Autor: tinius

Annemarie Weber : Westend

Es ist April 1945, ein Monat etwa vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Im Charlottenburger Westend, das durch Bombenangriffe teilweise zerstört ist, lebt die siebenundzwanzigjährige Elsa Lewinsky. Bis vor kurzem noch hatte sie in einer Fabrik gearbeitet, doch die ist nun durch die Operationen der Roten Armee unerreichbar. Und auch der Einmarsch der russischen Truppen in ihren Heimatbezirk steht kurz bevor. Elsa ist weitgehend auf sich allein gestellt : der Verlobte wird an der Westfront vermisst, später gibt es Nachricht, er sei in französische Kriegsgefangenschaft geraten. Die Eltern des jungen Mannes sind ihr gegenüber sehr reserviert, immerhin ist sie ja noch nicht mit ihm verheiratet, ihre eigenen Eltern haben sich ins Branndenburgische geflüchtet.

Als bald darauf Charlottenburg zur Frontlinie wird, beginnen für Elsa und alle anderen, vor allem für die Frauen, sehr üble Zeiten. Elsas Wohnhaus brennt nieder, Menschen, die sich Plünderungen widersetzen, werden getötet, die Gerüchte, russische Soldaten würden deutsche Frauen wahllos ? oder auch systematisch vergewaltigen, bewahrheiten sich. Eine andere Frau rät ihr, keinen Widerstand zu leisten und sich möglichst einen „festen“ Täter zu suchen, um dem Tod oder auch Vergewaltigungen durch ganze Trupps zu entgehen. Elsa, die eine Opferhaltung und eigene Schuldgefühle vermeiden, aber auch überleben will, hält sich pragmatisch daran, was ihr ein schlimmeres Schicksal erspart, aber eben auch nur das, denn übel genug wird ihr dennoch mitgespielt.

Erst mit der Kapitulation der Deutschen wird es für alle sicherer : Die russische Besatzungsbehörde verbietet nun solche Exzesse, die sie bei den kämpfenden Truppen mindestens gebilligt, wenn nicht gar angeordnet hatte,(zumal Charlottenburg bald darauf den Briten zugeschlagen wird. Elsa wird Dolmetscherin und – inoffiziell – Sachbearbeiterin bei der militärischen Kulturverwaltung der Briten. Hier muß sie Anträge zur Bewilligung auf Zeitungsgründungen und Kulturveranstaltungen bearbeiten und ihren vorgesetzten Offizieren sagen, ob die Antragsteller nach ihrer Kenntnis Mitglied der NSDAP gewesen seien. Ihre Eltern sind mittlerweile wieder nach Berlin zurückgekehrt und versuchen, die alte, bürgerliche Ordnung zu reetablieren. Daß Elsa aber eine Affäre mit einem britischen Unteroffizier beginnt, sehen sie zwiegespalten – moralisch ist es nicht in Ordnung, die zusätzliche Versorgung mit Lebensmitteln und Luxusgütern allerdings ist willkommen. Für Elsa – und auch den Soldaten – ist es Liebe, wenngleich eine recht aussichtslose.

In all diesen Tagen schreibt sie Briefe an ihren verschollenen, dann in Kriegsgefangenschaft sitzenden Verlobten, erklärt darin ihre unverbrüchliche Liebe und protokolliert doch auch die Änderungen, die sich in ihr entwickelt haben, ohne jedoch auf Einzelheiten wie die Vergewaltigungen oder die Liebesbeziehung explizit einzugehen. Man ahnt bald, daß eine Ehe nach tradiertem bürgerlichen Muster nur schwer durchlebt werden kann. Von einer recht selbständigen Frau ist Elsa auch zu einer sehr selbstbewußten geworden. Als der Verlobte gleich bei seiner Rückkehr versucht, das Zepter in die Hand zu nehmen, wissen wir : er wird diese Briefe niemals zu lesen bekommen …

Bereits 1996 war dieses Buch der Journalistin und Schriftstellerin erschienen und fand schnell literarische – und inhaltliche Anerkennung, während das sieben Jahre zuvor erschienene Buch „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ noch mehrheitlich abgelehnt worden war, da es „die Ehre der deutschen Frau“ beschmutze. Und doch zeigen beide Bücher im wesentlichen dasselbe : die systematische Gewalt gegen Frauen und die – notwendigen – Strategien im Umgang damit, um schlicht zu überleben. So pragmatisch und kaltschnäuzig die Betroffenen damit auch umgehen, bleiben diese Gewaltakte für die Frauen (und für die Leser) ekelhaft, entwürdigend und tief prägend.

In Bezug auf Annemarie Webers Sprache sträubten sich mir anfangs die Nackenhaare : da war eine Autorin zu oft auf der Suche nach einem hochsprachlichen, literarischen Wort, sodaß es gestelzt und allzu hölzern klang – und eben nicht dem Wesen der Protagonistin entspricht, die zwar gutbürgerlichem Hause entstammte, aber dennoch eher alltagsverbunden und lakonisch wirkt. Im Laufe der Zeit hat sich dieser Eindruck dann doch verflüchtigt, denn das Geschehen und die Schilderung der Lebenswelt waren stark genug, den Leser gefangenzunehmen.

Weber hat sich so auch nicht allein auf die Geschichte der Elsa Lewinsky konzentriert, sondern wirft einen recht genauen Blick auf das Verhalten anderer Personen, sei es auf die Mitläufer des Nazi-Regimes, auf die in alle Richtungen Angepaßten, aber auch auf die kleinen Versuche der Solidarität untereinander – und deren Zerbrechlichkeit. Sehr deutlich wird auch der Gegensatz von „irgendwie weitermachen“ und dem bürgerlichen „weiter so“, der zeigt, daß eher wenige aus der hereingebrochenen Katastrophe zu lernen bereit waren.

Alles in allem ist dies ein wichtiges, wenn auch nicht literarisch hochwertiges Buch, das die Endphase des Zweiten Weltkrieges eindrücklich beleuchtet und anhand der Elsa Lewinsky greifbar und nachvollziehbar macht. Gerade die Gegenüberstellung ihrer Erfahrungen mit den Briefen offenbart ein Spannungsverhältnis, das literarisch trägt und den Roman, über dessen autobiographischen Bezüge zu spekulieren müßig ist, dem Leser zum Nutzen vertieft.

In „Roter Winter“ wird die Geschichte Elsa Lewinskys weitergeführt. Diesen Roman werde ich in absehbarer Zeit dann ebenfalls lesen und hier vorstellen.

