(Auto)Biographisches

Heinrich Böll : Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind: Die Kriegstagebücher 1943-1945

Diese Ausgabe der erhaltenen Kriegstagebücher – drei andere Bände sind in den Kriegswirren verloren gegangen – verdanken wir in erster Linie dem am 21 Dezember 2017 anstehenden 100. Geburtstag Heinrich Bölls und der daraus folgenden verzweifelten Suche, was man denn anläßlich dieses nicht unwichtigen Jubiläums auf den Markt werfen könnte. Man befand diese Kriegstagebücher als geeignet und störte sich kaum daran, daß Böll selbst die Veröffentlichung in seinem Testament ausschloß. In seinem Vorwort können wir nun den Sohn René Böll dabei beobachten, wie er sich seine Wahrheit bequem zurecht biegt, sich also in die eigene Tasche und die des Verlages lügt, um aus Bölls Zustimmung, diese Aufzeichnungen der wissenschaftlichen Auswertung zugänglich zu machen, eine generelle Erlaubnis zur Veröffentlichung abzuleiten. Das ist, mit Verlaub gesagt, Leichenfledderei und recht unappetitlich. Nicht weniger abstoßend erscheint mir, das im Marketing und in manchen Rezensionen verwendete Schlagwort „Sensationell“, das in Zeiten der Industrialisierung der Buch- und Verlagskultur sowieso schon überstrapaziert wird.

Dennoch will ich und sollte mich auch davor hüten, allzu laut zu lamentieren. Immerhin habe ich dieses Buch gekauft und relativ rasch nach Erscheinen gelesen, vermutlich aus ganz denselben Gründen, die René Böll und der Verlag Kiepenheuer & Witsch zur Publikation veranlassten : das Bedürfnis vieler Leser, einen Autor, der immerhin Generationen durch seine Literatur, aber auch seine politischen Einstellungen, nachhaltig prägte, unmittelbar und in seiner Menschlichkeit zu erfahren, und auch der Maschinerie des Krieges durch ungefiltertes Zeugnis ein wenig habhaft zu werden. Letzteres zumindest konnte in den nun vorliegenden Aufzeichnungen nur sehr eingeschränkt gelingen.

Heinrich Böll diente sechs Jahre, also den ganzen Zweiten Weltkrieg, als Soldat. Kurz vor dem Überfall auf Polen rückte er am 4. September 1939 ein. Zuvor noch hatte er ein Studium der Germanistik und der Klassischen Philologie begonnen und seinen ersten Roman geschrieben. Mit Sicherheit war er über die Einberufung alles andere als glücklich, stand sie doch einem selbstbestimmten Leben und dem Schreiben entgegen, und konsequenterweise beschränkten sich seine schriftlichen Äußerungen in den Kriegsjahren vor allem auf Briefe und – eher stichwortartige – Tagebuchaufzeichnungen. Immerhin verlebte er die ersten Kriegsjahre eher in Kasernen und war damit relativ sicher. Doch empfand er den Kasernendienst, den Kameradschaftsgeist etc. als öde und belastend. Im Oktober 1943 – mit dem Beginn des vorliegenden Bandes – sollte sich das ändern : er wurde mit seiner Einheit nach Odessa verlegt und nahm ab November an den Schlachten auf der Krim teil, bis er verwundet wurde. Jetzt ist der Tod greifbar, Kameraden fallen, Artillerie und die Kugeln der Gegner gefährden auch ihn. Kälte, Dreck, Enge und das Dauerfeuer machen ihm zu schaffen, gleichzeitig sehnt er sich nach seiner Frau Annemarie, die er 1942 auf Urlaub geheiratet hatte, und seiner Familie, die in der Heimat durch Bombenangriffe bedroht sind. Daß seine Frau schwanger ist, daß seine Mutter schwer erkrankt – und noch in seiner Dienstzeit sterben wird – macht es ihm nicht leichter. Trost und Hilfe sucht er bei Gott. Böll ist gläubiger – katholischer – Christ und erbittet bei Gott Schutz und Rettung für sich und seine Nächsten, auch wenn er ab und an zweifelt, ob er genügend und richtig bete.

Seine Urlaube verbringt er, wenn möglich, mit der Familie und seiner Frau und scheut auch nicht davor zurück, Daten auf den Urlaubsscheinen zu fälschen, um ein paar Tage zu gewinnen. Niemandem, gottseidank, fällt das auf. Zuletzt geht es zurück nach Westen : die Amerikaner haben deutschen Boden erobert und Böll wird in Abwehrkämpfe involviert, zuletzt im April von Amerikanern gefangen genommen. Die allerdings überstellen ihn in ein französisches Kriegsgefangenen-Lager. Hier erlebt er die deutsche Kapitulation und den Abwurf der Atombomben auf Japan und damit ddas endgültige Ende des Krieges. Erst im September 1945 wird er – nach 155 Tagen – Kriegsgefangenschaft – entlassen.

