Anne Rice : Die Mumie oder : Ramses, der Verdammte

Lawrence Stratford ist Inhaber eines millionenschweren Unternehmens und Archäologe. Im Jahre 1914 macht er eine sensationelle Entdeckung : Das Grab des Pharaos Ramses II. Allerdings ist einiges äußerst seltsam, denn er findet in der Grabkammer nicht nur die Mumie, sondern auch lateinische und griechische Inschriften, eine Büste von Kleopatra, eine Sammlung von Gefäßen mit unbekanntem Inhalt und einige Schriftrollen. Zwischen der Regentschaft von Ramses und der von Kleopatra liegen allerdings ca. 1000 Jahre, so daß sich beide nie hätten begegnen können. In den Schriftrollen allerdings, die Stratford in Bruchstücken übersetzen kann, behauptet Ramses, er sei unsterblich und Sonnenlicht werde ihn erwachen lassen.

Stratford wird mehr nicht erfahren. Sein Neffe, ein Trinker und Spieler, ermordet ihn, um an Geld zu gelangen. Die Mumie und alle Artefakte werden nach London geschafft und dort zunächst in der Wohnung des toten Archäologen ausgestellt. Dort wohnt nun seine Tochter Julie, eine junge, emanzipierte und recht selbstbewußte Frau, die beinahe das nächste Opfer ihres Cousins wird. Doch Ramses, der wieder zum Leben erwacht, verhindert den Mord.

Als Reginald Ramsey wird er nun die junge Erbin begleiten, sich in sie verlieben und sich mit denn modernen Zeiten auseinandersetzen. Er, der als unsterblicher Wanderer nach dem Ende seiner Herrschaft unzählige Könige beraten hatte, bringt dazu die besten Voraussetzungen mit : er braucht weder Nahrung noch Schlaf, lernt Sprachen und wissenschaftliche Sachverhalte binnen Augenblicken, sieht gut aus und verfügt über Charme und gutes Benehmen. Des Cousins panische Beteuerungen, die Mumie sei erwacht, werden als Phantasien eines Trinkers abgetan, und nur wenige ahnen, daß sie der Wahrheit entsprechen.

Unter ihnen ist der Vater des Julie zugedachten Bräutigams, der hofft, seinen körperlichen Verfall mittels des in den Schriftrollen erwähnten Unsterblichkeitselixiers bekämpfen zu können. Er belauert und bespitzelt Ramsey, ohne allerdings zum Ziel zu gelangen. Als Julie und Ramses nach Ägypten reisen, begleitet er sie, vorgeblich als Anstandswauwau, in Wirklichkeit aber, um an das Elixier zu gelangen.

Daß Ramses in seine alte Heimat will, ist nur zu verständlich, allerdings treibt ihn auch anderes, weniger offensichtliches : er sucht nach dem Leichnam Kleopatras, in die er einst unserblich verliebt war, die ihm jedoch Marcus Antonius vorzog, der vermutlich das Königreich Ägypten ruiniert und unter römische Herrschaft gebracht hätte. Kleopatra lehnte es ab, unsterblich zu werden, verlangte aber von Ramses, ihrem römischen Liebhaber das Elixier zu verabreichen. Das allerdings verweigerte Ramses, und Kleopatra beging Selbstmord.

Durch einen Zufall findet Ramses in einem Kairoer Museum die konservierte Leiche Kleopatras und erweckt sie wieder zum Leben. Diese Wiederauferstehung des Fleisches bleibt unvollständig : bei Teilen des Schädels, der Finger, der Beine wächst kein Fleisch, in der einen Seite des Brustkorbs klafft eine tiefe Wunde und ihr Geisteszustand ist prekär. So zieht sie sexuell unersättlich und mordend durch die Kairoer Straßen. Und selbst Ramses hat nur eine vage Idee, wie er sie aufhalten könnte, denn sie ist nun unsterblich wie er selbst.

