Varujan Vosganian : Buch des Flüsterns

Im Februar 2018 hat das niederländische Parlament beschlossen, die Massaker an den Armeniern als Völkermord anzuerkennen. Bereits 2016 war der Deutsche Bundestag denselben Weg gegangen, allerdings hatte die Bundesregierung den Bundestagsbeschluß dahingehend entschärft, daß er nicht rechtsverbindlich sei. Man bemühte sich, den schon existierenden Konflikt mit der Türkei, die einen Genozid leugnet, nicht zu verschärfen.

Zur Jahrhundertwende waren die Armenier neben den Griechen die zweitgrößte christliche Minderheit. Sie waren zwar nicht gleichberechtigt, genossen aber den Schutz des Osmanischen Reiches und konnten Religion und Berufe frei ausüben. Allerdings kam es zwischen 1894 und 1896 wiederholt zu Pogromen gegen die armenische Bevölkerung, durchaus unter Billigung der osmanischen Behörden. Genaue Opferzahlen liegen nicht vor, aber die Schätzungen bewegen sich zwischen 80.000 und 300.000 Toten. 1915, das Osmanische Reich war an der Seite Deutschlands und der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg eingetreten, erlitten die Türken verheerende Niederlagen und verloren Teile ihres Staatsgebietes an Rußland, das von Teilen der Armenier unterstützt worden war. Dies gab Anlaß für die Regierung, Anatolien und den Rest der Türkei von ihnen zu säubern. Zunächst wurden in Konstantinopel und anderen Großstädten armenische Intellektuelle verhaftet, in Lager gebrracht oder ermordet, danach wurde die gesamte armenische Bevölkerung auf den Weg in die syrische und die mesopotamische Wüste geschickt. Das kam einem Todesurteil gleich, denn zum einen waren unter den Deportierten viele Frauen und Kinder, zum anderen unternahmen die türkischen Bewacher wenig bis nichts, um gegen Hunger, Krankheit und Morde durch kurdischen und tscherkessische Banden vorzugehen. Zwischen 800.000 und einer Million Menschen kamen so ums Leben. Die Überlebenden flüchteten in alle Welt, in die USA, nach Rußland oder Lateinamerika.

Dies und die weiteren Entwicklungen bilden die Grundlage des Romans von Varujan Vosganian, der selbst von Überlebenden des Genozids abstammt und derzeit Minister in der rumänischen Regierung ist. Sein wie er benannter Erzähler, eine Art Alter Ego, das nicht unbedingt vollkommen autobiographisch gestaltet sein muß, erinnert sich an seine Kindheit und Jugend in der rumänischen Stadt Focșani. Auch hier waren etliche der dem Völkermord Entkommenen gestrandet. Zunächst galten sie als Staatenlose und waren – mißtrauisch von den Behörden beäugt – nur geduldet. Zudem hofften viele von ihnen selbst noch auf eine künftige Existenz einer armenischen Republik. Mit der Erlangung der rumänischen Staatsbürgerschaft begannen sie dann dennoch, sich eigene, dauerhafte Existenzen aufzubauen, wurden Händler, Fabrikanten, Landwirte. Und sie alle fühlten sich schuldig, als Einzige überlebt zu haben. Der Erzähler ist Zeuge der im Flüsterton geäußerten Erinnerungen an den Völkermord, an die toten Familienangehörigen und Freunde, und er ist von den Alten, etwa seinem Großvater, ausgewählt, diese Erinnerungen einst weiterzutragen.

Zentralstück des Romans sind die „Sieben Kreise des Todes“, der Weg der Konvois von Deportierten in Richtung Syrien bzw. den Irak. Station für Station schildert Vosganian die Reise in den Tod. Als Leitfiguren dienen hier eine vierköpfige Familie, von der nur ein Junge überlebt, weil er von der Mutter gegen einen kleinen Beutel Mehl an Beduinen verkauft wurde. Bis dahin aber erlebt er Hunger, das wahllose Gemetzel durch Banditen, während sich die türkischen Begleittrupps sich ostentativ zurückziehen, den wütenden Hunger, Erschießungen von Flüchtenden und Menschen, die versuchten, Strukturen zu organisieren, die das eben in den Konvois erleichtern sollten. Er wird Zeuge von Epidemien und Kannibalismus, von Selbstmorden, Tod durch Verhungern oder Erschöpfung. später dann wird er aus dem Beduinenlager flüchten, in Rumänien landen und Zeit seines Lebens mit einer zweiten, arabischen Persönlichkeit zu kämpfen haben.

