, vor dem sich Jacob fürchtet. Am Tag der Trauung dann verschwindet George, der sich überfordert fühlt, zunächst spurlos. Frau und Kinder geraten in Panik. Als er gefunden wird, nimmt er einige Tabletten Valium, um einigermaßen entspannt der Hochzeit beiwohnen zu können. Allerdings sind es wohl einige zu viel, die er außerdem mit Alkohol kombiniert. Und das hat Folgen….

Das Thema Familie – eigentlich eines der Grundthemata der Literatur – ist seit einigen Jahren wieder deutlicher in den Vordergrund moderner Romane gerückt. In seinem zweiten Roman bringt Mark Haddon seine Variation des Familienromans – tragikomisch und äußerst unterhaltsam. Zwar erscheint die Häufung der Konfliktlinien in diesem Buch auf den ersten Blick etwas künstlich und konstruiert, doch weiß der Autor den Leser mit leichter Hand darüber hinweg zu geleiten. Mehr noch trägt die leichte Überzeichnung der eigentlich an allen denkbaren Stellen zerrütteten Konstellation nicht wenig zum Unterhaltungswert und der liebevoll – komischen Behandlung der Geschichte und ihrer Figuren bei.

In abwechselnden Kapiteln begleitet der Erzähler jeweils die vier Hauptakteure und schildert den Fortgang der Ereignisse. Somit ist gewährleistet, daß jeder Figur Gerechtigkeit widerfährt, niemand denunziert oder der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Die Personen durchleiden wirkliche Konflikte, die aus Entfremdung und mangelnder oder falsch getimter Kommunikation herrühren oder auf der Unfähigkeit, Gefühle zu erkennen, einzuordnen und zu äußern, basieren. Fast jeder hütet Geheimnisse, manch einer bringt Verschwiegenes gerade im unpassendsten Moment zur Sprache. Mark Haddon läßt seine Figuren lernen und Vorurteile und Abgrenzungen abbauen. Diese Lernprozesse sind nicht selten schmerzhaft, nie sonderlich schnell, aber immerhin kann der Roman recht versöhnlich ausklingen. Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen, denn der Autor hat es durchaus verstanden, eine recht leichte Erzählweise mit tiefgründigen Gedanken und Einsichten zu kombinieren, ohne an irgendeiner Stelle den moralischen Zeigefinger zu erheben. Nur die Befreiung Georges von einem fast psychotischen Verhalten zu einem einsichtigen und handlungsfähigen Subjekt erschien mir etwas zu plötzlich, auch wenn bewußt bleibt, daß dies nur ein erster Schritt hin zu einem funktionierenden Familienleben und einer wieder intakten Ehe sein kann. Ich denke, die Figuren werden einem recht lange im Gedächtnis verbleiben, so menschlich, kantig und ernstzunehmend hat der Autor sie gestaltet.

Die Ausgaben in deutscher Übersetzung („Der wunde Punkt“) sind derzeit nur gebraucht erhältlich.

Bibliographische Angaben :

Mark Haddon : A Spot of Bother

Vintage Books

ISBN : 978-0099506928

© Jost Renner