Autor: tinius

Anne Rice / Christopher Rice : Ramses the Damned : The Passion of Cleoptra

28 Jahre hat es gedauert, bis Anne Rice ihrem Roman „The Mummy or : Ramses the Damned“ einen zweiten Teil folgen ließ. Wie jüngst Stephen King hat sie sich für dieses Projekt Unterstützung bei ihrem Sohn geholt, der als Co-Autor genannt ist und einem Interview der Beiden zufolge die Hauptarbeit zu leisten hatte. Während Anne Rice sich darauf konzentrierte, die Kontinuität der Figuren des ersten Bandes zu wahren, entwarf Christopher Rice die Handlung, neue Figuren und schrieb die jeweils neu überarbeiteten Fassungen, natürlich unter Beachtung der Hinweise der Mutter.

Der zweite Teil schließt nahtlos am Ende des ersten Bandes an. Wir befinden uns also wiederum im Jahre 1914. Die Anzeichen eines nahenden Krieges verdichten sich – am Ende des Buches wird sich Großbritannien im Krieg mit dem Deutschen Reich befinden -, während Ramses alias Reginald Ramsey und Julie Stratford durch Europa reisen. Auch Elliott, Earl of Rutherford, der Beinahe-Schwiegervater Julies, ist in Europa unterwegs und erwirtschaftet an Spieltischen ein nicht unerhebliches Vermögen, das er, beraten durch Ramses, in Ländereien investiert, auf denen alte Goldminen zu entdecken sein werden.

Bald schon soll Julies und Ramseys Verlobungsfeier in der Nähe von London stattfinden, allerdings befürchten beide, daß die unberechenbare Kleopatra erneut auftauchen und Rache nehmen könnte. Was sie allerdings nicht wissen können : sie sind in das Visier weit älterer, ebenfalls unsterblicher Mächte geraten, die einander bekriegen und in Julie bzw. Ramses einen Schlüssel zu ihrem Sieg vermuten. Aber auch Kleopatra maacht sich auf den Weg zur Verlobungsfeier, denn sie hat erkannt, daß sie nicht wahrhaft wiederauferstanden ist, daß ihr Erinnerungen und die eigene Seele finden. Mehr noch : in Visionen begegnet ihr immer wieder eine unbekannte Frau, von der sie sich bedroht fühlt.

Diese Frau ist Sybil Parker, eine amerikanische Autorin, die ihre lebenslangen Visionen und Träume vom alten Ägypten in Romane verwandelt hat und damit sehr erfolgreich wurde. Sie ist es auch, die mit Kleopatra in einer telepathisch-visionären Verbindung steht, sie jedoch keineswegs bedrohen, sondern nur erfahren will, was ihr geschieht. Ramses, den sie in Träumen gesehen hat und in Pressefotos wiedererkannte, scheint ihr Auskunft geben zu können.

Und so treffen nun alle Beteiligten bei der Verlobungsfeier aufeinander : die bestmögliche Garantie, daß sie zu einer Katastrophe ausartet. Julie soll entführt werden, der aktuelle Liebhaber Kleopatras dreht durch und etliche nicht eingeladene Gäste zerfallen vor den Augen aller anderen zu Staub…

Sichtlich sind in diesem Buch Anne und Christopher Rice darum bemüht, daß Thema in einen größeren mythologischen Zusammenhang zu fügen. Wir begegnen gleich zu Beginn einer Königin eines zerfallenen afrikanischen Königreiches, das schon vor der Hochkultur Ägypten existiert hatte. Sie war einst die Entdeckerin des Unsterblichkeitselixiers, ist selbst unsterblich und weitaus mächtiger als Ramses. Ihr Gegner ist ihr ehemaliger Liebhaber und Berater, der das Geheimnis um das Mittel an sich bringen will – allein um der damit verbunden Macht willen. Ramses, Kleopatra geraten mitten hinein in die Auseinandersetzung, und das ist der Handlung und damit dem ganzen Roman recht zuträglich.

Denn statt der absehbar möglichen Variationen kommen vollkommen neue Handlungsstränge in Gang, das Thema wird vertieft und in einen größeren Rahmen eingebettet, der Folgeromane wahrscheinlicher macht. Und, gottseidank, ist das Heftchenroman-Flair vollkommen verschwunden. Allerdings muß der Leser sich umstellen : er muß sich daran gewöhnen, daß mit neuen Figuren an unterschiedlichen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten die Erzählweise zunächst etwas zersplitterter wirkt und das Lesen – ein wenig – anstrengender macht. Dies ist aber notwendig, um die Vertiefung der Geschichte, der Personen und der Diskussion um das Wesen, den Segen und Fluch der Unsterblichkeit erreichen zu können.

Mit der Figur der Sybil Parker hat Christopher Rice seiner Mutter ein Altergeo geschaffen oder geradezu ein Denkmal gesetzt (wenngleich ich zunächst dann doch eher an Pauline Gedge dachte). Diese Figur ist allerdings für die metaphysische Diskussion in diesem Buch unerlässlich, und durch sie gelingt es beiden Autoren, die Figur Kleopatras glaubwürdiger, „menschlicher“ und interessanter zu gestalten. Eine wirkliche Lösung erfährt die Frage, was mit den Seelen der Toten geschieht, allerdings nicht. Die angebotene These einer Seelenwanderung wird letztlich als wenigstens teilweise unzureichend beschrieben. Und so wird Kleopatras Leiden an sich, an ihrem Untotsein nur zeitweise und sehr bedingt gelindert …

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der Roman qualitativ besser ist als sein Vorgänger, das Tempo ist gesteigert, die Personen, insbesondere Alex, Julies einstiger Verehrer, sind detaillierter ausgearbeitet und weniger holzschnittartig, und Anne-Rice-Fans finden mit Sicherheit viel von dem, was sie an ihre Bücher bindet. Wer solche Bücher mag, die ja eher moderne Gothic Novels als Horrorromane sind, darf diesen Band ruhig zur Hand nehmen.

Der Termin für eine ins Deutsche übersetzte Ausgabe ist mir noch nicht bekannt.

Bibliographische Angaben :

Anne Rice / Christopher Rice : Ramses the Damned : The Passion of Cleoptra

Anchor Books

ISBN : 978-1101970324

© Jost Renner

Anne Rice : Die Mumie oder : Ramses, der Verdammte

Lawrence Stratford ist Inhaber eines millionenschweren Unternehmens und Archäologe. Im Jahre 1914 macht er eine sensationelle Entdeckung : Das Grab des Pharaos Ramses II. Allerdings ist einiges äußerst seltsam, denn er findet in der Grabkammer nicht nur die Mumie, sondern auch lateinische und griechische Inschriften, eine Büste von Kleopatra, eine Sammlung von Gefäßen mit unbekanntem Inhalt und einige Schriftrollen. Zwischen der Regentschaft von Ramses und der von Kleopatra liegen allerdings ca. 1000 Jahre, so daß sich beide nie hätten begegnen können. In den Schriftrollen allerdings, die Stratford in Bruchstücken übersetzen kann, behauptet Ramses, er sei unsterblich und Sonnenlicht werde ihn erwachen lassen.

Stratford wird mehr nicht erfahren. Sein Neffe, ein Trinker und Spieler, ermordet ihn, um an Geld zu gelangen. Die Mumie und alle Artefakte werden nach London geschafft und dort zunächst in der Wohnung des toten Archäologen ausgestellt. Dort wohnt nun seine Tochter Julie, eine junge, emanzipierte und recht selbstbewußte Frau, die beinahe das nächste Opfer ihres Cousins wird. Doch Ramses, der wieder zum Leben erwacht, verhindert den Mord.

Als Reginald Ramsey wird er nun die junge Erbin begleiten, sich in sie verlieben und sich mit denn modernen Zeiten auseinandersetzen. Er, der als unsterblicher Wanderer nach dem Ende seiner Herrschaft unzählige Könige beraten hatte, bringt dazu die besten Voraussetzungen mit : er braucht weder Nahrung noch Schlaf, lernt Sprachen und wissenschaftliche Sachverhalte binnen Augenblicken, sieht gut aus und verfügt über Charme und gutes Benehmen. Des Cousins panische Beteuerungen, die Mumie sei erwacht, werden als Phantasien eines Trinkers abgetan, und nur wenige ahnen, daß sie der Wahrheit entsprechen.

Unter ihnen ist der Vater des Julie zugedachten Bräutigams, der hofft, seinen körperlichen Verfall mittels des in den Schriftrollen erwähnten Unsterblichkeitselixiers bekämpfen zu können. Er belauert und bespitzelt Ramsey, ohne allerdings zum Ziel zu gelangen. Als Julie und Ramses nach Ägypten reisen, begleitet er sie, vorgeblich als Anstandswauwau, in Wirklichkeit aber, um an das Elixier zu gelangen.