Bibliographische Angaben :

Annemarie Weber : Westend

AvivA Verlag

ISBN 978-3-932338-52-6

© Jost Renner

Angelika Reitzer : Taghelle Gegend

Gerade einmal 160 Seiten lang ist dieser Roman von Angelika Reitzer, in dem sie die ersten Schritte einer jungen Frau in das Erwachsenenleben beschreibt. Eines Tages, beinahe scheint es eine Affekthandlung, hält Maria ein Auto an, verläßt Familie und die kleine österreichische Provinzstadt und landet in Wien. Hier kommt sie bei einem Bekannten unter und teilt sich mit ihm zwei Jahre lang eine Wohnung. Sie kommt in Berührung mit der Hausbesetzer-Szene, lernt deren Entspanntheit, Offenheit und internationalen Flair zu schätzen. Über Wasser hält sie sich, indem sie für Absolventinnen einer Modeschule schneidert. Später, vermutlich in Berlin, dies bleibt wie vieles andere recht vage, wird sie in der Kostümbildner-Abteilung eines Theaters arbeiten, sich die Rollen vorstellen, deren Kostüme sie näht, um so die Ergebnisse ihrer Arbeit zu verbessern. Auch der Wechsel zum telefonischen Kartenverkauf verschafft ihr erfüllende Momente, erst recht dann, wenn sich unvorhergesehene Probleme mit der Kreditkartenzahlung ihrer Kunden schnell beheben lassen.

Auch privat testet sie sich aus. Hatte sie einst die Avancen eines älteren Autofahrers selbstbwußt abgewiesen, so verliebt sie sich nun in einen älteren Regisseur, der auch eine Art kultureller Mentor zu sein scheint. Allerdings ist der verheiratet und hat ein Kind. Maria ist dennoch zufrieden, mag nicht auf die Trennung ihres Liebhabers von seiner suizidgefährdeten Frau drängen, sondern sieht auch die Sehnsucht, wenn er abwesend ist, als wesentlichen Bestandteil ihrer Beziehung.

Dennoch erkaltet auch diese Liebe, und Maria trennt sich von ihm. Ein Galerist, dann ein Schauspieler sind kurzfristiger Ersatz. Komplikationen gibt es in keinem Fall. Die Gegenwart ist für Maria taghell, vielleicht auch die Zukunft. Dunkle Töne mischen sich allerdings in ihre Geschichte, wenn sie unversehens die Erinnerung überfällt : an ihre Familie, den Tod der Großmutter, der unpassenderweise an einem Ostermontag, Marias Geburtstag, alle Planungen über den Haufen wirft und bei den Eltern allenfalls die Frage aufwirft, wo sich der Sohn gerade aufhält, aufzuwerfen imstande ist.

Der Bruder wiederum ist ein Problemfall, ein Alkoholiker, der mehr recht als schlecht mit einer Leidensgenossin zusammenlebt und dessen Ehe massiv gefährdet ist. Maria hört sich zwar die Klagen ihrer Schwägerin an, verweist sie aber an ihre Eltern, denn ihr ist recht bewußt, daß ihr die Möglichkeiten fehlen, zu helfen. Eine andere Erinnerung – oder ist es ein Tagtraum ? – ist weit finsterer : Als sie in einem Schwimmbad war, ertrank ein Junge, den sie als ihren jüngeren Bruder beschrieb … Hier wird, ziemlich vage und nicht wirklich eindeutig, eine Katastrophe für die Famile angedeutet, die auch Maria fort – und ins Selbständigwerden getrieben haben mag …

Ich bin versucht, zu behaupten, der Roman ist auch nicht mehr das, was er niemals war. Denn spätestens seit dem 20. Jahrhundert, betrachtet man es genauer, eigentlich seit Laurence Sternes „Tristram Shandy“ ist der Roman nicht nur episches Erzählen, sondern immer wieder auch literarisches Experimentierfeld. Und Angelika Reitzer mag sich nicht von den traditionellen Formen des Erzählens binden lassen, sondern testet, spielt und versucht, die Grenzen des Erzählbaren auszuloten, ohne die Geschichte – oder deren Protagonistin – aus dem Blick zu verlieren.

Es mischen sich Orts- und Situationsbeschreibungen, die obwohl nüchtern und schnörkellos geschrieben, eine feine Ästhetik – mehr differenzierte Zeichnung als Ölgemälde – aufweisen, mit Handlung, Träumen und Erinnerungen, sodaß vor dem Leser nicht nur ein Bild, sondern eine Art flirrenden Kaleidoskop zu liegen scheint, das, wiewohl vage, doch dieses Buch, dieses Kunstwerk zu tragen vermag. Dieser Roman ist so eigenwillig wie fordernd, aber es vermag gerade dadurch, den Leser zu bannen und ihm einen befriedigenden Genuß zu schaffen.

Bibliographische Angaben :

Angelika Reitzer : Taghelle Gegend

Haymon Verlag

ISBN : 978-3852188119

© Jost Renner

Karl Ove Knausgård : Spielen

Mit dem dritten Band seiner sechsbändigen Reihe autobiographischer Romane, „Spielen“, begibt sich Karl Ove Knausgård an den Beginn seines Lebens und schildert seine Kindheit auf der südostnorwegischen Insel Tromøy. Als er gerade acht Monate alt ist, ziehen seine Eltern mit ihm und dem älteren Bruder Yngwe dorthin und beziehen ein Haus in einer noch unfertigen Neubau-Siedlung. Es ist für das Land wie für die Familie der Anbruch einer neuen Zeit. Während sich Norwegen nach der Aufarbeitung der deutschen Besetzung neu organisiert, so versuchen die Eltern ein eigenes, selbständiges Leben zu begründen. Beide Elternteile arbeiten, die Mutter in der Pflege, der Vater als Lehrer. Man ist nicht arm, aber Geld im Überfluß ist auch nicht vorhanden.

Für die Kinder sind viele, vor allem räumliche Freiheiten vorhanden, immerhin ist die Insel nicht allzu dicht besiedelt und der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Karl Ove kann also mit Nachbarskindern und später Schulkameraden recht unbekümmert durch die Gegend streifen und sich den kindlichen Vergnügungen, die auch eine Menge Unsinn beinhalten, unbelastet hingeben. Allerdings ist es dennoch kein Kindheitsparadies, denn der Vater setzt Grenzen ganz eigener Art, autoritär, unberechenbar, jähzornig und teils gewalttätig. Fragte ich mich im ersten Band „Sterben“ noch, woher denn der unbändige Hass auf den Vater komme, so klärt diese Kindheitsgeschichte sehr viel und macht Knausgårds Ressentiments nachvollziehbar.