Anne Rice wurde bekannt und zu Recht berühmt durch ihren Roman „Interview mit einem Vampir“ aus dem Jahre 1973, bzw. mit dessen Verfilmung aus dem Jahr 1994. Dort wie in dem nun hier vorgestellten Buch verhandelt sie dieselben Themen, und ihre unsterblichen Figuren ähneln einander, auch wenn Ramses – und Kleopatra – keine Vampire sind. Und sie sind keine Monster, sondern empfindsame Wesen, die Fluch und Segen der Unsterblichkeit gleichsam hautnah erfahren – und in einen moralischen Diskurs einbringen. Auch Kleopatra, die zunächst dem Genre „Horror“ am ehesten gerecht würde, wandelt sich im Laufe des Romans, wenngleich ihre Tragik schon schon von ihrem ersten Auftritt an spürbar ist.

Das ist altvertraut und wird die Lesergemeinde von Anne Rice ohne weiteres bei der Stange halten. Sehr viel problematischer jedoch ist die Figur der Julie. Und hier war ich ernsthaft in Versuchung, meine Rezension in Form einer bissigen Satire zu verfassen, wie es die New York Times seinerzeit tat. Julie wird uns als emanzipierte junge Frau vorgestellt, die den ihr zugedachten Adligen nicht lieben kann, die auf ihrer Unabhängigkeit besteht und durchaus ihren eigenen Weg gehen könnte. Natürlich kann sie sich unter solchen Umständen nur in ein überirdisches Wesen verlieben, denn nur eine solche Kreatur würde ihr gerecht. Und natürlich bewahrt sie ihre Jungfräulichkeit bis zu einer Nacht in einem Zelt in der Wüste …

Das ist leider niedrigstes Groschenroman-Niveau und ziemlich unerträglich. Selbst in wichtigen und ernsthaften Gesprächen geht ihr Blick zum attraktiven Körper des Pharaos, und man hört immer wieder ein lustvolles Seufzen. Zudem verwandelt sie sich, kaum in Kairo angekommen, in ein permanent flennendes Weibchen, als ob es ihr Leben, ihre Persönlichkeit zuvor niemals gegeben hätte. Anne Rices Hang zur Romantik (und ganz sicher sind Gothic Novels des 19. Jahrhunderts Bezugspunkte ihres Schreibens) dürfte bekannt sein, doch hier trifft Hedwig Courths-Mahler auf Melmoth, den Wanderer, und man könnte bedauern, daß Hedwig nicht dessen Opfer wird …

Seit kurzem gibt es nun eine Fortsetzung, die Anne Rice zusammen mit ihrem Sohn verfasst hat, und die ich trotz aller Vorbehalte gegenüber dem hier vorgestellten Roman ebenfalls lesen werde, auch und gerade, weil sein hier nicht näher beschriebenes Ende (die Spannung soll ja erhalten bleiben) den Fortgang der Geschichte, in deren Mittelpunkt nun Kleopatra stehen wird, zumindest interessant gemacht hat …

Bibliographische Angaben :

Anne Rice : Die Mumie oder : Ramses, der Verdammte

Übersetzt von Joachim Körber

Goldmann Verlag

ISBN : 978-3442428977

© Jost Renner

2 Gedanken zu “Anne Rice : Die Mumie oder : Ramses, der Verdammte

  1. thursdaynext 14. März 2018 / 19:51

    Anne Rice „Interview…“ lang ist’s her, dass ich es gelesen habe. Es gefiel mir, hatte einen Touch Simone de Beauvoir die sich in „Alle Menschen sind sterblich“ ebenfalls mit der Thematik auseinandersetzte. Ich fürchte Rice Frauenbild bleibt immer gleich, irgendwann habe ich mitbekommen, dass Frau Rice sehr christlich/esoterisch dogmatisch unterwegs sei, war aber zu faul zu recherchieren. Jonathan Nasaw hat einen guten Vampirroman geliefert und der Film 5 Zimmer Küche Sarg hatte auch Charme. Von Rice erwarte ich mir keine interessante Unterhaltung mehr.

    Gefällt 1 Person

    • tinius 14. März 2018 / 23:57

      Frau Rice hatte irgendwann einen Drang zum Katholizismus, sich aber später wieder distanziert. Ersteres war in den Folgeromanen zum „Interview“ immer wieder penetrant spürbar.

      Gefällt 1 Person

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