Daß Ramses in seine alte Heimat will, ist nur zu verständlich, allerdings treibt ihn auch anderes, weniger offensichtliches : er sucht nach dem Leichnam Kleopatras, in die er einst unserblich verliebt war, die ihm jedoch Marcus Antonius vorzog, der vermutlich das Königreich Ägypten ruiniert und unter römische Herrschaft gebracht hätte. Kleopatra lehnte es ab, unsterblich zu werden, verlangte aber von Ramses, ihrem römischen Liebhaber das Elixier zu verabreichen. Das allerdings verweigerte Ramses, und Kleopatra beging Selbstmord.

Durch einen Zufall findet Ramses in einem Kairoer Museum die konservierte Leiche Kleopatras und erweckt sie wieder zum Leben. Diese Wiederauferstehung des Fleisches bleibt unvollständig : bei Teilen des Schädels, der Finger, der Beine wächst kein Fleisch, in der einen Seite des Brustkorbs klafft eine tiefe Wunde und ihr Geisteszustand ist prekär. So zieht sie sexuell unersättlich und mordend durch die Kairoer Straßen. Und selbst Ramses hat nur eine vage Idee, wie er sie aufhalten könnte, denn sie ist nun unsterblich wie er selbst.

Anne Rice wurde bekannt und zu Recht berühmt durch ihren Roman „Interview mit einem Vampir“ aus dem Jahre 1973, bzw. mit dessen Verfilmung aus dem Jahr 1994. Dort wie in dem nun hier vorgestellten Buch verhandelt sie dieselben Themen, und ihre unsterblichen Figuren ähneln einander, auch wenn Ramses – und Kleopatra – keine Vampire sind. Und sie sind keine Monster, sondern empfindsame Wesen, die Fluch und Segen der Unsterblichkeit gleichsam hautnah erfahren – und in einen moralischen Diskurs einbringen. Auch Kleopatra, die zunächst dem Genre „Horror“ am ehesten gerecht würde, wandelt sich im Laufe des Romans, wenngleich ihre Tragik schon schon von ihrem ersten Auftritt an spürbar ist.

Das ist altvertraut und wird die Lesergemeinde von Anne Rice ohne weiteres bei der Stange halten. Sehr viel problematischer jedoch ist die Figur der Julie. Und hier war ich ernsthaft in Versuchung, meine Rezension in Form einer bissigen Satire zu verfassen, wie es die New York Times seinerzeit tat. Julie wird uns als emanzipierte junge Frau vorgestellt, die den ihr zugedachten Adligen nicht lieben kann, die auf ihrer Unabhängigkeit besteht und durchaus ihren eigenen Weg gehen könnte. Natürlich kann sie sich unter solchen Umständen nur in ein überirdisches Wesen verlieben, denn nur eine solche Kreatur würde ihr gerecht. Und natürlich bewahrt sie ihre Jungfräulichkeit bis zu einer Nacht in einem Zelt in der Wüste …

Das ist leider niedrigstes Groschenroman-Niveau und ziemlich unerträglich. Selbst in wichtigen und ernsthaften Gesprächen geht ihr Blick zum attraktiven Körper des Pharaos, und man hört immer wieder ein lustvolles Seufzen. Zudem verwandelt sie sich, kaum in Kairo angekommen, in ein permanent flennendes Weibchen, als ob es ihr Leben, ihre Persönlichkeit zuvor niemals gegeben hätte. Anne Rices Hang zur Romantik (und ganz sicher sind Gothic Novels des 19. Jahrhunderts Bezugspunkte ihres Schreibens) dürfte bekannt sein, doch hier trifft Hedwig Courths-Mahler auf Melmoth, den Wanderer, und man könnte bedauern, daß Hedwig nicht dessen Opfer wird …

Seit kurzem gibt es nun eine Fortsetzung, die Anne Rice zusammen mit ihrem Sohn verfasst hat, und die ich trotz aller Vorbehalte gegenüber dem hier vorgestellten Roman ebenfalls lesen werde, auch und gerade, weil sein hier nicht näher beschriebenes Ende (die Spannung soll ja erhalten bleiben) den Fortgang der Geschichte, in deren Mittelpunkt nun Kleopatra stehen wird, zumindest interessant gemacht hat …

Bibliographische Angaben :

Anne Rice : Die Mumie oder : Ramses, der Verdammte

Übersetzt von Joachim Körber

Goldmann Verlag

ISBN : 978-3442428977

© Jost Renner

Varujan Vosganian : Buch des Flüsterns

Im Februar 2018 hat das niederländische Parlament beschlossen, die Massaker an den Armeniern als Völkermord anzuerkennen. Bereits 2016 war der Deutsche Bundestag denselben Weg gegangen, allerdings hatte die Bundesregierung den Bundestagsbeschluß dahingehend entschärft, daß er nicht rechtsverbindlich sei. Man bemühte sich, den schon existierenden Konflikt mit der Türkei, die einen Genozid leugnet, nicht zu verschärfen.

Zur Jahrhundertwende waren die Armenier neben den Griechen die zweitgrößte christliche Minderheit. Sie waren zwar nicht gleichberechtigt, genossen aber den Schutz des Osmanischen Reiches und konnten Religion und Berufe frei ausüben. Allerdings kam es zwischen 1894 und 1896 wiederholt zu Pogromen gegen die armenische Bevölkerung, durchaus unter Billigung der osmanischen Behörden. Genaue Opferzahlen liegen nicht vor, aber die Schätzungen bewegen sich zwischen 80.000 und 300.000 Toten. 1915, das Osmanische Reich war an der Seite Deutschlands und der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg eingetreten, erlitten die Türken verheerende Niederlagen und verloren Teile ihres Staatsgebietes an Rußland, das von Teilen der Armenier unterstützt worden war. Dies gab Anlaß für die Regierung, Anatolien und den Rest der Türkei von ihnen zu säubern. Zunächst wurden in Konstantinopel und anderen Großstädten armenische Intellektuelle verhaftet, in Lager gebrracht oder ermordet, danach wurde die gesamte armenische Bevölkerung auf den Weg in die syrische und die mesopotamische Wüste geschickt. Das kam einem Todesurteil gleich, denn zum einen waren unter den Deportierten viele Frauen und Kinder, zum anderen unternahmen die türkischen Bewacher wenig bis nichts, um gegen Hunger, Krankheit und Morde durch kurdischen und tscherkessische Banden vorzugehen. Zwischen 800.000 und einer Million Menschen kamen so ums Leben. Die Überlebenden flüchteten in alle Welt, in die USA, nach Rußland oder Lateinamerika.

Dies und die weiteren Entwicklungen bilden die Grundlage des Romans von Varujan Vosganian, der selbst von Überlebenden des Genozids abstammt und derzeit Minister in der rumänischen Regierung ist. Sein wie er benannter Erzähler, eine Art Alter Ego, das nicht unbedingt vollkommen autobiographisch gestaltet sein muß, erinnert sich an seine Kindheit und Jugend in der rumänischen Stadt Focșani. Auch hier waren etliche der dem Völkermord Entkommenen gestrandet. Zunächst galten sie als Staatenlose und waren – mißtrauisch von den Behörden beäugt – nur geduldet. Zudem hofften viele von ihnen selbst noch auf eine künftige Existenz einer armenischen Republik. Mit der Erlangung der rumänischen Staatsbürgerschaft begannen sie dann dennoch, sich eigene, dauerhafte Existenzen aufzubauen, wurden Händler, Fabrikanten, Landwirte. Und sie alle fühlten sich schuldig, als Einzige überlebt zu haben. Der Erzähler ist Zeuge der im Flüsterton geäußerten Erinnerungen an den Völkermord, an die toten Familienangehörigen und Freunde, und er ist von den Alten, etwa seinem Großvater, ausgewählt, diese Erinnerungen einst weiterzutragen.

Zentralstück des Romans sind die „Sieben Kreise des Todes“, der Weg der Konvois von Deportierten in Richtung Syrien bzw. den Irak. Station für Station schildert Vosganian die Reise in den Tod. Als Leitfiguren dienen hier eine vierköpfige Familie, von der nur ein Junge überlebt, weil er von der Mutter gegen einen kleinen Beutel Mehl an Beduinen verkauft wurde. Bis dahin aber erlebt er Hunger, das wahllose Gemetzel durch Banditen, während sich die türkischen Begleittrupps sich ostentativ zurückziehen, den wütenden Hunger, Erschießungen von Flüchtenden und Menschen, die versuchten, Strukturen zu organisieren, die das eben in den Konvois erleichtern sollten. Er wird Zeuge von Epidemien und Kannibalismus, von Selbstmorden, Tod durch Verhungern oder Erschöpfung. später dann wird er aus dem Beduinenlager flüchten, in Rumänien landen und Zeit seines Lebens mit einer zweiten, arabischen Persönlichkeit zu kämpfen haben.