Der Verlag hat sich alle Mühe gegeben, ein ansprechendes und den inhaltlichen Vorgaben entsprechendes Buch zu gestalten : es erinnert an handelsübliche Kalender oder Kladden, hat ein Lesebändchen, das – da man immer wieder auf den Anmerkungsapparat zurückgreifen muß – auch sinnvoll erscheint, und paart die digitalisierten Abbildungen der Originalaufzeichnungen mit den Transkriptionen, auch das notwendig, weil Bölls Schrift nicht immer leicht lesbar ist. Selbst den Herausgebern bleiben einige Lücken.

Böll listet Verluste, sehr schmerzhaft, wenn etwa einer der wenigen ebenbürtigen Gesprächspartner fällt, immer wieder surreal anmutende Träume, gelesene Bücher und an der Front oder im Lazarett gezeigte Filme. So ist er von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ sehr eingenommen, das er als realitätsnahe Beschreibung des Lebens an der Front empfindet.

Dennoch sind diese Tagebucheinträge zumeist nicht mehr als kurze, stichwortartige Notizen, die dem Leser – ohne auf die Anmerkungen zurückzugreifen – wenig bieten können, zum Teil nicht zu deuten oder etwa dem Wertesystem Bölls zuzuordnen sind. Daß die Anmerkungen nicht selten auf die „Briefe aus dem Krieg“ verweisen, bzw. sie ausführlich zitieren, ist gewissermaßen ein Sinnbild für das Problem dieses Buches : der Leser wäre mit den Briefen mit Sicherheit besser bedient. Es fehlen so sehr die Inhalte der Gespräche, die Wertungen der „Führerrede“, des Geburtstages Hitlers oder das Attentat … Eine Ablehnung der Nationalsozialisten, des Krieges kann man jedenfalls nicht erkennen, schlimmer noch : an einer Stelle fantasiert Böll von der Möglichkeit, sich im Osten anzusiedeln.

Bei allem guten Willen : einen Gefallen hat man Böll mit dieser Veröffentlichung nicht getan. Wir mögen hoffen, daß es ihn, der 1985 starb, nicht mehr kümmert.

Bibliographische Angaben :

Heinrich Böll : Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind: Die Kriegstagebücher 1943-1945

Verlag Kiepenhheuer & Witsch

ISBN : 978-3462050202

© Jost Renner

Jon Krakauer : In die Wildnis

1990 beendet Christopher Johnson McCandless sein Collegestudium in Atlanta. Bevor er weiterstudiert, will er er einen seiner großen Träume verwirklichen und quer durch die Vereinigten Staaten reisen. Das endgültige Ziel jedoch ist es, eine Zeit in der Wildnis Alaskas zu verbringen. Inspiriert wurde McCandless dazu durch die Lektüre so unterschiedlicher Autoren wie Thoreau, Jack London und Lew Tolstoi, die einerseits ein rigides Wertesystem vertraten, andererseits die Einheit mit der Natur – zum Teil romantisch verklärend – propagierten und dort die Besinnung auf die eigene Persönlichkeit möglich scheinen ließen. McCandless, Sohn eines Radartechnikers und dessen zweiter Ehefrau, hatte schon früh Schwierigkeiten, sich in die Gesellschaft einzupassen, zu sehr widersprachen Armut, Rassentrennung seinen Idealen. Als er in den Semesterferien erfahren mußte, daß sein Vater zeitweise ein Doppelleben führte und mit alter wie neuer Ehefrau gleichzeitig liiert war, verschlechterte sich das Verhältnis zu seinem Vater grundlegend. Und so läßt er den Kontakt mit dem Beginn seiner Reise konsequent, wie er in vielem ist, abbrechen.

Über anderthalb Jahre reist er quer durch die amerikanischen Bundesstaaten, nimmt Jobs auf Farmen oder in Fastfood-Restaurants an. Meist bewegt er sich als Anhalter durch das Land, denn den Rest seines Studiengeldes, etwa 24.000 Dollar, hat er vor dem Aufbruch verbrannt. Er trifft auf unterschiedliche Leute, Tramper, Landwirte oder einen achtzigjährigen Mann, ist dabei gesellig und verschlossen zugleich. Meist nennt er sich Alex, und er erzählt nie wirklich Persönliches von sich. Dennoch lernen ihn die meisten seiner Begleiter und Bekannten zu schätzen. Gebildet, freundlich entspricht er überhaupt nicht dem Vorurteil, das die meisten von Trampern haben. Doch ihn hält es nie wirklich lange an einem Ort.

