Angelika Reitzer : Taghelle Gegend

Gerade einmal 160 Seiten lang ist dieser Roman von Angelika Reitzer, in dem sie die ersten Schritte einer jungen Frau in das Erwachsenenleben beschreibt. Eines Tages, beinahe scheint es eine Affekthandlung, hält Maria ein Auto an, verläßt Familie und die kleine österreichische Provinzstadt und landet in Wien. Hier kommt sie bei einem Bekannten unter und teilt sich mit ihm zwei Jahre lang eine Wohnung. Sie kommt in Berührung mit der Hausbesetzer-Szene, lernt deren Entspanntheit, Offenheit und internationalen Flair zu schätzen. Über Wasser hält sie sich, indem sie für Absolventinnen einer Modeschule schneidert. Später, vermutlich in Berlin, dies bleibt wie vieles andere recht vage, wird sie in der Kostümbildner-Abteilung eines Theaters arbeiten, sich die Rollen vorstellen, deren Kostüme sie näht, um so die Ergebnisse ihrer Arbeit zu verbessern. Auch der Wechsel zum telefonischen Kartenverkauf verschafft ihr erfüllende Momente, erst recht dann, wenn sich unvorhergesehene Probleme mit der Kreditkartenzahlung ihrer Kunden schnell beheben lassen.

Auch privat testet sie sich aus. Hatte sie einst die Avancen eines älteren Autofahrers selbstbwußt abgewiesen, so verliebt sie sich nun in einen älteren Regisseur, der auch eine Art kultureller Mentor zu sein scheint. Allerdings ist der verheiratet und hat ein Kind. Maria ist dennoch zufrieden, mag nicht auf die Trennung ihres Liebhabers von seiner suizidgefährdeten Frau drängen, sondern sieht auch die Sehnsucht, wenn er abwesend ist, als wesentlichen Bestandteil ihrer Beziehung.

Dennoch erkaltet auch diese Liebe, und Maria trennt sich von ihm. Ein Galerist, dann ein Schauspieler sind kurzfristiger Ersatz. Komplikationen gibt es in keinem Fall. Die Gegenwart ist für Maria taghell, vielleicht auch die Zukunft. Dunkle Töne mischen sich allerdings in ihre Geschichte, wenn sie unversehens die Erinnerung überfällt : an ihre Familie, den Tod der Großmutter, der unpassenderweise an einem Ostermontag, Marias Geburtstag, alle Planungen über den Haufen wirft und bei den Eltern allenfalls die Frage aufwirft, wo sich der Sohn gerade aufhält, aufzuwerfen imstande ist.

Der Bruder wiederum ist ein Problemfall, ein Alkoholiker, der mehr recht als schlecht mit einer Leidensgenossin zusammenlebt und dessen Ehe massiv gefährdet ist. Maria hört sich zwar die Klagen ihrer Schwägerin an, verweist sie aber an ihre Eltern, denn ihr ist recht bewußt, daß ihr die Möglichkeiten fehlen, zu helfen. Eine andere Erinnerung – oder ist es ein Tagtraum ? – ist weit finsterer : Als sie in einem Schwimmbad war, ertrank ein Junge, den sie als ihren jüngeren Bruder beschrieb … Hier wird, ziemlich vage und nicht wirklich eindeutig, eine Katastrophe für die Famile angedeutet, die auch Maria fort – und ins Selbständigwerden getrieben haben mag …

Ich bin versucht, zu behaupten, der Roman ist auch nicht mehr das, was er niemals war. Denn spätestens seit dem 20. Jahrhundert, betrachtet man es genauer, eigentlich seit Laurence Sternes „Tristram Shandy“ ist der Roman nicht nur episches Erzählen, sondern immer wieder auch literarisches Experimentierfeld. Und Angelika Reitzer mag sich nicht von den traditionellen Formen des Erzählens binden lassen, sondern testet, spielt und versucht, die Grenzen des Erzählbaren auszuloten, ohne die Geschichte – oder deren Protagonistin – aus dem Blick zu verlieren.

Es mischen sich Orts- und Situationsbeschreibungen, die obwohl nüchtern und schnörkellos geschrieben, eine feine Ästhetik – mehr differenzierte Zeichnung als Ölgemälde – aufweisen, mit Handlung, Träumen und Erinnerungen, sodaß vor dem Leser nicht nur ein Bild, sondern eine Art flirrenden Kaleidoskop zu liegen scheint, das, wiewohl vage, doch dieses Buch, dieses Kunstwerk zu tragen vermag. Dieser Roman ist so eigenwillig wie fordernd, aber es vermag gerade dadurch, den Leser zu bannen und ihm einen befriedigenden Genuß zu schaffen.

Bibliographische Angaben :

Angelika Reitzer : Taghelle Gegend

Haymon Verlag

ISBN : 978-3852188119

© Jost Renner

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s