Die väterlichen Übergriffe, und es sind unzählige, machen aber den Vater dem Erzähler auch nach fast vier Jahrzehnten als Person greifbar, während er sich an die Mutter, ein Gegenbild des Vaters, sozial, fürsorglich, familiär und kommunikativ, als Mensch nur unter Schwierigkeiten erinnern kann. Doch sie vermag ihm Sicherheit und Geborgenheit zu geben, redet mit ihm, während die Kommunikationsversuche des Vaters allenfalls halbherzig ausfallen und bald wieder eingestellt werden. Die wenigen Momente aber lassen erahnen, wie die Geschichte hätte besser und für den Jungen angenehmer verlaufen können.

Es kann nicht ausbleiben, daß diese dominante, übermächtige Vaterfigur den Jungen auf verschiedenste Weise prägt und in seinem Verhalten – eher negativ – beeinflußt. So ist er auf der einen Seite gut in der Schule, was ihn in den Augen seiner Mitschüler suspekt macht, gibt sich gern altklug und moralisierend und steht allzu gern im Mittelpunkt, ohne damit umgehen zu können, daß ihm das des öfteren verwehrt wird oder er gar abgewiesen wird. Als er etwa feststellen muß, daß Anne Lisbet, in die er sich ein wenig verkuckt hatte, einen anderen ihm vorzieht, bricht für ihn fast die Welt zusammen, natürlich auch, weil er niemals eine Erklärung für ihren Sinneswandel erhält. Auf der anderen Seite ist Karl Ove ein ängstliches Kind, fürchtet sich vor Hunden, Geistern, Toten und neuen, ungewohnten Situationen. Und er ist sehr nah am Wasser gebaut, d.h., er beginnt bei Kleinigkeiten schon zu weinen. Das alles macht es ihm im Kameraden-Kreis immer unbeliebter, sodaß er sich alsbald im Abseits befindet, eine Isolation, die die familiäre Situation noch unerträglicher macht.

Auffallend das frühe und intensive Interesse an Mädchen, das ihn, der doch eigentlich im Umgang mit ihnen eher hilflos erscheint, dazu bringt, sich den Themen und Kommunikationsmechanismen des Weiblichen anzunähern. Das verhilft ihm zwar zunächst zur Annäherung, aber bald gilt er als eklig, feminin und wird sogar böswillig als schwul verleumdet. Auch die frühpubertären „Beziehungen“ sind allenfalls eine Sache von Tagen, wie es in dieser Zeit wohl auch normal ist, aber er trägt dazu bei, weil er entweder zu langweilig und hilflos wirkt oder im anderen Extrem zu forsch vorgeht. Der Wechsel an die Oberschule soll ihn erlösen, aber es dauert nicht lange, und er ist wieder Außenseiter …

„Spielen“ ist nun der dritte Band von Knausgårds Romanprojekt und das vierte Buch überhaupt, das ich gelesen habe. Und ich bereue es nicht. Kurz vor und mit dem Erscheinen formierten sich im Feuilleton die Befürworter und die Gegner. „Meisterwerk“, riefen die einen, „Hype“, bis heute die anderen, und beides wäre durchaus dazu angetan gewesen, die Lektüre gleich ganz zu verweigern, was wohl etliche potenzielle Leser auch taten. Schon bei Band 1 „Sterben“ und auch bei Band 2 „Lieben“ empfand ich, das beide Seiten gleichermaßen Unrecht haben könnten. Als Meisterwerke konnte ich nämlich beide nicht sehen, dazu blieben mir im ersten Band zum einen zu viele Fragen offen, zum anderen irritierte mich die deutliche Zweiteilung, die ich als eher unvorteilhaft empfand. Und dennoch war auch schon erkennbar, daß hier niemand seine Erinnerungen in narzisstischem Wahn heruntergeschrieben hatte, ohne auf Aufbau, Stil oder Sprache zu achten. Im Gegenteil : es waren deutliche Gestaltungsbemühungen bis hinein in kleinste sprachliche, literarische Formulierungen, in Rhythmus von Sätzen und Absätzen erkennbar.

Der zweite Band „Lieben“ funktionierte wieder ganz anders, ebenfalls zweigeteilt, doch auf andere Art : hier wurde die Erinnerung mit der aktuellen Schreibsituation kombiniert, für mich spannender als die Vorgehensweise des ersten Bandes, denn es blieben freie Räume zur essayistischen Vertiefung und Variation. In diesem Band kamen auch Knausgårds Frau und die gemeinsamen Kinder ins Spiel, die Schwierigkeiten, zu schreiben, obwohl man durch familiäre Pflichten und Konstellationen so weit eingebunden war, um Freiräume allenfalls nur noch mühsam – und vielleicht auf Kosten der anderen – erhalten zu können. Aus der Leserschaft und wohl auch aus der Nichtleserschaft (aufgrund von Inhaltsangaben und Rezensionen) kamen denn auch erwartungsgemäß und reflexartig „narzisstisch“ oder „verantwortungslos“ als wertende Reaktionen, ohne daß bedacht wurde, daß einerseits jeder Selbständige heutzutage vor ähnlichen Problemen steht und andererseits des Schreibers Projekt auch darin bestehen könnte, sich in möglichst schlechtem Lichte darzustellen, natürlich unter dem Label „ehrliche Selbsterkundung“.

Nun also Band 3. Von allen dreien scheint er mir der gelungenste, denn er ist stringent, verzichtet auf eine deutliche Zweiteilung und macht dennoch immer wieder deutlich, daß die Erzählperspektive nicht die eines Sechs- bis Dreizehnjährigen ist, sondern die eines Manns von gut vierzig Jahren, der versucht, seiner Erinnerungen habhaft zu werden und sie in eine literarische Form zu gießen. So geben einzelne Sätze, ein kurzer Einschub über das Wesen und das Trügerische der Erinnerung und ein melancholischer Abschluß, der deutlich macht, daß das Erinnerte wahrscheinlich nur allein für diesen einen Erinnernden wirklich wichtig und damit dauerhaft ist, einen Einblick in den Schaffensprozeß.

Der Autor reiht Situationen aneinander, alle gleich minutiös beschrieben, aber sehr wohl unterschiedlich ausgedehnt. So entsteht auch in der Abfolge ein Rhythmus, manches, das quälen soll oder auch ihn quälte, dehnt sich scheinbar endlos, anderes wirkt kompakter, so als solle der Schlag unvermutet und umso härter erfolgen. Gleiches gilt auch für die selteneren glücklichen Momente. Die Akribie erschien mir niemals langweilend, denn sie beschränkt sich immer nur auf überschaubare Szenen, läßt aber dadurch das Buch insgesamt genauer, umfassender erscheinen, als es ist. Denn wollte man ernsthaft jeden einzelnen Augenblick der Kindheit so erfassen, hätte allein dieser Roman wohl zehn und mehr Bände.

