Amerikanische Literatur

George Saunders : Lincoln in the Bardo

Als William Wallace Lincoln am 20. Februar 1862 an einer Fieber-Erkrankung stirbt, sind seine Eltern, Präsident Abraham Lincoln und seine Frau Mary Todd Lincoln am Boden zerstört. Am Abend zuvor hatten sie noch, der Diagnose eines Arztes vertrauend, daß es ihm besser ginge, noch einen Empfang gegeben und waren von der Feier immer wieder hinauf ins Krankenzimmer des Kindes geeilt. Nach der Beerdigung – und das beruht auf historischen Fakten – begibt sich Abraham Lincoln mehrmals zum Mausoleum auf dem Oak Hill Friedhof, in dem der Sarg des Kindes beigesetzt wurde. Hier entnimmt er den Leichnam aus dem Sarg und hält ihn in Händen, umarmt ihn und redet zu ihm, allerdings ist diese Entnahme nicht wirklich faktisch nachzuweisen.

Der Friedhof selbst ist der Hauptschauplatz dieses ersten Romans von George Saunders : denn sobald es dunkel wird, erwachen die Toten und versuchen, ihr altes Leben fortzuführen oder warten darauf gefunden und in ihre bekannte Welt zurückgeführt zu werden. Sie leben im Bardo, einem Übergangsstadium zwischen Leben und Tod, bis sie ihrer Bestimmung – Himmel, Hölle oder Wiedergeburt – zugeführt werden. Sie wissen nicht, daß sie tot sind oder wollen es nicht wissen, klammern sich an ihre alten Existenzen und ignorieren selbst die Aufforderungen und Ermunterungen sporadisch erscheinender Engel. Auch William gehört nun zu ihnen.

Kinder allerdings dürfen nicht lange im Bardo verweilen, sonst werden sie alsbald von einem Panzer überzogen. Nun aber veranlaßt gerade Präsident Lincolns Handeln den Sohn, dort verharren zu wollen, bis die Wiederaufnahme des liebevollen Familienlebens wieder möglich wäre. Andere Geister, der Reverend Everly Thomas, der vor einem endgültigen Richtspruch zurück ins Bardo geflohen war, Hans Vollman, der zu seinen Lebzeiten eine viel jüngere Frau geheiratet und ihr zuliebe auf Sex verzichtet hatte (und nun immer noch hofft, diese Dimension der Beziehung könnte noch gewonnen werden), und Roger Bevins, ein Homosexueller, der sich tötete, weil er seine Liebe nicht leben konnte, machen sich auf, den Jungen Willie zu retten.

Dazu müssen sie in den Präsidenten hinein, ihn veranlassen, den Tod des Kindes zu akzeptieren und ihn loszulassen. Als Geister allerdings haben sie wenig Einfluß auf die Lebenden und die Geschehnisse in der realen Welt …

Während allerorten immer noch / immer wieder das Ende des Romans beschworen wird, Alternativen gesucht – und eher nicht gefunden – werden, haben zwei Romane des Jahres 2017 bewiesen, daß der Roman weder tot noch so starr ist, als daß er nicht immer aufs Neue seine Existenzberechtigung und seine Innovationskraft beweisen könnte. Andere wiederum zeigten, daß auch das traditionelle Erzählen, wenn klug und ansprechend gehandhabt, zu Recht seine Leser findet.

Zu den innovativen Romanen gehört, neben Paul Austers „4 3 2 1“, mit Sicherheit George Saunders „Lincoln in the Bardo“, der gerade den Man-Booker-Prize gewann und im Mai 2018 bei Luchterhand in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Saunders Herangehensweise ist ungewöhnlich – und das in zwei verschiedenen Erzählsträngen, die zunächst disparat wirken und doch eng zusammengehören.

In einem ersten Erzählstrang vermittelt Saunders das reale zeitgeschichtliche Geschehen mithilfe kurzer Zitate aus historischen Quellen, unter die sich dann doch, still und heimlich, kleine fiktive Schnipsel mischen. So entsteht ein Bild der Vorgänge rund um den Tod des Jungen, der Trauer und des Schocks, man erhält Einblicke in die Persönlichkeit des Präsidenten, in die Reaktionen der Öffentlichkeit, die sein Handeln zum Teil wenigstens unverantwortlich fand und zudem mit den ersten heftigen Verlusten im Bürgerkrieg haderte.

Der zweite, umfangreichere Strang befaßt sich mit dem „Leben“ auf dem Friedhof. Auch hier erzählt Saunders nicht selbst, sondern läßt seine Figuren, vor allem den Reverend Thomas, Hans Vollman und Roger Bevins zu Wort kommen, die die Ereignisse in kurzen Dialogen oder ebenso kurzen Erzählungen wiedergeben. Darein mischen sich immer wieder die Stimmen anderer, die ihr Leben vor dem Tode, ihre Hoffnung auf eine Wiederkehr ins Alte zu Protokoll geben oder auch die Vorzüge des Zwischenzustands zu preisen wissen. Auch die Gesellschaft der Verstorbenen kennt Hierarchien : während die Weißen in Gräbern und Mausoleen bestattet sind, gibt es für Afro-Amerikaner zumeist nur ein Massengrab, unabhängig vom Bildungsniveau oder dem sozialen Status.

Abraham Lincolns Fürsorge für den Leichnam seines Sohnes setzt einiges in Gang, und selbst die Zyniker unter den Toten sehen Zeichen dafür, daß auch für sie Nähe zu ihren Liebsten möglich wäre. Willie Lincoln wird so zu einer Art Maskottchen. Doch, betrachtet man den Titel „Lincoln in the Bardo“, wird klar, daß es Saunders auch oder vor allem um Lincoln selbst geht : der ist mit dem Tod seines Sohnes und den verheerenden Nachrichten vom Bürgerkrieg selbst in einem Zwischenreich angelangt, und weiß zunächst nicht, wie es von dort aus überhaupt weitergehen kann. Und so versucht Saunders – fiktional – eine Leerstelle in Lincolns (psychologischer) Biographie zu füllen. Seine gewonnene Einsicht mag, ebenso wie die Überbetonung der Unschuld des Knaben Willie, den Leser ein paar Abstriche am Lesevergnügen machen lassen : die einen sind recht grausam, die andere ist ein wenig zu dick und kitschig aufgetragen.

