Karl Ove Knausgård : Spielen

Mit dem dritten Band seiner sechsbändigen Reihe autobiographischer Romane, „Spielen“, begibt sich Karl Ove Knausgård an den Beginn seines Lebens und schildert seine Kindheit auf der südostnorwegischen Insel Tromøy. Als er gerade acht Monate alt ist, ziehen seine Eltern mit ihm und dem älteren Bruder Yngwe dorthin und beziehen ein Haus in einer noch unfertigen Neubau-Siedlung. Es ist für das Land wie für die Familie der Anbruch einer neuen Zeit. Während sich Norwegen nach der Aufarbeitung der deutschen Besetzung neu organisiert, so versuchen die Eltern ein eigenes, selbständiges Leben zu begründen. Beide Elternteile arbeiten, die Mutter in der Pflege, der Vater als Lehrer. Man ist nicht arm, aber Geld im Überfluß ist auch nicht vorhanden.

Für die Kinder sind viele, vor allem räumliche Freiheiten vorhanden, immerhin ist die Insel nicht allzu dicht besiedelt und der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Karl Ove kann also mit Nachbarskindern und später Schulkameraden recht unbekümmert durch die Gegend streifen und sich den kindlichen Vergnügungen, die auch eine Menge Unsinn beinhalten, unbelastet hingeben. Allerdings ist es dennoch kein Kindheitsparadies, denn der Vater setzt Grenzen ganz eigener Art, autoritär, unberechenbar, jähzornig und teils gewalttätig. Fragte ich mich im ersten Band „Sterben“ noch, woher denn der unbändige Hass auf den Vater komme, so klärt diese Kindheitsgeschichte sehr viel und macht Knausgårds Ressentiments nachvollziehbar.

Die väterlichen Übergriffe, und es sind unzählige, machen aber den Vater dem Erzähler auch nach fast vier Jahrzehnten als Person greifbar, während er sich an die Mutter, ein Gegenbild des Vaters, sozial, fürsorglich, familiär und kommunikativ, als Mensch nur unter Schwierigkeiten erinnern kann. Doch sie vermag ihm Sicherheit und Geborgenheit zu geben, redet mit ihm, während die Kommunikationsversuche des Vaters allenfalls halbherzig ausfallen und bald wieder eingestellt werden. Die wenigen Momente aber lassen erahnen, wie die Geschichte hätte besser und für den Jungen angenehmer verlaufen können.

Es kann nicht ausbleiben, daß diese dominante, übermächtige Vaterfigur den Jungen auf verschiedenste Weise prägt und in seinem Verhalten – eher negativ – beeinflußt. So ist er auf der einen Seite gut in der Schule, was ihn in den Augen seiner Mitschüler suspekt macht, gibt sich gern altklug und moralisierend und steht allzu gern im Mittelpunkt, ohne damit umgehen zu können, daß ihm das des öfteren verwehrt wird oder er gar abgewiesen wird. Als er etwa feststellen muß, daß Anne Lisbet, in die er sich ein wenig verkuckt hatte, einen anderen ihm vorzieht, bricht für ihn fast die Welt zusammen, natürlich auch, weil er niemals eine Erklärung für ihren Sinneswandel erhält. Auf der anderen Seite ist Karl Ove ein ängstliches Kind, fürchtet sich vor Hunden, Geistern, Toten und neuen, ungewohnten Situationen. Und er ist sehr nah am Wasser gebaut, d.h., er beginnt bei Kleinigkeiten schon zu weinen. Das alles macht es ihm im Kameraden-Kreis immer unbeliebter, sodaß er sich alsbald im Abseits befindet, eine Isolation, die die familiäre Situation noch unerträglicher macht.

Auffallend das frühe und intensive Interesse an Mädchen, das ihn, der doch eigentlich im Umgang mit ihnen eher hilflos erscheint, dazu bringt, sich den Themen und Kommunikationsmechanismen des Weiblichen anzunähern. Das verhilft ihm zwar zunächst zur Annäherung, aber bald gilt er als eklig, feminin und wird sogar böswillig als schwul verleumdet. Auch die frühpubertären „Beziehungen“ sind allenfalls eine Sache von Tagen, wie es in dieser Zeit wohl auch normal ist, aber er trägt dazu bei, weil er entweder zu langweilig und hilflos wirkt oder im anderen Extrem zu forsch vorgeht. Der Wechsel an die Oberschule soll ihn erlösen, aber es dauert nicht lange, und er ist wieder Außenseiter …

„Spielen“ ist nun der dritte Band von Knausgårds Romanprojekt und das vierte Buch überhaupt, das ich gelesen habe. Und ich bereue es nicht. Kurz vor und mit dem Erscheinen formierten sich im Feuilleton die Befürworter und die Gegner. „Meisterwerk“, riefen die einen, „Hype“, bis heute die anderen, und beides wäre durchaus dazu angetan gewesen, die Lektüre gleich ganz zu verweigern, was wohl etliche potenzielle Leser auch taten. Schon bei Band 1 „Sterben“ und auch bei Band 2 „Lieben“ empfand ich, das beide Seiten gleichermaßen Unrecht haben könnten. Als Meisterwerke konnte ich nämlich beide nicht sehen, dazu blieben mir im ersten Band zum einen zu viele Fragen offen, zum anderen irritierte mich die deutliche Zweiteilung, die ich als eher unvorteilhaft empfand. Und dennoch war auch schon erkennbar, daß hier niemand seine Erinnerungen in narzisstischem Wahn heruntergeschrieben hatte, ohne auf Aufbau, Stil oder Sprache zu achten. Im Gegenteil : es waren deutliche Gestaltungsbemühungen bis hinein in kleinste sprachliche, literarische Formulierungen, in Rhythmus von Sätzen und Absätzen erkennbar.