Karl Ove mag als Kind ebenso wenig sympathisch wirken wie Knausgård als erwachsene Figur, doch jedem, der nur ansatzweise ähnliche familiäre Konstellationen hat erleben müssen, vermag, mit diesem Kind zu bangen, mitzufühlen und seine Situation und die vermutlich lebenslange Falle, in die er hineinzugeraten droht, zu erahnen. Ohne seine Figur und deren Erlebniswelt explizit psychoanalytisch zu erkunden und aufzuklären, vermag er doch, durch Akribie wie Plastizität das Leben des Jungen eindrücklich und nachvollziehbar so darzustellen, daß Leben und Leiden im Leser manifest werden, und damit einen Schlüssel zur Persönlichkeit der Romanfigur und des Autors in der Hand zu haben glauben. Aber natürlich ist auch hier Vorsicht geboten, denn er äußerte in einem Interview mit der „Zeit“: „Ich habe nur über einen kleinen Teil von mir geschrieben. Damit habe ich entschieden: Das bin ich!“ Manche der vehementen Abwehrreaktionen, die ich wahrnahm, haben wohl genau damit zu tun : daß man nicht realisierte, daß Knausgård einen bewußt gewählten und gestalteten, bzw. stilisierten Ausschnitt seiner Gesamtpersönlichkeit in den Mittelpunkt stellte.

Für die Zukunft möge man sich hüten, hier einen Gegensatz von Hype und Meisterwerk aufzubauen, denn die Bücher sind wohl beides nicht. Sie sind lesbare, statthafte Wege, sich seiner Autobiographie anzunähern, sie literarisch zu erarbeiten, sind erhellend wie intensiv. Sie sind – mit Sicherheit – auch Symptome der Zeit, die seit langem das Individuum, das Selbst und die Selbstverwirklichung herausgestellt hat. Offen bleibt, ob sie vor der Literaturgeschichte Bestand haben werden. Für die Gegenwart haben sie es ohne Zweifel.

Bibliographische Angaben :

Karl Ove Knausgård : Spielen

Übersetzt von Paul Berf

Luchterhand Literaturverlag

ISBN : 978-3442749324

© Jost Renner

Heinrich Böll : Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind: Die Kriegstagebücher 1943-1945

Diese Ausgabe der erhaltenen Kriegstagebücher – drei andere Bände sind in den Kriegswirren verloren gegangen – verdanken wir in erster Linie dem am 21 Dezember 2017 anstehenden 100. Geburtstag Heinrich Bölls und der daraus folgenden verzweifelten Suche, was man denn anläßlich dieses nicht unwichtigen Jubiläums auf den Markt werfen könnte. Man befand diese Kriegstagebücher als geeignet und störte sich kaum daran, daß Böll selbst die Veröffentlichung in seinem Testament ausschloß. In seinem Vorwort können wir nun den Sohn René Böll dabei beobachten, wie er sich seine Wahrheit bequem zurecht biegt, sich also in die eigene Tasche und die des Verlages lügt, um aus Bölls Zustimmung, diese Aufzeichnungen der wissenschaftlichen Auswertung zugänglich zu machen, eine generelle Erlaubnis zur Veröffentlichung abzuleiten. Das ist, mit Verlaub gesagt, Leichenfledderei und recht unappetitlich. Nicht weniger abstoßend erscheint mir, das im Marketing und in manchen Rezensionen verwendete Schlagwort „Sensationell“, das in Zeiten der Industrialisierung der Buch- und Verlagskultur sowieso schon überstrapaziert wird.

Dennoch will ich und sollte mich auch davor hüten, allzu laut zu lamentieren. Immerhin habe ich dieses Buch gekauft und relativ rasch nach Erscheinen gelesen, vermutlich aus ganz denselben Gründen, die René Böll und der Verlag Kiepenheuer & Witsch zur Publikation veranlassten : das Bedürfnis vieler Leser, einen Autor, der immerhin Generationen durch seine Literatur, aber auch seine politischen Einstellungen, nachhaltig prägte, unmittelbar und in seiner Menschlichkeit zu erfahren, und auch der Maschinerie des Krieges durch ungefiltertes Zeugnis ein wenig habhaft zu werden. Letzteres zumindest konnte in den nun vorliegenden Aufzeichnungen nur sehr eingeschränkt gelingen.

Heinrich Böll diente sechs Jahre, also den ganzen Zweiten Weltkrieg, als Soldat. Kurz vor dem Überfall auf Polen rückte er am 4. September 1939 ein. Zuvor noch hatte er ein Studium der Germanistik und der Klassischen Philologie begonnen und seinen ersten Roman geschrieben. Mit Sicherheit war er über die Einberufung alles andere als glücklich, stand sie doch einem selbstbestimmten Leben und dem Schreiben entgegen, und konsequenterweise beschränkten sich seine schriftlichen Äußerungen in den Kriegsjahren vor allem auf Briefe und – eher stichwortartige – Tagebuchaufzeichnungen. Immerhin verlebte er die ersten Kriegsjahre eher in Kasernen und war damit relativ sicher. Doch empfand er den Kasernendienst, den Kameradschaftsgeist etc. als öde und belastend. Im Oktober 1943 – mit dem Beginn des vorliegenden Bandes – sollte sich das ändern : er wurde mit seiner Einheit nach Odessa verlegt und nahm ab November an den Schlachten auf der Krim teil, bis er verwundet wurde. Jetzt ist der Tod greifbar, Kameraden fallen, Artillerie und die Kugeln der Gegner gefährden auch ihn. Kälte, Dreck, Enge und das Dauerfeuer machen ihm zu schaffen, gleichzeitig sehnt er sich nach seiner Frau Annemarie, die er 1942 auf Urlaub geheiratet hatte, und seiner Familie, die in der Heimat durch Bombenangriffe bedroht sind. Daß seine Frau schwanger ist, daß seine Mutter schwer erkrankt – und noch in seiner Dienstzeit sterben wird – macht es ihm nicht leichter. Trost und Hilfe sucht er bei Gott. Böll ist gläubiger – katholischer – Christ und erbittet bei Gott Schutz und Rettung für sich und seine Nächsten, auch wenn er ab und an zweifelt, ob er genügend und richtig bete.

