Pascal Blanchard, Nicolas Bancel, Gilles Boëtsch, Eric Deroo, Sandrine Lemaire et al. : MenschenZoos – Schaufenster der Unmenschlichkeit

Nachdem ich Gergely Péterfys Roman „Der ausgestopfte Barbar“ gelesen hatte, interessierte mich der generelle Umgang europäischer Gesellschaften mit Angehörigen indigener Völker. Bei meinen Recherchen stieß ich auf das nun hier vorgestellte Buch, das sich mit den Menschenzoos, also den Völkerausstellungen in Europa, den USA und Japan wissenschaftlich beschäftigt. Es ist dies ein Sammelband, der zunächst in Frankreich, später – um englischsprachige Beiträge erweitert – in Großbritannien erschien und vor einigen Jahren nun auch in deutscher Übersetzung in einem kleinen, eher unbekannten Verlag veröffentlicht wurde. Unter der Herausgeberschaft von fünf Autoren wurden hier die mit maximal 20 Seiten relativ kurzen Texte von gut dreißig Autoren gesammelt. Nur der einleitende Teil, der eine Gesamtdarstellung des Phänomens liefert, ist – wesentlich – länger geraten.

Phänomen ? Ja, ein solches sind diese Unternehmungen, denn zwischen 1800 und ca.1940 besuchten mehr als eine Milliarde Menschen diese Art von Veranstaltungen, die mit Unterhaltungswert, Schauder und wissenschaftlichem Bildungsanspruch ein Publikum, d.h., einen Markt zu erreichen versuchten. Die Autoren sehen, nicht ganz zu Unrecht, den Ursprung auch bei den Freakshows, also der Ausstellung von Menschen mit besonderen körperlichen Merkmalen, die nicht der Norm entsprachen und in der Antike und im Mittelalter teils noch religiös konnotiert waren. Von der ägyptischen Hochkultur an, sammelten Fürstenhäuser und Könige solche „Kuriositäten“, und erst die Französische Revolution demokratisierte das und machte sowohl unter Mißbildungen leidende Menschen als auch Angehörige indigener Völker der breiten Öffentlichkeit, aber auch der Wissenschaft zugänglich.

Die Wissenschaft jener Zeit allerdings war nicht weniger vorurteilsbehaftet als die allgemeine Bevölkerung. Phrenologie, Anatomie mischten sich mit sozialdarwinistischen Überzeugungen, und so war man allerorten damit beschäftigt, die niedere evolutionäre Rangstufe – knapp oberhalb der Tierwelt oder den Tieren sogar gleich – solcher Menschen zu bestätigen. Und so ist es nicht wirklich verwunderlich, daß sie nicht selten in Zoos und dort in Gehegen ausgestellt wurde. Zäune und Gitter allerdings sollten auch die Kommunikation mit den Besuchern verhindern, um die Inszenierung nicht durch Mitleid der Besucher oder Wahrnehmung einer gleichwertigen Intelligenz zu gefährden.

Inszenierungen waren es : die wenigsten Ausgestellten waren gezwungen worden, sondern bekamen Verträge und Entgelt und wurden so Darsteller des von ihnen imaginierten Bildes. Die „Arbeitsbedingungen“ waren jedoch zumeist erbärmlich und – gefährlich. Denn nicht selten starben die Ausgestellten etwa an Krankheiten, für die ihr Immunsystem kaum ausgestattet war. Oder die hygienischen Verhältnisse forderten Opfer. Widerstand dagegen gab es selten, aber doch ab und an, und auch erste Wissenschaftler äußerten Unmut, als der Bildungsvorwand nach und nach wegfiel und der Unterhaltungsaspekt in der Vordergrund kam.

Doch ging es nicht ausschließlich um Unterhaltung und dem mit ihr zu erwirtschaftenden Gewinn, wenngleich das für William „Buffalo Bill“ Cody oder Hagenbeck in Deutschland im Mittelpunkt gestanden haben dürfte. Durch die Abgrenzung vom Fremden, Exotischen konnten sich nämlich einerseits Gesellschaften definieren, andererseits konnten die westlichen (und östlichen – nämlich Japan) Staaten in der Hochzeit des Imperialismus die Ausbeutung ihrer Kolonien damit rechtfertigen, indem sie Menschen zu Wesen kaum unterschieden von der Tierwelt definierten oder später auf ihre begrenzte Anpassung verwiesen. Daß immer wieder auch und gerade Menschen ausgewählt wurden, deren körperliche Merkmale Besonderheiten aufwiese – Albinismus, Kleinwüchsigkeit oder zusammengeschnürte und damit mißgebildete Füße – erhöhte den Reiz und die Abgrenzung und rechtfertigt den Bezug der Autoren zu den Freakshows. Dumm nur, wenn – wie in Japan – unterworfene Staaten ihre Angehörigen schützten und so so den Abzug von Koreanern und Vietnamesen erzwangen. Der Rassismus selbst allerdings wurde auch von ihnen nicht grundsätzlich in Frage gestellt : die Ainu, die indigene Volksgruppe Japans galt allen als minderwertig, nur wollte man nicht auf eine Stufe mit ihnen gestellt werden.

Die interdisziplinäre Aufarbeitung – Geschichte, Anthropologie, Kommuniktionswissenschaft u. a. – war lange fällig, zumal der Zweite Weltkrieg und die Entkolonialisierung, die im Wesentlichen in den sechziger Jahren mit dem Ende des französisch-algerischen Unabhängigkeitskrieges genügend Ansatzpunkte geboten hätten, dieses Thema schon früher zu behandeln. Doch es wäre ein Trugschluß, dieses Phänomen hätte da schon geendet : Filme – wie etwa „Indiana Jones“ – transportierten noch jüngst ähnliche Stereotypien, wenn auch abgemildert, und die letzten Ausstellungen von indigenen Menschen gab es im 21. Jahrhundert, in den USA, in Belgien und in Augsburg (sic !).

Dieser Band gibt den Lesern einen guten – und so weit möglich – umfassenden Überblick über dieses Phänomen, und daß es kaum Stimmen der Ausgestellten oder private Aufzeichnungen er bürgerlichen Betrachter gibt, ist von ihnen nicht zu verantworten. Auch der Sonderfall Schweiz, die ja nirgends kolonial engagiert war und dennoch ein kongruentes Menschenbild tradierte, ist ein nicht ganz auserforschter Bereich, da es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zu wenig Daten gab, die Hypothesen allerdings scheinen tragfähig und belastbar. (Inzwischen gibt es ein Buch, das sich mit diesem Thema auseinandersetzt.) Bei aller Wissenschaftlichkeit bleibt das Buch gut lesbar und für den Laien verständlich. Die kaum vermeidbaren Überschneidungen von einzelnen Beiträgen sind unvermeidlich und stören kaum, da immer neue Zusammenhänge eruiert werden. Ich denke, gerade in der heutigen Zeit, in der der Rassismus wieder salonfähig zu werden scheint, ist die Lektüre empfehlenswert, umso mehr als der Band das Thema fundiert und detailliert darstellt.

Bibliographische Angaben :

Pascal Blanchard, Nicolas Bancel, Gilles Boëtsch, Eric Deroo, Sandrine Lemaire et al.: MenschenZoos – Schaufenster der Unmenschlichkeit

Übersetzt von Susanne Buchner-Sabathy

Les éditions du Crieur Public

ISBN : 978-3981506204

© Jost Renner

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