Und es gibt andere Geschichten, etwa die des armenischen Botschafters in Rumänien, Harutian Kanthrian, der zwar viele Stempel, aber kein Land hat, das er vertreten könnte, die des Fabrikanten Hartin Fringhian, der nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Kommunisten enteignet wird, obwohl er doch einmal seine Fabrik seinen Arbeitern vererben wollte, und der nun mit Haft oder Hinrichtng rechnen muß. In noblem und nach und nach zerfallendem Anzug verbirgt er sich bei Viehhirten, bis er mit gesalzenen Nüssen erneut ein Geschäft aufbaut, das ihm den Lebensunterhalt sichert. Ein Anderer wird Mitarbeiter der Securitate und genießt seine Macht und Angst und Schrecken, die er verbreitet. Dann gibt es die, die sich, von den Sowjets verlockt, in die Sowjetrepublik Armenien repatrieren lassen und es schon sehr bald bitter bereuen, da alle Versprechungen nicht erfüllt wurden und sie sogar – als vermeintlich aufrührerische Minderheit – nach Sibirien verbannt wurden.

Varujan Vosganians Roman ist kein Geschichtsbuch, wenngleich man sich darauf verlassen kann, daß alle historisch relevanten Ereignisse, die hier beschrieben werden, akkurat und belegt sind. Er ist im besten Sinne Literatur, angefangen von einer lakonischen und dennoch ästhetischen Sprache, die Menschen, Trauer und Schrecken eine seltene Eindringlichkeit verleiht, über die sich sowohl verzweigende wie sich vernetzende episodische Erzählstruktur bis hin zum Spiel mit der Figur des Erzählers, die sich ebenso deutet wie ab und an in Frage stellt. Der Autor entfaltet ein Kaleidoskop des Lebens nach einem (fast) nicht zu bewältigenden Traum, und es ist ihm hoch anzurechnen, daß seine Figuren plastisch, menschlich und keineswegs widerspruchsfrei dem Leser gegenübertreten, sodaß – neben all der Trauer – und ja, es ist ein im Grundton sehr trauriges Buch – auch ab und an ein Fünkchen Humor aufblitzt, etwa wenn die Blaskapelle aus Amateuren bei Beerdigungen kaum den hohen Ansprüchen des Großvaters des Erzählers gerecht wird, sondern sich vor allem durch falsche Tempi auszeichnet.

Auffallend ist, daß in diesem Roman Frauen kaum – gerade einmal – zu Wort kommen und auch im Erzählten meist im Hintergrund stehen. Ich mag das nicht verdammen, nur anmerken, da ich denke, das hat verschiedene Gründe : zum einen dürften die Ausgangsgesellschaft wie dann auch das Häuflein Überlebender eher patriarchalisch geprägt und organisiert gewesen sein, zum anderen waren die Überlebenschancen von Frauen und Kindern eher äußerst gering, und wenn sie überlebten, endeten nicht wenige in der Sklaverei. Eine Geringschätzung von Frauen ist zudem nirgendwo in diesem Buch spürbar.

Nach Werfels“Die vierzig Tage des Musa Dagh“ und Hilsenraths „Das Märchen vom letzten Gedanken“ ist dies nun ein dritter Roman zum Thema des Völkermords an den Armeniern, der mir im Laufe des Lebens begegnete, und alle drei – jeder auf seine Art – haben mich angesprochen, berührt und als Literatur begeistert. Als ich Werfel las, bin ich etwa sechzehn Jahre alt gewesen und nahm dieses Buch eher als einen Abenteuerroman wahr, immerhin gehörte er zu den ersten Schritten eines Jugendlichen in die Welt der „ernsthaften“ Erwachsenen-Literatur. Ich war fast 30, arbeitete im Buchhandel, als ich dann auf Hilsenraths Roman aufmerksam wurde. Er schien mir zugleich literarischer und politischer als Werfels Roman. Aufgrund des zeitlichen Abstands verbietet sich mir ein direkter und genauer Vergleich zu dem jetzt hier vorgestellten Roman, doch im Wesentlichen wiegen für mich die Romane von Hilsenrath und Vosganian gleich schwer. Man kann und muß sie beide loben, und vielleicht ist die Tatsache, daß Vosganian armenischer Herkunft ist, also durchaus das Trauma und die Erzählungen der Überlebenden aus enger und persönlicher Anschauung kennt, ein kleiner Pluspunkt. Gelesen werden sollten alle drei Bücher – des Themas wegen und wegen der literarischen Fähigkeiten dieser drei, so unterschiedlichen Autoren.

Bibliographische Angaben :

Varujan Vosganian : Buch des Flüsterns

Übersetzt von Ernest Wichner

Paul Zsolnay Verlag

ISBN : 978-3552056466

Am 12.3.2018 erscheint im btb Verlag eine Taschenbuch-Ausgabe (ISBN : 978-3442716333)

© Jost Renner

Peter Ackroyd : Die Themse : Biographie eines Flusses

In Deutschland wurde man auf Peter Ackroyd zunächst durch seine Romane aufmerksam, die sich mit Geschichte und historischen Persönlichkeiten auseinandersetzten. Allerdings war er, der englische Literatur studiert hatte und als Literaturkritiker arbeitete, in Großbritannien auch wegen seiner Biographien von T.S. Eliot, William Blake, Ezra Pound und Charles Dickens bekannt. Im Jahre 2000 veröffentlichte er mit „London. The Biography“ ein kulturgeschichtliches Sachbuch, das zusammen mit „Albion : The Origins of the English Imagination“ (2002) und dem hier vorgestellten Band „Thames. Sacred River“ (2007) eine Trilogie bildet. Während der zweite Teil erst gar nicht in Übersetzung veröffentlicht wurde, sah sich der deutsche Verlag veranlaßt, den Titel dieses dritten Bandes in „Die Themse. Biographie eines Flusses“ zu ändern. Diese Entscheidung mag man bedauern und sie allein dem Marketing zuschreiben, allerdings ist die Vorgehensweise Ackroyds in den Büchern über London und die Themse dieselbe, und nicht zuletzt ist London auch das eigentliche Zentrum seiner Ausführungen über diesen Fluß.

Die Themse ist ein 346 km langer Flußlauf, der bei Thames Head in der Nähe von Kemble entspringt und bei Southend in die Nordsee mündet. Bis nach London hinein sind die Gezeiten spürbar, und der Fluß führt dort Brackwasser. Während des Pleistozäns waren die Britischen Inseln und Kontinentaleuropa zeitweise (ca. 57.000 bis 15.000 v. Chr.) eine zusammenhängende Landfläche und die Themse ein Nebenfluß des Rheins. Die Herkunft des Namens ist nicht genau geklärt, wahrscheinlich scheint, daß er bretonisch-keltischen Ursprungs ist (Tamesas) und „dunkel“ bedeutet. Auch eine indo-europäische Variante mit der ähnlichen Bedeutung „schlammig“ wäre denkbar. Seit etwa 500.000 v. Chr. siedeln Menschen am Ufer dieses zweitlängsten Flusses Großbritanniens. Kein Wunder, daß das Gewässer die Menschen und das Land tief geprägt hat. Peter Ackroyd spürt den spirituellen Aspekten – Father Thames, Isis ! und Maria ebenso nach wie den historischen Ereignissen. Immerhin wurde die Magna Charta auf einer Themse-Insel unterzeichnet, wurden mit Oxford und Cambridge die wichtigsten Universitäten in nächster Nähe gegründet und eben London, die Hauptstadt einer Handels- und Weltmacht.

Außer im letzten von 46 Kapiteln geht Ackroyd dabei weder geographisch noch historisch vor. Wie aus seinem London-Buch schon bekannt, wählt er thematische Schwerpunkte, in denen er jeweils viele Fakten, Anekdoten und Zitate bündelt. Da stehen dann Aussagen zu Farben und Licht – und deren künstlerische Wahrnehmung gleichwertig zu Abschnitten über die Veränderung Londons, über ökologische und medizinische Aspekte, über Malerei und Literatur, und er kann die wichtigsten britischen Geister – von Chaucer über Shelley, Charles Dickens oder William Turner als Zeugen aufrufen und zitieren, denn sie alle haben zeitweise oder ihr ganzes Leben an den Ufern der Themse gelebt und den Fluß zu einem Thema ihrer Kunst gemacht. Selbst den deutschen Reisenden und Schriftsteller Karl Philipp Moritz zitiert er ausgiebig.