Seine Urlaube verbringt er, wenn möglich, mit der Familie und seiner Frau und scheut auch nicht davor zurück, Daten auf den Urlaubsscheinen zu fälschen, um ein paar Tage zu gewinnen. Niemandem, gottseidank, fällt das auf. Zuletzt geht es zurück nach Westen : die Amerikaner haben deutschen Boden erobert und Böll wird in Abwehrkämpfe involviert, zuletzt im April von Amerikanern gefangen genommen. Die allerdings überstellen ihn in ein französisches Kriegsgefangenen-Lager. Hier erlebt er die deutsche Kapitulation und den Abwurf der Atombomben auf Japan und damit ddas endgültige Ende des Krieges. Erst im September 1945 wird er – nach 155 Tagen – Kriegsgefangenschaft – entlassen.

Der Verlag hat sich alle Mühe gegeben, ein ansprechendes und den inhaltlichen Vorgaben entsprechendes Buch zu gestalten : es erinnert an handelsübliche Kalender oder Kladden, hat ein Lesebändchen, das – da man immer wieder auf den Anmerkungsapparat zurückgreifen muß – auch sinnvoll erscheint, und paart die digitalisierten Abbildungen der Originalaufzeichnungen mit den Transkriptionen, auch das notwendig, weil Bölls Schrift nicht immer leicht lesbar ist. Selbst den Herausgebern bleiben einige Lücken.

Böll listet Verluste, sehr schmerzhaft, wenn etwa einer der wenigen ebenbürtigen Gesprächspartner fällt, immer wieder surreal anmutende Träume, gelesene Bücher und an der Front oder im Lazarett gezeigte Filme. So ist er von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ sehr eingenommen, das er als realitätsnahe Beschreibung des Lebens an der Front empfindet.

Dennoch sind diese Tagebucheinträge zumeist nicht mehr als kurze, stichwortartige Notizen, die dem Leser – ohne auf die Anmerkungen zurückzugreifen – wenig bieten können, zum Teil nicht zu deuten oder etwa dem Wertesystem Bölls zuzuordnen sind. Daß die Anmerkungen nicht selten auf die „Briefe aus dem Krieg“ verweisen, bzw. sie ausführlich zitieren, ist gewissermaßen ein Sinnbild für das Problem dieses Buches : der Leser wäre mit den Briefen mit Sicherheit besser bedient. Es fehlen so sehr die Inhalte der Gespräche, die Wertungen der „Führerrede“, des Geburtstages Hitlers oder das Attentat … Eine Ablehnung der Nationalsozialisten, des Krieges kann man jedenfalls nicht erkennen, schlimmer noch : an einer Stelle fantasiert Böll von der Möglichkeit, sich im Osten anzusiedeln.

Bei allem guten Willen : einen Gefallen hat man Böll mit dieser Veröffentlichung nicht getan. Wir mögen hoffen, daß es ihn, der 1985 starb, nicht mehr kümmert.

Bibliographische Angaben :

Heinrich Böll : Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind: Die Kriegstagebücher 1943-1945

Verlag Kiepenhheuer & Witsch

ISBN : 978-3462050202

© Jost Renner

George Saunders : Lincoln in the Bardo

Als William Wallace Lincoln am 20. Februar 1862 an einer Fieber-Erkrankung stirbt, sind seine Eltern, Präsident Abraham Lincoln und seine Frau Mary Todd Lincoln am Boden zerstört. Am Abend zuvor hatten sie noch, der Diagnose eines Arztes vertrauend, daß es ihm besser ginge, noch einen Empfang gegeben und waren von der Feier immer wieder hinauf ins Krankenzimmer des Kindes geeilt. Nach der Beerdigung – und das beruht auf historischen Fakten – begibt sich Abraham Lincoln mehrmals zum Mausoleum auf dem Oak Hill Friedhof, in dem der Sarg des Kindes beigesetzt wurde. Hier entnimmt er den Leichnam aus dem Sarg und hält ihn in Händen, umarmt ihn und redet zu ihm, allerdings ist diese Entnahme nicht wirklich faktisch nachzuweisen.

Der Friedhof selbst ist der Hauptschauplatz dieses ersten Romans von George Saunders : denn sobald es dunkel wird, erwachen die Toten und versuchen, ihr altes Leben fortzuführen oder warten darauf gefunden und in ihre bekannte Welt zurückgeführt zu werden. Sie leben im Bardo, einem Übergangsstadium zwischen Leben und Tod, bis sie ihrer Bestimmung – Himmel, Hölle oder Wiedergeburt – zugeführt werden. Sie wissen nicht, daß sie tot sind oder wollen es nicht wissen, klammern sich an ihre alten Existenzen und ignorieren selbst die Aufforderungen und Ermunterungen sporadisch erscheinender Engel. Auch William gehört nun zu ihnen.

Kinder allerdings dürfen nicht lange im Bardo verweilen, sonst werden sie alsbald von einem Panzer überzogen. Nun aber veranlaßt gerade Präsident Lincolns Handeln den Sohn, dort verharren zu wollen, bis die Wiederaufnahme des liebevollen Familienlebens wieder möglich wäre. Andere Geister, der Reverend Everly Thomas, der vor einem endgültigen Richtspruch zurück ins Bardo geflohen war, Hans Vollman, der zu seinen Lebzeiten eine viel jüngere Frau geheiratet und ihr zuliebe auf Sex verzichtet hatte (und nun immer noch hofft, diese Dimension der Beziehung könnte noch gewonnen werden), und Roger Bevins, ein Homosexueller, der sich tötete, weil er seine Liebe nicht leben konnte, machen sich auf, den Jungen Willie zu retten.

Dazu müssen sie in den Präsidenten hinein, ihn veranlassen, den Tod des Kindes zu akzeptieren und ihn loszulassen. Als Geister allerdings haben sie wenig Einfluß auf die Lebenden und die Geschehnisse in der realen Welt …

Während allerorten immer noch / immer wieder das Ende des Romans beschworen wird, Alternativen gesucht – und eher nicht gefunden – werden, haben zwei Romane des Jahres 2017 bewiesen, daß der Roman weder tot noch so starr ist, als daß er nicht immer aufs Neue seine Existenzberechtigung und seine Innovationskraft beweisen könnte. Andere wiederum zeigten, daß auch das traditionelle Erzählen, wenn klug und ansprechend gehandhabt, zu Recht seine Leser findet.

Zu den innovativen Romanen gehört, neben Paul Austers „4 3 2 1“, mit Sicherheit George Saunders „Lincoln in the Bardo“, der gerade den Man-Booker-Prize gewann und im Mai 2018 bei Luchterhand in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Saunders Herangehensweise ist ungewöhnlich – und das in zwei verschiedenen Erzählsträngen, die zunächst disparat wirken und doch eng zusammengehören.

