Gergely Péterfy : Der ausgestopfte Barbar

Am 27.Oktober 1831 steht Sophia Török im Magazin des Wiener Naturalienkabinetts, eines Vorgängers des Naturhistorischen Museum, und betrachtet ein Exponat, das inzwischen zu zerschlissen ist, um es noch öffentlich zu präsentieren. Bei diesem Ausstellungsstück handelt es sich um eine Gruppierung von vier ausgestopften afrikanischen Menschen, die noch einige Jahre zuvor mitten unter den Wienern gelebt hatten und nach ihrem Tod auf Anweisung Kaiser Franz, des Ersten, gehäutet, präpariert und ins Museum verfrachtet worden waren. Zwei dieser Menschen waren, wenn auch durchaus unterschiedlich, in der Wiener Gesellschaft bekannt und anerkannt. Einer war Tierpfleger im Zoo und inszenierte sich zum Gaudium des Publikums bei der Tierfütterung, der andere, Angelo Soliman, galt als hochgebildet, war Mitglied der Freimaurer und verkehrte mit den wichtigsten Geistesgrößen seiner Zeit.

Sophia Török war die Ehefrau des Gelehrten und Übersetzers Ferenc Kazinczy, eines ungarischen Adligen, der sich im Sinne der Aufklärung für eine Verbesserung der Gesellschaft engagierte und sich bald in eine Verschwörung gegen den Staat verwickeln ließ. Das brachte ihm schließlich sieben Jahre Haft ein, und nur knapp entrann er der Hinrichtung. Ihn verband mit Angelo Soliman eine recht enge Freundschaft, auch weil beide das Gefühl teilten, in Wien nur geschmähte und verspottete Außenseiter zu sein : der Barbar mit der dunklen Haut, den man berühren, hätscheln durfte, der selbst aber nicht berühren durfte, und der Angehörige eines fremden, kaum zivilisierten Volkes, dessen heimatliche Tracht in Wien zu Spott und Aggression herausforderte.Und beide empfinden sich als der Gesellschaft intellektuell überlegen …

Kazinczy wird der Vertraute des Jahrzehnte älteren Solimans. Ihm erzählt der Afrikaner sein Leben, seine Kindheit, in der er in einen unerbittlichen Bildungsprozeß gepresst wurde, in der er Hätschelobjekt für alle und jeden gewesen war, aber auch gleichsam Leibeigener und, daraus resultierend, auch Bestandteil der Erbmasse, als sein Besitzer und Förderer starb. Für viele Frauen ist er erotisches Lustobjekt und erfüllt auf Anweisung seines Herren solcherlei Wünsche. Liebe findet er aber erst bei einer jüdischen Bankierswitwe, die ihn als Mann und Menschen wahrnimmt, nicht aber als Schwarzen. Aber auch sie weiß, daß er einer Gattin bedarf, um sich im bürgerlichen Sinne etablieren zu können. Und er findet sie, lebt zunächst zurückgezogen in einer liebevollen Ehe, muß aber später bemerken, daß die Gattin und er sich auseinander gelebt haben. Als sie stirbt, muß er die gemeinsame Tochter allein erziehen.

Ferenc Kazinczy derweil kommt in Berührung mit anderen Teilen der Freimaurerei : sein Mentor und späterer Schwiegervater ist Rosenkreuzer und Alchemist, andere Bekannte bezeichnen sich als Illuminaten und streben die Revolution an. Und hier läßt er die notwendige Vorsicht – im Gegensatz zu Angelo Soliman – außer acht. Seine Haftzeit ist unerquicklich, aber er bleibt vom Tode verschont. An einem Ereignis aber trägt er schwer.

Nach der Haftentlassung beginnt ein schweres Leben für Ferenc Kazinczy : er hat sich – von seinem Bruder entrechtet – in die ungarische Provinz zurückgezogen, lebt unter Bauern, die alles Fremde ablehnen, sei es auch nur eine nicht in Ungarn heimische Pflanze. Und doch träumt er davon, Ungarn zu einem kulturellen Zentrum zu machen, ihm eine eigene Sprache zu geben, und so schreibt und übersetzt er, ohne allerdings ein nennenswertes Echo zu finden. Als die Cholera ausbricht, zeigt sich stattdessen ein ganz eigenes ungarisches Nationalbewußtsein : der Mob zieht gegen Juden, Adlige und Großgrundbesitzer zu Felde, weil die angeblich die Bevölkerung vergifteten … Kurz bevor Kazinczy selbst ein Opfer der Cholera wird, erzählt er ihr das, was er nicht aufschreiben konnte, woran er aber seit langen Jahren schwer trug …

