George Saunders : Lincoln in the Bardo

Als William Wallace Lincoln am 20. Februar 1862 an einer Fieber-Erkrankung stirbt, sind seine Eltern, Präsident Abraham Lincoln und seine Frau Mary Todd Lincoln am Boden zerstört. Am Abend zuvor hatten sie noch, der Diagnose eines Arztes vertrauend, daß es ihm besser ginge, noch einen Empfang gegeben und waren von der Feier immer wieder hinauf ins Krankenzimmer des Kindes geeilt. Nach der Beerdigung – und das beruht auf historischen Fakten – begibt sich Abraham Lincoln mehrmals zum Mausoleum auf dem Oak Hill Friedhof, in dem der Sarg des Kindes beigesetzt wurde. Hier entnimmt er den Leichnam aus dem Sarg und hält ihn in Händen, umarmt ihn und redet zu ihm, allerdings ist diese Entnahme nicht wirklich faktisch nachzuweisen.

Der Friedhof selbst ist der Hauptschauplatz dieses ersten Romans von George Saunders : denn sobald es dunkel wird, erwachen die Toten und versuchen, ihr altes Leben fortzuführen oder warten darauf gefunden und in ihre bekannte Welt zurückgeführt zu werden. Sie leben im Bardo, einem Übergangsstadium zwischen Leben und Tod, bis sie ihrer Bestimmung – Himmel, Hölle oder Wiedergeburt – zugeführt werden. Sie wissen nicht, daß sie tot sind oder wollen es nicht wissen, klammern sich an ihre alten Existenzen und ignorieren selbst die Aufforderungen und Ermunterungen sporadisch erscheinender Engel. Auch William gehört nun zu ihnen.

Kinder allerdings dürfen nicht lange im Bardo verweilen, sonst werden sie alsbald von einem Panzer überzogen. Nun aber veranlaßt gerade Präsident Lincolns Handeln den Sohn, dort verharren zu wollen, bis die Wiederaufnahme des liebevollen Familienlebens wieder möglich wäre. Andere Geister, der Reverend Everly Thomas, der vor einem endgültigen Richtspruch zurück ins Bardo geflohen war, Hans Vollman, der zu seinen Lebzeiten eine viel jüngere Frau geheiratet und ihr zuliebe auf Sex verzichtet hatte (und nun immer noch hofft, diese Dimension der Beziehung könnte noch gewonnen werden), und Roger Bevins, ein Homosexueller, der sich tötete, weil er seine Liebe nicht leben konnte, machen sich auf, den Jungen Willie zu retten.

Dazu müssen sie in den Präsidenten hinein, ihn veranlassen, den Tod des Kindes zu akzeptieren und ihn loszulassen. Als Geister allerdings haben sie wenig Einfluß auf die Lebenden und die Geschehnisse in der realen Welt …

Während allerorten immer noch / immer wieder das Ende des Romans beschworen wird, Alternativen gesucht – und eher nicht gefunden – werden, haben zwei Romane des Jahres 2017 bewiesen, daß der Roman weder tot noch so starr ist, als daß er nicht immer aufs Neue seine Existenzberechtigung und seine Innovationskraft beweisen könnte. Andere wiederum zeigten, daß auch das traditionelle Erzählen, wenn klug und ansprechend gehandhabt, zu Recht seine Leser findet.

Zu den innovativen Romanen gehört, neben Paul Austers „4 3 2 1“, mit Sicherheit George Saunders „Lincoln in the Bardo“, der gerade den Man-Booker-Prize gewann und im Mai 2018 bei Luchterhand in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Saunders Herangehensweise ist ungewöhnlich – und das in zwei verschiedenen Erzählsträngen, die zunächst disparat wirken und doch eng zusammengehören.

In einem ersten Erzählstrang vermittelt Saunders das reale zeitgeschichtliche Geschehen mithilfe kurzer Zitate aus historischen Quellen, unter die sich dann doch, still und heimlich, kleine fiktive Schnipsel mischen. So entsteht ein Bild der Vorgänge rund um den Tod des Jungen, der Trauer und des Schocks, man erhält Einblicke in die Persönlichkeit des Präsidenten, in die Reaktionen der Öffentlichkeit, die sein Handeln zum Teil wenigstens unverantwortlich fand und zudem mit den ersten heftigen Verlusten im Bürgerkrieg haderte.

Der zweite, umfangreichere Strang befaßt sich mit dem „Leben“ auf dem Friedhof. Auch hier erzählt Saunders nicht selbst, sondern läßt seine Figuren, vor allem den Reverend Thomas, Hans Vollman und Roger Bevins zu Wort kommen, die die Ereignisse in kurzen Dialogen oder ebenso kurzen Erzählungen wiedergeben. Darein mischen sich immer wieder die Stimmen anderer, die ihr Leben vor dem Tode, ihre Hoffnung auf eine Wiederkehr ins Alte zu Protokoll geben oder auch die Vorzüge des Zwischenzustands zu preisen wissen. Auch die Gesellschaft der Verstorbenen kennt Hierarchien : während die Weißen in Gräbern und Mausoleen bestattet sind, gibt es für Afro-Amerikaner zumeist nur ein Massengrab, unabhängig vom Bildungsniveau oder dem sozialen Status.

Abraham Lincolns Fürsorge für den Leichnam seines Sohnes setzt einiges in Gang, und selbst die Zyniker unter den Toten sehen Zeichen dafür, daß auch für sie Nähe zu ihren Liebsten möglich wäre. Willie Lincoln wird so zu einer Art Maskottchen. Doch, betrachtet man den Titel „Lincoln in the Bardo“, wird klar, daß es Saunders auch oder vor allem um Lincoln selbst geht : der ist mit dem Tod seines Sohnes und den verheerenden Nachrichten vom Bürgerkrieg selbst in einem Zwischenreich angelangt, und weiß zunächst nicht, wie es von dort aus überhaupt weitergehen kann. Und so versucht Saunders – fiktional – eine Leerstelle in Lincolns (psychologischer) Biographie zu füllen. Seine gewonnene Einsicht mag, ebenso wie die Überbetonung der Unschuld des Knaben Willie, den Leser ein paar Abstriche am Lesevergnügen machen lassen : die einen sind recht grausam, die andere ist ein wenig zu dick und kitschig aufgetragen.

Im Ganzen aber ergibt sich ein erfreuliches Ganzes : ein Roman, skurril, ironisch, bisweilen zynisch, dann wieder tragisch, grausam und mitleiderregend. Ein wenig gemahnte er mich an Shakespeare : Ein Spätwinternachtstraum. Und Saunders ist Puck.

Bibliographische Angaben :

George Saunders : Lincoln in the Bardo

Random House

ISBN : 978-0812995343

© Jost Renner

John Updike : Sucht mein Angesicht

Im Frühjahr 2001 wird die achtundsiebzigjährige Malerin Hope Chafetz von der jungen Kunsthistorikerin und Journalistin Kathryn in ihrem Landhaus in Vermont interviewt. Kathryn will für ein Online – Magazin einen Beitrag über den Siegeszug der amerikanischen Kunst und Malerei verfassen und interessiert sich vor allem für die Rolle von Hopes erstem Ehemann Zach McCoy. Dieser gilt mittlerweile als Ikone und Begründer der modernen amerikanischen Kunst. Hope beantwortet die Fragen nur widerstrebend und zurückhaltend, aber das Interview bringt sie dazu, sich an ihre Ehe mit Zach, an die New Yorker Kunstszene und an ihre eigenen Anfänge als Malerin zu erinnern.

Ausgehend von den europäischen Kunsttheorien und vom Surrealismus beginnt sich in den vierziger Jahren die amerikanische Künstlerszene abzukoppeln und eigene Wege zu gehen. Unter ihnen ist Zach McCoy, ein leidenschaftlicher, aber auch an sich selbst leidender Künstler. Hope heiratet ihn – die gesellschaftlichen Zwänge Amerikas gebieten dies – und muß schnell erkennen, daß McCoy nicht nur sich, sondern auch andere quält. Ihr bleibt kaum Raum, selbst zu malen, sondern sie ist mehr und mehr mit der Unterstützung des Ehemanns beschäftigt. Als der mit seinem Stil des „Tröpfelns“ zunehmend Berühmtheit erlangt, die ihm finanziell jedoch kaum etwas einbringt, hat er Schwierigkeiten, sich mit seiner neuen, öffentlichen Rolle zurechtzufinden und beginnt wieder, dem Alkohol zu verfallen. Schließlich verunglückt er im Vollrausch tödlich.

Das Interview gestaltet sich eher zäh, manchmal als Kampf zwischen den beiden so verschiedenen Frauen. Kathryn ist zielorientiert, sachlich und oft quälend insistierend. Nur selten zeigt sie menschliche Regungen, trotz aller Bemühungen auf Seiten der alten Malerin. Nur in kurzen Pausen scheint etwas Natürliches, Menschliches durch. Auch Hopes zweiter Ehemann, Guy Holloway, ist für Kathryn ein interessantes Thema. Der ist ebenfalls Maler und Künstler, gehört aber künstlerisch eher zur nachfolgenden Generation. Er geht mit Kunst eher spielerisch um, sein Augenmerk liegt mehr auf dem Betrachter als darauf, sein Innerstes in seiner Kunst abzubilden. Er ist Gesellschaftstier, Bonvivant und Bohémien. Mit ihm hat Hope drei Kinder, doch nach 17 Jahren Ehe verläßt er sie, ruhelos weitergetrieben. Auch in dieser Ehe war Hope von der Kunst, ihrem eigenen Schaffen und dem ihres Mannes eher ausgeschlossen. Erst in einer dritten Ehe mit einem Kunstsammler kann sie ihr eigenes Talent wieder aufleben lassen…..