In einem ersten Erzählstrang vermittelt Saunders das reale zeitgeschichtliche Geschehen mithilfe kurzer Zitate aus historischen Quellen, unter die sich dann doch, still und heimlich, kleine fiktive Schnipsel mischen. So entsteht ein Bild der Vorgänge rund um den Tod des Jungen, der Trauer und des Schocks, man erhält Einblicke in die Persönlichkeit des Präsidenten, in die Reaktionen der Öffentlichkeit, die sein Handeln zum Teil wenigstens unverantwortlich fand und zudem mit den ersten heftigen Verlusten im Bürgerkrieg haderte.

Der zweite, umfangreichere Strang befaßt sich mit dem „Leben“ auf dem Friedhof. Auch hier erzählt Saunders nicht selbst, sondern läßt seine Figuren, vor allem den Reverend Thomas, Hans Vollman und Roger Bevins zu Wort kommen, die die Ereignisse in kurzen Dialogen oder ebenso kurzen Erzählungen wiedergeben. Darein mischen sich immer wieder die Stimmen anderer, die ihr Leben vor dem Tode, ihre Hoffnung auf eine Wiederkehr ins Alte zu Protokoll geben oder auch die Vorzüge des Zwischenzustands zu preisen wissen. Auch die Gesellschaft der Verstorbenen kennt Hierarchien : während die Weißen in Gräbern und Mausoleen bestattet sind, gibt es für Afro-Amerikaner zumeist nur ein Massengrab, unabhängig vom Bildungsniveau oder dem sozialen Status.

Abraham Lincolns Fürsorge für den Leichnam seines Sohnes setzt einiges in Gang, und selbst die Zyniker unter den Toten sehen Zeichen dafür, daß auch für sie Nähe zu ihren Liebsten möglich wäre. Willie Lincoln wird so zu einer Art Maskottchen. Doch, betrachtet man den Titel „Lincoln in the Bardo“, wird klar, daß es Saunders auch oder vor allem um Lincoln selbst geht : der ist mit dem Tod seines Sohnes und den verheerenden Nachrichten vom Bürgerkrieg selbst in einem Zwischenreich angelangt, und weiß zunächst nicht, wie es von dort aus überhaupt weitergehen kann. Und so versucht Saunders – fiktional – eine Leerstelle in Lincolns (psychologischer) Biographie zu füllen. Seine gewonnene Einsicht mag, ebenso wie die Überbetonung der Unschuld des Knaben Willie, den Leser ein paar Abstriche am Lesevergnügen machen lassen : die einen sind recht grausam, die andere ist ein wenig zu dick und kitschig aufgetragen.

Im Ganzen aber ergibt sich ein erfreuliches Ganzes : ein Roman, skurril, ironisch, bisweilen zynisch, dann wieder tragisch, grausam und mitleiderregend. Ein wenig gemahnte er mich an Shakespeare : Ein Spätwinternachtstraum. Und Saunders ist Puck.

Bibliographische Angaben :

George Saunders : Lincoln in the Bardo

Random House

ISBN : 978-0812995343

© Jost Renner

Kazuo Ishiguro : Der begrabene Riese

Weit zurück in die britische Vergangenheit führt uns Kazuo Ishiguros bislang letzter Roman : Wir befinden uns im 5. oder 6. Jahrhundert nach Christus, die römische Besatzung ist ebenso Vergangenheit wie die Zeit des sagenhaften Königs Artus. Das Christentum hat sich weitgehend durchgesetzt, wenngleich noch nicht alle Rituale und Aberglauben der heidnischen Zeit verschwunden sind. Immerhin tummeln sich noch Drachen, Kobolde und menschenfressende Oger in der Nähe der Siedlungen und vermögen, manches Unheil zu stiften. Britannier und eingewanderte Sachsen leben in einem labilen Frieden miteinander.

Beatrice und Axl, ein recht altes Ehepaar, das sich inzwischen an den Rand der Dorfgemeinschaft gedrängt sieht, beschließt, sich auf die Reise zu ihrem Sohn zu begeben. Dies allerdings ist ein recht schwieriges Unterfangen : neben den körperlichen Einschränkungen erschwert fehlende Erinnerung das Unternehmen. Weder Beatrice noch Axl wissen, wohin ihr Sohn gezogen ist, wie er aussah und weshalb er überhaupt fortgegangen war. Und das Vergessen sucht alle heim, als läge ein Nebel über dem Land, der die Erinnerung raubt.

Auf ihrer langen Reise treffen sie auf einen elfjährigen Jungen, der von Ogern geraubt und in Gefangenschaft von einem unbekannten Tier verletzt wurde, sodaß er nach seiner Rettung von der Gemeinschaft seines Heimatortes als Gefahr gesehen wird, und auf dessen Retter, den Krieger Wistan. Mit den beiden ziehen sie weiter und begegnen alsbald dem Ritter Gawain, dem letzten Überlebenden der Tafelrunde. Daß Wistan und Gawain erbitterte Gegner sind oder alsbald sein werden, ahnen sie derweil noch nicht. Immerhin sind die beiden mehr damit beschäftigt, trotz Beatrices Schmerzen überhaupt vorwärts zu kommen und die ab und an aufblitzenden beunruhigenden Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit mit der augenscheinlich vorhandenen tiefen Liebe zueinander in Einklang zu bringen.

Bald erfahren sie, daß die Ursache des Vergessens wohl der Atem des weiblichen Drachens Querig ist und daß der Recke Wistan ausgezogen war, die Drachin zu töten und Erinnerung wieder aufleben zu lassen. Daß Gawain dies nicht zulassen will, merken sie, als Wistan verraten wird, den Häschern allerdings dann doch entkommt. Und so treffen Gawain und Wistan im Kampfe aufeinander …

Kazuo Ishiguro hat sich für seinen Roman eine weit zurückliegende Zeit ausgesucht, über die man relativ wenig weiß, denn Aufzeichnungen und Dokumente sind rar. Gleichzeitig rechtfertigt die zeitliche Nähe zur sagenumwobenen Herrschaft König Artus‘ und die Anbindung die Aufnahme fantastischer Elemente und Lebewesen. Mögen diese auch nie existiert haben, so waren sie im Volksglauben und in der – späteren – literarischen Tradierung immer vorhanden und höchst lebendig. Ishiguro behandelt dieses – stimmige – Fantasy-Setting dennoch mit äußerster Zurückhaltung : mehr als einige, fast scheue Blicke werden dem Leser kaum geboten, denn anderes ist wichtiger.