Historische Romane gehören nur selten zu meinem Lesepensum, und ich bewahre ihnen gegenüber meist eine, zumindest teilweise, nur schwer erklärbare Skepsis. Das mag an einschlägig schlechten Erfahrungen mit Gordons „Medicus“ oder „Der Päpstin“ von Cross liegen, wenngleich dagegen dann wieder Yourcenar, Feuchtwanger oder von Niebelschütz – und nun also auch Péterfy – als positive Gegenbeispiele in der Waagschale liegen. Es ist immerhin mehr Skepsis als wirkliche Ablehnung des Genres insgesamt, denn es fragt sich, in wieweit das Denken und Fühlen von Menschen in historischen Epochen, etwa dem Mittelalter, überhaupt nachempfunden werden kann, ohne es bedenkenlos zu modernisieren, einem Manierismus – oder schlicht dem Kitsch – unterzuordnen oder die Geschichte für die Gegenwart zu instrumentalisieren (dies allerdings ist oder wäre in totalitären Systemen sogar notwendig, da offene, eindeutig gegenwartsbezogene Kritik dort nicht geduldet würde).

Gergely Péterfy hat für seinen Roman zehn Jahre lang recherchiert, mit diesem Buch also begonnen, bevor die autoritären und xenophoben Tendenzen Ungarns sichtbar wurden, und so kann er glaubhaft versichern, daß die Bezüge zur gegenwärtigen ungarischen Entwicklung eher zufällig sind. Aber sie sind augenfällig – oder man will sie so lesen. Die Gedanken- und Empfindungswelt jener Zeit (Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts) ist zugänglicher, immerhin gibt es – im Gegensatz zum Mittelalter – private Aufzeichnungen, Tagebücher und Briefe auch aus dem Bürgertum, zudem bilden Aufklärung und nachfolgende Romantik immer noch die Grundlagen unsres eigenen gedanklichen Settings.

Recherchiert, das heißt, die wichtigsten Figuren, Angelo Soliman, Ferenc Kazinczy, Sophia Török, hat es wirklich gegeben, ihre historischen Schicksale sind weitgehend verbürgt, als auch – und das ist erschreckend – das Ausstopfen des Afrikaners auf Geheiß des Kaisers. Wäre also 1848 die Sammlung nicht abgebrannt, müßte man sich in Österreich Gedanken machen, wie man mit solchen Menschenpräparaten umzugehen hätte. Thematisiert immerhin wurde das Schicksal des Angelo Soliman 2011 in einer Ausstellung des Wien-Museums.

Péterfy hat seinen Roman klug konstruiert : als einen inneren Monolog der Witwe Kazinczys, die vor dem ausgestopften Barbaren steht und sich erinnert, was ihr Mann ihr von den Begegnungen mit Soliman erzählte, aber auch, wie Ferencs Ambitionen durch die Feindschaft der eigenen Familie und der Feindseligkeit der ungarischen Bevölkerung zunichte gemacht wurden. Die Beobachtungen sind scharf und präzise, und dem entspricht die Sprache. Hier bleibt nirgends Platz für Sentimentalität oder Kitsch. Und so entsteht ein fast gnadenloses Bild der dunklen Seite der Epoche der Aufklärung mit ihrer doppelbödigen Verehrung des Edlen Wilden, die letztlich auch nur Rassismus ist, mit der Begrenzung der Aufklärung auf wenige, gutbürgerliche und intellektuelle Kreise und durch die Launen der Regenten …

Für mich ist dieser Roman ein hochintellektuelles und hochliterarisches Buch, fernab von den oft konsumierten Unterhaltungsromanen in historischer Kulisse. Seine Spannung rührt weniger aus der Handlung, denn aus dem Geflecht zwischen Gesellschaft und – fremden – Einzelnem, aus der Disharmonie von Ideal und Wirklichkeit und aus der Erkenntnis, was der Mensch seinem Mitmenschen alles anzutun vermag : alles.

Bibliographische Angaben :

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

Übersetzt von György Buda

Nischen Verlag

ISBN : 978-3-9503906-2-9

© Jost Renner

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