Im April 1992 macht er sich dann auf den Weg nach Alaska. Ausgerüstet mit einem Gewehr etlichen Kilogramm Reis, einem Schlafsack und einigen Büchern zieht er in die Wildnis. Er folgt dem Stampede Trail, überquert einen Fluß, der sich allerdings bald aufgrund der Schneeschmelze in ein reißendes Gewässer verwandeln und ihm den Rückweg versperren wird. Ein ausrangierter und in der Wildnis entsorgter Linienbus dient ihm für die kommenden Monate als Unterkunft und Basislager. Er weiß nicht, daß er so abgeschieden, wie er sich das vorstellte, gar nicht ist. In nicht allzu großer Entfernung befinden sich mehrere unbewohnte Blockhütten, noch etwas weiter entfernt trifft man auf eine Straße. Doch Christopher hat einen grundlegenden Ausrüstungsgegenstand nicht dabei : eine Landkarte des Gebietes. Es scheint, er hätte – da es keine unkarthographierten Gebiete mehr gibt – einfach auf eine Karte verzichtet. Genau das aber wird ihm zum Verhängnis.

Er kann regelmäßig Tiere erjagen, aber verliert dennoch immer mehr an Gewicht, da die Anstrengungen der Pirsch mehr Kalorien kosten als durch die Nahrung wieder zugeführt werden können. Als er meint, das Ziel seiner Reise erreicht zu haben, will er den Rückweg antreten, doch der Weg über den Fluß ist nun versperrt. So richtet er sich wieder im Bus ein, jagt und ergänzt die Nahrung mit Pflanzen und Samen. Zu seinem Gewichtsverlust kommt nun anscheinend auch eine Vergiftung durch Samen einer Kartoffelart, von deren Toxizität er nichts hatte wissen können, da sie nirgendwo in botanischen Schriften erwähnt wurde. Ungefähr Mitte August 1992 stirbt Christopher Johnson McCandless und wird erst Wochen später von Elchjägern aufgefunden. Offiziell ist seine Todesursache ungeklärt, Verhungern oder aber die von Krakauer aufgestellte These einer Vergiftung scheinen realistisch.

Bereits 1993 hatte sich Jon Krakauer, Journalist und selbst Bergsteiger, in einem fünfseitigen Artikel für eine Zeitschrift mit dem Tod von Chris McCandless befaßt. Drei Jahre später, sei es, um an seinen Bestseller „In eisige Höhen“ anzuknüpfen, sei es, weil er die Affinität des Falles zu seinen Themen empfand, veröffentlichte Krakauer dieses etwa zweihundertseitige Buch. Ein weiteres Motiv dürfte gewesen sein, daß er sich diesem jungen, ungestümen, aber dennoch zielgerichteten Reisenden verbunden fühlte, während ansonsten die Reaktionen eher ablehnend waren. McCandless wurde als naiv, töricht gesehen, sein Ausflug in die Wildnis als Selbstmordversuch, Hybris oder reiner Wahnsinn. Folgerichtig ist Krakauers reportageartiges Buch in weiten Teilen auch eine Verteidigungsschrift, ein Plädoyer dafür, sich mit den Motiven und der Ernsthaftigkeit des Protagonisten auseinanderzusetzen.

Wenngleich „In die Wildnis“ zum Bestseller avancierte, Leser meist willig Krakauers Argumentation folgten, scheint mir das Buch – auf hohem Niveau – gescheitert. Das liegt nicht unbedingt an einer mangelnden Fähigkeit, eine solche Unternehmung ansprechend, teils mitreißend zu beschreiben, sondern ist in der Geschichte selbst begründet. Krakauer ist in vielen Bereichen, bei der Persönlichkeit, bei den tatsächlichen Abläufen oftmals auf reine Spekulation angewiesen. Der Autor hat die ihm mögliche Arbeit geleistet : er hat Interviews mit allen Personen geführt, die Christopher McCandless auf seinem Trip getroffen haben, er hat die Örtlichkeiten besichtigt, die Tagebücher und Postkarten gelesen und im Buch wiedergegeben, die Chris an seine verschiedenen Reisebekanntschaften geschickt hat. Doch Chris war – gerade was Persönliches anging – äußerst zurückhaltend, nachgerade verschwiegen.

Und so schildert die erste Hälfte des Buches McCandless’s rastlose Reisen, ohne daß man allzu viel Authentisches und wirklich Lebendiges erfährt. Christopher Johnson McCandless wird schlicht nicht greifbar. Allein die herausgearbeiteten Bezüge zur Literatur lassen einen Einblick in sein Denken zu. Thoreaus „Walden“, Jack Londons Alaska-Romane weisen einen Weg zum Verständnis des Jungen. Auch Krakauer scheint den Mangel zu erkennen und verweist auf andere Reisende in die Wildnis, schildert deren Abenteuer und Scheitern. Dennoch wirkt das Buch bis zur Hälfte mehr unruhig und zerfasert als interessant. Erst danach – in den Gesprächen mit den Eltern und der Schwester erhält Chris McCandless mehr als eine Silhouette, wird zu einer begreifbaren und nachvollziehbaren Person. Doch schon zwei Kapitel später greift Krakauer auf seine eigenen Jugenderlebnisse in Alaska zurück, schildert die Mühen einer Bergbesteigung und versucht anhand seiner eigenen Einstellung McCandless plausibel und faßbar zu machen. Dies wirkt aber gerade an dieser Stelle mehr wie ein Fremdkörper, unterbricht das eigentlich gerade erst erwachte Interesse erneut, auch wenn man die Intention des Autors durchaus zu begreifen vermag.