Im Ganzen aber ergibt sich ein erfreuliches Ganzes : ein Roman, skurril, ironisch, bisweilen zynisch, dann wieder tragisch, grausam und mitleiderregend. Ein wenig gemahnte er mich an Shakespeare : Ein Spätwinternachtstraum. Und Saunders ist Puck.

Bibliographische Angaben :

George Saunders : Lincoln in the Bardo

Random House

ISBN : 978-0812995343

© Jost Renner

John Updike : Sucht mein Angesicht

Im Frühjahr 2001 wird die achtundsiebzigjährige Malerin Hope Chafetz von der jungen Kunsthistorikerin und Journalistin Kathryn in ihrem Landhaus in Vermont interviewt. Kathryn will für ein Online – Magazin einen Beitrag über den Siegeszug der amerikanischen Kunst und Malerei verfassen und interessiert sich vor allem für die Rolle von Hopes erstem Ehemann Zach McCoy. Dieser gilt mittlerweile als Ikone und Begründer der modernen amerikanischen Kunst. Hope beantwortet die Fragen nur widerstrebend und zurückhaltend, aber das Interview bringt sie dazu, sich an ihre Ehe mit Zach, an die New Yorker Kunstszene und an ihre eigenen Anfänge als Malerin zu erinnern.

Ausgehend von den europäischen Kunsttheorien und vom Surrealismus beginnt sich in den vierziger Jahren die amerikanische Künstlerszene abzukoppeln und eigene Wege zu gehen. Unter ihnen ist Zach McCoy, ein leidenschaftlicher, aber auch an sich selbst leidender Künstler. Hope heiratet ihn – die gesellschaftlichen Zwänge Amerikas gebieten dies – und muß schnell erkennen, daß McCoy nicht nur sich, sondern auch andere quält. Ihr bleibt kaum Raum, selbst zu malen, sondern sie ist mehr und mehr mit der Unterstützung des Ehemanns beschäftigt. Als der mit seinem Stil des „Tröpfelns“ zunehmend Berühmtheit erlangt, die ihm finanziell jedoch kaum etwas einbringt, hat er Schwierigkeiten, sich mit seiner neuen, öffentlichen Rolle zurechtzufinden und beginnt wieder, dem Alkohol zu verfallen. Schließlich verunglückt er im Vollrausch tödlich.

Das Interview gestaltet sich eher zäh, manchmal als Kampf zwischen den beiden so verschiedenen Frauen. Kathryn ist zielorientiert, sachlich und oft quälend insistierend. Nur selten zeigt sie menschliche Regungen, trotz aller Bemühungen auf Seiten der alten Malerin. Nur in kurzen Pausen scheint etwas Natürliches, Menschliches durch. Auch Hopes zweiter Ehemann, Guy Holloway, ist für Kathryn ein interessantes Thema. Der ist ebenfalls Maler und Künstler, gehört aber künstlerisch eher zur nachfolgenden Generation. Er geht mit Kunst eher spielerisch um, sein Augenmerk liegt mehr auf dem Betrachter als darauf, sein Innerstes in seiner Kunst abzubilden. Er ist Gesellschaftstier, Bonvivant und Bohémien. Mit ihm hat Hope drei Kinder, doch nach 17 Jahren Ehe verläßt er sie, ruhelos weitergetrieben. Auch in dieser Ehe war Hope von der Kunst, ihrem eigenen Schaffen und dem ihres Mannes eher ausgeschlossen. Erst in einer dritten Ehe mit einem Kunstsammler kann sie ihr eigenes Talent wieder aufleben lassen…..

Bei diesem Buch handelt es sich in weiten Teilen um einen Schlüsselroman. Zach McCoy ist eindeutig als Jackson Pollock zu identifizieren, Guy Holloway ist eine Komposition aus drei, vier verschiedenen Malern, am deutlichsten zu erkennen : Andy Wahrhol, aber auch Roy Lichtenstein ist in die Romanfigur eingeflossen. Scheinbar verläßt Updike mit diesem Buch sein angestammtes Thema : die Irrungen und Wirrungen der weißen, protestantischen Mittelschicht in den USA, und doch findet man sich genau da wieder.

Die Kunst, die Kunsttheorie nehmen viel Raum ein, sodaß ein nicht kunstinteressierter Leser zumindest am Anfang leicht die Geduld verlieren könnte. Das Buch ist aber nicht monothematisch. Zum einen fesselt es, das Widerspiel der beiden weiblichen Antagonisten – Journalistin und Malerin, die genau weiß, daß nicht sie im Mittelpunkt des Interesses steht, zu verfolgen, zum anderen sind die so entgegengesetzten Figuren der Ehemänner und Hopes Erleben ein lohnendes und reichhaltiges Gebiet, das Updike gekonnt und routiniert gestaltet. Und dies sind nicht die einzigen Aspekte dieses Romans : Einmal mehr – wie zuvor in seinen letzten Büchern – sind Alter und Tod ein zentrales, wenn auch meist eher unterschwelliges Thema, das Bedürfnis, seine Erfahrungen weiterzugeben, wirksam zu sein, bevor man stirbt (sicherlich eine wichtige Motivation für Updikes Schaffen der letzten Jahre).

Titelgebend und die letzten Seiten prägend ist die Suche nach Gott – in sich, in der Kunst und im Leben. Auch wenn das Buch mit Sicherheit nicht das „Opus Magnum“ Updikes ist – das hat er mit der Rabbit-Tetralogie schon lange geschaffen – habe ich dieses Buch mit Interesse, Vergnügen, gespannt und unterhalten gelesen, auch wenn mich am Ende eindeutig patriotische Statements ein wenig geärgert haben.