Der Roman ist Diskurs und Parabel zu den Themen Erinnern und Vergessen gleichermaßen, und dankenswerter Weise beschränkt sich der Autor nicht auf die politische Ebene, sondern wählt eine zweite, sehr persönliche Ebene : die Liebe. Recht früh in der Geschichte begegnen Axl und Beatrice nämlich einem Fährmann und einer von ihm abgewiesenen Passagierin. Während er ihren Gatten übersetzte, mußte sie zurückbleiben. Grund dafür war, daß die Ehepartner nicht gleich ann ihre gemeinsame Vergangenheit hatten erinnern können, daß also ihre Liebe zueinander immerhin zweifelhaft erschien. Und Beatrice und Axl haben ein ähnliches Problem : durch den Drachenatem können sie sich nicht an die Vergangenheit erinnern, und tauchen doch Bruchstücke auf, so sind sie verstöend und stellen infrage, wer oder was sie (einander) sind und bedeuten. Und daß der Leser sich hüten möge, den Augenschein und die Selbstbilder für bare Münze zu nehmen, erübrigt sich beinahe.

„Der begrabene Riese“ des Titels, das ist die Vergangenheit, bzw. Ishiguros Metapher für sie, und man kann sich vermutlich lebhaft vorstellen, daß seine Wiedererweckung zumindest nicht unproblematisch wäre. Dennoch gibt es Menschen, die genau daran interessiert sind, in diesem Buch die Sachsen, und andere, die die Vergangenheit lieber ruhen lassen wollen, hier die Britannier, für die Ritter Gawain ins Feld zieht und sich seinem Gegner Wistan entgegenstellt. Denn ist nicht das friedliche, aber gefährdete Zusammenleben von Sachsen und Britanniern nicht gerade diesem Vergessen, dem Verdrängen geschuldet ? Wenn wir erfahren, daß Artus den Frieden durch Verrat und ein unmenschliches Gemetzel hergestellt hatte und dann Merlin beauftragte, die Drachin zu verzaubern, wird es allmählich vorstellbar. Erst recht dann, wenn Wistan den Jungen schwören läßt, künftig alle Britannier zu hassen.

Erinnerung nämlich vermag, die Rache der einst Unterlegenen zu gebären oder die rigiden Unterdrückungsmaßnahmen der einstigen Sieger, um eben jene Rache zu verhindern. Konfrontation ist – zumindest in Ishiguros Sicht – unweigerlich die Folge. Politisch ist das allemal, schaut man auf die Bürgerkriege und Völkermorde des zwanzigsten Jahrhunderts zurück. Ob man dem Autor so ganz folgen mag, muß jeder selbst entscheiden, denn möglicherweise sind Aussöhnungsbemühungen wie etwa zwischen Weißen und Schwarzen in Südafrika zur Apartheid langfristig doch erfolgreich. Und dazu bedarf es eben schon der Bewußtmachung des vergangenen Unrechts. In diesem Roman hat allerdings Gawain, der Hüter der Drachin und des Vergessens die besseren Argumente für sich.

„Der begrabene Riese“ ist ein ebenso faszinierendes wie gelungenes Buch. Das verdankt sich zum einen dem Verzicht auf oberflächliche Thesenbildung und einer eher philosophischen und psychologischen Betrachtungsweise wie auch der sehr gelungenen Figurenbeschreibung, die eben Menschen mit all ihren Unwägbarkeiten und Unebenheiten handeln läßt und sie nicht als Thesen-Träger oder bessere Plakate mißbraucht. Die Geschichte ist spannend und unterhaltsam erzählt, wie es einem Buch aus dem Genre Fantasy ja durchaus entspricht (oder zumindest entsprechen sollte) und dennoch dabei fast minimalistisch instrumentiert. Als Vehikel für jedweden Eskapismus eignet sich der Roman allerdings nicht : man ist recht nah dran an einem wichtigen Thema unserer Gegenwart und darf – nachdenken.

Bibliographische Angaben :

Kazuo Ishiguro : Der begrabene Riese

Übersetzt von Barbara Schaden

Heyne Verlag

ISBN : 978-3453420007

© Jost Renner

Jon Krakauer : In die Wildnis

1990 beendet Christopher Johnson McCandless sein Collegestudium in Atlanta. Bevor er weiterstudiert, will er er einen seiner großen Träume verwirklichen und quer durch die Vereinigten Staaten reisen. Das endgültige Ziel jedoch ist es, eine Zeit in der Wildnis Alaskas zu verbringen. Inspiriert wurde McCandless dazu durch die Lektüre so unterschiedlicher Autoren wie Thoreau, Jack London und Lew Tolstoi, die einerseits ein rigides Wertesystem vertraten, andererseits die Einheit mit der Natur – zum Teil romantisch verklärend – propagierten und dort die Besinnung auf die eigene Persönlichkeit möglich scheinen ließen. McCandless, Sohn eines Radartechnikers und dessen zweiter Ehefrau, hatte schon früh Schwierigkeiten, sich in die Gesellschaft einzupassen, zu sehr widersprachen Armut, Rassentrennung seinen Idealen. Als er in den Semesterferien erfahren mußte, daß sein Vater zeitweise ein Doppelleben führte und mit alter wie neuer Ehefrau gleichzeitig liiert war, verschlechterte sich das Verhältnis zu seinem Vater grundlegend. Und so läßt er den Kontakt mit dem Beginn seiner Reise konsequent, wie er in vielem ist, abbrechen.

Über anderthalb Jahre reist er quer durch die amerikanischen Bundesstaaten, nimmt Jobs auf Farmen oder in Fastfood-Restaurants an. Meist bewegt er sich als Anhalter durch das Land, denn den Rest seines Studiengeldes, etwa 24.000 Dollar, hat er vor dem Aufbruch verbrannt. Er trifft auf unterschiedliche Leute, Tramper, Landwirte oder einen achtzigjährigen Mann, ist dabei gesellig und verschlossen zugleich. Meist nennt er sich Alex, und er erzählt nie wirklich Persönliches von sich. Dennoch lernen ihn die meisten seiner Begleiter und Bekannten zu schätzen. Gebildet, freundlich entspricht er überhaupt nicht dem Vorurteil, das die meisten von Trampern haben. Doch ihn hält es nie wirklich lange an einem Ort.