Die „Zeit“ bezeichnet Peter Ackroyd in ihrer Kritik zu dem hier besprochenen Buch als „Privatgelehrten“, und dies nicht zu Unrecht : immerhin hat er Englische Literatur studiert, nicht aber Geschichte. Doch auch in seinem literarischen Schaffen spielte die Geschichte schon immer eine große Rolle, und seine Bücher galten als ausgiebig recherchiert. Wiewohl er immer wieder auch belletristische Werke veröffentlicht, scheint sich sein Schwerpunkt in Richtung Geschichte zu verlagern, immerhin veröffentlichte er inzwischen eine sechsbändige Serie mit Jugendbüchern zur Weltgeschichte und fünf Bände einer englischen Geschichte. Ein Romancier hatte er eigentlich niemals sein wollen :

„I enjoy it, I suppose, but I never thought I’d be a novelist. I never wanted to be a novelist. I can’t bear fiction. I hate it. It’s so untidy. When I was a young man I wanted to be a poet, then I wrote a critical book, and I don’t think I even read a novel till I was about 26 or 27.“

sagte er in einem Interview mit Patrick McGrath 1989. Und doch sind es eben auch seine literarischen und erzählerischen Qualitäten, die das Lesen dieses Buches zu einem Genuß machen. Nur ab und an häuft er Fakten in reinen Aufzählungen, sondern geleitet den Leser mit sprachlichen Mitteln und erzählerischem Können durch die knapp 580 Seiten. Spürbar sind auch sein Enthusiasmus für London, seine Begeisterung für den Fluß und auch die britische Nation, ohne daß man nationalistische Mißtöne wahrnehmen müßte. Für Peter Ackroyd ist die Themse vor allem eines : „Liquid History“ – von den urzeitlichen tropischen Tieren bis zur heutigen Zeit, in der es die Londoner kaum zum Flanieren an die Ufer der Themse zieht (sofern sie es dank Bebauung überhaupt können …

Bibliographische Angaben :

Peter Ackroyd : Die Themse : Biographie eines Flusses

Übersetzt von Michael Müller

Abrecht Knaus Verlag

ISBN : 978-3813503166

© Jost Renner

Pascal Blanchard, Nicolas Bancel, Gilles Boëtsch, Eric Deroo, Sandrine Lemaire et al. : MenschenZoos – Schaufenster der Unmenschlichkeit

Nachdem ich Gergely Péterfys Roman „Der ausgestopfte Barbar“ gelesen hatte, interessierte mich der generelle Umgang europäischer Gesellschaften mit Angehörigen indigener Völker. Bei meinen Recherchen stieß ich auf das nun hier vorgestellte Buch, das sich mit den Menschenzoos, also den Völkerausstellungen in Europa, den USA und Japan wissenschaftlich beschäftigt. Es ist dies ein Sammelband, der zunächst in Frankreich, später – um englischsprachige Beiträge erweitert – in Großbritannien erschien und vor einigen Jahren nun auch in deutscher Übersetzung in einem kleinen, eher unbekannten Verlag veröffentlicht wurde. Unter der Herausgeberschaft von fünf Autoren wurden hier die mit maximal 20 Seiten relativ kurzen Texte von gut dreißig Autoren gesammelt. Nur der einleitende Teil, der eine Gesamtdarstellung des Phänomens liefert, ist – wesentlich – länger geraten.

Phänomen ? Ja, ein solches sind diese Unternehmungen, denn zwischen 1800 und ca.1940 besuchten mehr als eine Milliarde Menschen diese Art von Veranstaltungen, die mit Unterhaltungswert, Schauder und wissenschaftlichem Bildungsanspruch ein Publikum, d.h., einen Markt zu erreichen versuchten. Die Autoren sehen, nicht ganz zu Unrecht, den Ursprung auch bei den Freakshows, also der Ausstellung von Menschen mit besonderen körperlichen Merkmalen, die nicht der Norm entsprachen und in der Antike und im Mittelalter teils noch religiös konnotiert waren. Von der ägyptischen Hochkultur an, sammelten Fürstenhäuser und Könige solche „Kuriositäten“, und erst die Französische Revolution demokratisierte das und machte sowohl unter Mißbildungen leidende Menschen als auch Angehörige indigener Völker der breiten Öffentlichkeit, aber auch der Wissenschaft zugänglich.

Die Wissenschaft jener Zeit allerdings war nicht weniger vorurteilsbehaftet als die allgemeine Bevölkerung. Phrenologie, Anatomie mischten sich mit sozialdarwinistischen Überzeugungen, und so war man allerorten damit beschäftigt, die niedere evolutionäre Rangstufe – knapp oberhalb der Tierwelt oder den Tieren sogar gleich – solcher Menschen zu bestätigen. Und so ist es nicht wirklich verwunderlich, daß sie nicht selten in Zoos und dort in Gehegen ausgestellt wurde. Zäune und Gitter allerdings sollten auch die Kommunikation mit den Besuchern verhindern, um die Inszenierung nicht durch Mitleid der Besucher oder Wahrnehmung einer gleichwertigen Intelligenz zu gefährden.

Inszenierungen waren es : die wenigsten Ausgestellten waren gezwungen worden, sondern bekamen Verträge und Entgelt und wurden so Darsteller des von ihnen imaginierten Bildes. Die „Arbeitsbedingungen“ waren jedoch zumeist erbärmlich und – gefährlich. Denn nicht selten starben die Ausgestellten etwa an Krankheiten, für die ihr Immunsystem kaum ausgestattet war. Oder die hygienischen Verhältnisse forderten Opfer. Widerstand dagegen gab es selten, aber doch ab und an, und auch erste Wissenschaftler äußerten Unmut, als der Bildungsvorwand nach und nach wegfiel und der Unterhaltungsaspekt in der Vordergrund kam.

Doch ging es nicht ausschließlich um Unterhaltung und dem mit ihr zu erwirtschaftenden Gewinn, wenngleich das für William „Buffalo Bill“ Cody oder Hagenbeck in Deutschland im Mittelpunkt gestanden haben dürfte. Durch die Abgrenzung vom Fremden, Exotischen konnten sich nämlich einerseits Gesellschaften definieren, andererseits konnten die westlichen (und östlichen – nämlich Japan) Staaten in der Hochzeit des Imperialismus die Ausbeutung ihrer Kolonien damit rechtfertigen, indem sie Menschen zu Wesen kaum unterschieden von der Tierwelt definierten oder später auf ihre begrenzte Anpassung verwiesen. Daß immer wieder auch und gerade Menschen ausgewählt wurden, deren körperliche Merkmale Besonderheiten aufwiese – Albinismus, Kleinwüchsigkeit oder zusammengeschnürte und damit mißgebildete Füße – erhöhte den Reiz und die Abgrenzung und rechtfertigt den Bezug der Autoren zu den Freakshows. Dumm nur, wenn – wie in Japan – unterworfene Staaten ihre Angehörigen schützten und so so den Abzug von Koreanern und Vietnamesen erzwangen. Der Rassismus selbst allerdings wurde auch von ihnen nicht grundsätzlich in Frage gestellt : die Ainu, die indigene Volksgruppe Japans galt allen als minderwertig, nur wollte man nicht auf eine Stufe mit ihnen gestellt werden.

Die interdisziplinäre Aufarbeitung – Geschichte, Anthropologie, Kommuniktionswissenschaft u. a. – war lange fällig, zumal der Zweite Weltkrieg und die Entkolonialisierung, die im Wesentlichen in den sechziger Jahren mit dem Ende des französisch-algerischen Unabhängigkeitskrieges genügend Ansatzpunkte geboten hätten, dieses Thema schon früher zu behandeln. Doch es wäre ein Trugschluß, dieses Phänomen hätte da schon geendet : Filme – wie etwa „Indiana Jones“ – transportierten noch jüngst ähnliche Stereotypien, wenn auch abgemildert, und die letzten Ausstellungen von indigenen Menschen gab es im 21. Jahrhundert, in den USA, in Belgien und in Augsburg (sic !).

Dieser Band gibt den Lesern einen guten – und so weit möglich – umfassenden Überblick über dieses Phänomen, und daß es kaum Stimmen der Ausgestellten oder private Aufzeichnungen er bürgerlichen Betrachter gibt, ist von ihnen nicht zu verantworten. Auch der Sonderfall Schweiz, die ja nirgends kolonial engagiert war und dennoch ein kongruentes Menschenbild tradierte, ist ein nicht ganz auserforschter Bereich, da es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zu wenig Daten gab, die Hypothesen allerdings scheinen tragfähig und belastbar. (Inzwischen gibt es ein Buch, das sich mit diesem Thema auseinandersetzt.) Bei aller Wissenschaftlichkeit bleibt das Buch gut lesbar und für den Laien verständlich. Die kaum vermeidbaren Überschneidungen von einzelnen Beiträgen sind unvermeidlich und stören kaum, da immer neue Zusammenhänge eruiert werden. Ich denke, gerade in der heutigen Zeit, in der der Rassismus wieder salonfähig zu werden scheint, ist die Lektüre empfehlenswert, umso mehr als der Band das Thema fundiert und detailliert darstellt.