Auch der weitere – rekonstruierte – Reiseverlauf, recht konkret geschildert, bleibt in weiten Teilen Spekulation, denn bis auf längere Abschriften aus seinen Lieblingsbüchern bleibt auch das Tagebuch von Chris McCandless eher lakonisch. Manchmal schreibt er tage – oder wochenlang gar nicht, dann listet er nur seine Jagdausbeute auf. Möglicherweise hätten sich Krakauer zwei Wege geboten, dennoch ein interessantes und belastbares Buch über Chris McCandless zu schreiben : entweder in einer Art literaturwissenschaftlicher und ideengeschichtlicher Aufarbeitung oder mittels der Fiktionalisierung, die ihm erhebliche Gestaltungsräume im Zusammenhang mit der Persönlichkeit seines Protagonisten gelassen hätte. So mag es in diesem seltenen Fall sein, daß die Verfilmung durch Sean Penn interessanter ist als deren Vorlage. Ich will nicht behaupten, daß das Buch reine Zeitverschwendung wäre, denn das Thema ist und bleibt interessant, der Reportagestil ist gut lesbar und das Nachdenken über einige durch McCandless in die Gegenwart transportierten philosophischen Überlegungen nicht verkehrt, doch war ich letztlich von diesem Buch eher enttäuscht.

Bibliographische Angaben :

Jon Krakauer : In die Wildnis

Übersetzt von Stephan Steeger und Ulrike Frey

Piper Taschenbuch

ISBN : 978-3492250672

© Jost Renner

Max Mannheimer / Marie-Luise von der Leyen : Drei Leben. Erinnerungen

Lange hat es gedauert, bis Max Mannheimer in die Öffentlichkeit trat und sein Leben in den Konzentrationslagern Auschwitz, Warschau und Dachau interessierten Zuhörern in Vorträgen zu schildern begann. Erst 1985, also 40 Jahre nach seiner Befreiung durch Soldaten der US-Armee, auf Anfrage des Historikers Wolfgang Benz unternahm er es, Schülern, Geistlichen, Soldaten und Parteimitgliedern von seinem Leben zu erzählen. Nur seiner Tochter Eva hatte er bereits 1965 ein „Verspätetes Tagebuch“ über seine Zeit in den deutschen Konzentrationslagern aufgeschrieben, das zunächst zwanzig Jahre unentdeckt in den Archiven der Gedenkstätte des KZs Dachau lagerte, bis es dann 1985 in den Dachauer Heften veröffentlicht wurde.

1920 wird Max Mannheimer im nordmährischen Neutitschein (Nový Jičín) geboren. Die Stadt gehört seit der Loslösung von der k.u.k. Monarchie Österreich nach dem Ersten Weltkrieg zur neugegründeten zur Tschechoslowakischen Republik. Die meisten Einwohner sind Deutsche, die jüdische Gemeinde ist mit gerade 209 Mitgliedern verschwindend gering, kann allerdings relativ unbehelligt leben. Der Vater, zunächst Besitzer einer Gastwirtschaft, eröffnet später einen Lebensmittel-Großhandel und wirtschaftet recht erfolgreich. Dem ältesten Sohn folgen alsbald vier Geschwister – drei Söhne und eine Tochter – nach. Die Kindheit und Jugend verleben er und seine Brüdern und Schwestern relativ unbeschwert, zumal Max sich als optimistisch und teilweise naiv beschreibt. Selbst gelegentlichen antisemitischen Ausfällen ihm gegenüber verhält err sich gelassen, versucht diese aus der allgemeinen Stimmungslage und der Erziehung zu erklären. Denn offener Antisemitismus ist zunächst eher die Ausnahme, und selbst die bald erstarkenden sudetendeutschen Verbünde richten sich erst einmal gegen die tschechischen Mitbürger, denen gegenüber sie sich benachteiligt sehen. Auch der Machtergreifung Hitlers 1933 begegnet man relativ unbesorgt. Daß das Münchner Abkommen von 1938 den Weg für die Besetzung des Sudetenlandes freimachen würde, ahnt man da noch nicht.