Der zweite Band „Lieben“ funktionierte wieder ganz anders, ebenfalls zweigeteilt, doch auf andere Art : hier wurde die Erinnerung mit der aktuellen Schreibsituation kombiniert, für mich spannender als die Vorgehensweise des ersten Bandes, denn es blieben freie Räume zur essayistischen Vertiefung und Variation. In diesem Band kamen auch Knausgårds Frau und die gemeinsamen Kinder ins Spiel, die Schwierigkeiten, zu schreiben, obwohl man durch familiäre Pflichten und Konstellationen so weit eingebunden war, um Freiräume allenfalls nur noch mühsam – und vielleicht auf Kosten der anderen – erhalten zu können. Aus der Leserschaft und wohl auch aus der Nichtleserschaft (aufgrund von Inhaltsangaben und Rezensionen) kamen denn auch erwartungsgemäß und reflexartig „narzisstisch“ oder „verantwortungslos“ als wertende Reaktionen, ohne daß bedacht wurde, daß einerseits jeder Selbständige heutzutage vor ähnlichen Problemen steht und andererseits des Schreibers Projekt auch darin bestehen könnte, sich in möglichst schlechtem Lichte darzustellen, natürlich unter dem Label „ehrliche Selbsterkundung“.

Nun also Band 3. Von allen dreien scheint er mir der gelungenste, denn er ist stringent, verzichtet auf eine deutliche Zweiteilung und macht dennoch immer wieder deutlich, daß die Erzählperspektive nicht die eines Sechs- bis Dreizehnjährigen ist, sondern die eines Manns von gut vierzig Jahren, der versucht, seiner Erinnerungen habhaft zu werden und sie in eine literarische Form zu gießen. So geben einzelne Sätze, ein kurzer Einschub über das Wesen und das Trügerische der Erinnerung und ein melancholischer Abschluß, der deutlich macht, daß das Erinnerte wahrscheinlich nur allein für diesen einen Erinnernden wirklich wichtig und damit dauerhaft ist, einen Einblick in den Schaffensprozeß.

Der Autor reiht Situationen aneinander, alle gleich minutiös beschrieben, aber sehr wohl unterschiedlich ausgedehnt. So entsteht auch in der Abfolge ein Rhythmus, manches, das quälen soll oder auch ihn quälte, dehnt sich scheinbar endlos, anderes wirkt kompakter, so als solle der Schlag unvermutet und umso härter erfolgen. Gleiches gilt auch für die selteneren glücklichen Momente. Die Akribie erschien mir niemals langweilend, denn sie beschränkt sich immer nur auf überschaubare Szenen, läßt aber dadurch das Buch insgesamt genauer, umfassender erscheinen, als es ist. Denn wollte man ernsthaft jeden einzelnen Augenblick der Kindheit so erfassen, hätte allein dieser Roman wohl zehn und mehr Bände.

Karl Ove mag als Kind ebenso wenig sympathisch wirken wie Knausgård als erwachsene Figur, doch jedem, der nur ansatzweise ähnliche familiäre Konstellationen hat erleben müssen, vermag, mit diesem Kind zu bangen, mitzufühlen und seine Situation und die vermutlich lebenslange Falle, in die er hineinzugeraten droht, zu erahnen. Ohne seine Figur und deren Erlebniswelt explizit psychoanalytisch zu erkunden und aufzuklären, vermag er doch, durch Akribie wie Plastizität das Leben des Jungen eindrücklich und nachvollziehbar so darzustellen, daß Leben und Leiden im Leser manifest werden, und damit einen Schlüssel zur Persönlichkeit der Romanfigur und des Autors in der Hand zu haben glauben. Aber natürlich ist auch hier Vorsicht geboten, denn er äußerte in einem Interview mit der „Zeit“: „Ich habe nur über einen kleinen Teil von mir geschrieben. Damit habe ich entschieden: Das bin ich!“ Manche der vehementen Abwehrreaktionen, die ich wahrnahm, haben wohl genau damit zu tun : daß man nicht realisierte, daß Knausgård einen bewußt gewählten und gestalteten, bzw. stilisierten Ausschnitt seiner Gesamtpersönlichkeit in den Mittelpunkt stellte.

Für die Zukunft möge man sich hüten, hier einen Gegensatz von Hype und Meisterwerk aufzubauen, denn die Bücher sind wohl beides nicht. Sie sind lesbare, statthafte Wege, sich seiner Autobiographie anzunähern, sie literarisch zu erarbeiten, sind erhellend wie intensiv. Sie sind – mit Sicherheit – auch Symptome der Zeit, die seit langem das Individuum, das Selbst und die Selbstverwirklichung herausgestellt hat. Offen bleibt, ob sie vor der Literaturgeschichte Bestand haben werden. Für die Gegenwart haben sie es ohne Zweifel.

Bibliographische Angaben :

Karl Ove Knausgård : Spielen

Übersetzt von Paul Berf

Luchterhand Literaturverlag

ISBN : 978-3442749324

© Jost Renner

2 Kommentare

  1. Ich glaube, das Besondere an seinen Büchern ist, dass er unumwunden von seinem Leben, den lichten wie den dunklen Seiten, sowie dem Wirken als Autor berichtet; und das in einer Offenheit, bei der alles zutage tritt. Ich habe die ersten beiden Bände sehr gern gelesen. Dein Beitrag erinnert mich daran, nun weiter zu lesen. Viele Grüße

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