Bibliographische Angaben :

Pascal Blanchard, Nicolas Bancel, Gilles Boëtsch, Eric Deroo, Sandrine Lemaire et al.: MenschenZoos – Schaufenster der Unmenschlichkeit

Übersetzt von Susanne Buchner-Sabathy

Les éditions du Crieur Public

ISBN : 978-3981506204

© Jost Renner

Gergely Péterfy : Der ausgestopfte Barbar

Am 27.Oktober 1831 steht Sophia Török im Magazin des Wiener Naturalienkabinetts, eines Vorgängers des Naturhistorischen Museum, und betrachtet ein Exponat, das inzwischen zu zerschlissen ist, um es noch öffentlich zu präsentieren. Bei diesem Ausstellungsstück handelt es sich um eine Gruppierung von vier ausgestopften afrikanischen Menschen, die noch einige Jahre zuvor mitten unter den Wienern gelebt hatten und nach ihrem Tod auf Anweisung Kaiser Franz, des Ersten, gehäutet, präpariert und ins Museum verfrachtet worden waren. Zwei dieser Menschen waren, wenn auch durchaus unterschiedlich, in der Wiener Gesellschaft bekannt und anerkannt. Einer war Tierpfleger im Zoo und inszenierte sich zum Gaudium des Publikums bei der Tierfütterung, der andere, Angelo Soliman, galt als hochgebildet, war Mitglied der Freimaurer und verkehrte mit den wichtigsten Geistesgrößen seiner Zeit.

Sophia Török war die Ehefrau des Gelehrten und Übersetzers Ferenc Kazinczy, eines ungarischen Adligen, der sich im Sinne der Aufklärung für eine Verbesserung der Gesellschaft engagierte und sich bald in eine Verschwörung gegen den Staat verwickeln ließ. Das brachte ihm schließlich sieben Jahre Haft ein, und nur knapp entrann er der Hinrichtung. Ihn verband mit Angelo Soliman eine recht enge Freundschaft, auch weil beide das Gefühl teilten, in Wien nur geschmähte und verspottete Außenseiter zu sein : der Barbar mit der dunklen Haut, den man berühren, hätscheln durfte, der selbst aber nicht berühren durfte, und der Angehörige eines fremden, kaum zivilisierten Volkes, dessen heimatliche Tracht in Wien zu Spott und Aggression herausforderte.Und beide empfinden sich als der Gesellschaft intellektuell überlegen …

Kazinczy wird der Vertraute des Jahrzehnte älteren Solimans. Ihm erzählt der Afrikaner sein Leben, seine Kindheit, in der er in einen unerbittlichen Bildungsprozeß gepresst wurde, in der er Hätschelobjekt für alle und jeden gewesen war, aber auch gleichsam Leibeigener und, daraus resultierend, auch Bestandteil der Erbmasse, als sein Besitzer und Förderer starb. Für viele Frauen ist er erotisches Lustobjekt und erfüllt auf Anweisung seines Herren solcherlei Wünsche. Liebe findet er aber erst bei einer jüdischen Bankierswitwe, die ihn als Mann und Menschen wahrnimmt, nicht aber als Schwarzen. Aber auch sie weiß, daß er einer Gattin bedarf, um sich im bürgerlichen Sinne etablieren zu können. Und er findet sie, lebt zunächst zurückgezogen in einer liebevollen Ehe, muß aber später bemerken, daß die Gattin und er sich auseinander gelebt haben. Als sie stirbt, muß er die gemeinsame Tochter allein erziehen.

Ferenc Kazinczy derweil kommt in Berührung mit anderen Teilen der Freimaurerei : sein Mentor und späterer Schwiegervater ist Rosenkreuzer und Alchemist, andere Bekannte bezeichnen sich als Illuminaten und streben die Revolution an. Und hier läßt er die notwendige Vorsicht – im Gegensatz zu Angelo Soliman – außer acht. Seine Haftzeit ist unerquicklich, aber er bleibt vom Tode verschont. An einem Ereignis aber trägt er schwer.

Nach der Haftentlassung beginnt ein schweres Leben für Ferenc Kazinczy : er hat sich – von seinem Bruder entrechtet – in die ungarische Provinz zurückgezogen, lebt unter Bauern, die alles Fremde ablehnen, sei es auch nur eine nicht in Ungarn heimische Pflanze. Und doch träumt er davon, Ungarn zu einem kulturellen Zentrum zu machen, ihm eine eigene Sprache zu geben, und so schreibt und übersetzt er, ohne allerdings ein nennenswertes Echo zu finden. Als die Cholera ausbricht, zeigt sich stattdessen ein ganz eigenes ungarisches Nationalbewußtsein : der Mob zieht gegen Juden, Adlige und Großgrundbesitzer zu Felde, weil die angeblich die Bevölkerung vergifteten … Kurz bevor Kazinczy selbst ein Opfer der Cholera wird, erzählt er ihr das, was er nicht aufschreiben konnte, woran er aber seit langen Jahren schwer trug …

Historische Romane gehören nur selten zu meinem Lesepensum, und ich bewahre ihnen gegenüber meist eine, zumindest teilweise, nur schwer erklärbare Skepsis. Das mag an einschlägig schlechten Erfahrungen mit Gordons „Medicus“ oder „Der Päpstin“ von Cross liegen, wenngleich dagegen dann wieder Yourcenar, Feuchtwanger oder von Niebelschütz – und nun also auch Péterfy – als positive Gegenbeispiele in der Waagschale liegen. Es ist immerhin mehr Skepsis als wirkliche Ablehnung des Genres insgesamt, denn es fragt sich, in wieweit das Denken und Fühlen von Menschen in historischen Epochen, etwa dem Mittelalter, überhaupt nachempfunden werden kann, ohne es bedenkenlos zu modernisieren, einem Manierismus – oder schlicht dem Kitsch – unterzuordnen oder die Geschichte für die Gegenwart zu instrumentalisieren (dies allerdings ist oder wäre in totalitären Systemen sogar notwendig, da offene, eindeutig gegenwartsbezogene Kritik dort nicht geduldet würde).

Gergely Péterfy hat für seinen Roman zehn Jahre lang recherchiert, mit diesem Buch also begonnen, bevor die autoritären und xenophoben Tendenzen Ungarns sichtbar wurden, und so kann er glaubhaft versichern, daß die Bezüge zur gegenwärtigen ungarischen Entwicklung eher zufällig sind. Aber sie sind augenfällig – oder man will sie so lesen. Die Gedanken- und Empfindungswelt jener Zeit (Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts) ist zugänglicher, immerhin gibt es – im Gegensatz zum Mittelalter – private Aufzeichnungen, Tagebücher und Briefe auch aus dem Bürgertum, zudem bilden Aufklärung und nachfolgende Romantik immer noch die Grundlagen unsres eigenen gedanklichen Settings.

Recherchiert, das heißt, sowohl die wichtigsten Figuren, Angelo Soliman, Ferenc Kazinczy, Sophia Török, hat es wirklich gegeben, ihre historischen Schicksale sind weitgehend verbürgt, als auch – und das ist erschreckend – das Ausstopfen des Afrikaners auf Geheiß des Kaisers. Wäre also 1848 die Sammlung nicht abgebrannt, müßte man sich in Österreich Gedanken machen, wie man mit solchen Menschenpräparaten umzugehen hätte. Thematisiert immerhin wurde das Schicksal des Angelo Soliman 2011 in einer Ausstellung des Wien-Museums.

Péterfy hat seinen Roman klug konstruiert : als einen inneren Monolog der Witwe Kazinczys, die vor dem ausgestopften Barbaren steht und sich erinnert, was ihr Mann ihr von den Begegnungen mit Soliman erzählte, aber auch, wie Ferencs Ambitionen durch die Feindschaft der eigenen Familie und der Feindseligkeit der ungarischen Bevölkerung zunichte gemacht wurden. Die Beobachtungen sind scharf und präzise, und dem entspricht die Sprache. Hier bleibt nirgends Platz für Sentimentalität oder Kitsch. Und so entsteht ein fast gnadenloses Bild der dunklen Seite der Epoche der Aufklärung mit ihrer doppelbödigen Verehrung des Edlen Wilden, die letztlich auch nur Rassismus ist, mit der Begrenzung der Aufklärung auf wenige, gutbürgerliche und intellektuelle Kreise und durch die Launen der Regenten …

Für mich ist dieser Roman ein hochintellektuelles und hochliterarisches Buch, fernab von den oft konsumierten Unterhaltungsromanen in historischer Kulisse. Seine Spannung rührt weniger aus der Handlung, denn aus dem Geflecht zwischen Gesellschaft und – fremden – Einzelnem, aus der Disharmonie von Ideal und Wirklichkeit und aus der Erkenntnis, was der Mensch seinem Mitmenschen alles anzutun vermag : alles.