Max besucht zunächst die Handelsschule, hilft im väterlichen Betrieb und arbeitet später in einem Kaufhaus. Seine Welt sind Frauen, Autos und Fußball, aber auch seine Aufnahme in die jüdische Gemeinde nimmt er ernst und genießt die ihm dort zugewiesene Rolle. 1938 allerdings ändert sich alles : die Deutschen marschieren ins Sudetenland ein. Schon am 9. November wird allzu deutlich, was nun droht : die „Reichspogromnacht“ findet auch hier statt. Nur die Synagoge wird nicht in Brand gesetzt, sehr wohl aber geplündert, da sie in der Nähe von Gastanks erbaut wurde und ein Brand für den gesamten Ort verheerende Folgen hätte haben können. Der Vater wird verhaftet und erst drei Monate später wieder freigelassen. Der Betrieb geht zugrunde, da die wenigen Kunden, die das Gebot mißachten, nicht bei Juden zu kaufen, das wirtschaftliche Überleben nicht sichern können. Außerdem sind die Juden angewiesen, die besetzten Gebiete zu verlassen und sich im nicht besetzten Teil der Republik anzusiedeln. Dorthin sollten die deutschen Truppen aber bald folgen.

Vor allem Max und einer seiner Brüder kommen nun für den Unterhalt der Familie auf, denn der Vater, der über 50 Jahre alt ist, findet keine Stelle. Sie verdingen sich als Straßenbauarbeiter, denn Juden sind nicht-körperliche Arbeiten seit der Annektion durch das Deutsche Reich verboten. Dennoch will man an bessere Zeiten glauben, hofft auf eine Niederlage der Deutschen im Krieg gegen Polen und verschmäht die noch mögliche Ausreise. Auch Max will nicht, sondern sieht sich in der Verantwortung, seine Familie zu ernähren.

1943 wird die gesamte Familie nach Theresienstadt abtransportiert. Max hatte zuvor seine Freundin Eva geheiratet, da es hieß, man würde Eheleute nicht trennen. Die Schwiegereltern bleiben dort, da die Behörden mit ihrem baldigen Ableben rechnen, die übrigen Familienmitglieder werden nach Birkenau geschafft. Die Selektion bei der Ankunft schickt Mutter, Vater, Schwester, einen Bruder und die Ehefrau in den sofortigen Tod. Nur Max und zwei Brüder überleben zunächst (und sie ahnen, ohne zu wissen, daß sie ihre Familie niemals wiedersehen werden). Für Max ist, schon seiner Brüder wegen, Selbstmord keine Alternative. Mit Glück, Geistesgegenwart undd der Hilfe seines jüngeren Bruders gelingt ihm das Überleben im KZ Auschwitz – trotz schwerer Erkrankungen, Schikanen der Blockältesten und Kapos und der wöchentlichen Selektionen. Einer der überlebenden Brüder wird bald arbeitsunfähig und bald von der SS in den Tod geschickt. An Gott mag Max nicht mehr glauben, ganz im Gegensatz zu Edi, der nach der Befreiung tief religiös wird.

Als ein Arbeitskommando für das ehemalige Warschauer Ghetto zusammengestellt wird, kann er einen SS-Offizier von seiner Arbeitsfähigkeit überzeugen und darf den Bruder dorthin begleiten. Er findet sogar Arbeit in Bereichen, die ihn körperlich nicht allzu sehr fordern. Auf dem Gelände des Ghettos entsteht ein neues Konzentrationslager, und da hier Arbeit und nicht Vernichtung im Vordergrund steht, ist die Überlebenschance ein klein wenig größer. Noch besser wird es, als beide nach Dachau gebracht werden, um die Ausfälle bei den Rüstungsarbeitern zu kompensieren. Die Blockältesten und Kapos sind eher politische Gefangene, keine Kriminellen wie in Auschwitz und Warschau, und – mit Ausnahmen – relativ human. Die gesundheitliche Lage und die Versorgung bleiben jedoch katastrophal …

Nach der Befreiung und einiger Zeit als Displaced Persons kehren Edi und er nach Neutitschein (Nový Jičín) zurück. Beide schwören sich, niemals wieder nach Deutschland zurückzukehren. Dennoch heiratet Max, sehr zum Mißfallen seines Bruders, eine nichtjüdische Deutsche, die, sozialdemokratisch geprägt, mit ihrer Familie vielen Juden geholfen hatte. Als Beneš die Vertreibung der meisten Deutschen verfügt, den Sozialdemokraten und anderen Widerstandskämpfern die Entscheidung über eine Ausreise frei läßt, entschliessen sich deren Eltern nach Deutschland zu gehen, und Elfriede, Max‘ Frau, inzwischen schwanger, will ihnen bald folgen. Max befindet sich in einem tiefen Zwiespalt, denn nach Deutschland zurück will er nicht, Efriede mit ihrer gemeinsamen Tochter allein lassen auch nicht. So folgt er ihr dann doch nach Bayern, wo sie bis zu ihrer tödlichen Krebserkrankung eine Karriere als sozialdemokratische Politikerin macht. Max sucht sich – immer wieder und ausschließlich – jüdische Arbeitgeber, zunächst Bekannte aus den Konzentrationslagern. Die recht lückenhafte Entnazifizierung – etliche Kriegsverbrecher und SS-Schergen gelangen mit internationaler Hilfe ins Ausland, die einst ausgesiebte mittlere und höhere Beamtenschaft wird wegen des Mangels an qualifiziertem Personal wieder eingestellt und selbst ein KZ-Wächter, den er wiedererkennt und anzeigt, kommt frei, weil er wahrheitsgemäß aussagt, daß er von Tötungen dieses Bewachers nichts wisse.