Im April 1992 macht er sich dann auf den Weg nach Alaska. Ausgerüstet mit einem Gewehr etlichen Kilogramm Reis, einem Schlafsack und einigen Büchern zieht er in die Wildnis. Er folgt dem Stampede Trail, überquert einen Fluß, der sich allerdings bald aufgrund der Schneeschmelze in ein reißendes Gewässer verwandeln und ihm den Rückweg versperren wird. Ein ausrangierter und in der Wildnis entsorgter Linienbus dient ihm für die kommenden Monate als Unterkunft und Basislager. Er weiß nicht, daß er so abgeschieden, wie er sich das vorstellte, gar nicht ist. In nicht allzu großer Entfernung befinden sich mehrere unbewohnte Blockhütten, noch etwas weiter entfernt trifft man auf eine Straße. Doch Christopher hat einen grundlegenden Ausrüstungsgegenstand nicht dabei : eine Landkarte des Gebietes. Es scheint, er hätte – da es keine unkarthographierten Gebiete mehr gibt – einfach auf eine Karte verzichtet. Genau das aber wird ihm zum Verhängnis.

Er kann regelmäßig Tiere erjagen, aber verliert dennoch immer mehr an Gewicht, da die Anstrengungen der Pirsch mehr Kalorien kosten als durch die Nahrung wieder zugeführt werden können. Als er meint, das Ziel seiner Reise erreicht zu haben, will er den Rückweg antreten, doch der Weg über den Fluß ist nun versperrt. So richtet er sich wieder im Bus ein, jagt und ergänzt die Nahrung mit Pflanzen und Samen. Zu seinem Gewichtsverlust kommt nun anscheinend auch eine Vergiftung durch Samen einer Kartoffelart, von deren Toxizität er nichts hatte wissen können, da sie nirgendwo in botanischen Schriften erwähnt wurde. Ungefähr Mitte August 1992 stirbt Christopher Johnson McCandless und wird erst Wochen später von Elchjägern aufgefunden. Offiziell ist seine Todesursache ungeklärt, Verhungern oder aber die von Krakauer aufgestellte These einer Vergiftung scheinen realistisch.

Bereits 1993 hatte sich Jon Krakauer, Journalist und selbst Bergsteiger, in einem fünfseitigen Artikel für eine Zeitschrift mit dem Tod von Chris McCandless befaßt. Drei Jahre später, sei es, um an seinen Bestseller „In eisige Höhen“ anzuknüpfen, sei es, weil er die Affinität des Falles zu seinen Themen empfand, veröffentlichte Krakauer dieses etwa zweihundertseitige Buch. Ein weiteres Motiv dürfte gewesen sein, daß er sich diesem jungen, ungestümen, aber dennoch zielgerichteten Reisenden verbunden fühlte, während ansonsten die Reaktionen eher ablehnend waren. McCandless wurde als naiv, töricht gesehen, sein Ausflug in die Wildnis als Selbstmordversuch, Hybris oder reiner Wahnsinn. Folgerichtig ist Krakauers reportageartiges Buch in weiten Teilen auch eine Verteidigungsschrift, ein Plädoyer dafür, sich mit den Motiven und der Ernsthaftigkeit des Protagonisten auseinanderzusetzen.

Wenngleich „In die Wildnis“ zum Bestseller avancierte, Leser meist willig Krakauers Argumentation folgten, scheint mir das Buch – auf hohem Niveau – gescheitert. Das liegt nicht unbedingt an einer mangelnden Fähigkeit, eine solche Unternehmung ansprechend, teils mitreißend zu beschreiben, sondern ist in der Geschichte selbst begründet. Krakauer ist in vielen Bereichen, bei der Persönlichkeit, bei den tatsächlichen Abläufen oftmals auf reine Spekulation angewiesen. Der Autor hat die ihm mögliche Arbeit geleistet : er hat Interviews mit allen Personen geführt, die Christopher McCandless auf seinem Trip getroffen haben, er hat die Örtlichkeiten besichtigt, die Tagebücher und Postkarten gelesen und im Buch wiedergegeben, die Chris an seine verschiedenen Reisebekanntschaften geschickt hat. Doch Chris war – gerade was Persönliches anging – äußerst zurückhaltend, nachgerade verschwiegen.

Und so schildert die erste Hälfte des Buches McCandless’s rastlose Reisen, ohne daß man allzu viel Authentisches und wirklich Lebendiges erfährt. Christopher Johnson McCandless wird schlicht nicht greifbar. Allein die herausgearbeiteten Bezüge zur Literatur lassen einen Einblick in sein Denken zu. Thoreaus „Walden“, Jack Londons Alaska-Romane weisen einen Weg zum Verständnis des Jungen. Auch Krakauer scheint den Mangel zu erkennen und verweist auf andere Reisende in die Wildnis, schildert deren Abenteuer und Scheitern. Dennoch wirkt das Buch bis zur Hälfte mehr unruhig und zerfasert als interessant. Erst danach – in den Gesprächen mit den Eltern und der Schwester erhält Chris McCandless mehr als eine Silhouette, wird zu einer begreifbaren und nachvollziehbaren Person. Doch schon zwei Kapitel später greift Krakauer auf seine eigenen Jugenderlebnisse in Alaska zurück, schildert die Mühen einer Bergbesteigung und versucht anhand seiner eigenen Einstellung McCandless plausibel und faßbar zu machen. Dies wirkt aber gerade an dieser Stelle mehr wie ein Fremdkörper, unterbricht das eigentlich gerade erst erwachte Interesse erneut, auch wenn man die Intention des Autors durchaus zu begreifen vermag.

Auch der weitere – rekonstruierte – Reiseverlauf, recht konkret geschildert, bleibt in weiten Teilen Spekulation, denn bis auf längere Abschriften aus seinen Lieblingsbüchern bleibt auch das Tagebuch von Chris McCandless eher lakonisch. Manchmal schreibt er tage – oder wochenlang gar nicht, dann listet er nur seine Jagdausbeute auf. Möglicherweise hätten sich Krakauer zwei Wege geboten, dennoch ein interessantes und belastbares Buch über Chris McCandless zu schreiben : entweder in einer Art literaturwissenschaftlicher und ideengeschichtlicher Aufarbeitung oder mittels der Fiktionalisierung, die ihm erhebliche Gestaltungsräume im Zusammenhang mit der Persönlichkeit seines Protagonisten gelassen hätte. So mag es in diesem seltenen Fall sein, daß die Verfilmung durch Sean Penn interessanter ist als deren Vorlage. Ich will nicht behaupten, daß das Buch reine Zeitverschwendung wäre, denn das Thema ist und bleibt interessant, der Reportagestil ist gut lesbar und das Nachdenken über einige durch McCandless in die Gegenwart transportierten philosophischen Überlegungen nicht verkehrt, doch war ich letztlich von diesem Buch eher enttäuscht.

Bibliographische Angaben :

Jon Krakauer : In die Wildnis

Übersetzt von Stephan Steeger und Ulrike Frey

Piper Taschenbuch

ISBN : 978-3492250672

© Jost Renner