Bibliographische Angaben :

John Updike : Sucht mein Angesicht

Übersetzt von Maria Carlsson

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499242328

© Jost Renner

Edward P. Jones : Die bekannte Welt

Henry Townsend, Sklave des Farmers William Robbins, der ihn schätzt und zum Schuster ausbilden läßt, wird von seinen Eltern Augustus und Mildred freigekauft. Robbins verweigert ihm auch weiterhin nicht seine Protektion, sondern verkauft ihm Land, fördert und unterstützt ihn. Und nicht zuletzt verkauft er ihm den Sklaven Moses, mit dem sich Henry daranmacht, ein Haus zu bauen und die Grundlage seiner künftigen Pflanzung zu schaffen. Somit ist Henry einer der wenigen schwarzen Sklavenhalter in Virginia. Er heiratet die frei geborene Caldonia, deren Mutter einst ihren Ehemann vergiftet hatte, als der sich mit dem Gedanken getragen hatte, die ihm gehörenden Sklaven freizulassen. Nach und nach wächst die Bevölkerung der Farm, denn immer mehr Sklaven werden gekauft, um die Arbeiten bewältigen zu können.

Moses, zu dem Henry immer ein besonderes Vertrauensverhältnis hatte, wird zum Aufseher befördert und erledigt seine Arbeit gewissenhaft. Manchester County, der fiktive Bezirk in Virginia, ist von Unruhen und Aufständen weitgehend verschont, jedoch wird auf Anraten des größten Farmers, William Robbins, eine Patrouille installiert, die eventuelle Fluchtversuche unterbinden soll. Während der Sheriff, John Skiffington, gläubig, ruhig und gesetzestreu seinen Dienst versieht, sind die Mitglieder der Patrouille zumeist weniger vertrauenswürdig. Als Henry unerwartet stirbt, erbt Caldonia das Land und die mittlerweile 33 Sklaven. Moses macht ihr schon kurz nach dem Ableben Henrys den Hof, denn er hofft nicht nur auf Freilassung, sondern auch darauf, bald selbst die Stellung des Verstorbenen einnehmen zu können. Er entledigt sich kurzerhand seiner Frau und seines Kindes, indem er sie mit einer vermeintlich Verrückten auf die Flucht schickt. Die Verhältnisse auf der Pflanzung geraten mehr und mehr aus der Kontrolle,und die Oberschicht des Counties, sowie die Gesetzeshüter sind zunehmend beunruhigt.

Jones‘ Roman behandelt ein weitgehend unbekanntes Phänomen : die Sklavenhaltung durch Afro – Amerikaner vor Beginn des Bürgerkriegs in den Südstaatender USA, die es vereinzelt gegeben hat. Durch den Freikauf von Familienmitgliedern besaßen Farbige sogar zum Teil ihre Ehefrauen und Kinder, gemäß den damaligen gesetzlichen Gegebenheiten. Das geschilderte Manchester County, alle handelnden Personen und die beschriebenen Ereignisse sind jedoch rein fiktiv. Jones‘ Behandlung des Themas und die Erzählweise sind ruhig und wenig spektakulär. Die Gefühlswelt erschließt sich im Miteinander oder Gegeneinander der dort versammelten Personen. Zunächst möchte man meinen, daß sich alle mit dem System der Sklaverei arrangiert hätten, nur selten flackern Widerstand oder Rebellionsgedanken auf, selten ereignen sich spektakuläre Katastrophen oder rigide Bestrafungen, aber doch zeigt der Autor immer wieder, wie unter der ruhigen Oberfläche ddes Alltags die Inhumanität des Systems zum Vorschein kommt und seine Opfer fordert.

Der Erzählfluß ist nicht rein linear, denn immer wieder gibt es Rückblenden auf den
Werdegang Henrys, aber genauso gut Ausblicke auf den Werdegang einzelner Personen.
Es irritiert manchmal ein wenig, wenn Jones den Lebenslauf einer Person vorwegnimmt, die zum Zeitpunkt der Handlung ein Kind ist, und deren letzte Lebenstage – etwa 90 Jahre später – ausmalt. Manchmal finden sich Ausflüge ins Irreale, Übernatürliche, die an Gabriel Garcia Marquez gemahnen oder einen mehr oder minder deutlichen religiösen Bezug herstellen.

Jones Schilderung ist keine Schwarz-Weiß-Malerei. Fast alle Personen haben sympathische Züge, viele der Weißen sind zumindest bemüht, gesetzestreu und mit moralischer Verantwortung ein Zusammenleben auch unter dem System der Sklaverei zu befördern, auch wenn sie letztlich an sich selbst, an Ausnahmesituationen, an der Handlungsweise rassistischerer und bedenkenloserer Menschen und nicht zuletzt am System selbst scheitern. Für mich war es eine interessante Lektüre, ein spannendes und unterhaltsames Literaturerlebnis.

Bibliographische Angaben :

Edward P. Jones : Die bekannte Welt

Übersetzt von Hans-Christian Oeser

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423135368

© Jost Renner

John Irving : Bis ich Dich finde

In diesem stark autobiographisch geprägten Roman schildert John Irving den Werdegang von Jack Burns. Sein Vater hat sich noch vor seiner Geburt von seiner Mutter, einer Tätowiererin, getrennt. Als Jack vier Jahre alt ist, beschließt seine Mutter Alice, sich mit ihm auf die Suche zu machen, und reist durch verschiedene Städte Europas, darunter Stockholm, Kopenhagen, Oslo, Helsinki und Amsterdam, immer auf der Fährte des Vaters, der dort als Organist arbeiten soll und sich zudem neue Tattoos machen läßt. Alice finanziert diese Reise mit Aushilfsarbeiten bei verschiedenen berühmten Tätowierern und bildet sich gleichzeitig fort. Beide müssen jedoch feststellen, daß der Gesuchte längst weitergezogen ist. Als Jack sechs Jahre alt wird, kehren sie nach Kanada, der ersten Station von Alice Suche, zurück, denn dort soll Jack in einer ehemalig reinen Mädchenschule eingeschult werden. Hier gerät er in die Fänge von Emma Oastler und ihrer Klassenkameradinnen. Die sind sieben Jahre älter und terrorisieren die Schulanfänger, besonders aber Jack, bei dem diese Belästigungen eindeutig sexuelle Formen annehmen.