Im Wesentlichen schweigt Mannheimer – auch seiner Familie gegenüber – und lebt traumatisiert in einem „inneren Ghetto“ wie so viele seiner Leidensgenossen. Er mag nicht hassen – oder kann es nicht – und sucht die Versöhnung. Dennoch bricht er bei einem USA-Besuch (seine dritte Frau, Grace, ist Amerikanerin) beim Anblick eines Hakenkreuzes zusammen. Der anschließende Aufenthalt in einer Psychiatrie und auch Behandlungsversuche in Deutschland scheitern, auch weil er über seine Lagerzeit nicht reden kann. Nur das Malen hilft ihm ein wenig, das Trauma zu lindern. Er verfertigt zunehmend abstrakter werdende Gemälde, signiert sie mit ben jakov zu Ehren seines Vaters und findet Anerkennung als Künstler.

Marie-Luise von der Leyen, einst Journalistin beim „Stern“ und Kulturredakteurin bei der „Vogue“, hat es – nach einigem Zögern – unternommen, Max Mannheimers Erinnerungen in Buchform zu bringen. Erst Mannheimers versöhnliche Haltung habe sie überzeugen können, daß sie für diese Aufgabe die Richtige sei. Sie beläßt darin dem Erzähler sein „Ich“, sodaß größtmögliche Authentizität gewahrt bleibt. So dürfte ihre Hauptaufgabe neben dem Protokollieren darin bestanden haben, stilistisch ein wenig zu schleifen, Fakten beizutragen und den Text sinnvoll zu gliedern. Mannheimer erzählt seine Geschichte in klaren, einfachen Sätzen, wirkt schonungslos ehrlich, auch wenn sich der Eindruck einer eher sachlichen Distanz nie ganz vermeiden läßt. Dies aber ist nicht als Eingriff von der Leyens zu sehen, sondern etwas, das sich Max Mannheimer in seinen Vorträgen selbst antrainiert hat, zumal ihn jeder Vortrag so nervös machte, daß er in der Anfangszeit Beruhigungsmittel brauchte, um überhaupt reden zu können. Ich denke, dies kommt sehr wohl dem Leser zugute, denn dass Ziel seiner Bemühungen seit 1985 und auch dieses Buches ist die Aufklärung. Und die funktioniert, meiner Meinung nach, am besten in einer Mischung aus vollkommener Ehrlichkeit und ein wenig Distanz.

Wir haben Max Mannheimer und zahlreichen anderen zu danken : für ihre Schilderungen des Unvorstellbaren, für ihren Wunsch nach Versöhnung und Aufklärung, die beide Hand in Hand gehen. Beides ist nicht selbstverständlich. Und daß Mannheimer 2016 im Alter von 96 Jahren starb, macht ziemlich deutlich, daß bald die Zeitzeugen des Grauenhaften fehlen werden und die Narrrative der zeitgebundenen Geschichtswissenschaft und interessierten politischen Parteiungen anheimfallen werden. So ist jede Erzählung dees eigenen Erlebens, sei es auf Videos, sei es in Buchform ein Geschenk – und eine Mahnung, nie wieder dorthin zu kommen. Oder, um es mit Max Mannheimer zu sagen :

„Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

Bibliographische Angaben :

Max Mannheimer / Marie-Luise von der Leyen : Drei Leben. Erinnerungen

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423348416

© Jost Renner

Wendy Moore : The Knife Man

In ihrer Biographie befaßt sich die Wissenschaftsjournalistin Wendy Moore mit dem Leben und Wirken des aus Schottland stammenden Mediziners John Hunter. Der wurde als eines von zehn Geschwistern einer Bauernfamilie geboren. Vater und acht seiner Geschwister starben früh. Im Alter von zwanzig Jahren geht er nach London, um bei William, dem zehn Jahre älteren Bruder, eine Ausbildung in der Anatomie zu absolvieren. Williams Vorstellung einer Anatomie-Schule sind gleichermaßen revolutionär wie schwer zu verwirklichen : er garantiert jedem Schüler genügend Leichname, um sich in der Kunst der Sektion zu üben und den anatomischen Aufbau des Menschen durch Anschauung zu erfahren. Da in Großbritannien aber per Gesetz nur jährlich vier, später sechs Leichname Gehängter legal zur Verfügung stehen, ist er – wie viele zeitgenössische Mediziner – auf die Mitwirkung von Leichenräubern angewiesen. John, der schnell sein Talent und handwerkliches Geschick bewiesen hat, wird bald Williams Assistent und damit auch verantwortlich für die Beschaffung der benötigten Körper. Es entwickelt sich unter seiner Ägide ein immer umfassenderes System des Leichenraubes.