Bibliographische Angaben :

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

Übersetzt von György Buda

Nischen Verlag

ISBN : 978-3-9503906-2-9

© Jost Renner

Gerhard Köpf : Das Dorf der 13 Dörfer

Ein beruflicher Auftrag führt einen Journalisten und ehemaligen Literaturdozenten zurück in seinen Heimatort, das im Titel genannte Dorf der 13 Dörfer, also den fiktiven Ort Thulsern im Allgäu, im dem schon einige andere Romane Köpfs angesiedelt waren. Hier soll er, der mit der Gegenwart hadert und am Gelingen der Aufklärung durch Presse und Rundfunk zweifelt, anhand des Mittagsläutens der örtlichen Kirche, dieses Dorf portraitieren.

Für ihn wird es eine Reise in die Vergangenheit, und er erinnert sich nicht nur wehmütig an Verlorenes, sondern auch an einige Dinge, die dem betulichen, bürgerlich-gemütlichem Blick widersprechen. So fällt ihm als erstes ein, wie er und alle anderen Kameraden im Kindergarten damit beschäftigt wurden, Hakenkreuze und andere Herrschaftssymbole der Nationalsozialisten in Büchern zu überkleben – eine Entnazifizierung ganz eigener Art. Er erinnert sich an das Begräbnis einer im Dorf ansässigen Adligen, deren Vater vom bayerischen Kronprinzen ein Steuerprivileg gewährt worden war, das die Regierenden der Weimarer Republik allzu gerne wieder entzogen hätten. Doch die verbündet sich mit den Nazis und wird von ihnen nach der Machtergreifung umschwärmt und in Ehren gehalten. Daß sie nach der Kapitulation Deutschlands mit den alliierten Siegern anbändelt, versteht sich von selbst.

Außenseiter haben es in Thulsern nicht leicht, sei es des Erzählers kleine Freundin, die das dunkelhäutige Kind eines amerikanischen Besatzungssoldaten ist, sei es ein Eigenbrötler, der sich am Rande des Dorfes mit der Bienenzucht beschäftigt und – außer von den Kindern – gemieden wird, oder ein Junge, der lieber Bücher liest und sich dem Leben seiner Klassenkameraden nicht angleichen mag. Er wird, gemobbt und gemieden, einen frühen Tod finden (und er war nicht der erste …). Flüchtlinge, die es in das Dorf treibt, werden dort niemals heimisch werden.

Seiner verstorbenen Frau, die ihn als Fotografie auf dieser Reise begleitet hat, erzählt er seine Erinnerungen – an Lehrer und Lehrerinnen, an die Geistlichen, die er als eher bigott empfand, an Schulkameraden und Freunde. Und selbstverständlich erinnert er sich an seine Familie : die Tante, die Ärztin des Dorfes, an seinen Vater, den Dorfbriefträger, den er auf einer Langlauf-Tour begleitet und in dessen Fußstapfen er, zumindest in einem Ferienjob, tritt.

Gerhard Köpf ist ein ruhiger und besonnener Erzähler. Ruhiger war er vielleicht nur in seinem von mir hochgeschätzten Roman „Die Strecke“. Er reiht geduldig, Erählung an Erzählung, Anekdote an Anekdote und entwirft so ein nur beinahe idyllisches Panorama einer Kindheit und Jugend in einem Dorf, und wir können annehmen, daß vieles davon Köpfs eigene Eindrücke und Erlebnisse waren. Er bemerkt Veränderungen durch die moderne Zeit und sieht doch immer wieder gleich Gebliebenes oder Erinnerung Evozierendes. Daß davon einiges nicht in allzu guter Tradition steht, ohne daß Protagonist und Schriftsteller an Herzenswärme verlören, macht dieses Buch ebenso angenehm wie gut.

Das Buch ist, wenn man denn genau hinschaut, auch ein leiser Abgesang auf den Protagonisten, auf den Autor selbst : die Welt hat sich verändert, Bücher, Radiosendungen mit kulturell aufklärenden Inhalten werden nicht mehr sehr lange gebraucht werden, so will es ihm scheinen. Ein Zurück in das Dorf seiner Kindheit aber wird es ebenfalls nicht geben können … von diesem wird, wenn des Protagonisten Erinnerung einst erlischt, nur noch die Postkarten-Idylle geben, die die tieferen Strömungen verdeckt.

Köpfs Bedachtsamkeit findet sich auch in der Sprache wieder, die Bilder zu schaffen vermag, Sätze mäandern läßt und mit etlichen Zitaten gespickt ist, sodaß auch auf dieser Ebene ein angenehmes Leseerlebnis bevorsteht …

Bibliographische Angaben :

Gerhard Köpf : Das Dorf der 13 Dörfer

Braumüller Verlag

ISBN : 978-3-99200-185-9

© Jost Renner

Annemarie Weber : Westend

Es ist April 1945, ein Monat etwa vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Im Charlottenburger Westend, das durch Bombenangriffe teilweise zerstört ist, lebt die siebenundzwanzigjährige Elsa Lewinsky. Bis vor kurzem noch hatte sie in einer Fabrik gearbeitet, doch die ist nun durch die Operationen der Roten Armee unerreichbar. Und auch der Einmarsch der russischen Truppen in ihren Heimatbezirk steht kurz bevor. Elsa ist weitgehend auf sich allein gestellt : der Verlobte wird an der Westfront vermisst, später gibt es Nachricht, er sei in französische Kriegsgefangenschaft geraten. Die Eltern des jungen Mannes sind ihr gegenüber sehr reserviert, immerhin ist sie ja noch nicht mit ihm verheiratet, ihre eigenen Eltern haben sich ins Branndenburgische geflüchtet.

Als bald darauf Charlottenburg zur Frontlinie wird, beginnen für Elsa und alle anderen, vor allem für die Frauen, sehr üble Zeiten. Elsas Wohnhaus brennt nieder, Menschen, die sich Plünderungen widersetzen, werden getötet, die Gerüchte, russische Soldaten würden deutsche Frauen wahllos ? oder auch systematisch vergewaltigen, bewahrheiten sich. Eine andere Frau rät ihr, keinen Widerstand zu leisten und sich möglichst einen „festen“ Täter zu suchen, um dem Tod oder auch Vergewaltigungen durch ganze Trupps zu entgehen. Elsa, die eine Opferhaltung und eigene Schuldgefühle vermeiden, aber auch überleben will, hält sich pragmatisch daran, was ihr ein schlimmeres Schicksal erspart, aber eben auch nur das, denn übel genug wird ihr dennoch mitgespielt.

Erst mit der Kapitulation der Deutschen wird es für alle sicherer : Die russische Besatzungsbehörde verbietet nun solche Exzesse, die sie bei den kämpfenden Truppen mindestens gebilligt, wenn nicht gar angeordnet hatte,(zumal Charlottenburg bald darauf den Briten zugeschlagen wird. Elsa wird Dolmetscherin und – inoffiziell – Sachbearbeiterin bei der militärischen Kulturverwaltung der Briten. Hier muß sie Anträge zur Bewilligung auf Zeitungsgründungen und Kulturveranstaltungen bearbeiten und ihren vorgesetzten Offizieren sagen, ob die Antragsteller nach ihrer Kenntnis Mitglied der NSDAP gewesen seien. Ihre Eltern sind mittlerweile wieder nach Berlin zurückgekehrt und versuchen, die alte, bürgerliche Ordnung zu reetablieren. Daß Elsa aber eine Affäre mit einem britischen Unteroffizier beginnt, sehen sie zwiegespalten – moralisch ist es nicht in Ordnung, die zusätzliche Versorgung mit Lebensmitteln und Luxusgütern allerdings ist willkommen. Für Elsa – und auch den Soldaten – ist es Liebe, wenngleich eine recht aussichtslose.

In all diesen Tagen schreibt sie Briefe an ihren verschollenen, dann in Kriegsgefangenschaft sitzenden Verlobten, erklärt darin ihre unverbrüchliche Liebe und protokolliert doch auch die Änderungen, die sich in ihr entwickelt haben, ohne jedoch auf Einzelheiten wie die Vergewaltigungen oder die Liebesbeziehung explizit einzugehen. Man ahnt bald, daß eine Ehe nach tradiertem bürgerlichen Muster nur schwer durchlebt werden kann. Von einer recht selbständigen Frau ist Elsa auch zu einer sehr selbstbewußten geworden. Als der Verlobte gleich bei seiner Rückkehr versucht, das Zepter in die Hand zu nehmen, wissen wir : er wird diese Briefe niemals zu lesen bekommen …

Bereits 1996 war dieses Buch der Journalistin und Schriftstellerin erschienen und fand schnell literarische – und inhaltliche Anerkennung, während das sieben Jahre zuvor erschienene Buch „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ noch mehrheitlich abgelehnt worden war, da es „die Ehre der deutschen Frau“ beschmutze. Und doch zeigen beide Bücher im wesentlichen dasselbe : die systematische Gewalt gegen Frauen und die – notwendigen – Strategien im Umgang damit, um schlicht zu überleben. So pragmatisch und kaltschnäuzig die Betroffenen damit auch umgehen, bleiben diese Gewaltakte für die Frauen (und für die Leser) ekelhaft, entwürdigend und tief prägend.