Das Lehrpersonal der Schule ist größtenteils nicht sonderlich kompetent, aber Jack wird an die Schauspielkunst herangeführt und brilliert bald in den Schulaufführungen, meist jedoch in Mädchenrollen. Jacks Mutter interveniert bei Emmas Mutter wegen der Drangsalierungen ihres Sohne nur halbherzig und beginnt recht bald eine Beziehung mit ihr. Aber nach und nach wandelt sich auch das Verhältnis zwischen Emma und Jack, der eine Art Schützling von ihr wird. Als Jack nach vier Jahren auf eine Jungenschule wechseln muß, bereitet er sich mit Ringen auf die neue Umgebung vor. Seine Sparringspartnerin und bei Gelegenheit auch sein Kindermädchen ist eine ältere Frau, die behauptet, Ringen als Selbstverteidigung zu erlernen, um die Angriffe des Ex – Ehemanns abwehren zu können. Diese Frau mißbraucht Jack mehrmals, und der ist zwischen Qual und Zuneigung hin und her gerissen. Erst Emmas Eingreifen beendet den Mißbrauch.
Jack absolviert seine schulische Ausbildung ohne größere Probleme, hat allerdings immer wieder Beziehungen zu älteren Frauen, die in manchen Fällen auch eher sexueller Mißbrauch sind. Beziehungen zu gleichaltrigen Mädchen scheitern entweder schon im Ansatz oder nach kurzer Zeit. Emma beurteilt inzwischen im Auftrag eines Filmstudios Drehbücher, bewertet sie und empfiehlt Umsetzung oder Ablehnung. Jack kehrt nach dem Ende der Schule nicht zu seiner Mutter nach Kanada zurück, sondern zieht mit Emma zusammen. Sie vermittelt ihm auch die ersten Kontakte zur Filmindustrie. Während Emma zwei erfolgreiche Romane verfasst, die sich kritisch mit Hollywood auseinandersetzen, beginnt Jacks Schauspielkarriere. Wieder sind es Frauenrollen, androgyne Charaktere oder Transvestiten, die ihn populär machen. Jacks Verhältnis zu seiner Mutter ist immer loser geworden. Emma stirbt an einem Herzinfarkt und beauftragt ihn testamentarisch damit, ihren ersten Roman als Drehbuch umzusetzen. Dies gelingt so gut, daß Jack den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch gewinnt. Kurz darauf muß er allerdings erfahren, daß seine Mutter an Brustkrebs erkrankt ist und bald sterben wird. Nach ihrem Tod jedoch wird ihm mehr und mehr klar, daß seine Erinnerungen an die Europareise und die Suche nach seinem leiblichen Vater nicht der Realität entsprechen können, insbesondere Gespräche mit Emmas Mutter bewegen ihn, noch einmal die Reise nach Europa nachzuvollziehen, um endlich Klarheit zu gewinnen. Und er erfährt Unglaubliches….

Der Ton des Romans ist ein eher melancholischer, ohne daß er allerdings einer Prise Humors entbehren würde. Der Wahnwitz und die Absurditäten seiner frühen Romane jedoch fehlen vollkommen, er ähnelt in Erzählhaltung und Tonfall eher den Romanen „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ oder „Owen Meany“. Die Personen sind zumeist glaubhaft, lebensnah und damit auch menschlich, nur einige Nebenpersonen, etwa die Lehrer, werden stark überzeichnet und damit das Ziel satirischer Kritik. Und auch das Leben in Hollywood oder die Filmindustrie bleiben nicht verschont.

Einigen Widerstand hat bei mir die Mißbrauchsthematik ausgelöst, was sich allerdings unter der Berücksichtigung der biographischen Fakten über den Autors dann doch weitestgehend erledigte. Das Buch ist in weiten Teilen stark autobiographisch beeinflußt. Der Protagonist Jack Burns denkt und handelt nicht selten als ein Alter – Ego des Autors. Irving gelingt es eine glaubhafte, manchmal nicht nur untergründig tragische Geschichte interessant, einfühlsam und für den Leser nachvollziehbar und glaubwürdig zu gestalten. Nicht einmal die Liebesbeziehung zwischen Alice und Emmas Mutter wirkt auf lange Sicht überkonstruiert, auch wenn man erstmal schlucken muß. Nach drei Romanen, die mir so gar nicht gefallen wollten, habe ich bei „Until I Find You“ wieder das Gefühl entwickeln können, in dem mir wohlvertrauten literarischen Universum John Irvings angekommen zu sein, mich dem Fluß seiner Geschichte anvertrauen zu können. Mehr noch : Auch John Irving ist wieder dort angekommen, und seine Recherchen sind nicht mehr Fremdkörper und leb – und lieblose Gerüste seiner Konstruktionen, sondern fügen sich harmonisch in die Erzählung und deren Intention.

Für mich ist dieser Roman zwar nicht Irvings Meisterwerk ( aufgrund der Aufarbeitung seiner Autobiographie und der entstandenen Intensität der Thematik mag es später vielleicht dennoch als sein Opus Magnum gelten), aber ich bedaure nicht, ihn gelesen zu haben, sondern freue mich durchaus auch auf das nächste Buch von diesem Schriftsteller.

Bibliographische Angaben :

John Irving : Bis ich Dich finde

Übersetzt von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl

Diogenes Taschenbuch

ISBN : 978-3257236217

© Jost Renner

Mark Z. Danielewski : Das Haus / House of Leaves

Zwei Handlungsstränge verbindet Mark Z. Danielewski in seinem Buch zu einem beinahe 800 Seiten starken Roman. Johnny Truant, eine Hilfskraft in einem Tattoo – Studio, verbringt sein Leben mit seinem Freund Lute, Alkohol, Pillen und – manchmal recht bizarr verlaufenden – One – Night – Stands. Er verliebt sich unsterblich und aussichtslos in die Stripperin Thumper, eine Kundin des Studios. Als ein älterer Nachbar Lutes stirbt, betreten Johnny und sein Freund die Wohnung. Hier findet Johnny zufällig hunderte von vollgeschriebenen Manuskriptseiten und Notizzetteln. Johnny beginnt fasziniert, in diesen Konvoluten zu lesen, und schnell reift in ihm der Entschluß, das Manuskript als Buch herauszugeben. Dies erfordert eine lange Zeit des Ordnens und Sichtens. Zampanò, so der Name des Verstorbenen, analysiert in seinem Manuskript ausführlich einen Dokumentarfilm : den „Navidson – Record“. Mit akademischer Gründlichkeit schildert er Entstehen, Handlungsverlauf, verweist auf Quellen, Diskussionen und Thesen und gibt verschiedene Interpretationsansätze :

