Gerhard Köpf : Das Dorf der 13 Dörfer

Ein beruflicher Auftrag führt einen Journalisten und ehemaligen Literaturdozenten zurück in seinen Heimatort, das im Titel genannte Dorf der 13 Dörfer, also den fiktiven Ort Thulsern im Allgäu, im dem schon einige andere Romane Köpfs angesiedelt waren. Hier soll er, der mit der Gegenwart hadert und am Gelingen der Aufklärung durch Presse und Rundfunk zweifelt, anhand des Mittagsläutens der örtlichen Kirche, dieses Dorf portraitieren.

Für ihn wird es eine Reise in die Vergangenheit, und er erinnert sich nicht nur wehmütig an Verlorenes, sondern auch an einige Dinge, die dem betulichen, bürgerlich-gemütlichem Blick widersprechen. So fällt ihm als erstes ein, wie er und alle anderen Kameraden im Kindergarten damit beschäftigt wurden, Hakenkreuze und andere Herrschaftssymbole der Nationalsozialisten in Büchern zu überkleben – eine Entnazifizierung ganz eigener Art. Er erinnert sich an das Begräbnis einer im Dorf ansässigen Adligen, deren Vater vom bayerischen Kronprinzen ein Steuerprivileg gewährt worden war, das die Regierenden der Weimarer Republik allzu gerne wieder entzogen hätten. Doch die verbündet sich mit den Nazis und wird von ihnen nach der Machtergreifung umschwärmt und in Ehren gehalten. Daß sie nach der Kapitulation Deutschlands mit den alliierten Siegern anbändelt, versteht sich von selbst.

Außenseiter haben es in Thulsern nicht leicht, sei es des Erzählers kleine Freundin, die das dunkelhäutige Kind eines amerikanischen Besatzungssoldaten ist, sei es ein Eigenbrötler, der sich am Rande des Dorfes mit der Bienenzucht beschäftigt und – außer von den Kindern – gemieden wird, oder ein Junge, der lieber Bücher liest und sich dem Leben seiner Klassenkameraden nicht angleichen mag. Er wird, gemobbt und gemieden, einen frühen Tod finden (und er war nicht der erste …). Flüchtlinge, die es in das Dorf treibt, werden dort niemals heimisch werden.

Seiner verstorbenen Frau, die ihn als Fotografie auf dieser Reise begleitet hat, erzählt er seine Erinnerungen – an Lehrer und Lehrerinnen, an die Geistlichen, die er als eher bigott empfand, an Schulkameraden und Freunde. Und selbstverständlich erinnert er sich an seine Familie : die Tante, die Ärztin des Dorfes, an seinen Vater, den Dorfbriefträger, den er auf einer Langlauf-Tour begleitet und in dessen Fußstapfen er, zumindest in einem Ferienjob, tritt.

Gerhard Köpf ist ein ruhiger und besonnener Erzähler. Ruhiger war er vielleicht nur in seinem von mir hochgeschätzten Roman „Die Strecke“. Er reiht geduldig, Erählung an Erzählung, Anekdote an Anekdote und entwirft so ein nur beinahe idyllisches Panorama einer Kindheit und Jugend in einem Dorf, und wir können annehmen, daß vieles davon Köpfs eigene Eindrücke und Erlebnisse waren. Er bemerkt Veränderungen durch die moderne Zeit und sieht doch immer wieder gleich Gebliebenes oder Erinnerung Evozierendes. Daß davon einiges nicht in allzu guter Tradition steht, ohne daß Protagonist und Schriftsteller an Herzenswärme verlören, macht dieses Buch ebenso angenehm wie gut.

Das Buch ist, wenn man denn genau hinschaut, auch ein leiser Abgesang auf den Protagonisten, auf den Autor selbst : die Welt hat sich verändert, Bücher, Radiosendungen mit kulturell aufklärenden Inhalten werden nicht mehr sehr lange gebraucht werden, so will es ihm scheinen. Ein Zurück in das Dorf seiner Kindheit aber wird es ebenfalls nicht geben können … von diesem wird, wenn des Protagonisten Erinnerung einst erlischt, nur noch die Postkarten-Idylle geben, die die tieferen Strömungen verdeckt.

Köpfs Bedachtsamkeit findet sich auch in der Sprache wieder, die Bilder zu schaffen vermag, Sätze mäandern läßt und mit etlichen Zitaten gespickt ist, sodaß auch auf dieser Ebene ein angenehmes Leseerlebnis bevorsteht …

Bibliographische Angaben :

Gerhard Köpf : Das Dorf der 13 Dörfer

Braumüller Verlag

ISBN : 978-3-99200-185-9

© Jost Renner

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