In Bezug auf Annemarie Webers Sprache sträubten sich mir anfangs die Nackenhaare : da war eine Autorin zu oft auf der Suche nach einem hochsprachlichen, literarischen Wort, sodaß es gestelzt und allzu hölzern klang – und eben nicht dem Wesen der Protagonistin entspricht, die zwar gutbürgerlichem Hause entstammte, aber dennoch eher alltagsverbunden und lakonisch wirkt. Im Laufe der Zeit hat sich dieser Eindruck dann doch verflüchtigt, denn das Geschehen und die Schilderung der Lebenswelt waren stark genug, den Leser gefangenzunehmen.

Weber hat sich so auch nicht allein auf die Geschichte der Elsa Lewinsky konzentriert, sondern wirft einen recht genauen Blick auf das Verhalten anderer Personen, sei es auf die Mitläufer des Nazi-Regimes, auf die in alle Richtungen Angepaßten, aber auch auf die kleinen Versuche der Solidarität untereinander – und deren Zerbrechlichkeit. Sehr deutlich wird auch der Gegensatz von „irgendwie weitermachen“ und dem bürgerlichen „weiter so“, der zeigt, daß eher wenige aus der hereingebrochenen Katastrophe zu lernen bereit waren.

Alles in allem ist dies ein wichtiges, wenn auch nicht literarisch hochwertiges Buch, das die Endphase des Zweiten Weltkrieges eindrücklich beleuchtet und anhand der Elsa Lewinsky greifbar und nachvollziehbar macht. Gerade die Gegenüberstellung ihrer Erfahrungen mit den Briefen offenbart ein Spannungsverhältnis, das literarisch trägt und den Roman, über dessen autobiographischen Bezüge zu spekulieren müßig ist, dem Leser zum Nutzen vertieft.

In „Roter Winter“ wird die Geschichte Elsa Lewinskys weitergeführt. Diesen Roman werde ich in absehbarer Zeit dann ebenfalls lesen und hier vorstellen.

Bibliographische Angaben :

Annemarie Weber : Westend

AvivA Verlag

ISBN 978-3-932338-52-6

© Jost Renner

Angelika Reitzer : Taghelle Gegend

Gerade einmal 160 Seiten lang ist dieser Roman von Angelika Reitzer, in dem sie die ersten Schritte einer jungen Frau in das Erwachsenenleben beschreibt. Eines Tages, beinahe scheint es eine Affekthandlung, hält Maria ein Auto an, verläßt Familie und die kleine österreichische Provinzstadt und landet in Wien. Hier kommt sie bei einem Bekannten unter und teilt sich mit ihm zwei Jahre lang eine Wohnung. Sie kommt in Berührung mit der Hausbesetzer-Szene, lernt deren Entspanntheit, Offenheit und internationalen Flair zu schätzen. Über Wasser hält sie sich, indem sie für Absolventinnen einer Modeschule schneidert. Später, vermutlich in Berlin, dies bleibt wie vieles andere recht vage, wird sie in der Kostümbildner-Abteilung eines Theaters arbeiten, sich die Rollen vorstellen, deren Kostüme sie näht, um so die Ergebnisse ihrer Arbeit zu verbessern. Auch der Wechsel zum telefonischen Kartenverkauf verschafft ihr erfüllende Momente, erst recht dann, wenn sich unvorhergesehene Probleme mit der Kreditkartenzahlung ihrer Kunden schnell beheben lassen.

Auch privat testet sie sich aus. Hatte sie einst die Avancen eines älteren Autofahrers selbstbwußt abgewiesen, so verliebt sie sich nun in einen älteren Regisseur, der auch eine Art kultureller Mentor zu sein scheint. Allerdings ist der verheiratet und hat ein Kind. Maria ist dennoch zufrieden, mag nicht auf die Trennung ihres Liebhabers von seiner suizidgefährdeten Frau drängen, sondern sieht auch die Sehnsucht, wenn er abwesend ist, als wesentlichen Bestandteil ihrer Beziehung.

Dennoch erkaltet auch diese Liebe, und Maria trennt sich von ihm. Ein Galerist, dann ein Schauspieler sind kurzfristiger Ersatz. Komplikationen gibt es in keinem Fall. Die Gegenwart ist für Maria taghell, vielleicht auch die Zukunft. Dunkle Töne mischen sich allerdings in ihre Geschichte, wenn sie unversehens die Erinnerung überfällt : an ihre Familie, den Tod der Großmutter, der unpassenderweise an einem Ostermontag, Marias Geburtstag, alle Planungen über den Haufen wirft und bei den Eltern allenfalls die Frage aufwirft, wo sich der Sohn gerade aufhält, aufzuwerfen imstande ist.

Der Bruder wiederum ist ein Problemfall, ein Alkoholiker, der mehr recht als schlecht mit einer Leidensgenossin zusammenlebt und dessen Ehe massiv gefährdet ist. Maria hört sich zwar die Klagen ihrer Schwägerin an, verweist sie aber an ihre Eltern, denn ihr ist recht bewußt, daß ihr die Möglichkeiten fehlen, zu helfen. Eine andere Erinnerung – oder ist es ein Tagtraum ? – ist weit finsterer : Als sie in einem Schwimmbad war, ertrank ein Junge, den sie als ihren jüngeren Bruder beschrieb … Hier wird, ziemlich vage und nicht wirklich eindeutig, eine Katastrophe für die Famile angedeutet, die auch Maria fort – und ins Selbständigwerden getrieben haben mag …

Ich bin versucht, zu behaupten, der Roman ist auch nicht mehr das, was er niemals war. Denn spätestens seit dem 20. Jahrhundert, betrachtet man es genauer, eigentlich seit Laurence Sternes „Tristram Shandy“ ist der Roman nicht nur episches Erzählen, sondern immer wieder auch literarisches Experimentierfeld. Und Angelika Reitzer mag sich nicht von den traditionellen Formen des Erzählens binden lassen, sondern testet, spielt und versucht, die Grenzen des Erzählbaren auszuloten, ohne die Geschichte – oder deren Protagonistin – aus dem Blick zu verlieren.

Es mischen sich Orts- und Situationsbeschreibungen, die obwohl nüchtern und schnörkellos geschrieben, eine feine Ästhetik – mehr differenzierte Zeichnung als Ölgemälde – aufweisen, mit Handlung, Träumen und Erinnerungen, sodaß vor dem Leser nicht nur ein Bild, sondern eine Art flirrenden Kaleidoskop zu liegen scheint, das, wiewohl vage, doch dieses Buch, dieses Kunstwerk zu tragen vermag. Dieser Roman ist so eigenwillig wie fordernd, aber es vermag gerade dadurch, den Leser zu bannen und ihm einen befriedigenden Genuß zu schaffen.

Bibliographische Angaben :

Angelika Reitzer : Taghelle Gegend

Haymon Verlag

ISBN : 978-3852188119

© Jost Renner

Karl Ove Knausgård : Spielen

Mit dem dritten Band seiner sechsbändigen Reihe autobiographischer Romane, „Spielen“, begibt sich Karl Ove Knausgård an den Beginn seines Lebens und schildert seine Kindheit auf der südostnorwegischen Insel Tromøy. Als er gerade acht Monate alt ist, ziehen seine Eltern mit ihm und dem älteren Bruder Yngwe dorthin und beziehen ein Haus in einer noch unfertigen Neubau-Siedlung. Es ist für das Land wie für die Familie der Anbruch einer neuen Zeit. Während sich Norwegen nach der Aufarbeitung der deutschen Besetzung neu organisiert, so versuchen die Eltern ein eigenes, selbständiges Leben zu begründen. Beide Elternteile arbeiten, die Mutter in der Pflege, der Vater als Lehrer. Man ist nicht arm, aber Geld im Überfluß ist auch nicht vorhanden.

Für die Kinder sind viele, vor allem räumliche Freiheiten vorhanden, immerhin ist die Insel nicht allzu dicht besiedelt und der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Karl Ove kann also mit Nachbarskindern und später Schulkameraden recht unbekümmert durch die Gegend streifen und sich den kindlichen Vergnügungen, die auch eine Menge Unsinn beinhalten, unbelastet hingeben. Allerdings ist es dennoch kein Kindheitsparadies, denn der Vater setzt Grenzen ganz eigener Art, autoritär, unberechenbar, jähzornig und teils gewalttätig. Fragte ich mich im ersten Band „Sterben“ noch, woher denn der unbändige Hass auf den Vater komme, so klärt diese Kindheitsgeschichte sehr viel und macht Knausgårds Ressentiments nachvollziehbar.