Seiner Beziehung zuliebe zieht der Filmemacher Will Navidson, einst ein mit dem Pulitzer – Preis geehrter Fotograph, mit seiner Freundin Karen und den gemeinsamen Kindern Daisy und Chad in ein Haus in einer ländlichen Gegend Virginias. Quasi zum Ausgleich für das aufgegebene Fotographieren macht er sich daran, den Einzug und die ersten Tage im Haus zu dokumentieren. Doch recht bald stößt er auf Merkwürdiges. Unvermittelt bemerkt er einen kleinen Raum, der vorher nicht dagewesen ist und zudem nicht den Außenmaßen des Gebäudes entspricht. Ist die Differenz zwischen Außen und Innen erst nur gering, weitet sich später der Raum zu einem dunklen, unendlich scheinenden Labyrinth. Sein erster Erkundungsgang, den er gegen den Widerstand seiner Freundin unternimmt endet nur mit Glück wieder im heimischen Wohnzimmer, denn er hat sich beinahe rettungslos verlaufen. Doch Navidsons Neugier ist geweckt. Und so holt er seinen Bruder Tom, einen Freund und drei Bergsteiger zu Hilfe, um dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Das Haus verändert sich ständig, ein Grollen läßt auf das Verschieben von Wänden schließen. Die folgende Expedition stößt auf eine unendlich scheinende Wendeltreppe, die über Stunden in die Tiefe führt. Zudem scheint irgendein unsichtbares Wesen die Labyrinthe zu bewohnen, ohne jedoch jemals sichtbar zu werden. Der Anführer der Bergsteiger ist den Belastungen nicht gewachsen : er dreht durch und erschießt einen seiner Begleiter und bleibt dann verschollen. Navidson, der von seinem Zimmer die Expedition überwacht hatte, macht sich mit seinem Freund auf zu einer Rettungsexpedition. Diesmal ist die Treppe um vieles kürzer. Er findet den Getöteten und seinen überlebenden Begleiter. Der Schütze allerdings wird das Tageslicht nicht mehr erreichen. Karen stellt Navidson ein Ultimatum : entweder er stellt die Erkundung des Hauses ein oder sie verläßt ihn. Doch es scheint zu spät, denn das Haus beginnt auch in den sicher geglaubten Räumen zu agieren und tötet Navidsons Bruder Tom, der gerade noch Daisy hatte retten können. Navidson gibt sein Vorhaben zunächst auf und läßt Gesteinsproben in einem Labor untersuchen. Karen stellt aus dem vorhandenen Filmmaterial kurze Ausschnitte zusammen und schickt sie an verschiedene Berühmntheiten, etwa an Stephen King, Anne Rice, an den Regisseur Stanley Kubrick, an die feministische Autorin Camille Paglia, den Mathematiker Douglas R. Hofstadter und den Philosophen und Linguisten Jacques Derrida. Alle reagieren beinahe erwartungsgemäß : während King darauf brennt, den Standort des Hauses zu erfahren, wertet Paglia die Expeditionen als ein Symptom des Vaginalneides, und Derrida dekonstruiert sich selbst. Erstaunlich ist nur, daß viele der Angesprochenen, egal ob Mann oder Frau, Karen um ein Rendezvous bitten. Der Frieden jedoch ist trügerisch, denn Navidson hat längst beschlossen, eine weitere Expedition zu unternehmen – diesmal vollkommen allein. Und es sieht nicht so aus, als könnte er das überleben…

Johnny zieht sich während der Arbeit an diesem Manuskript immer mehr zurück und leidet unter Angstzuständen. In ausführlichen Fußnoten, die sich denen Zampanòs und des Verlages zugesellen, verfolgt der Leser eine ständige Verschlechterung, seine zunehmende Verwahrlosung. Auch ist nicht immer klar, ob Johnny phantasiert, lügt oder bei der Wahrheit bleibt. Auch erfährt man nach und nach die Vorgeschichte Johnnys. Seine Mutter wurde in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen, als er noch ein Kind war, ebenfalls im Kindesalter mußte er den Unfalltod seines Vaters miterleben. Im Anschluß begann eine Irrfahrt durch Pflegefamilien und Schulen. Dort fiel er vor allem durch heftige Schlägereien auf, mit denen er seine Außenseiterrolle nur verfestigte. Und Raymond, ein neuer Pflegevater reagiert ungehemmt gewalttätig auf die Störungen Johnnys. Als Lute stirbt und er auch bei Thumper keinen Halt findet, zieht Johnny, von seinen Angstzuständen geplagt, immer zielloser durch die Gegend….

Dieses Buch ist ebenso wie das in ihm beschriebene Haus ein nahezu undurchdringliches Labyrinth mit einer Unzahl gegenläufiger oder unabhängiger Strukturen. Somit seien alle die gewarnt, die eine linear erzählte und zu einer Auflösung hingeführte Horrorgeschichte erwarten, denn – sinngemäß zitiert – die Rätsel der Kindheit unterscheiden sich von denen des Erwachsenenlebens dadurch, daß sie meist gelöst werden können. Danielewski bedient sich in seinem Roman der verschiedensten Verschleierungs – und Verschlüsselungstechiken, auch wenn er sich vordergründig bekannter Topoi des Horrors bedient. Augenfällig sind Anklänge an den Pseudo – Dokumentarfilm „The Blair Witch Project“ und des Hauses als selbständig handelndes oder beeinflusstes Geistwesen, wie man es bei Stephen Kings „Haus der Verdammnis“, dem Klassiker „Landhaus der toten Seelen“, der Amityville – Reihe oder etwa in der IT – Version „Game Over“ von Philip Kerr finden kann. Auch Bezüge an Eschers Bilder der dimensionsübergreifenden Treppen und damit an Douglas R. Hofstadters „Gödel, Escher Bach – Ein endlos geflochtenes Band“ sind kaum zu übersehen. Doch von Anfang an kann niemand sicher sein, was wirklich real ist, was allein literarisches Verwirrspiel. So scheint es denn doch recht unwahrscheinlich, daß Zampanò als Blinder sich ausgerechnet mit dem visuellen Medium Film auseinandersetzt, er der zur Sichtung und Verarbeitung der Quellen regelmäßig auf Vorleserinnen angewiesen ist. Und trotz der in der wissenschaftlichen Analyse und den Fußnoten immer wieder auftauchenden regen Diskussionen und Reaktionen auf den „Navidson – Record“ ist von einer Veröffentlichung – auch im Erzähluniversum des Buches – nichts wirklich bekannt. reichlich verworren bleibt auch die Urheberschaft der Analyse.