Bei diesem Buch handelt es sich in weiten Teilen um einen Schlüsselroman. Zach McCoy ist eindeutig als Jackson Pollock zu identifizieren, Guy Holloway ist eine Komposition aus drei, vier verschiedenen Malern, am deutlichsten zu erkennen : Andy Wahrhol, aber auch Roy Lichtenstein ist in die Romanfigur eingeflossen. Scheinbar verläßt Updike mit diesem Buch sein angestammtes Thema : die Irrungen und Wirrungen der weißen, protestantischen Mittelschicht in den USA, und doch findet man sich genau da wieder.

Die Kunst, die Kunsttheorie nehmen viel Raum ein, sodaß ein nicht kunstinteressierter Leser zumindest am Anfang leicht die Geduld verlieren könnte. Das Buch ist aber nicht monothematisch. Zum einen fesselt es, das Widerspiel der beiden weiblichen Antagonisten – Journalistin und Malerin, die genau weiß, daß nicht sie im Mittelpunkt des Interesses steht, zu verfolgen, zum anderen sind die so entgegengesetzten Figuren der Ehemänner und Hopes Erleben ein lohnendes und reichhaltiges Gebiet, das Updike gekonnt und routiniert gestaltet. Und dies sind nicht die einzigen Aspekte dieses Romans : Einmal mehr – wie zuvor in seinen letzten Büchern – sind Alter und Tod ein zentrales, wenn auch meist eher unterschwelliges Thema, das Bedürfnis, seine Erfahrungen weiterzugeben, wirksam zu sein, bevor man stirbt (sicherlich eine wichtige Motivation für Updikes Schaffen der letzten Jahre).

Titelgebend und die letzten Seiten prägend ist die Suche nach Gott – in sich, in der Kunst und im Leben. Auch wenn das Buch mit Sicherheit nicht das „Opus Magnum“ Updikes ist – das hat er mit der Rabbit-Tetralogie schon lange geschaffen – habe ich dieses Buch mit Interesse, Vergnügen, gespannt und unterhalten gelesen, auch wenn mich am Ende eindeutig patriotische Statements ein wenig geärgert haben.

Bibliographische Angaben :

John Updike : Sucht mein Angesicht

Übersetzt von Maria Carlsson

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499242328

© Jost Renner

Edward P. Jones : Die bekannte Welt

Henry Townsend, Sklave des Farmers William Robbins, der ihn schätzt und zum Schuster ausbilden läßt, wird von seinen Eltern Augustus und Mildred freigekauft. Robbins verweigert ihm auch weiterhin nicht seine Protektion, sondern verkauft ihm Land, fördert und unterstützt ihn. Und nicht zuletzt verkauft er ihm den Sklaven Moses, mit dem sich Henry daranmacht, ein Haus zu bauen und die Grundlage seiner künftigen Pflanzung zu schaffen. Somit ist Henry einer der wenigen schwarzen Sklavenhalter in Virginia. Er heiratet die frei geborene Caldonia, deren Mutter einst ihren Ehemann vergiftet hatte, als der sich mit dem Gedanken getragen hatte, die ihm gehörenden Sklaven freizulassen. Nach und nach wächst die Bevölkerung der Farm, denn immer mehr Sklaven werden gekauft, um die Arbeiten bewältigen zu können.

Moses, zu dem Henry immer ein besonderes Vertrauensverhältnis hatte, wird zum Aufseher befördert und erledigt seine Arbeit gewissenhaft. Manchester County, der fiktive Bezirk in Virginia, ist von Unruhen und Aufständen weitgehend verschont, jedoch wird auf Anraten des größten Farmers, William Robbins, eine Patrouille installiert, die eventuelle Fluchtversuche unterbinden soll. Während der Sheriff, John Skiffington, gläubig, ruhig und gesetzestreu seinen Dienst versieht, sind die Mitglieder der Patrouille zumeist weniger vertrauenswürdig. Als Henry unerwartet stirbt, erbt Caldonia das Land und die mittlerweile 33 Sklaven. Moses macht ihr schon kurz nach dem Ableben Henrys den Hof, denn er hofft nicht nur auf Freilassung, sondern auch darauf, bald selbst die Stellung des Verstorbenen einnehmen zu können. Er entledigt sich kurzerhand seiner Frau und seines Kindes, indem er sie mit einer vermeintlich Verrückten auf die Flucht schickt. Die Verhältnisse auf der Pflanzung geraten mehr und mehr aus der Kontrolle,und die Oberschicht des Counties, sowie die Gesetzeshüter sind zunehmend beunruhigt.

Jones‘ Roman behandelt ein weitgehend unbekanntes Phänomen : die Sklavenhaltung durch Afro – Amerikaner vor Beginn des Bürgerkriegs in den Südstaatender USA, die es vereinzelt gegeben hat. Durch den Freikauf von Familienmitgliedern besaßen Farbige sogar zum Teil ihre Ehefrauen und Kinder, gemäß den damaligen gesetzlichen Gegebenheiten. Das geschilderte Manchester County, alle handelnden Personen und die beschriebenen Ereignisse sind jedoch rein fiktiv. Jones‘ Behandlung des Themas und die Erzählweise sind ruhig und wenig spektakulär. Die Gefühlswelt erschließt sich im Miteinander oder Gegeneinander der dort versammelten Personen. Zunächst möchte man meinen, daß sich alle mit dem System der Sklaverei arrangiert hätten, nur selten flackern Widerstand oder Rebellionsgedanken auf, selten ereignen sich spektakuläre Katastrophen oder rigide Bestrafungen, aber doch zeigt der Autor immer wieder, wie unter der ruhigen Oberfläche ddes Alltags die Inhumanität des Systems zum Vorschein kommt und seine Opfer fordert.

Der Erzählfluß ist nicht rein linear, denn immer wieder gibt es Rückblenden auf den
Werdegang Henrys, aber genauso gut Ausblicke auf den Werdegang einzelner Personen.
Es irritiert manchmal ein wenig, wenn Jones den Lebenslauf einer Person vorwegnimmt, die zum Zeitpunkt der Handlung ein Kind ist, und deren letzte Lebenstage – etwa 90 Jahre später – ausmalt. Manchmal finden sich Ausflüge ins Irreale, Übernatürliche, die an Gabriel Garcia Marquez gemahnen oder einen mehr oder minder deutlichen religiösen Bezug herstellen.

Jones Schilderung ist keine Schwarz-Weiß-Malerei. Fast alle Personen haben sympathische Züge, viele der Weißen sind zumindest bemüht, gesetzestreu und mit moralischer Verantwortung ein Zusammenleben auch unter dem System der Sklaverei zu befördern, auch wenn sie letztlich an sich selbst, an Ausnahmesituationen, an der Handlungsweise rassistischerer und bedenkenloserer Menschen und nicht zuletzt am System selbst scheitern. Für mich war es eine interessante Lektüre, ein spannendes und unterhaltsames Literaturerlebnis.

Bibliographische Angaben :

Edward P. Jones : Die bekannte Welt

Übersetzt von Hans-Christian Oeser

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423135368

© Jost Renner

John Irving : Bis ich Dich finde

In diesem stark autobiographisch geprägten Roman schildert John Irving den Werdegang von Jack Burns. Sein Vater hat sich noch vor seiner Geburt von seiner Mutter, einer Tätowiererin, getrennt. Als Jack vier Jahre alt ist, beschließt seine Mutter Alice, sich mit ihm auf die Suche zu machen, und reist durch verschiedene Städte Europas, darunter Stockholm, Kopenhagen, Oslo, Helsinki und Amsterdam, immer auf der Fährte des Vaters, der dort als Organist arbeiten soll und sich zudem neue Tattoos machen läßt. Alice finanziert diese Reise mit Aushilfsarbeiten bei verschiedenen berühmten Tätowierern und bildet sich gleichzeitig fort. Beide müssen jedoch feststellen, daß der Gesuchte längst weitergezogen ist. Als Jack sechs Jahre alt wird, kehren sie nach Kanada, der ersten Station von Alice Suche, zurück, denn dort soll Jack in einer ehemalig reinen Mädchenschule eingeschult werden. Hier gerät er in die Fänge von Emma Oastler und ihrer Klassenkameradinnen. Die sind sieben Jahre älter und terrorisieren die Schulanfänger, besonders aber Jack, bei dem diese Belästigungen eindeutig sexuelle Formen annehmen.