Und es gibt andere Geschichten, etwa die des armenischen Botschafters in Rumänien, Harutian Kanthrian, der zwar viele Stempel, aber kein Land hat, das er vertreten könnte, die des Fabrikanten Hartin Fringhian, der nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Kommunisten enteignet wird, obwohl er doch einmal seine Fabrik seinen Arbeitern vererben wollte, und der nun mit Haft oder Hinrichtng rechnen muß. In noblem und nach und nach zerfallendem Anzug verbirgt er sich bei Viehhirten, bis er mit gesalzenen Nüssen erneut ein Geschäft aufbaut, das ihm den Lebensunterhalt sichert. Ein Anderer wird Mitarbeiter der Securitate und genießt seine Macht und Angst und Schrecken, die er verbreitet. Dann gibt es die, die sich, von den Sowjets verlockt, in die Sowjetrepublik Armenien repatrieren lassen und es schon sehr bald bitter bereuen, da alle Versprechungen nicht erfüllt wurden und sie sogar – als vermeintlich aufrührerische Minderheit – nach Sibirien verbannt wurden.

Varujan Vosganians Roman ist kein Geschichtsbuch, wenngleich man sich darauf verlassen kann, daß alle historisch relevanten Ereignisse, die hier beschrieben werden, akkurat und belegt sind. Er ist im besten Sinne Literatur, angefangen von einer lakonischen und dennoch ästhetischen Sprache, die Menschen, Trauer und Schrecken eine seltene Eindringlichkeit verleiht, über die sich sowohl verzweigende wie sich vernetzende episodische Erzählstruktur bis hin zum Spiel mit der Figur des Erzählers, die sich ebenso deutet wie ab und an in Frage stellt. Der Autor entfaltet ein Kaleidoskop des Lebens nach einem (fast) nicht zu bewältigenden Traum, und es ist ihm hoch anzurechnen, daß seine Figuren plastisch, menschlich und keineswegs widerspruchsfrei dem Leser gegenübertreten, sodaß – neben all der Trauer – und ja, es ist ein im Grundton sehr trauriges Buch – auch ab und an ein Fünkchen Humor aufblitzt, etwa wenn die Blaskapelle aus Amateuren bei Beerdigungen kaum den hohen Ansprüchen des Großvaters des Erzählers gerecht wird, sondern sich vor allem durch falsche Tempi auszeichnet.

Auffallend ist, daß in diesem Roman Frauen kaum – gerade einmal – zu Wort kommen und auch im Erzählten meist im Hintergrund stehen. Ich mag das nicht verdammen, nur anmerken, da ich denke, das hat verschiedene Gründe : zum einen dürften die Ausgangsgesellschaft wie dann auch das Häuflein Überlebender eher patriarchalisch geprägt und organisiert gewesen sein, zum anderen waren die Überlebenschancen von Frauen und Kindern eher äußerst gering, und wenn sie überlebten, endeten nicht wenige in der Sklaverei. Eine Geringschätzung von Frauen ist zudem nirgendwo in diesem Buch spürbar.

Nach Werfels“Die vierzig Tage des Musa Dagh“ und Hilsenraths „Das Märchen vom letzten Gedanken“ ist dies nun ein dritter Roman zum Thema des Völkermords an den Armeniern, der mir im Laufe des Lebens begegnete, und alle drei – jeder auf seine Art – haben mich angesprochen, berührt und als Literatur begeistert. Als ich Werfel las, bin ich etwa sechzehn Jahre alt gewesen und nahm dieses Buch eher als einen Abenteuerroman wahr, immerhin gehörte er zu den ersten Schritten eines Jugendlichen in die Welt der „ernsthaften“ Erwachsenen-Literatur. Ich war fast 30, arbeitete im Buchhandel, als ich dann auf Hilsenraths Roman aufmerksam wurde. Er schien mir zugleich literarischer und politischer als Werfels Roman. Aufgrund des zeitlichen Abstands verbietet sich mir ein direkter und genauer Vergleich zu dem jetzt hier vorgestellten Roman, doch im Wesentlichen wiegen für mich die Romane von Hilsenrath und Vosganian gleich schwer. Man kann und muß sie beide loben, und vielleicht ist die Tatsache, daß Vosganian armenischer Herkunft ist, also durchaus das Trauma und die Erzählungen der Überlebenden aus enger und persönlicher Anschauung kennt, ein kleiner Pluspunkt. Gelesen werden sollten alle drei Bücher – des Themas wegen und wegen der literarischen Fähigkeiten dieser drei, so unterschiedlichen Autoren.

Bibliographische Angaben :

Varujan Vosganian : Buch des Flüsterns

Übersetzt von Ernest Wichner

Paul Zsolnay Verlag

ISBN : 978-3552056466

Am 12.3.2018 erscheint im btb Verlag eine Taschenbuch-Ausgabe (ISBN : 978-3442716333)

© Jost Renner

2 Gedanken zu “Varujan Vosganian : Buch des Flüsterns

  1. marinabuettner 5. März 2018 / 21:01

    Lieber Jost, nächste Woche geht ein kleiner Rumänien-Beitrag auf meinem Blog online. Ich würde deinen Beitrag gerne verlinken. Ist das ok?
    Viele Grüße, Marina

    Gefällt 1 Person

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