Diente etwa in der Romantik die Erwähnung aufgefundener Manuskripte, überantworteter Tagebücher einer vorgeblichen Absicherung des Wahrheitsgehaltes, überdreht Danielewski diesen Kunstgriff bis ins Extreme : es geht um einen Film, der in einer wissenschaftlichen Analyse behandelt wird, die von Johnny Truant bearbeitet und veröffentlichungsfertig gemacht wurde und letztlich von unbekannten Herausgebern dann auch veröffentlicht worden sein soll. Außer Navidson selbst tragen zudem alle Instanzen zu dem umfangreichen Fußnotenapparat bei, die Instanz der Herausgeber nicht selten korrigierend. trotz dieser Bearbeitungsinstanzen gibt es im Buch und in den Fußnoten nicht selten fehlende Stellen. Seiten sind abhanden gekommen, verschmutzt oder zerstört, Fußnoten bleiben zwar markiert, weisen allerdings keine Inhalte auf etc. Auf der anderen Seite wurden dem Buch drei recht umfangreiche Anhänge und ein ebenfalls ausführlicher Wortindex angefügt, der recht wahllos scheinend vorgebliche Schlüsselbegriffe und deren Vorkommen im Text auflistet. Es ist nicht verwunderlich, daß mancher Leser sich versucht sieht, allein den beiden Geschichten zu folgen und den (pseudo)kritischen Apparat einfach auszublenden, zumal dieser wegen einiger Wortspielereien und sorgsam gelegter Fährten nicht selten ausgedehnte Forschungsarbeiten abgebracht erscheinen läßt. Allerdings denke ich, man beraubt sich dadurch eines Teils des Vergnügens, auch wenn ich vermutlich über Monate an diesem Roman gesessen hätte, um allen Verflechtungen nachzuspüren. Unbedingt zu lesen ist aber der Abschnitt „Die Briefe aus dem Three Attic Whalestoe Institute“, der einiges in Bezug auf Johnny Truant zu erhellen vermag und vielleicht sogar eine Interpretation des gesamten Buches ermöglicht. Eine weitere Hürde beim Lesen ist die immer wieder anzutreffende ungewöhnliche Typographie des Textes. Manchmal drückt sich der Text an die Ränder, bildet Diagonale, oder (kon)zentriert sich mit wenigen Wörtern in der Mitte einer Seite, manchmal liest man in eine Richtung bis zu einem Kehrpunkt, an dem man rückwärts zu blättern gezwungen ist, bis man am Ausgangspunkt den Teil des Textes zu Ende gelesen hat, oder man muß sich mit einem in Spalten aufgeteilten oder auf dem Kopf stehenden Text befassen. Auch dieses Verfahren ist nicht unbedingt neu, man denke an „Alles oder Nichts“ von Raymond Federman oder die konkrete Poesie, ebensowenig wie es die substantielle Verwendung von Fußnoten in literarischen Texten ist, jedoch hat die Kombination dieser unterschiedlichsten Verfremdsungstechinken etwas höchst Eigenes und Experimentelles geschaffen.

Das Buch ist so façettenreich und schillernd, daß nicht wirklich in einer kurzen Rezension in allen Aspekten erfasst und gewertet werden kann. Dennoch strahlen sowohl die Gruselgeschichte als auch die damit eng verbundene Akademiker – und Wissenschaftssatire und der Underdog – Lebenslauf Johnnys einzeln und zusammen eine hohe Faszination aus, der man sich nicht ohne weiteres verschließen kann, vorausgesetzt man bringt denn doch einiges an Leseerfahrung mit. Es entwickelt sich ein wohliges Gefühl zwischen Arbeit und widerstandslosem Verschlingen und Konsumieren. Übersetzt wurde das Buch von Christa Schuenke, die auch für manche Banville – Übersetzung verantwortlich zeichnet, mit Unterstützung von Olaf Schenk. Ihr ist in zweijähriger Arbeit eine wunderbare und gut zu lesende Übersetzung gelungen, die sowohl die verschiedenen Erzählstimmen auseinanderzuhalten und unterschiedlich zu gestalten weiß, als auch den Verästelungen, Spielereien und Verschlüsselungen nachspürt. Da mir in diesem Fall sowohl Übersetzung als auch das englischsprachige Original, an das ich mich dann lieber doch nicht wagte, vorlagen, und ich punktuell Vergleiche anstellen konnte, äußere ich mich ausnahmsweise auch zur Übersetzungsqualität, was ich mir ansonsten mangels Vergleichbarkeit verbiete. Ich denke, „Das Haus“ gehört zu den wichtigsten und besten Büchern der letzten Jahre, das vermutlich Einfluß auf die kommende Literatur nehmen wird.

Bibliographische Angaben :

Mark Z. Danielewski : Das Haus / House of Leaves

Übersetzt von Christa Schuenke

btb Verlag

ISBN : 978-3442739707

© Jost Renner

T.C. Boyle : Talk Talk

Boyle gehört zu den Autoren, die in ihren meist unterhaltsamen Romanen dennoch gesellschaftlich relevante Themen angehen. Und so beschäftigt er sich in „Talk Talk“ mit der relativ neuen Erscheinung des Identitätsdiebstahls. Dana Halter ist etwas über dreißig, Doktorin, Lehrerin an einer Schule für Hörgeschädigte und selbst gehörlos. Ddurch erklärt sich auch der Titel, denn „Talk Talk“ bedeutet in der amerikanischen Gebärdensprache ein Gespräch zwischen Gehörlosen. Als sie wegen eines Verkehrsdeliktes polizeilich überprüft wird, finden sich etliche weitere Vergehen – vom Drogenmißbrauch bis zum illegalen Waffenbesitz – in ihrer Polizeiakte, sodaß sie im Gefängnis landet. Ihr Freund Bridger Martin kann zunächst nichts tun, um sie aus der mißlichen Lage zu befreien. Erst ein Gerichtsverfahren klärt, daß der wahre Übeltäter ein Unbekannter ist. Allerdings ist die Sache damit nicht erledigt, denn nun wollen Handy – Anbieter und Kreditkartenfirmen ihr Geld. Dana beschließt, sich mit ihrem Freund auf die Suche nach dem Täter zu machen,denn die Polizei ist eher desinteressiert den eigentlichen Täter zu finden.