Das Lehrpersonal der Schule ist größtenteils nicht sonderlich kompetent, aber Jack wird an die Schauspielkunst herangeführt und brilliert bald in den Schulaufführungen, meist jedoch in Mädchenrollen. Jacks Mutter interveniert bei Emmas Mutter wegen der Drangsalierungen ihres Sohne nur halbherzig und beginnt recht bald eine Beziehung mit ihr. Aber nach und nach wandelt sich auch das Verhältnis zwischen Emma und Jack, der eine Art Schützling von ihr wird. Als Jack nach vier Jahren auf eine Jungenschule wechseln muß, bereitet er sich mit Ringen auf die neue Umgebung vor. Seine Sparringspartnerin und bei Gelegenheit auch sein Kindermädchen ist eine ältere Frau, die behauptet, Ringen als Selbstverteidigung zu erlernen, um die Angriffe des Ex – Ehemanns abwehren zu können. Diese Frau mißbraucht Jack mehrmals, und der ist zwischen Qual und Zuneigung hin und her gerissen. Erst Emmas Eingreifen beendet den Mißbrauch.
Jack absolviert seine schulische Ausbildung ohne größere Probleme, hat allerdings immer wieder Beziehungen zu älteren Frauen, die in manchen Fällen auch eher sexueller Mißbrauch sind. Beziehungen zu gleichaltrigen Mädchen scheitern entweder schon im Ansatz oder nach kurzer Zeit. Emma beurteilt inzwischen im Auftrag eines Filmstudios Drehbücher, bewertet sie und empfiehlt Umsetzung oder Ablehnung. Jack kehrt nach dem Ende der Schule nicht zu seiner Mutter nach Kanada zurück, sondern zieht mit Emma zusammen. Sie vermittelt ihm auch die ersten Kontakte zur Filmindustrie. Während Emma zwei erfolgreiche Romane verfasst, die sich kritisch mit Hollywood auseinandersetzen, beginnt Jacks Schauspielkarriere. Wieder sind es Frauenrollen, androgyne Charaktere oder Transvestiten, die ihn populär machen. Jacks Verhältnis zu seiner Mutter ist immer loser geworden. Emma stirbt an einem Herzinfarkt und beauftragt ihn testamentarisch damit, ihren ersten Roman als Drehbuch umzusetzen. Dies gelingt so gut, daß Jack den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch gewinnt. Kurz darauf muß er allerdings erfahren, daß seine Mutter an Brustkrebs erkrankt ist und bald sterben wird. Nach ihrem Tod jedoch wird ihm mehr und mehr klar, daß seine Erinnerungen an die Europareise und die Suche nach seinem leiblichen Vater nicht der Realität entsprechen können, insbesondere Gespräche mit Emmas Mutter bewegen ihn, noch einmal die Reise nach Europa nachzuvollziehen, um endlich Klarheit zu gewinnen. Und er erfährt Unglaubliches….

Der Ton des Romans ist ein eher melancholischer, ohne daß er allerdings einer Prise Humors entbehren würde. Der Wahnwitz und die Absurditäten seiner frühen Romane jedoch fehlen vollkommen, er ähnelt in Erzählhaltung und Tonfall eher den Romanen „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ oder „Owen Meany“. Die Personen sind zumeist glaubhaft, lebensnah und damit auch menschlich, nur einige Nebenpersonen, etwa die Lehrer, werden stark überzeichnet und damit das Ziel satirischer Kritik. Und auch das Leben in Hollywood oder die Filmindustrie bleiben nicht verschont.

Einigen Widerstand hat bei mir die Mißbrauchsthematik ausgelöst, was sich allerdings unter der Berücksichtigung der biographischen Fakten über den Autors dann doch weitestgehend erledigte. Das Buch ist in weiten Teilen stark autobiographisch beeinflußt. Der Protagonist Jack Burns denkt und handelt nicht selten als ein Alter – Ego des Autors. Irving gelingt es eine glaubhafte, manchmal nicht nur untergründig tragische Geschichte interessant, einfühlsam und für den Leser nachvollziehbar und glaubwürdig zu gestalten. Nicht einmal die Liebesbeziehung zwischen Alice und Emmas Mutter wirkt auf lange Sicht überkonstruiert, auch wenn man erstmal schlucken muß. Nach drei Romanen, die mir so gar nicht gefallen wollten, habe ich bei „Until I Find You“ wieder das Gefühl entwickeln können, in dem mir wohlvertrauten literarischen Universum John Irvings angekommen zu sein, mich dem Fluß seiner Geschichte anvertrauen zu können. Mehr noch : Auch John Irving ist wieder dort angekommen, und seine Recherchen sind nicht mehr Fremdkörper und leb – und lieblose Gerüste seiner Konstruktionen, sondern fügen sich harmonisch in die Erzählung und deren Intention.

Für mich ist dieser Roman zwar nicht Irvings Meisterwerk ( aufgrund der Aufarbeitung seiner Autobiographie und der entstandenen Intensität der Thematik mag es später vielleicht dennoch als sein Opus Magnum gelten), aber ich bedaure nicht, ihn gelesen zu haben, sondern freue mich durchaus auch auf das nächste Buch von diesem Schriftsteller.

Bibliographische Angaben :

John Irving : Bis ich Dich finde

Übersetzt von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl

Diogenes Taschenbuch

ISBN : 978-3257236217

© Jost Renner

Mark Z. Danielewski : Das Haus / House of Leaves

Zwei Handlungsstränge verbindet Mark Z. Danielewski in seinem Buch zu einem beinahe 800 Seiten starken Roman. Johnny Truant, eine Hilfskraft in einem Tattoo – Studio, verbringt sein Leben mit seinem Freund Lute, Alkohol, Pillen und – manchmal recht bizarr verlaufenden – One – Night – Stands. Er verliebt sich unsterblich und aussichtslos in die Stripperin Thumper, eine Kundin des Studios. Als ein älterer Nachbar Lutes stirbt, betreten Johnny und sein Freund die Wohnung. Hier findet Johnny zufällig hunderte von vollgeschriebenen Manuskriptseiten und Notizzetteln. Johnny beginnt fasziniert, in diesen Konvoluten zu lesen, und schnell reift in ihm der Entschluß, das Manuskript als Buch herauszugeben. Dies erfordert eine lange Zeit des Ordnens und Sichtens. Zampanò, so der Name des Verstorbenen, analysiert in seinem Manuskript ausführlich einen Dokumentarfilm : den „Navidson – Record“. Mit akademischer Gründlichkeit schildert er Entstehen, Handlungsverlauf, verweist auf Quellen, Diskussionen und Thesen und gibt verschiedene Interpretationsansätze :

Seiner Beziehung zuliebe zieht der Filmemacher Will Navidson, einst ein mit dem Pulitzer – Preis geehrter Fotograph, mit seiner Freundin Karen und den gemeinsamen Kindern Daisy und Chad in ein Haus in einer ländlichen Gegend Virginias. Quasi zum Ausgleich für das aufgegebene Fotographieren macht er sich daran, den Einzug und die ersten Tage im Haus zu dokumentieren. Doch recht bald stößt er auf Merkwürdiges. Unvermittelt bemerkt er einen kleinen Raum, der vorher nicht dagewesen ist und zudem nicht den Außenmaßen des Gebäudes entspricht. Ist die Differenz zwischen Außen und Innen erst nur gering, weitet sich später der Raum zu einem dunklen, unendlich scheinenden Labyrinth. Sein erster Erkundungsgang, den er gegen den Widerstand seiner Freundin unternimmt endet nur mit Glück wieder im heimischen Wohnzimmer, denn er hat sich beinahe rettungslos verlaufen. Doch Navidsons Neugier ist geweckt. Und so holt er seinen Bruder Tom, einen Freund und drei Bergsteiger zu Hilfe, um dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Das Haus verändert sich ständig, ein Grollen läßt auf das Verschieben von Wänden schließen. Die folgende Expedition stößt auf eine unendlich scheinende Wendeltreppe, die über Stunden in die Tiefe führt. Zudem scheint irgendein unsichtbares Wesen die Labyrinthe zu bewohnen, ohne jedoch jemals sichtbar zu werden. Der Anführer der Bergsteiger ist den Belastungen nicht gewachsen : er dreht durch und erschießt einen seiner Begleiter und bleibt dann verschollen. Navidson, der von seinem Zimmer die Expedition überwacht hatte, macht sich mit seinem Freund auf zu einer Rettungsexpedition. Diesmal ist die Treppe um vieles kürzer. Er findet den Getöteten und seinen überlebenden Begleiter. Der Schütze allerdings wird das Tageslicht nicht mehr erreichen. Karen stellt Navidson ein Ultimatum : entweder er stellt die Erkundung des Hauses ein oder sie verläßt ihn. Doch es scheint zu spät, denn das Haus beginnt auch in den sicher geglaubten Räumen zu agieren und tötet Navidsons Bruder Tom, der gerade noch Daisy hatte retten können. Navidson gibt sein Vorhaben zunächst auf und läßt Gesteinsproben in einem Labor untersuchen. Karen stellt aus dem vorhandenen Filmmaterial kurze Ausschnitte zusammen und schickt sie an verschiedene Berühmntheiten, etwa an Stephen King, Anne Rice, an den Regisseur Stanley Kubrick, an die feministische Autorin Camille Paglia, den Mathematiker Douglas R. Hofstadter und den Philosophen und Linguisten Jacques Derrida. Alle reagieren beinahe erwartungsgemäß : während King darauf brennt, den Standort des Hauses zu erfahren, wertet Paglia die Expeditionen als ein Symptom des Vaginalneides, und Derrida dekonstruiert sich selbst. Erstaunlich ist nur, daß viele der Angesprochenen, egal ob Mann oder Frau, Karen um ein Rendezvous bitten. Der Frieden jedoch ist trügerisch, denn Navidson hat längst beschlossen, eine weitere Expedition zu unternehmen – diesmal vollkommen allein. Und es sieht nicht so aus, als könnte er das überleben…

Johnny zieht sich während der Arbeit an diesem Manuskript immer mehr zurück und leidet unter Angstzuständen. In ausführlichen Fußnoten, die sich denen Zampanòs und des Verlages zugesellen, verfolgt der Leser eine ständige Verschlechterung, seine zunehmende Verwahrlosung. Auch ist nicht immer klar, ob Johnny phantasiert, lügt oder bei der Wahrheit bleibt. Auch erfährt man nach und nach die Vorgeschichte Johnnys. Seine Mutter wurde in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen, als er noch ein Kind war, ebenfalls im Kindesalter mußte er den Unfalltod seines Vaters miterleben. Im Anschluß begann eine Irrfahrt durch Pflegefamilien und Schulen. Dort fiel er vor allem durch heftige Schlägereien auf, mit denen er seine Außenseiterrolle nur verfestigte. Und Raymond, ein neuer Pflegevater reagiert ungehemmt gewalttätig auf die Störungen Johnnys. Als Lute stirbt und er auch bei Thumper keinen Halt findet, zieht Johnny, von seinen Angstzuständen geplagt, immer zielloser durch die Gegend….

