Annemarie Weber : Westend

Es ist April 1945, ein Monat etwa vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Im Charlottenburger Westend, das durch Bombenangriffe teilweise zerstört ist, lebt die siebenundzwanzigjährige Elsa Lewinsky. Bis vor kurzem noch hatte sie in einer Fabrik gearbeitet, doch die ist nun durch die Operationen der Roten Armee unerreichbar. Und auch der Einmarsch der russischen Truppen in ihren Heimatbezirk steht kurz bevor. Elsa ist weitgehend auf sich allein gestellt : der Verlobte wird an der Westfront vermisst, später gibt es Nachricht, er sei in französische Kriegsgefangenschaft geraten. Die Eltern des jungen Mannes sind ihr gegenüber sehr reserviert, immerhin ist sie ja noch nicht mit ihm verheiratet, ihre eigenen Eltern haben sich ins Branndenburgische geflüchtet.

Als bald darauf Charlottenburg zur Frontlinie wird, beginnen für Elsa und alle anderen, vor allem für die Frauen, sehr üble Zeiten. Elsas Wohnhaus brennt nieder, Menschen, die sich Plünderungen widersetzen, werden getötet, die Gerüchte, russische Soldaten würden deutsche Frauen wahllos ? oder auch systematisch vergewaltigen, bewahrheiten sich. Eine andere Frau rät ihr, keinen Widerstand zu leisten und sich möglichst einen „festen“ Täter zu suchen, um dem Tod oder auch Vergewaltigungen durch ganze Trupps zu entgehen. Elsa, die eine Opferhaltung und eigene Schuldgefühle vermeiden, aber auch überleben will, hält sich pragmatisch daran, was ihr ein schlimmeres Schicksal erspart, aber eben auch nur das, denn übel genug wird ihr dennoch mitgespielt.

Erst mit der Kapitulation der Deutschen wird es für alle sicherer : Die russische Besatzungsbehörde verbietet nun solche Exzesse, die sie bei den kämpfenden Truppen mindestens gebilligt, wenn nicht gar angeordnet hatte,(zumal Charlottenburg bald darauf den Briten zugeschlagen wird. Elsa wird Dolmetscherin und – inoffiziell – Sachbearbeiterin bei der militärischen Kulturverwaltung der Briten. Hier muß sie Anträge zur Bewilligung auf Zeitungsgründungen und Kulturveranstaltungen bearbeiten und ihren vorgesetzten Offizieren sagen, ob die Antragsteller nach ihrer Kenntnis Mitglied der NSDAP gewesen seien. Ihre Eltern sind mittlerweile wieder nach Berlin zurückgekehrt und versuchen, die alte, bürgerliche Ordnung zu reetablieren. Daß Elsa aber eine Affäre mit einem britischen Unteroffizier beginnt, sehen sie zwiegespalten – moralisch ist es nicht in Ordnung, die zusätzliche Versorgung mit Lebensmitteln und Luxusgütern allerdings ist willkommen. Für Elsa – und auch den Soldaten – ist es Liebe, wenngleich eine recht aussichtslose.

In all diesen Tagen schreibt sie Briefe an ihren verschollenen, dann in Kriegsgefangenschaft sitzenden Verlobten, erklärt darin ihre unverbrüchliche Liebe und protokolliert doch auch die Änderungen, die sich in ihr entwickelt haben, ohne jedoch auf Einzelheiten wie die Vergewaltigungen oder die Liebesbeziehung explizit einzugehen. Man ahnt bald, daß eine Ehe nach tradiertem bürgerlichen Muster nur schwer durchlebt werden kann. Von einer recht selbständigen Frau ist Elsa auch zu einer sehr selbstbewußten geworden. Als der Verlobte gleich bei seiner Rückkehr versucht, das Zepter in die Hand zu nehmen, wissen wir : er wird diese Briefe niemals zu lesen bekommen …

Bereits 1996 war dieses Buch der Journalistin und Schriftstellerin erschienen und fand schnell literarische – und inhaltliche Anerkennung, während das sieben Jahre zuvor erschienene Buch „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ noch mehrheitlich abgelehnt worden war, da es „die Ehre der deutschen Frau“ beschmutze. Und doch zeigen beide Bücher im wesentlichen dasselbe : die systematische Gewalt gegen Frauen und die – notwendigen – Strategien im Umgang damit, um schlicht zu überleben. So pragmatisch und kaltschnäuzig die Betroffenen damit auch umgehen, bleiben diese Gewaltakte für die Frauen (und für die Leser) ekelhaft, entwürdigend und tief prägend.

In Bezug auf Annemarie Webers Sprache sträubten sich mir anfangs die Nackenhaare : da war eine Autorin zu oft auf der Suche nach einem hochsprachlichen, literarischen Wort, sodaß es gestelzt und allzu hölzern klang – und eben nicht dem Wesen der Protagonistin entspricht, die zwar gutbürgerlichem Hause entstammte, aber dennoch eher alltagsverbunden und lakonisch wirkt. Im Laufe der Zeit hat sich dieser Eindruck dann doch verflüchtigt, denn das Geschehen und die Schilderung der Lebenswelt waren stark genug, den Leser gefangenzunehmen.

Weber hat sich so auch nicht allein auf die Geschichte der Elsa Lewinsky konzentriert, sondern wirft einen recht genauen Blick auf das Verhalten anderer Personen, sei es auf die Mitläufer des Nazi-Regimes, auf die in alle Richtungen Angepaßten, aber auch auf die kleinen Versuche der Solidarität untereinander – und deren Zerbrechlichkeit. Sehr deutlich wird auch der Gegensatz von „irgendwie weitermachen“ und dem bürgerlichen „weiter so“, der zeigt, daß eher wenige aus der hereingebrochenen Katastrophe zu lernen bereit waren.

Alles in allem ist dies ein wichtiges, wenn auch nicht literarisch hochwertiges Buch, das die Endphase des Zweiten Weltkrieges eindrücklich beleuchtet und anhand der Elsa Lewinsky greifbar und nachvollziehbar macht. Gerade die Gegenüberstellung ihrer Erfahrungen mit den Briefen offenbart ein Spannungsverhältnis, das literarisch trägt und den Roman, über dessen autobiographischen Bezüge zu spekulieren müßig ist, dem Leser zum Nutzen vertieft.

In „Roter Winter“ wird die Geschichte Elsa Lewinskys weitergeführt. Diesen Roman werde ich in absehbarer Zeit dann ebenfalls lesen und hier vorstellen.

Bibliographische Angaben :

Annemarie Weber : Westend

AvivA Verlag

ISBN 978-3-932338-52-6

© Jost Renner

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