Ein Anruf erbringt erste Hinweise, offenbart dem Täter aber auch die Identität von Danas Freund, die dem Identitätsdieb eine neue Existenz verschafft. Der Dieb ist William „Peck“ Wilson, ein jähzorniger und meist unkontrolliert handelnder Mann, der im Gefängnis auf diese Art, sein Leben zu gestalten, gestoßen war. Er ist ebenso intelligent wie skrupellos und bewegt sich in einer materiell geprägten Welt gewitzt und alert und weiß, seine Vorteile jederzeit zu nutzen. Fortan zieht er mit einer osteuropäischen Freundin, die vor allem Luxus zu schätzen weiß und nichts vom kriminellen Treiben ihres Partners ahnt, und deren Tochter durch Kalifornien. Seine Gegenspielerin, sein Opfer ist ihm vollkommen unähnlich : sensibel, verletzlich und mit einem unbedingten Glauben an die Gerechtigkeit versehen. Quer durch die Vereinigten Staaten führt die Verfolgungsjagd, und alle landen schließlich an der Ostküste, im Staat New York. Und hier kommt es zur Konfrontation…

Auch wenn noch ein älterer Roman von Boyle in meinen Regalen ungelesen herumliegt, habe ich mich zunächst für dieses Buch entschieden, denn natürlich waren sowohl zum Thema Behinderung auch der des Identitätsdiebstahls genügend Schnittstellen vorhanden, um das Buch für mich interessant zu machen. Der Roman ist weniger ein Kriminalroman als eine Art doppeltes Roadmovie. Verfolgte und Verfolger reisen quer durch die USA, was dem Autor auch Gelegenheit bietet, die Beziehung / Nichtbeziehung der jeweiligen Paarkonstruktion zu untersuchen. Die Perspektive wechselt zwischen den drei Hauptcharakteren in alternierenden Kapiteln. So erfährt der Leser einiges über handelnden Personen, über ihre Identität und wie sie geprägt wurde.

In Dana, der gehörlosen Protagonistin, vermochte ich mich wenigstens teilweise wiederzuerkennen, in ihrem Bemühen, sich in der Welt der Nichtbehinderten einzurichten, das von dem Identitätsdieb mindestens infrage gestellt wird, in ihrer nach außen gezeigten Stärke genauso wie in ihrem zeitweisen Ausblenden der Ansichten anderer. Sie hat ihre Behinderung angenommen und verweigert eine „Verbesserung“ durch Cochlea-Implantate. Dies hat sowohl mit ihrem Selbstgefühl, ihrer Identität zu tun wie auch mit einer Wut und auf diese Gesellschaft. Auch Peck ist wütend auf eine Welt, die seine Überlegenheit nicht anerkennen mag, und so ist sein kriminelles Verhalten auch eine Art Rachefeldzug. Daß er Einzelpersonen, Individuen schädigt, die möglicherweise selbst in eine Konflikt mit der Gesellschaft stehen, will oder kann er nicht realisieren. Für ihn sind sie Namen … Namen, die auf Kreditkarten oder Ausweispapieren stehen.

Der Roman bleibt unterhaltsam mittels eines nicht selten bösen Humors, der sich vor allem gegen eine durch das Materielle geprägte Gesellschaft richtet. T.C. Boyle zeigt die Vorgänge aus der Sicht von Täter und Opfer, ohne die moralische Keule zu schwingen. Allerdings ist „Talk Talk“ mit Sicherheit nicht Boyles bestes Buch, denn viele Personen bleiben arg blaß und klischeehaft, was daran liegen mag, daß er die Welt der Gehörlosen nicht wirklich kennt. Dies aber mag ich ihm dann doch nicht vorwerfen, denn es ist und bleibt schwierig, die Erfahrungs – und Innenwelt eines behinderten Menschen Nichtbehinderten zu vermitteln. Eine grundsätzliche Frage allerdings stellt sich mir dann doch : inwieweit die Behinderung für den Roman unabdingbar ist oder ihm Nutzbringendes hinzufügt. Ich kann und will das nicht abschließend beantworten, denn immerhin gab es für mich einen gewissen Wiedererkennungswert. Ein für mich wesentlicherer Aspekt ist, daß manches, was er besser ausgeführt hätte, nur als Subtext mitschwingt, sodaß das Ende des Romans irritieren mag. Fazit : Eine leichte Sommerlektüre ohne hohen Anspruch, die meinen Erwartungen leider nicht ganz gerecht wurde.

Bibliographische Angaben :

T.C. Boyle : Talk Talk

Übersetzt von Dirk van Gunsteren

dtv Verlagsgesellschaft

978-3423210607

© Jost Renner

Julia Alvarez : Die Zeit der Schmetterlinge

Zehn Jahre lang war Julia Alvarez in der Dominikanischen Republik aufgewachsen, dann aber mußten die Eltern mit ihr das Land verlassen, weil der Vater im Widerstand gegen den Diktator Rafael Trujillo engagiert war und der Sturz des Regimes scheiterte. Die Vergeltungsmaßnahmen waren drastisch, und man mußte als Gegner des Diktators um sein Leben fürchten. Vier Monate nach der Flucht sollte das der Mord an den Schwestern Mirabal beweisen. Ihre neue Heimat wurden die USA, wo sie als Ausländerin diskriminiert wurde. Das Lesen und später, ermuntert durch ihre Lehrer, das Schreiben waren ein Mittel gegen die Vereinsamung und auch den Verlust der Heimat. Doch schon als Jugendliche nutzte sie jede Gelegenheit, die alte Heimat zu besuchen. Sie studierte Englische und Amerikanische Literatur und Creative Writing. In diesen Fächern unterrichtete sie dann auch. Sie debütierte zunächst mit Lyrik, und erst 1991, als sie einundvierzig war, erschien ihr erster Roman : „How the Garcia Girls Lost Their Accents“. Immer wiederkehrende Themen sind die Gratwanderung zwischen beiden Kulturen und das Finden eines eigenen Weges aus der Sicht von Frauen.