Dieses Buch ist ebenso wie das in ihm beschriebene Haus ein nahezu undurchdringliches Labyrinth mit einer Unzahl gegenläufiger oder unabhängiger Strukturen. Somit seien alle die gewarnt, die eine linear erzählte und zu einer Auflösung hingeführte Horrorgeschichte erwarten, denn – sinngemäß zitiert – die Rätsel der Kindheit unterscheiden sich von denen des Erwachsenenlebens dadurch, daß sie meist gelöst werden können. Danielewski bedient sich in seinem Roman der verschiedensten Verschleierungs – und Verschlüsselungstechiken, auch wenn er sich vordergründig bekannter Topoi des Horrors bedient. Augenfällig sind Anklänge an den Pseudo – Dokumentarfilm „The Blair Witch Project“ und des Hauses als selbständig handelndes oder beeinflusstes Geistwesen, wie man es bei Stephen Kings „Haus der Verdammnis“, dem Klassiker „Landhaus der toten Seelen“, der Amityville – Reihe oder etwa in der IT – Version „Game Over“ von Philip Kerr finden kann. Auch Bezüge an Eschers Bilder der dimensionsübergreifenden Treppen und damit an Douglas R. Hofstadters „Gödel, Escher Bach – Ein endlos geflochtenes Band“ sind kaum zu übersehen. Doch von Anfang an kann niemand sicher sein, was wirklich real ist, was allein literarisches Verwirrspiel. So scheint es denn doch recht unwahrscheinlich, daß Zampanò als Blinder sich ausgerechnet mit dem visuellen Medium Film auseinandersetzt, er der zur Sichtung und Verarbeitung der Quellen regelmäßig auf Vorleserinnen angewiesen ist. Und trotz der in der wissenschaftlichen Analyse und den Fußnoten immer wieder auftauchenden regen Diskussionen und Reaktionen auf den „Navidson – Record“ ist von einer Veröffentlichung – auch im Erzähluniversum des Buches – nichts wirklich bekannt. reichlich verworren bleibt auch die Urheberschaft der Analyse.

Diente etwa in der Romantik die Erwähnung aufgefundener Manuskripte, überantworteter Tagebücher einer vorgeblichen Absicherung des Wahrheitsgehaltes, überdreht Danielewski diesen Kunstgriff bis ins Extreme : es geht um einen Film, der in einer wissenschaftlichen Analyse behandelt wird, die von Johnny Truant bearbeitet und veröffentlichungsfertig gemacht wurde und letztlich von unbekannten Herausgebern dann auch veröffentlicht worden sein soll. Außer Navidson selbst tragen zudem alle Instanzen zu dem umfangreichen Fußnotenapparat bei, die Instanz der Herausgeber nicht selten korrigierend. trotz dieser Bearbeitungsinstanzen gibt es im Buch und in den Fußnoten nicht selten fehlende Stellen. Seiten sind abhanden gekommen, verschmutzt oder zerstört, Fußnoten bleiben zwar markiert, weisen allerdings keine Inhalte auf etc. Auf der anderen Seite wurden dem Buch drei recht umfangreiche Anhänge und ein ebenfalls ausführlicher Wortindex angefügt, der recht wahllos scheinend vorgebliche Schlüsselbegriffe und deren Vorkommen im Text auflistet. Es ist nicht verwunderlich, daß mancher Leser sich versucht sieht, allein den beiden Geschichten zu folgen und den (pseudo)kritischen Apparat einfach auszublenden, zumal dieser wegen einiger Wortspielereien und sorgsam gelegter Fährten nicht selten ausgedehnte Forschungsarbeiten abgebracht erscheinen läßt. Allerdings denke ich, man beraubt sich dadurch eines Teils des Vergnügens, auch wenn ich vermutlich über Monate an diesem Roman gesessen hätte, um allen Verflechtungen nachzuspüren. Unbedingt zu lesen ist aber der Abschnitt „Die Briefe aus dem Three Attic Whalestoe Institute“, der einiges in Bezug auf Johnny Truant zu erhellen vermag und vielleicht sogar eine Interpretation des gesamten Buches ermöglicht. Eine weitere Hürde beim Lesen ist die immer wieder anzutreffende ungewöhnliche Typographie des Textes. Manchmal drückt sich der Text an die Ränder, bildet Diagonale, oder (kon)zentriert sich mit wenigen Wörtern in der Mitte einer Seite, manchmal liest man in eine Richtung bis zu einem Kehrpunkt, an dem man rückwärts zu blättern gezwungen ist, bis man am Ausgangspunkt den Teil des Textes zu Ende gelesen hat, oder man muß sich mit einem in Spalten aufgeteilten oder auf dem Kopf stehenden Text befassen. Auch dieses Verfahren ist nicht unbedingt neu, man denke an „Alles oder Nichts“ von Raymond Federman oder die konkrete Poesie, ebensowenig wie es die substantielle Verwendung von Fußnoten in literarischen Texten ist, jedoch hat die Kombination dieser unterschiedlichsten Verfremdsungstechinken etwas höchst Eigenes und Experimentelles geschaffen.

Das Buch ist so façettenreich und schillernd, daß nicht wirklich in einer kurzen Rezension in allen Aspekten erfasst und gewertet werden kann. Dennoch strahlen sowohl die Gruselgeschichte als auch die damit eng verbundene Akademiker – und Wissenschaftssatire und der Underdog – Lebenslauf Johnnys einzeln und zusammen eine hohe Faszination aus, der man sich nicht ohne weiteres verschließen kann, vorausgesetzt man bringt denn doch einiges an Leseerfahrung mit. Es entwickelt sich ein wohliges Gefühl zwischen Arbeit und widerstandslosem Verschlingen und Konsumieren. Übersetzt wurde das Buch von Christa Schuenke, die auch für manche Banville – Übersetzung verantwortlich zeichnet, mit Unterstützung von Olaf Schenk. Ihr ist in zweijähriger Arbeit eine wunderbare und gut zu lesende Übersetzung gelungen, die sowohl die verschiedenen Erzählstimmen auseinanderzuhalten und unterschiedlich zu gestalten weiß, als auch den Verästelungen, Spielereien und Verschlüsselungen nachspürt. Da mir in diesem Fall sowohl Übersetzung als auch das englischsprachige Original, an das ich mich dann lieber doch nicht wagte, vorlagen, und ich punktuell Vergleiche anstellen konnte, äußere ich mich ausnahmsweise auch zur Übersetzungsqualität, was ich mir ansonsten mangels Vergleichbarkeit verbiete. Ich denke, „Das Haus“ gehört zu den wichtigsten und besten Büchern der letzten Jahre, das vermutlich Einfluß auf die kommende Literatur nehmen wird.

Bibliographische Angaben :

Mark Z. Danielewski : Das Haus / House of Leaves

Übersetzt von Christa Schuenke

btb Verlag

ISBN : 978-3442739707

© Jost Renner

T.C. Boyle : Talk Talk

Boyle gehört zu den Autoren, die in ihren meist unterhaltsamen Romanen dennoch gesellschaftlich relevante Themen angehen. Und so beschäftigt er sich in „Talk Talk“ mit der relativ neuen Erscheinung des Identitätsdiebstahls. Dana Halter ist etwas über dreißig, Doktorin, Lehrerin an einer Schule für Hörgeschädigte und selbst gehörlos. Ddurch erklärt sich auch der Titel, denn „Talk Talk“ bedeutet in der amerikanischen Gebärdensprache ein Gespräch zwischen Gehörlosen. Als sie wegen eines Verkehrsdeliktes polizeilich überprüft wird, finden sich etliche weitere Vergehen – vom Drogenmißbrauch bis zum illegalen Waffenbesitz – in ihrer Polizeiakte, sodaß sie im Gefängnis landet. Ihr Freund Bridger Martin kann zunächst nichts tun, um sie aus der mißlichen Lage zu befreien. Erst ein Gerichtsverfahren klärt, daß der wahre Übeltäter ein Unbekannter ist. Allerdings ist die Sache damit nicht erledigt, denn nun wollen Handy – Anbieter und Kreditkartenfirmen ihr Geld. Dana beschließt, sich mit ihrem Freund auf die Suche nach dem Täter zu machen,denn die Polizei ist eher desinteressiert den eigentlichen Täter zu finden.

Ein Anruf erbringt erste Hinweise, offenbart dem Täter aber auch die Identität von Danas Freund, die dem Identitätsdieb eine neue Existenz verschafft. Der Dieb ist William „Peck“ Wilson, ein jähzorniger und meist unkontrolliert handelnder Mann, der im Gefängnis auf diese Art, sein Leben zu gestalten, gestoßen war. Er ist ebenso intelligent wie skrupellos und bewegt sich in einer materiell geprägten Welt gewitzt und alert und weiß, seine Vorteile jederzeit zu nutzen. Fortan zieht er mit einer osteuropäischen Freundin, die vor allem Luxus zu schätzen weiß und nichts vom kriminellen Treiben ihres Partners ahnt, und deren Tochter durch Kalifornien. Seine Gegenspielerin, sein Opfer ist ihm vollkommen unähnlich : sensibel, verletzlich und mit einem unbedingten Glauben an die Gerechtigkeit versehen. Quer durch die Vereinigten Staaten führt die Verfolgungsjagd, und alle landen schließlich an der Ostküste, im Staat New York. Und hier kommt es zur Konfrontation…

Auch wenn noch ein älterer Roman von Boyle in meinen Regalen ungelesen herumliegt, habe ich mich zunächst für dieses Buch entschieden, denn natürlich waren sowohl zum Thema Behinderung auch der des Identitätsdiebstahls genügend Schnittstellen vorhanden, um das Buch für mich interessant zu machen. Der Roman ist weniger ein Kriminalroman als eine Art doppeltes Roadmovie. Verfolgte und Verfolger reisen quer durch die USA, was dem Autor auch Gelegenheit bietet, die Beziehung / Nichtbeziehung der jeweiligen Paarkonstruktion zu untersuchen. Die Perspektive wechselt zwischen den drei Hauptcharakteren in alternierenden Kapiteln. So erfährt der Leser einiges über handelnden Personen, über ihre Identität und wie sie geprägt wurde.