Die väterlichen Übergriffe, und es sind unzählige, machen aber den Vater dem Erzähler auch nach fast vier Jahrzehnten als Person greifbar, während er sich an die Mutter, ein Gegenbild des Vaters, sozial, fürsorglich, familiär und kommunikativ, als Mensch nur unter Schwierigkeiten erinnern kann. Doch sie vermag ihm Sicherheit und Geborgenheit zu geben, redet mit ihm, während die Kommunikationsversuche des Vaters allenfalls halbherzig ausfallen und bald wieder eingestellt werden. Die wenigen Momente aber lassen erahnen, wie die Geschichte hätte besser und für den Jungen angenehmer verlaufen können.

Es kann nicht ausbleiben, daß diese dominante, übermächtige Vaterfigur den Jungen auf verschiedenste Weise prägt und in seinem Verhalten – eher negativ – beeinflußt. So ist er auf der einen Seite gut in der Schule, was ihn in den Augen seiner Mitschüler suspekt macht, gibt sich gern altklug und moralisierend und steht allzu gern im Mittelpunkt, ohne damit umgehen zu können, daß ihm das des öfteren verwehrt wird oder er gar abgewiesen wird. Als er etwa feststellen muß, daß Anne Lisbet, in die er sich ein wenig verkuckt hatte, einen anderen ihm vorzieht, bricht für ihn fast die Welt zusammen, natürlich auch, weil er niemals eine Erklärung für ihren Sinneswandel erhält. Auf der anderen Seite ist Karl Ove ein ängstliches Kind, fürchtet sich vor Hunden, Geistern, Toten und neuen, ungewohnten Situationen. Und er ist sehr nah am Wasser gebaut, d.h., er beginnt bei Kleinigkeiten schon zu weinen. Das alles macht es ihm im Kameraden-Kreis immer unbeliebter, sodaß er sich alsbald im Abseits befindet, eine Isolation, die die familiäre Situation noch unerträglicher macht.

Auffallend das frühe und intensive Interesse an Mädchen, das ihn, der doch eigentlich im Umgang mit ihnen eher hilflos erscheint, dazu bringt, sich den Themen und Kommunikationsmechanismen des Weiblichen anzunähern. Das verhilft ihm zwar zunächst zur Annäherung, aber bald gilt er als eklig, feminin und wird sogar böswillig als schwul verleumdet. Auch die frühpubertären „Beziehungen“ sind allenfalls eine Sache von Tagen, wie es in dieser Zeit wohl auch normal ist, aber er trägt dazu bei, weil er entweder zu langweilig und hilflos wirkt oder im anderen Extrem zu forsch vorgeht. Der Wechsel an die Oberschule soll ihn erlösen, aber es dauert nicht lange, und er ist wieder Außenseiter …

„Spielen“ ist nun der dritte Band von Knausgårds Romanprojekt und das vierte Buch überhaupt, das ich gelesen habe. Und ich bereue es nicht. Kurz vor und mit dem Erscheinen formierten sich im Feuilleton die Befürworter und die Gegner. „Meisterwerk“, riefen die einen, „Hype“, bis heute die anderen, und beides wäre durchaus dazu angetan gewesen, die Lektüre gleich ganz zu verweigern, was wohl etliche potenzielle Leser auch taten. Schon bei Band 1 „Sterben“ und auch bei Band 2 „Lieben“ empfand ich, das beide Seiten gleichermaßen Unrecht haben könnten. Als Meisterwerke konnte ich nämlich beide nicht sehen, dazu blieben mir im ersten Band zum einen zu viele Fragen offen, zum anderen irritierte mich die deutliche Zweiteilung, die ich als eher unvorteilhaft empfand. Und dennoch war auch schon erkennbar, daß hier niemand seine Erinnerungen in narzisstischem Wahn heruntergeschrieben hatte, ohne auf Aufbau, Stil oder Sprache zu achten. Im Gegenteil : es waren deutliche Gestaltungsbemühungen bis hinein in kleinste sprachliche, literarische Formulierungen, in Rhythmus von Sätzen und Absätzen erkennbar.

Der zweite Band „Lieben“ funktionierte wieder ganz anders, ebenfalls zweigeteilt, doch auf andere Art : hier wurde die Erinnerung mit der aktuellen Schreibsituation kombiniert, für mich spannender als die Vorgehensweise des ersten Bandes, denn es blieben freie Räume zur essayistischen Vertiefung und Variation. In diesem Band kamen auch Knausgårds Frau und die gemeinsamen Kinder ins Spiel, die Schwierigkeiten, zu schreiben, obwohl man durch familiäre Pflichten und Konstellationen so weit eingebunden war, um Freiräume allenfalls nur noch mühsam – und vielleicht auf Kosten der anderen – erhalten zu können. Aus der Leserschaft und wohl auch aus der Nichtleserschaft (aufgrund von Inhaltsangaben und Rezensionen) kamen denn auch erwartungsgemäß und reflexartig „narzisstisch“ oder „verantwortungslos“ als wertende Reaktionen, ohne daß bedacht wurde, daß einerseits jeder Selbständige heutzutage vor ähnlichen Problemen steht und andererseits des Schreibers Projekt auch darin bestehen könnte, sich in möglichst schlechtem Lichte darzustellen, natürlich unter dem Label „ehrliche Selbsterkundung“.

Nun also Band 3. Von allen dreien scheint er mir der gelungenste, denn er ist stringent, verzichtet auf eine deutliche Zweiteilung und macht dennoch immer wieder deutlich, daß die Erzählperspektive nicht die eines Sechs- bis Dreizehnjährigen ist, sondern die eines Manns von gut vierzig Jahren, der versucht, seiner Erinnerungen habhaft zu werden und sie in eine literarische Form zu gießen. So geben einzelne Sätze, ein kurzer Einschub über das Wesen und das Trügerische der Erinnerung und ein melancholischer Abschluß, der deutlich macht, daß das Erinnerte wahrscheinlich nur allein für diesen einen Erinnernden wirklich wichtig und damit dauerhaft ist, einen Einblick in den Schaffensprozeß.

Der Autor reiht Situationen aneinander, alle gleich minutiös beschrieben, aber sehr wohl unterschiedlich ausgedehnt. So entsteht auch in der Abfolge ein Rhythmus, manches, das quälen soll oder auch ihn quälte, dehnt sich scheinbar endlos, anderes wirkt kompakter, so als solle der Schlag unvermutet und umso härter erfolgen. Gleiches gilt auch für die selteneren glücklichen Momente. Die Akribie erschien mir niemals langweilend, denn sie beschränkt sich immer nur auf überschaubare Szenen, läßt aber dadurch das Buch insgesamt genauer, umfassender erscheinen, als es ist. Denn wollte man ernsthaft jeden einzelnen Augenblick der Kindheit so erfassen, hätte allein dieser Roman wohl zehn und mehr Bände.

Karl Ove mag als Kind ebenso wenig sympathisch wirken wie Knausgård als erwachsene Figur, doch jedem, der nur ansatzweise ähnliche familiäre Konstellationen hat erleben müssen, vermag, mit diesem Kind zu bangen, mitzufühlen und seine Situation und die vermutlich lebenslange Falle, in die er hineinzugeraten droht, zu erahnen. Ohne seine Figur und deren Erlebniswelt explizit psychoanalytisch zu erkunden und aufzuklären, vermag er doch, durch Akribie wie Plastizität das Leben des Jungen eindrücklich und nachvollziehbar so darzustellen, daß Leben und Leiden im Leser manifest werden, und damit einen Schlüssel zur Persönlichkeit der Romanfigur und des Autors in der Hand zu haben glauben. Aber natürlich ist auch hier Vorsicht geboten, denn er äußerte in einem Interview mit der „Zeit“: „Ich habe nur über einen kleinen Teil von mir geschrieben. Damit habe ich entschieden: Das bin ich!“ Manche der vehementen Abwehrreaktionen, die ich wahrnahm, haben wohl genau damit zu tun : daß man nicht realisierte, daß Knausgård einen bewußt gewählten und gestalteten, bzw. stilisierten Ausschnitt seiner Gesamtpersönlichkeit in den Mittelpunkt stellte.

Für die Zukunft möge man sich hüten, hier einen Gegensatz von Hype und Meisterwerk aufzubauen, denn die Bücher sind wohl beides nicht. Sie sind lesbare, statthafte Wege, sich seiner Autobiographie anzunähern, sie literarisch zu erarbeiten, sind erhellend wie intensiv. Sie sind – mit Sicherheit – auch Symptome der Zeit, die seit langem das Individuum, das Selbst und die Selbstverwirklichung herausgestellt hat. Offen bleibt, ob sie vor der Literaturgeschichte Bestand haben werden. Für die Gegenwart haben sie es ohne Zweifel.

Bibliographische Angaben :

Karl Ove Knausgård : Spielen

Übersetzt von Paul Berf

Luchterhand Literaturverlag

ISBN : 978-3442749324

© Jost Renner