John Hunter wird zunehmend unentbehrlich für seinen Bruder William. Denn eines unterscheidet die beiden : während William nach gesellschaftlichem Aufstieg und sozialer Anerkennung trachtet, treibt den jüngeren Bruder Forschungsdrang und Lust am Experiment. Als Assistent seines Bruders entwickelt John – im krassen Gegensatz zur in England angewandten, immer noch auf den Grundsätzen der antiken Medizin basierenden Heilkunst – nach und nach wissenschaftliche Methoden. Penible Beobachtung und unzählige Präparationen erlauben ein weitergehendes Verständnis für Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers. Die Ausbildung im Krankenhaus allerdings bleibt für John eher bruchstückhaft, sodaß er praktische Erfahrung zumeist in der Armee erwirbt, als er ab 1760 am Siebenjährigen Krieg als Feldchirurg teilnimmt. Da er die traditionellen Praktiken in Frage gestellt, ist bei Kollegen und Vorgesetzten nicht wirklich gut gelitten, eine Tatsache, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Erst 1768 wird er eine Stelle als – unbezahlter – Chirurg an einem Krankenhaus erhalten und von seinen Kollegen ständig angefeindet werden.

Zurück in London arbeitet er zunächst mit einem Zahnarzt zusammen, befaßt sich mit Zahntransplantationen und widmet sich vermehrt der vergleichenden Anatomie. Nun geraten auch Tiere in seine wissenschaftliche Betrachtung : Vivisektionen, Experimente und Autopsien unzähliger Tiere sollen ihm die Prinzipien des Lebens verdeutlichen und schaffen auf Dauer wissenschaftliche Erkenntnisse, die dem Stand der britischen Wissenschaft weit voraus sind und vor allem religiöse Grundlagen in Zweifel zu ziehen drohen : diese nämlich gehen davon aus, daß die Erde etwa 4000 Jahre zuvor in sieben Tagen erschaffen wurde, daß es zwar verschieden entwickelte Tiere gegeben habe, diese aber von Gott unabänderlich und vollkommen geschaffen worden seien. Doch Hunters Untersuchungen zu Fehlbildungen und Hermaphroditen, ebenso wie einige Knochenfunde, legen nahe, daß Tierarten sich verändern und auch aussterben können. Hunter veröffentlicht seine Schriften meist nur sehr zögerlich. Sie untersuchen solch unterschiedliche Themen wie Aufbau und Erkrankungen der Zähne, die getrennten Kreisläufe von Mutter und Embryo im Uterus oder Geschlechtskrankheiten. Für die letztgenannte Schrift infiziert er sich selbst mit dem Gonorrhoe – Erreger und – unwissentlich – mit dem Erreger der Syphilis, die bis dahin als eine Fortentwicklung der Gonorrhoe gesehen wurde. Zwangsläufig wird Hunter diese These bestätigt finden, obwohl sie falsch ist.

Tragischer jedoch sind die Spätfolgen der Syphilis – Erkrankung, die Hunter ab dem fünfundvierzigsten Jahr heimsuchen werden : begünstigt durch ein enormes Arbeitspensum und nur vier bis fünf Stunden Schlaf in der Nacht wird er bis zu seinem Tod an einer Angina pectoris leiden, die Herzanfälle und körperliche Einschränkungen verursachen. Unter wissenschaftlichen Kollegen ist Hunter inzwischen hoch angesehen. Befreundete Ärzte beauftragen ihn immer wieder mit Autopsien, und auch der Vorbehalt der Angehörigen ist spürbar geringer geworden. Zudem gilt er als Fachmann für die Anatomie von Tieren. Und er ist verlobt : Anne Home, Dichterin und Tochter aus wohlhabendem Hause, wird ihn heiraten, sobald er eine Famile ernähren zu können glaubt. Sieben Jahre wird es dauern, denn Hunter gibt sein nicht allzu knappes Einkommen für den Ankauf von Präparaten und seltenen Tieren aus. Als er stirbt, wird er eine Sammlung von twa 15.000 Exponaten besitzen, die die Familie nach seinem Ableben unterhalten sollen. Obwohl er Mitglied der Royal Society ist, mit vielen der Geistesgrößen seiner Zeit bekannt und weitgehend anerkannt ist, bleiben die Konflikte mit Kollegen nicht aus. Seine Ideen, etwa Studenten im Krankenhaus direkt zu unterrichten, stoßen auf Ablehnung. Auch seine neuen Methoden können sich unter seinen Kollegen nicht durchsetzen, wohl aber unter seinen Schülern, die er in den zurückliegenden Jahrzehnten zu hunderten ausgebildet hatte.

Im Alter von fünfundsechzig Jahren stirbt John Hunter während einer Auseinandersetzung mit seinen Kollegen und Vorgesetzten im Krankenhaus. Sein finanzielles Vermächtnis besteht aus Schulden, sein wissenschaftliches reicht von Versuchen zur Transplantation über erste Schritte zur künstlichen Ernährung, Versuche der künstlichen Befruchtung, Erkenntnisse und Forschungen zur Geologie und Paläontologie bis hin zu den ersten Schritten einer Evolutionstheorie.