In Dana, der gehörlosen Protagonistin, vermochte ich mich wenigstens teilweise wiederzuerkennen, in ihrem Bemühen, sich in der Welt der Nichtbehinderten einzurichten, das von dem Identitätsdieb mindestens infrage gestellt wird, in ihrer nach außen gezeigten Stärke genauso wie in ihrem zeitweisen Ausblenden der Ansichten anderer. Sie hat ihre Behinderung angenommen und verweigert eine „Verbesserung“ durch Cochlea-Implantate. Dies hat sowohl mit ihrem Selbstgefühl, ihrer Identität zu tun wie auch mit einer Wut und auf diese Gesellschaft. Auch Peck ist wütend auf eine Welt, die seine Überlegenheit nicht anerkennen mag, und so ist sein kriminelles Verhalten auch eine Art Rachefeldzug. Daß er Einzelpersonen, Individuen schädigt, die möglicherweise selbst in eine Konflikt mit der Gesellschaft stehen, will oder kann er nicht realisieren. Für ihn sind sie Namen … Namen, die auf Kreditkarten oder Ausweispapieren stehen.

Der Roman bleibt unterhaltsam mittels eines nicht selten bösen Humors, der sich vor allem gegen eine durch das Materielle geprägte Gesellschaft richtet. T.C. Boyle zeigt die Vorgänge aus der Sicht von Täter und Opfer, ohne die moralische Keule zu schwingen. Allerdings ist „Talk Talk“ mit Sicherheit nicht Boyles bestes Buch, denn viele Personen bleiben arg blaß und klischeehaft, was daran liegen mag, daß er die Welt der Gehörlosen nicht wirklich kennt. Dies aber mag ich ihm dann doch nicht vorwerfen, denn es ist und bleibt schwierig, die Erfahrungs – und Innenwelt eines behinderten Menschen Nichtbehinderten zu vermitteln. Eine grundsätzliche Frage allerdings stellt sich mir dann doch : inwieweit die Behinderung für den Roman unabdingbar ist oder ihm Nutzbringendes hinzufügt. Ich kann und will das nicht abschließend beantworten, denn immerhin gab es für mich einen gewissen Wiedererkennungswert. Ein für mich wesentlicherer Aspekt ist, daß manches, was er besser ausgeführt hätte, nur als Subtext mitschwingt, sodaß das Ende des Romans irritieren mag. Fazit : Eine leichte Sommerlektüre ohne hohen Anspruch, die meinen Erwartungen leider nicht ganz gerecht wurde.

Bibliographische Angaben :

T.C. Boyle : Talk Talk

Übersetzt von Dirk van Gunsteren

dtv Verlagsgesellschaft

978-3423210607

© Jost Renner

Julia Alvarez : Die Zeit der Schmetterlinge

Zehn Jahre lang war Julia Alvarez in der Dominikanischen Republik aufgewachsen, dann aber mußten die Eltern mit ihr das Land verlassen, weil der Vater im Widerstand gegen den Diktator Rafael Trujillo engagiert war und der Sturz des Regimes scheiterte. Die Vergeltungsmaßnahmen waren drastisch, und man mußte als Gegner des Diktators um sein Leben fürchten. Vier Monate nach der Flucht sollte das der Mord an den Schwestern Mirabal beweisen. Ihre neue Heimat wurden die USA, wo sie als Ausländerin diskriminiert wurde. Das Lesen und später, ermuntert durch ihre Lehrer, das Schreiben waren ein Mittel gegen die Vereinsamung und auch den Verlust der Heimat. Doch schon als Jugendliche nutzte sie jede Gelegenheit, die alte Heimat zu besuchen. Sie studierte Englische und Amerikanische Literatur und Creative Writing. In diesen Fächern unterrichtete sie dann auch. Sie debütierte zunächst mit Lyrik, und erst 1991, als sie einundvierzig war, erschien ihr erster Roman : „How the Garcia Girls Lost Their Accents“. Immer wiederkehrende Themen sind die Gratwanderung zwischen beiden Kulturen und das Finden eines eigenen Weges aus der Sicht von Frauen.

Auch der hier besprochene Roman „Die Zeit der Schmetterlinge“ macht Frauenschicksale zum Thema. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die vier Schwestern Patria Mercedes Mirabal, Bélgica Adela („Dedé“) Mirabal-Reyes, María Argentina Minerva und Antonia María Teresa („Mate“) Mirabal. Drei von ihnen, Patria, Minerva und Maria Teresa, waren im Widerstand engagiert, der auf den Sturz des Regimes hinarbeitete. Aus der jeweiligen Ich-Perspektive schildert sie die Entwicklung der drei Schwestern, ihren Weg in den aktiven, bewaffneten Widerstand. Minerva ist die erste, die das Grauen der Diktatur begreift, als ihr eine Mitschülerin erzählt, wie alle männlichen Familienmitglieder vom Regime beseitigt wurden, selbst ein Jugendlicher, der keineswegs an Aktionen gegen die Regierung beteiligt war. Trujillo, der in den letzten Jahren seiner Amtszeit in Bedrängnis geraten ist, da weder die USA, noch die Organisation Amerikanischer Staaten, noch die Kirche ihn weiter unterstützen wollen, geht rigoros gegen seine Gegner vor und scheut nicht vor Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil oder sogar Meuchelmord auf offener Straße zurück. Auch Patria, eine junge Frau mit starken religiösen Werten, die eigentlich einmal Nonne werden wollte und dann doch heiratete, ist empört. Die jungen Frauen, einige inzwischen Mütter, und ihre Ehemänner unterstützten die Untergrundgruppe „Agrupación política 14 de junio“, lagern Waffen, agitieren und planen einen Umsturz. Ihre Decknamen lauten Mariposa (Schmetterling) 1, 2 und 3. Nur Dedé mag sich dem nicht anschließen : zum einen ist ihr Ehemann strikt dagegen, zum anderen ist sie den Werten ihrer gutbürgerlichen Familie zu nahe. Und noch einen Grund gibt es : Sie hat schlicht Angst, und das bemerkt sie, als sie sich von ihrem Ehemann, der sie nicht liebevoll, sondern patriarchalisch als selbstverständliches Beiwerk behandelt, trennen und dazu den Weg in die Widerstandsgruppe gehen will. Sie schreckt zurück. Als der geplante Staatsstreich mißlingt, werden die aktiven Schwestern und ihre Männer inhaftiert. Die Frauen werden nach einiger Zeit aber freigelassen, die Männer in ein abgelegenes Gefängnis verlegt. Als die drei Schwestern im November 1960 ihre Gatten besuchen wollen, geraten sie in einen Hinterhalt und werden getötet. Da es aber unvermutet Zeugen gibt, kann die Tat nicht als Unfall getarnt werden. Die Schwestern Mirabal, vorher schon in der Bevölkerung anerkannt, werden nun zu Märtyrerinnen, zu Gestalten der dominikanischen, politischen Mythologie.

Die Eingangsszene des Buches zeigt das Gespräch einer im amerikanischen Exil lebenden Dominikanerin mit Dedé, der überlebenden Schwester, die das Vermächtnis der drei Getöteten und ein ihnen zu Ehren eingerichtetes Museum hütet. Wir können uns vorstellen, daß dies eine der Begegnungen Julia Alvarez‘ mit ihr ist. Sie hat sich von ihr, von den Kindern der ermordeten Mirabal-Schwestern, von einstigen Mitgefangenen alles erzählen lassen, was diese Frauen betrifft. Ziel der Erkundungen war es, ihre Motivationen, ihr alltägliches Leben, das nun ja nicht immer heroisch war, und ihre Persönlichkeiten zu erkunden, um sie schließlich von mythologischen Gestalten zu Frauen, Menschen zu machen. Denn Alvarez schreibt in ihrem Nachwort :

„Ironischerweise haben wir die Mirabals, indem wir sie zum Mythos erhoben haben, ein zweites Mal verloren, und zugleich haben wir uns vor der Herausforderung gedrückt, genausoviel Mut wie sie zu beweisen, indem wir unsere Begrenztheit als Durchschnittsmenschen vorschützten.“

Auch ist dieses Buch – wie der Tag, an dem die drei Schwestern getötet wurden, der 25 November – ein Mahnmal gegen Gewalt gegen Frauen. Trujillo, der eine Verurteilung zum Tode oder eine Hinrichtung ohne Urteil nicht riskieren konnte, weil die politischen Konsequenzen durch die USA und die katholische Kirche nicht absehbar gewesen wären, griff zum Mittel des heimtückischen Mordes., um seine gefährlichsten Gegnerinnen auszuschalten.