Auch der hier besprochene Roman „Die Zeit der Schmetterlinge“ macht Frauenschicksale zum Thema. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die vier Schwestern Patria Mercedes Mirabal, Bélgica Adela („Dedé“) Mirabal-Reyes, María Argentina Minerva und Antonia María Teresa („Mate“) Mirabal. Drei von ihnen, Patria, Minerva und Maria Teresa, waren im Widerstand engagiert, der auf den Sturz des Regimes hinarbeitete. Aus der jeweiligen Ich-Perspektive schildert sie die Entwicklung der drei Schwestern, ihren Weg in den aktiven, bewaffneten Widerstand. Minerva ist die erste, die das Grauen der Diktatur begreift, als ihr eine Mitschülerin erzählt, wie alle männlichen Familienmitglieder vom Regime beseitigt wurden, selbst ein Jugendlicher, der keineswegs an Aktionen gegen die Regierung beteiligt war. Trujillo, der in den letzten Jahren seiner Amtszeit in Bedrängnis geraten ist, da weder die USA, noch die Organisation Amerikanischer Staaten, noch die Kirche ihn weiter unterstützen wollen, geht rigoros gegen seine Gegner vor und scheut nicht vor Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil oder sogar Meuchelmord auf offener Straße zurück. Auch Patria, eine junge Frau mit starken religiösen Werten, die eigentlich einmal Nonne werden wollte und dann doch heiratete, ist empört. Die jungen Frauen, einige inzwischen Mütter, und ihre Ehemänner unterstützten die Untergrundgruppe „Agrupación política 14 de junio“, lagern Waffen, agitieren und planen einen Umsturz. Ihre Decknamen lauten Mariposa (Schmetterling) 1, 2 und 3. Nur Dedé mag sich dem nicht anschließen : zum einen ist ihr Ehemann strikt dagegen, zum anderen ist sie den Werten ihrer gutbürgerlichen Familie zu nahe. Und noch einen Grund gibt es : Sie hat schlicht Angst, und das bemerkt sie, als sie sich von ihrem Ehemann, der sie nicht liebevoll, sondern patriarchalisch als selbstverständliches Beiwerk behandelt, trennen und dazu den Weg in die Widerstandsgruppe gehen will. Sie schreckt zurück. Als der geplante Staatsstreich mißlingt, werden die aktiven Schwestern und ihre Männer inhaftiert. Die Frauen werden nach einiger Zeit aber freigelassen, die Männer in ein abgelegenes Gefängnis verlegt. Als die drei Schwestern im November 1960 ihre Gatten besuchen wollen, geraten sie in einen Hinterhalt und werden getötet. Da es aber unvermutet Zeugen gibt, kann die Tat nicht als Unfall getarnt werden. Die Schwestern Mirabal, vorher schon in der Bevölkerung anerkannt, werden nun zu Märtyrerinnen, zu Gestalten der dominikanischen, politischen Mythologie.

Die Eingangsszene des Buches zeigt das Gespräch einer im amerikanischen Exil lebenden Dominikanerin mit Dedé, der überlebenden Schwester, die das Vermächtnis der drei Getöteten und ein ihnen zu Ehren eingerichtetes Museum hütet. Wir können uns vorstellen, daß dies eine der Begegnungen Julia Alvarez‘ mit ihr ist. Sie hat sich von ihr, von den Kindern der ermordeten Mirabal-Schwestern, von einstigen Mitgefangenen alles erzählen lassen, was diese Frauen betrifft. Ziel der Erkundungen war es, ihre Motivationen, ihr alltägliches Leben, das nun ja nicht immer heroisch war, und ihre Persönlichkeiten zu erkunden, um sie schließlich von mythologischen Gestalten zu Frauen, Menschen zu machen. Denn Alvarez schreibt in ihrem Nachwort :

„Ironischerweise haben wir die Mirabals, indem wir sie zum Mythos erhoben haben, ein zweites Mal verloren, und zugleich haben wir uns vor der Herausforderung gedrückt, genausoviel Mut wie sie zu beweisen, indem wir unsere Begrenztheit als Durchschnittsmenschen vorschützten.“

Auch ist dieses Buch – wie der Tag, an dem die drei Schwestern getötet wurden, der 25 November – ein Mahnmal gegen Gewalt gegen Frauen. Trujillo, der eine Verurteilung zum Tode oder eine Hinrichtung ohne Urteil nicht riskieren konnte, weil die politischen Konsequenzen durch die USA und die katholische Kirche nicht absehbar gewesen wären, griff zum Mittel des heimtückischen Mordes., um seine gefährlichsten Gegnerinnen auszuschalten.

Julia Alvarez ist es sehr glaubhaft gelungen, die Geschichte aus der Perspektive ihrer drei Protagonistinnen zu erzählen. Sie macht ihre Wege, ihr Erleben und ihre Entscheidungen nachvollziehbar und bringt sie dem Leser nahe. Ein eifriges Studium von Briefen und Tagebüchern haben ihr dazu verholfen, ihnen eigenständige, menschliche Stimmen zu verleihen. Nur Dedé wird konsequent in der dritten Person geschrieben, was mich zwar ein wenig verwunderte, aber nicht wirklich störte. Das Buch ist rundum gelungen und vermag, dem Leser einen Einblick zu geben in einen ihm sicherlich nicht immer präsenten Teil der Weltgeschichte. Und selbst ein skeptischer Ausblick auf die anbrechenden Zeiten des Tourismus und Kapitalismus fehlt nicht : Hat sich dafür das alles gelohnt ? Haben die Schwestern Mirabal dafür gekämpft ?

Nachtrag : Bélgica Adela („Dedé“) Mirabal-Reyes starb 2014 an Krebs.

Bibliographische Angaben :

Julia Alvarez : Die Zeit der Schmetterlinge

Übersetzt von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn

Piper Verlag

ISBN : 978-3492500883

© Jost Renner