„The Knife Man“ ist eine umfassende und kenntnisreiche Biographie über einen Pionier der modernen Medizin, aber ebenso ein recht anschauliches Bild des achtzehnten Jahrhunderts in Großbritannien und Europa. Die medizinische Behandlung, fußend auf antiken Schriften, beschränkte sich weitgehend auf Aderlässe, das Schröpfen, Trepanationen und Amputationen. Ärzte mieden zumeist den körperlichen Kontakt mit ihren Patienten und überließen es Chirurgen und Barbieren, die Behandlungen durchzuführen. Während in Kontinental-Europa die Restriktionen seit der Renaissance nach und nach gemildert wurden, mußten britische Anatomen illegal agieren und gegen erhebliche gesellschaftliche Widerstände ankämpfen. Doch vor allem scheiterte die Weiterentwicklung am Beharren der Ärzte und Chirurgen, die alles Neue schnell verwarfen.

John Hunter jedoch war der strikten Auffassung, daß nur Anschauung den richtigen Weg zur Behandlung weisen könnte, und daß auch die Ausbildung künftiger Mediziner nur durch Anschauung zu gewährleisten sei, wie es sich auch heute in Wissenschaft und Lehre durchgesetzt hat. Wendy Moore zeichnet das Bild eines energischen, manchmal brüsken und aufbrausenden Mannes, der sein Leben fast ausschließlich der Arbeit und seiner Sammlung von Präparaten und ausgestopften Tieren widmete. Folgerichtig erfährt man nur wenig über den Privatmann John Hunter, denn dieser existiert fast gar nicht. Zwar konnte er bei gesellschaftlichen Anlässen umgänglich und höflich sein, doch entzog er sich, so gut er konnte, zumeist solchen Verpflichtungen, selbst als seine Frau im gemeinsamen Haus einen regelmäßigen Salon hielt. Allenfalls ein kleiner Kreis ebenso begeisterter Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen innerhalb der Royal Society konnte mit seiner Anwesenheit und regem Austausch rechnen. Ansonsten verschwand er schnell wieder in seinem Sektionssaal oder widmete sich dem Unterricht seiner privaten Schüler.

Wendy Moore macht es einem zunächst nicht leicht, in das Buch zu finden, meint sie doch gerade in den ersten Kapiteln, ab und an Geschehnisse auf einer halb – fiktionalen Ebene behandeln zu müssen, die aufgrund eines gewissen Pathos und einer immer spürbaren Überhöhung schnell abstoßend wirkt. Doch besinnt sie sich bald und schildert dann mit größerer Sachlichkeit, immer wieder Quellen anführend, den Lebenslauf und das gesellschaftliche Umfeld, läßt Studenten Hunters und etliche Zeitgenossen – von Joseph Haydn über Samuel Johnson, Tobias Smollett, Thomas Gainsborough bis zu David Hume und Benjamin Franklin das Tableau erweitern. Moore ist es gelungen, ein äußerst lebendiges und interessantes Bild des Forschers und seiner Zeit zu entwerfen, bei aller spürbaren Wertschätzung die meiste Zeit sachlich zu schreiben und den Leser auf eine wissenschaftliche Entdeckungsreise zu schicken, an der er seine Freude haben dürfte. Dazu hätte es des allzu reißerischen Untertitels „Blood, Body-Snatching and the Birth of Modern Surgery“ (der mir vorliegenden Ausgabe) wahrlich nicht bedurft, denn die Anfänge der Naturwissenschaften, erst recht eine Person, die sich in vielen Gebieten versucht hat, sind spannend genug. Zudem verzichtet die Autorin im Text nahezu vollkommen auf solche Effekthascherei, sodaß, wer sich „Splatter“-Szenen erhoffen mag, in diesem Buch wohl kaum auf seine Kosten kommen wird.

Das Buch ist bislang nicht ins Deutsche übersetzt worden, sodaß ich noch kurz etwas zur Sprache sagen möchte : mit gutem bis sehr gutem Schulenglisch und einiger Leseerfahrung wird man den 560 Seiten umfassenden Text, dazu kommt ein Anmerkungs – und Bibliographie – Apparat von knapp einhundert Seiten, im Großen und Ganzen gut erfassen und verstehen können. Allerdings ist die Zuhilfenahme eines Wörterbuches wegen medizinischer, anatomischer und medizinhistorischer Begrifflichkeiten dann doch zu empfehlen, auch wenn manches sich aus dem Kontext erschließt. Davon abgesehen läßt sich diese Biographie flüssig lesen, was auch dem Stil der Autorin zu verdanken ist.

Bibliographische Angaben :

Wendy Moore : The Knife Man

Bantam Books

ISBN : 978-0553816181

© Jost Renner