Julia Alvarez ist es sehr glaubhaft gelungen, die Geschichte aus der Perspektive ihrer drei Protagonistinnen zu erzählen. Sie macht ihre Wege, ihr Erleben und ihre Entscheidungen nachvollziehbar und bringt sie dem Leser nahe. Ein eifriges Studium von Briefen und Tagebüchern haben ihr dazu verholfen, ihnen eigenständige, menschliche Stimmen zu verleihen. Nur Dedé wird konsequent in der dritten Person geschrieben, was mich zwar ein wenig verwunderte, aber nicht wirklich störte. Das Buch ist rundum gelungen und vermag, dem Leser einen Einblick zu geben in einen ihm sicherlich nicht immer präsenten Teil der Weltgeschichte. Und selbst ein skeptischer Ausblick auf die anbrechenden Zeiten des Tourismus und Kapitalismus fehlt nicht : Hat sich dafür das alles gelohnt ? Haben die Schwestern Mirabal dafür gekämpft ?

Nachtrag : Bélgica Adela („Dedé“) Mirabal-Reyes starb 2014 an Krebs.

Bibliographische Angaben :

Julia Alvarez : Die Zeit der Schmetterlinge

Übersetzt von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn

Piper Verlag

ISBN : 978-3492500883

© Jost Renner

Dan Simmons : Terror

1845 startet unter der Leitung des gescheiterten Ex – Gouverneurs von Tasmanien John Franklin eine Expedition zur Entdeckung und Kartographierung der Nordwestpassage. Franklin und die britische Admiralität glauben sich wohl gerüstet für dieses Vorhaben, sind doch beide Expeditionsschiffe „Erebus“ und „Terror“ mit Panzerplatten verstärkt und dampfbetrieben, Franklin selbst früherer Teilnehmer verschiedener Reisen in den Polarkreis und die Vorräte dank moderner Konservierungstechnik für drei Jahre ausreichend. Die erste Überwinterung im Packeis in einer geschützten Bucht verläuft glimpflich, nur wenige Mannschaftsmitglieder sterben an TBC. 1846 allerdings trifft Franklin, den Anweisungen der Admiralität folgend, eine verheerende Entscheidung. Gegen den Rat des erfahrenen Schiffskapitäns Francis Crozier fährt man in Richtung Süden und wird im anbrechenden polaren Winter ungeschützt vom Packeis eingeschlossen. Insbesondere das Flaggschiff „Erebus“ wird vom Druck des Eises nach und nach zerstört. Die Kohlevorräte müssen nach und nach verfeuert werden, um die Schiffsräume zu beheizen, da Temperaturen unter fünfzig Grad minus schlicht unerträglich wären.

Eine Landpatrouille stößt bei einer Exkursion auf der nahegelegenen King – William – Insel auf zwei Eskimos und erschießt einen von ihnen. Die Überlebende, „Lady Silence“ genannt, weil ihre Zunge an der Wurzel entfernt worden ist und sie daher nicht sprechen kann, wird an Bord der „Terror“ gebracht. Die Mannschaft begegnet ihr mit Mißtrauen und Aberglauben, sodaß Lieutenant John Irving zu ihrem Schutz und ihrer Überwachung abgestellt wird. Er findet heraus, daß diese Inuitfrau durchaus ihre eigenen Wege geht und das Schiff jederzeit ungesehen zu verlassen und zu betreten weiß und anscheinend über unbekannte Nahrungsquellen verfügt. Doch die Expeditionsteilnehmer haben zunächst andere und drängendere Probleme : ein unbekanntes Raubtier, um etliches größer und gefährlicher als ein Eisbär, dezimiert nach und nach die Mannschaft, die Vorräte werden knapper und erste Fälle von Skorbut treten auf. Als im Sommer 1847 das Packeis nicht weicht, wird die Lage prekär. Die Offiziere der Expedition rechnen jederzeit mit einer Meuterei, Skorbut und die Raubzüge des unbekannten „Monsters“ schwächen die Mannschaften zunehmend. Und entsetzt müssen die Ärzte feststellen, daß etliche der bevorrateten Konserven mit Giftstoffen versetzt sind. Immer mehr Menschen kommen ums Leben, zuletzt auch John Franklin selbst. Zwar ahnen Kapitän Crozier und auch Lieutenant Irving, daß ihnen die Eskimofrau notwendige Überlebenstechniken vermitteln könnte, doch eine Verständigung scheint ausgeschlossen.
Schließlich befiehlt Francis Crozier, beide Schiffe zu evakuieren und zu Fuß, belastet mit etlichen Schlitten und Booten, die King – William – Insel in Richtung Süden zu durchqueren, um an der Südspitze schiffbare Wege zu finden, die das Erreichen der kanadischen Hudson Bay erlauben könnten oder wenigstens die Entdeckung durch eine mögliche Rettungsflotte. Der Fußweg, erschwert durch Eisgrate, Eisschluchten und die schlechte körperliche Verfassung der Seeleute, zehrt an den Kräften und fordert immer neue Tote. Schneeblindheit, Auszehrung, Skorbut und Resignation zermürben die Überlebenden, erst recht als sie erkennen, daß auch hier das Meer wegen des Packeises die Benutzung der Boote nicht erlaubt. Und nun kommt es zur lang erwarteten Meuterei. Unter der Führung des Maates Cornelius Hickey will eine etwa zwanzigköpfige Gruppe die Rückkehr zu den Schiffen durchsetzen. Hickey ist skrupellos und hat schon einen blutigen Rachefeldzug gegen seinen vermeintlichen Widersacher Irving geführt. Crozier kann zwar den allgemeinen Aufstand verhindern, doch die Überlebenden gehen von nun an getrennte Wege. Während Hickeys Gruppe vermeintlich nach Norden abzieht, warten die anderen auf eine Gelegenheit, den Weg in den Süden über Land oder Wasser fortzusetzen. Doch Hickey hat zunächst ganz anderes im Sinn… .

Dan Simmons, der vor allem im Bereich der Science Fiction aktiv war und mit seinem Hyperion – / Endymion – Zyklus weltweit bekannt wurde, hat mit „Terror“ einen etwa tausendseitigen historischen Roman vorgelegt, ohne jedoch die Grenzen dieses Genres strikt einzuhalten. Denn mit dem riesenhaften, eisbärartigen Wesen, das einen Teil der Mannschaft nach und nach brutal abschlachtet, führt er eine übernatürliche Dimension in die Handlung des Buches ein. Die Franklin – Expedition, der sich literarisch schon Sten Nadolny in seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ ausführlich widmete, bietet jedem Autor eine fast ideale Projektionsfläche, gibt es doch kaum Erkenntnisse über die Einzelheiten ihres Verlaufs, keine schriftlichen Aufzeichnungen außer einer kurzen Notiz über die Aufgabe der Schiffe und den geplanten Weg in Richtung Süden und nur wenige Überreste von Menschen oder Material, die von Rettungsexpeditionen aufgefunden werden konnten.

Das Vorhandene hat Simmons in seinem Roman recht akkurat verarbeitet – sowohl der von ihm geschilderte Kannibalismus als auch die fatalen Folgen einer Vergiftung an der konservierten Nahrung scheinen den Untersuchungen standzuhalten, auch wenn die in aufgefundenen Skeletten nachgewiesene Bleivergiftung, die möglicherweise durch fehlerhafte Verlötungen der Konservendosen zustande kam, durchaus auch andere – zeitbedingte – Ursachen hätte haben können. Andererseits wäre auch eine Botulismusvergiftung durch Lufteinschluß nicht von der Hand zu weisen. So stellt sein Roman in der Hauptsache einen möglichen, nachvollziehbaren Verlauf der Ereignisse dar und verzichtet auch darauf, die handelnden Personen mit ihrer Gedankenwelt allzu sehr den heutigen Zeiten anzugleichen, was Nadolny mit seiner Gestaltung des John Franklin durchaus gemacht hat. Simmons nähert sich in abwechselnden Kapiteln den Perspektiven verschiedener Figuren an. Allerdings bleibt er – mit einer Ausnahme – bei einer personalen Erzählweise und läßt nur beim Chirurgen und Tagebuchschreiber Goodsir die Ich – Erzählung zu. Goodsir, wenngleich kein vollausgebildeter Arzt, sondern eher eine Art Feldscher, gehört neben Franklin selbst, Crozier, Irving und Lady Silence zu den Hauptpersonen des Buches, wobei ihr Tun und Lassen ausschließlich durch die Perspektive anderer wahrgenommen und dem Leser vermittelt wird.

Dan Simmons ist es gelungen, einen auf über 1000 Seiten packenden und spannenden Roman zu schreiben, dessen genaue Schilderungen von Tod und Verderben jedoch nicht unbedingt empfindsameren Gemütern zu empfehlen ist. Allerdings drängt sich – zumindest in der ersten Hälfte des Romans – zunächst der Verdacht auf, er selbst traue den real möglichen Handlungsabläufen nicht unbedingt zu, ein Buch über den ganzen Umfang mit Spannungsbögen zu versehen und das Interesse des Lesers konstant zu halten. Weshalb denn sonst hätte er sich bemüßigt sehen sollen, der Erzählung ein phantastisches Element hinzuzufügen, daß so sehr im krassen Widerspruch zum historisch und faktisch Denkbaren steht. Auch wenn einen das Unbehagen damit über weite Strecken nicht wirklich verläßt, funktioniert der Mechanismus auf das Beste : das immer wieder unvermittelt zuschlagende Grauen (einer der drei möglichen Bezüge zum Titel des Romans) packt den Leser immer wieder, setzt Kontrapunkte zum alltäglichen Grauen der sich anbahnenden Katastrophe und entbehrt jeglichen maschinellen oder manierierten Charakters, sodaß für den Leser die Einheit der Handlung gewahrt und seine Teilnahme am Geschehen bestehen bleibt. Doch es wäre ungerecht und würde dem Buch nicht gerecht, führte man als Motivation für einen derartigen Schritt nur handwerkliche und gestalterische Gründe des Autors an. Denn Simmons will mehr, wie auch vor ihm Nadolny mehr wollte. Während sich der Autor der „Entdeckung der Langsamkeit“ bemühte, aus historischen Fakten und Handlungsabläufen eine Zivilisationskritik an der und ein Gegenmodell zur heutigen Gesellschaft zu entwickeln, stellt Simmons vor allem die einstige (nicht nur technische) Hybris der damaligen technologisch entwickelten Gesellschaft der Mythologie und dem Leben im Einklang mit der Natur nativer Völker, hier im Speziellen der Inuit, gegenüber.

