Peter Ackroyd : Die Themse : Biographie eines Flusses

In Deutschland wurde man auf Peter Ackroyd zunächst durch seine Romane aufmerksam, die sich mit Geschichte und historischen Persönlichkeiten auseinandersetzten. Allerdings war er, der englische Literatur studiert hatte und als Literaturkritiker arbeitete, in Großbritannien auch wegen seiner Biographien von T.S. Eliot, William Blake, Ezra Pound und Charles Dickens bekannt. Im Jahre 2000 veröffentlichte er mit „London. The Biography“ ein kulturgeschichtliches Sachbuch, das zusammen mit „Albion : The Origins of the English Imagination“ (2002) und dem hier vorgestellten Band „Thames. Sacred River“ (2007) eine Trilogie bildet. Während der zweite Teil erst gar nicht in Übersetzung veröffentlicht wurde, sah sich der deutsche Verlag veranlaßt, den Titel dieses dritten Bandes in „Die Themse. Biographie eines Flusses“ zu ändern. Diese Entscheidung mag man bedauern und sie allein dem Marketing zuschreiben, allerdings ist die Vorgehensweise Ackroyds in den Büchern über London und die Themse dieselbe, und nicht zuletzt ist London auch das eigentliche Zentrum seiner Ausführungen über diesen Fluß.

Die Themse ist ein 346 km langer Flußlauf, der bei Thames Head in der Nähe von Kemble entspringt und bei Southend in die Nordsee mündet. Bis nach London hinein sind die Gezeiten spürbar, und der Fluß führt dort Brackwasser. Während des Pleistozäns waren die Britischen Inseln und Kontinentaleuropa zeitweise (ca. 57.000 bis 15.000 v. Chr.) eine zusammenhängende Landfläche und die Themse ein Nebenfluß des Rheins. Die Herkunft des Namens ist nicht genau geklärt, wahrscheinlich scheint, daß er bretonisch-keltischen Ursprungs ist (Tamesas) und „dunkel“ bedeutet. Auch eine indo-europäische Variante mit der ähnlichen Bedeutung „schlammig“ wäre denkbar. Seit etwa 500.000 v. Chr. siedeln Menschen am Ufer dieses zweitlängsten Flusses Großbritanniens. Kein Wunder, daß das Gewässer die Menschen und das Land tief geprägt hat. Peter Ackroyd spürt den spirituellen Aspekten – Father Thames, Isis ! und Maria ebenso nach wie den historischen Ereignissen. Immerhin wurde die Magna Charta auf einer Themse-Insel unterzeichnet, wurden mit Oxford und Cambridge die wichtigsten Universitäten in nächster Nähe gegründet und eben London, die Hauptstadt einer Handels- und Weltmacht.

Außer im letzten von 46 Kapiteln geht Ackroyd dabei weder geographisch noch historisch vor. Wie aus seinem London-Buch schon bekannt, wählt er thematische Schwerpunkte, in denen er jeweils viele Fakten, Anekdoten und Zitate bündelt. Da stehen dann Aussagen zu Farben und Licht – und deren künstlerische Wahrnehmung gleichwertig zu Abschnitten über die Veränderung Londons, über ökologische und medizinische Aspekte, über Malerei und Literatur, und er kann die wichtigsten britischen Geister – von Chaucer über Shelley, Charles Dickens oder William Turner als Zeugen aufrufen und zitieren, denn sie alle haben zeitweise oder ihr ganzes Leben an den Ufern der Themse gelebt und den Fluß zu einem Thema ihrer Kunst gemacht. Selbst den deutschen Reisenden und Schriftsteller Karl Philipp Moritz zitiert er ausgiebig.

Die „Zeit“ bezeichnet Peter Ackroyd in ihrer Kritik zu dem hier besprochenen Buch als „Privatgelehrten“, und dies nicht zu Unrecht : immerhin hat er Englische Literatur studiert, nicht aber Geschichte. Doch auch in seinem literarischen Schaffen spielte die Geschichte schon immer eine große Rolle, und seine Bücher galten als ausgiebig recherchiert. Wiewohl er immer wieder auch belletristische Werke veröffentlicht, scheint sich sein Schwerpunkt in Richtung Geschichte zu verlagern, immerhin veröffentlichte er inzwischen eine sechsbändige Serie mit Jugendbüchern zur Weltgeschichte und fünf Bände einer englischen Geschichte. Ein Romancier hatte er eigentlich niemals sein wollen :

„I enjoy it, I suppose, but I never thought I’d be a novelist. I never wanted to be a novelist. I can’t bear fiction. I hate it. It’s so untidy. When I was a young man I wanted to be a poet, then I wrote a critical book, and I don’t think I even read a novel till I was about 26 or 27.“

sagte er in einem Interview mit Patrick McGrath 1989. Und doch sind es eben auch seine literarischen und erzählerischen Qualitäten, die das Lesen dieses Buches zu einem Genuß machen. Nur ab und an häuft er Fakten in reinen Aufzählungen, sondern geleitet den Leser mit sprachlichen Mitteln und erzählerischem Können durch die knapp 580 Seiten. Spürbar sind auch sein Enthusiasmus für London, seine Begeisterung für den Fluß und auch die britische Nation, ohne daß man nationalistische Mißtöne wahrnehmen müßte. Für Peter Ackroyd ist die Themse vor allem eines : „Liquid History“ – von den urzeitlichen tropischen Tieren bis zur heutigen Zeit, in der es die Londoner kaum zum Flanieren an die Ufer der Themse zieht (sofern sie es dank Bebauung überhaupt können …

Bibliographische Angaben :

Peter Ackroyd : Die Themse : Biographie eines Flusses

Übersetzt von Michael Müller

Abrecht Knaus Verlag

ISBN : 978-3813503166

© Jost Renner

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