Auf den etwa letzten 100 Seiten werden wir mit dem wahren Wesen der Lady Silence, ihrem Denken, den Glaubensstrukturen und den Überlebensstrategien der Eskimos konfrontiert. Der einzig Überlebende ist ihr Begleiter geworden und wird ein Teil ihrer Welt. Unvermeidlich klingen auch hier durchaus gegenwärtige Sehnsüchte und Sichtweisen mit, ebenso wie man die deutliche Brandmarkung der Hybris leichter aus heutigem Wissen und gegenwärtigen technischen Fähigkeiten ableiten kann als aus einer Zeit, in der das Erreichte eben das scheinbar Machbare gewesen ist. Aber auch das stört den Leser in der Regel nicht wirklich. Ich selbst hätte mir allerdings gewünscht, daß Simmons die Gegensicht etwas früher und ausführlicher in die Handlung integriert und sich nicht allein auf zarte Andeutungen verlassen hätte. So erscheinen mir die letzten einhundert Seiten mehr wie ein beinahe störendes Nachkarten, eine nicht ganz organisch eingepaßte Ergänzung. Allerdings hat bei mir dennoch der Gesamteindruck des Romans nicht darunter gelitten. Wer also ein spannendes, abenteuerliches Buch mit hohem Unterhaltungswert zu schätzen weiß, kann auf diesen Roman zurückgreifen, ohne daß er es bereuen müßte.

Bibliographische Angaben :

Dan Simmons : Terror

Übersetzt von Friedrich Mader

Heyne Verlag

ISBN : 978-3453406131

© Jost Renner

Matt Ruff : Bad Monkeys

Jane Charlotte hatte – in ihren Augen – keine angenehme Kindheit : Tochter einer alleinerziehenden Mutter und mit der Aufsicht über ihren jüngeren Bruder belastet, was ihre Freiheiten gründlich einschränkte. Konsequent ließ sie ihren Unmut an ihrem Bruder Phil aus, bis sie eines Tages zu weit ging. Inzwischen ist Jane Charlotte über vierzig, hat ein abgebrochenes Collegestudium, eine Drogenkarriere und etliche sexuelle Kontakte mit Minderjährigen hinter sich – und mindestens einen Mord. Genau deswegen sitzt sie in einem weißen, karg möblierten Verhörraum der Polizei von Las Vegas. Daß sie sich dort aber nun keinem Verhör, sondern der Begutachtung durch den Psychiater Vale unterziehen muß, liegt weniger an der Verhaftung wegen Mordes an Dixon, als an ihrem freimütigen Geständnis, sie habe als Angehörige einer Geheimorganisation etliche Übeltäter getötet.

Nach und nach schildert sie ihre Karriere als Kämpferin für das Gute im Namen einer namenlosen Organisation, mit deren Exekutivabteilung „Bad Monkeys“ sie erst in Kontakt kam, dann arbeitete. Aufgefallen war sie der Abteilung, als sie als Teenager einen Hausmeister wahrheitswirdig des sexuellen Mißbrauchs und der Tötung etlicher Jungen beschuldigte und dieser sich an ihrer rächen wollte. Eine Schußwaffe, die einen natürlichen Tod durch Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen kann, wurde ihr von den „Bad Monkeys“ zugespielt und rettete ihr das Leben. Danach dauert es Jahre, bis sie wieder von der Organisation hört. Diesmal jedoch wird sie angeworben, getestet und geschult. Allerdings geht sie auch dort höchst eigenwillige Wege, erweitert sogar die Zielpersonen und verursacht indirekt den Tod ihrer Ausbilderin. Und ihre Vergangenheit als Verführerin einiger Jugendlicher ruft zudem die interne Überwachung auf den Plan, denn in deren Augen könnte Jane Charlotte ebenso grundböse sein wie die Übeltäter, für deren Exekution sie zuständig sein soll. Dixon, der Vertreter der Internen Abteilung nimmt sie ins Kreuzverhör und erreicht, daß sie ihre Fehltritte offenlegen muß. Und er ist nicht wirklich überzeugt, daß Jane Charlotte wirklich für die Organisation arbeiten sollte. Doch die Leitungsebene mißachtet sein Votum, denn sie hat Besonderes mit dieser Agentin vor : gibt es doch eine Organisation des Bösen, die die wirklich Bösen vereinigt, mit Informationen versorgt und vor den Zugriffen der „Bad Monkeys“ warnt. In deren Führungsebene sitzt ausgerechnet Jane Charlottes Bruder. Und so scheint es nicht verkehrt, Jane Charlotte mit einer Horde axtschwingender Clowns auf dessen Spur zu setzen, um ihn unschädlich zu machen. Allerdings gibt es recht bald eine ernstzunehmende Gegenspielerin, die Jane Charlotte und ihren Vorgesetzten ihre Aufgabe mehr als schwer macht. Dr. Vale, der immer wieder Widersprüche zur Aktenlage und zu realen Fakten feststellen muß, zweifelt immer stärker am Wahrheitsgehalt von Jane Charlottes Aussagen, aber mehr als kleine Korrekturen in den Details kann er nicht erreichen, und so erzählt Jane Charlotte ihre Geschichte bis zum endgültigen Showdown….

Erneut erweitert Matt Ruff in seinem Roman die Handlungsebene in den Bereich des Phantastischen. Diesmal hat er einen eigenwilligen Genremix aus Science Fiction und Kriminalroman geschaffen, dem er als Ingredenzien verschiedene Bezugspunkte aus der Kultur des 20. Jahrhunderts beimengt. Gilbert Keith Chestertons „Der Mann, der Donnerstag war“ ist ebenso präsent wie die Gedankenwelt Philip K. Dicks, dessen Romane immer wieder um das Moralische, Menschliche kreisen, weniger um das technisch Machbare oder um die Eroberung des Weltraumes. Und so sind Anklänge an „Minority Report“, eine Kurzgeschichte Dicks, deutlich spürbar. Ruffs Protagonistin heißt zudem wie die als Kind verstorbene Schwester Philip K. Dicks, ihr Bruder, nicht überraschend Phil. Die Welt, die Ruff entwirft – die Karriere Jane Charlottes beginnt bezeichnenderweise am 10.9.2001, einen Tag bevor die World Trade Towers durch einen Terroranschlag zerstört wurden – besteht aus einem kaum nuancierten Kontrast aus Schwarz und Weiß und läßt beinahe keine Grautöne und Zwischenstadien zu. Dennoch verzichtet Ruff darauf, mit seinem Roman eine Utopie oder Dystopie zu entwerfen und „Gut“ oder „Böse“ zu einem bestimmenden Kriterium einer Gesellschaft zu machen. Vielmehr verlagert er in seinem handlungsorientierten und mit vielen Kapriolen versehenen Roman die Moralfrage in das Innere seiner Protagonistin, denn die eigentliche Frage lautet : Wer ist Jane Charlotte ? Ist sie gut oder ist sie in Wahrheit böse ?

Jane als Ich-Erzählerin ist ebenso charismatisch wie unzuverlässig. Dem Leser wird so kaum eine Chance gelassen, ihrer Vorstellungswelt zu entkommen, wenngleich immer Zweifel am Wahrheitsgehalt bleiben. Und man ertappt sich, der Protagonistin, immerhin einer veritablen Soziopathin, doch einige Sympathie entgegenzubringen.So fühlt man sich angesichts der Widersprüche in ihrer erzählten Biographie an den vorangegangenen Roman Ruffs „Ich und die Anderen“ erinnert, zu dem der Autor bereitwillig deutliche Verknüpfungen schafft, um dann mit einer weiteren Volte die Gewißheit des Lesers ad absurdum zu führen. Matt Ruff will unterhalten, und so mischen sich Grundfragen menschlicher Existenz und Identität mit einer temporeichen und spannenden Unterhaltung, sodaß nie die Gefahr besteht, in einen philosophischen Diskurs zu geraten, der den Leser langweilen oder gar überfordern könnte. Doch bleibt die Fragestellung nichtsdestoweniger präsent und dürfte einen Leser durchaus zu eigenen Gedanken anregen.

Sicherlich wird nicht jeder mit diesem Roman angesprochen, denn die, denen das Phantastische von jeher fremd ist, sollten andere Lektüre wählen, aber die, die literarischen, postmodernen Experimenten gegenüber offen sind, werden mit diesem Buch wirklich bestens bedient. Meiner Meinung nach hat „Bad Monkeys“ zwar nicht ganz das Niveau meiner beiden Lieblingsbücher – „Fool on the Hill“ und „Ich und die Anderen“ – erreichen können, was vielleicht daran liegt, daß sich Ruff einer bei ihm unbekannten formalen Disziplin unterworfen und sich zudem für seine Verhältnisse kurzgefasst hat. Doch bleiben seine Vorstellungskraft und seine schriftstellerischen Fähigkeiten stark genug, einen guten, lesbaren und anregenden Roman vorzulegen, auch wenn mir die liebgewordene Entfesselung seiner Imagination ein wenig fehlt.

Bibliographische Angaben :

Matt Ruff : Bad Monkeys

übersetzt von Ditte Bandini und Giovanni Bandini

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423211796

© Jost Renner

Paul Auster : Reisen im Skriptorium

In einem Zimmer sitzt ein alter Mann auf dem Bett. Er versucht zu ergründen, wie er dorthin gelangt ist, wo er sich befindet und wer er eigentlich ist. Der Raum erinnert an eine Zelle oder an ein Zimmer in einer Pflegeeinrichtung. Das Fenster ist unzugänglich, Türen, Schränke nicht auf den ersten Blick erkennbar. Ebenso weiß er nicht, daß Kamera und Mikrophone sämtliche Bewegungen und Lautäußerungen minutiös aufzeichnen. Bemerkenswert in diesem Raum ist, daß sämtliche Gegenstände beschriftet sind : Am Tisch klebt ein Zettel mit der Aufschrift „Tisch“, an den Wänden finden sich beschriftete Klebestreifen mit dem Schriftzug „Wand“. Inmitten des Raumes befinden sich Tisch und Bürostuhl, auf dem Tisch Stapel mit Manuskriptseiten und einige Photographien. Der Leser erfährt wenig über den Mann : daß er Mr. Blank heißt, daß er zwischen sechzig und einhundert Jahre alt ist, daß er dement scheint und auch körperlich unter Ausfallerscheinungen leidet. Der Weg zum Tisch ist mühsam. Er betrachtet – recht verständnislos – den Stapel der Photographien, meint aber eine abgebildete Frau, etwa im Alter von fünfundzwanzig Jahren, zu erkennen, ohne daß er jedoch genau wüßte, um wen es sich handeln könnte. Als er sich einige Seiten von einem der Papierstapel greift und darin zu lesen beginnt, wird er durch das Telefon unterbrochen. Eine ihm fremde Person kündigt ihren zweiten Besuch an, ohne daß sich Blank an einen ersten überhaupt erinnern könnte. Doch dann betritt eine Pflegerin, Anna Blume, den Raum. Sie ist um die fünfzig und behauptet, die junge Frau auf der Photographie zu sein. Blank, der sich sofort zu ihr hingezogen fühlt, allerdings auch ein undefinierbares Schuldgefühl empfindet, läßt sich von ihr versorgen, füttern, baden und mit Medikamenten versehen, die für die Behandlung unumgänglich seien, auch wenn sie ein starkes Zittern hervorrufen. Der angekündigte Besucher, James P. Flood, erscheint. Er scheint auf der Suche nach seiner Identität und seiner Bestimmung zu sein, doch Blank, dessen Erinnerung immer noch sehr lückenhaft ist, kann ihm kaum weiterhelfen. Nachdem der Besucher verschwuunden ist, widmet er sich wieder der Lektüre des Manuskriptes : auch hier sitzt eine Person in einer Zelle. Er wurde festgenommen, nachdem er von einem Grenzübertritt zurückkehrte. Nach und nach werden die Einzelheiten der Geschichte deutlicher : die Erzählung spielt in einem imaginären Staatsgebilde, der Konföderation, das den USA recht deutlich nachempfunden wurde. Der Protagonist, der im Auftrag der Regierung unterwegs war, um Hintergründe über Grenzkonflikte und das Verschwinden eines Freundes zu klären, scheint in die Hände eines korrupten Grenzkommandanten geraten. Doch bevor Blank weiteres erfahren kann, bricht das Manuskript ab. Zudem erscheint der nächste Besucher. Er scheint der behandelnde Arzt zu sein und drängt Blank, die Geschichte zuende zu erzählen. Erst widerstrebend, zumal er den Anfang der Erzählung als mißlungen empfindet,läßt sich Blank darauf ein, gerät dann aber in Fahrt. Erst recht, als dann sein Besucher verschwindet : jetzt läßt er seiner Phantasie fast lustvoll seinen Lauf, versieht die Handlung mit überraschenden Volten. Sein Protagonist kommt auf die Spur einer unvorstellbaren Gewalttat und einer unglaublichen Verschwörung, ohne daß er sie erkennt und seine Rolle darin einzuschätzen wüßte… .

Der Roman „Reisen im Skriptorium“, der national und international auf geteiltes Echo stieß, ist wohl vollkommen nur für Auster – Liebhaber mit einem guten Gedächtnis zu genießen. Denn Paul Auster hat sich in diesem doppelbödigen Werk vor allem mit seinem Werk und seiner Rolle als Autor auseinandergesetzt. Außer Mr. Blank sind alle Personen schon aus früheren Werken Austers bekannt : Anna Blume, die Pflegerin, stammt aus dem Roman „Im Land der letzten Dinge“, der Besucher James P. Flood wurde im dritten Teil der „New York – Trilogie“ – „Hinter verschlossenen Türen“ zum letzten Mal gesichtet, das Manuskript, das Mr. Blank so fleißig weiterspinnt, stammt aus „Nacht des Orakels“. Und weitere Figuren geben sich direkt oder durch Erwähnung ein Stelldichein : Daniel Quinn, Peter Stillman, John Tauser u. a.m.
Ich muß an dieser Stelle zugeben, daß es mit meinem Gedächtnis nicht allzu gut bestellt ist, daß ich also, um eine Ein – und Zuordnung des eigentlich recht übersichtlichen Figurenkreises zu bewerkstelligen, auf etliche hilfreiche Rezensionen zurückgreifen mußte. Mehrheitlich bemängelten die Rezensenten eine deutliche Selbstreferenzialität und noch übelgelaunter : die (vermeintliche) Eitelkeit des Autors. Zudem sahen viele die Intertextualität und den Hang zur Metafiktion, also das Spiel mit (den eigenen) Texten und die Verschachtelung verschiedener Erzählebenen, inklusive einer, in der das Schreiben als solches problematisiert und zu einem wesentlichen Teil des Textes wird, als selbstgewähltes – und in diesem Falle : zu enges – Gefängnis.
Dennoch schlage ich mich an dieser Stelle ganz entschieden auf die Seite der Rezensenten, die diesen kurzen Roman uneingeschränkt für gut befinden. An keiner Stelle empfand ich beim Lesen eine Beengung oder gar Langeweile. Im Gegenteil konnte ich einen höchst intelligent konstruierten, keineswegs witz – oder humorlosen Text genießen, der in einer kaum vorauszuahnenden Pointe gipfelt. Ich habe meine Recherche über die verwendeten Personen erst nach Ende der Lektüre und nur zum Zwecke, eine hilfreiche Rezension zu verfassen, geführt, denn auch in Unkenntnis der konkreten Herkunft, war mir alsbald klar, daß es fiktive Personen aus dem Werk des Mr. Blank sein müßten, die ihren Schöpfer, Erfinder nach ihrer künftigen Rolle fragten, nach dem Sinn ihrer Existenz auch nach Veröffentlichung des Werkes, in dem sie verwendet wurden, besonders da dieser sie nicht selten – einem grausamen Gotte gleich – auf gefährliche und existenzerschütternde Missionen geschickt hatte. Vielen Romanfiguren, nicht aber dem Autor, eignet ja eine Unsterblichkeit in den veröffentlichten Werken. Deutlich wird diese Diskrepanz an der Hinfälligkeit des Mr. Blank, während seine Figuren zwar gealtert, aber dennoch höchst lebendig sind. Allerdings wäre Paul Auster denn auch nicht Paul Auster, wenn er genau dieses Thema in seiner Schlußpointe nicht noch einmal mit einem Augenzwinkern drehte. Einige Kritiker stießen sich auch an der Konstruktion, in der – für sie recht unvermittelt – mit einer längeren Binnenerzählung gearbeitet wird. Hier – und durch das Literarische dreifach abgefedert – wird Paul Auster politisch : unverhohlen beschreibt er in einer Art phantastischen Erzählung eine imperialistische, tückische und gewaltbereite USA, die ohne Rücksicht auf Verluste bei Gegnern und eigenen Staatsbürgern einen Grenzkonflikt in Gang setzt, um ihr eigenes Staatsgebiet zu erweitern. Mir selbst will nicht scheinen, daß die Konstruktion einer Binnenerzählung generell verwerflich wäre, solange es Bezüge zu den im Erzählrahmen agierenden Protagonisten gibt. Und hier hat Mr. Blank eine sogar doppelte Rolle inne : ist er doch zunächst Leser und dann – in seiner wachsenden Lust an der Fortführung der Erzählung, an den grausam erfundenen Verwirbelungen identifiziert sich Blank ja auch endgültig für den ganzen Roman – als Autor, dessen Geist im Umgang mit dem literarischen Handwerk zu höchster Form aufläuft. Auch die Form des Politischen mag mich hier und so nicht verwundern. Höchst zweifelhaft wären in jeder guten Literatur politisch – programmatische Manifeste, und dennoch – da Politik immer in den Lebensbereich des Menschlichen und damit auch unzweifelhaft in den der Literatur gehört – muß sie nicht gänzlich ausgeklammert bleiben. Auster hat seine politische Meinungsäußerung nicht nur fiktionalisiert, sondern zugleich in seine literarischen Metastrukturen mehrfach eingebunden. So bleibt gewährleistet, daß es sich um einen (guten, wie ich meine) literarischen Text handelt und nicht zur politischen Waffe mit zweifelhafter Qualität wird. Gerade auch die Weitererzählung durch Mr. Blank wirft ein bezeichnendes Licht auf ihn als Erzähler, auf die zum Teil unvermeidliche Rolle eines Schriftstellers. Ich bin mir bewußt, daß dieses Buch nicht immer auf Zustimmung oder befriedigte Leser stoßen wird, allerdings halte ich selbst den Roman für ein gelungenes Kabinettstückchen, dem ich gern den ein oder anderen begeisterten Leser wünsche.

Bibliographische Angaben :

Paul Auster : Reisen im Skriptorium

Übersetzt von Werner Schmitz

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499243417