Heinrich Böll : Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind: Die Kriegstagebücher 1943-1945

Diese Ausgabe der erhaltenen Kriegstagebücher – drei andere Bände sind in den Kriegswirren verloren gegangen – verdanken wir in erster Linie dem am 21 Dezember 2017 anstehenden 100. Geburtstag Heinrich Bölls und der daraus folgenden verzweifelten Suche, was man denn anläßlich dieses nicht unwichtigen Jubiläums auf den Markt werfen könnte. Man befand diese Kriegstagebücher als geeignet und störte sich kaum daran, daß Böll selbst die Veröffentlichung in seinem Testament ausschloß. In seinem Vorwort können wir nun den Sohn René Böll dabei beobachten, wie er sich seine Wahrheit bequem zurecht biegt, sich also in die eigene Tasche und die des Verlages lügt, um aus Bölls Zustimmung, diese Aufzeichnungen der wissenschaftlichen Auswertung zugänglich zu machen, eine generelle Erlaubnis zur Veröffentlichung abzuleiten. Das ist, mit Verlaub gesagt, Leichenfledderei und recht unappetitlich. Nicht weniger abstoßend erscheint mir, das im Marketing und in manchen Rezensionen verwendete Schlagwort „Sensationell“, das in Zeiten der Industrialisierung der Buch- und Verlagskultur sowieso schon überstrapaziert wird.

Dennoch will ich und sollte mich auch davor hüten, allzu laut zu lamentieren. Immerhin habe ich dieses Buch gekauft und relativ rasch nach Erscheinen gelesen, vermutlich aus ganz denselben Gründen, die René Böll und der Verlag Kiepenheuer & Witsch zur Publikation veranlassten : das Bedürfnis vieler Leser, einen Autor, der immerhin Generationen durch seine Literatur, aber auch seine politischen Einstellungen, nachhaltig prägte, unmittelbar und in seiner Menschlichkeit zu erfahren, und auch der Maschinerie des Krieges durch ungefiltertes Zeugnis ein wenig habhaft zu werden. Letzteres zumindest konnte in den nun vorliegenden Aufzeichnungen nur sehr eingeschränkt gelingen.

Heinrich Böll diente sechs Jahre, also den ganzen Zweiten Weltkrieg, als Soldat. Kurz vor dem Überfall auf Polen rückte er am 4. September 1939 ein. Zuvor noch hatte er ein Studium der Germanistik und der Klassischen Philologie begonnen und seinen ersten Roman geschrieben. Mit Sicherheit war er über die Einberufung alles andere als glücklich, stand sie doch einem selbstbestimmten Leben und dem Schreiben entgegen, und konsequenterweise beschränkten sich seine schriftlichen Äußerungen in den Kriegsjahren vor allem auf Briefe und – eher stichwortartige – Tagebuchaufzeichnungen. Immerhin verlebte er die ersten Kriegsjahre eher in Kasernen und war damit relativ sicher. Doch empfand er den Kasernendienst, den Kameradschaftsgeist etc. als öde und belastend. Im Oktober 1943 – mit dem Beginn des vorliegenden Bandes – sollte sich das ändern : er wurde mit seiner Einheit nach Odessa verlegt und nahm ab November an den Schlachten auf der Krim teil, bis er verwundet wurde. Jetzt ist der Tod greifbar, Kameraden fallen, Artillerie und die Kugeln der Gegner gefährden auch ihn. Kälte, Dreck, Enge und das Dauerfeuer machen ihm zu schaffen, gleichzeitig sehnt er sich nach seiner Frau Annemarie, die er 1942 auf Urlaub geheiratet hatte, und seiner Familie, die in der Heimat durch Bombenangriffe bedroht sind. Daß seine Frau schwanger ist, daß seine Mutter schwer erkrankt – und noch in seiner Dienstzeit sterben wird – macht es ihm nicht leichter. Trost und Hilfe sucht er bei Gott. Böll ist gläubiger – katholischer – Christ und erbittet bei Gott Schutz und Rettung für sich und seine Nächsten, auch wenn er ab und an zweifelt, ob er genügend und richtig bete.

Seine Urlaube verbringt er, wenn möglich, mit der Familie und seiner Frau und scheut auch nicht davor zurück, Daten auf den Urlaubsscheinen zu fälschen, um ein paar Tage zu gewinnen. Niemandem, gottseidank, fällt das auf. Zuletzt geht es zurück nach Westen : die Amerikaner haben deutschen Boden erobert und Böll wird in Abwehrkämpfe involviert, zuletzt im April von Amerikanern gefangen genommen. Die allerdings überstellen ihn in ein französisches Kriegsgefangenen-Lager. Hier erlebt er die deutsche Kapitulation und den Abwurf der Atombomben auf Japan und damit ddas endgültige Ende des Krieges. Erst im September 1945 wird er – nach 155 Tagen – Kriegsgefangenschaft – entlassen.

Der Verlag hat sich alle Mühe gegeben, ein ansprechendes und den inhaltlichen Vorgaben entsprechendes Buch zu gestalten : es erinnert an handelsübliche Kalender oder Kladden, hat ein Lesebändchen, das – da man immer wieder auf den Anmerkungsapparat zurückgreifen muß – auch sinnvoll erscheint, und paart die digitalisierten Abbildungen der Originalaufzeichnungen mit den Transkriptionen, auch das notwendig, weil Bölls Schrift nicht immer leicht lesbar ist. Selbst den Herausgebern bleiben einige Lücken.

Böll listet Verluste, sehr schmerzhaft, wenn etwa einer der wenigen ebenbürtigen Gesprächspartner fällt, immer wieder surreal anmutende Träume, gelesene Bücher und an der Front oder im Lazarett gezeigte Filme. So ist er von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ sehr eingenommen, das er als realitätsnahe Beschreibung des Lebens an der Front empfindet.

Dennoch sind diese Tagebucheinträge zumeist nicht mehr als kurze, stichwortartige Notizen, die dem Leser – ohne auf die Anmerkungen zurückzugreifen – wenig bieten können, zum Teil nicht zu deuten oder etwa dem Wertesystem Bölls zuzuordnen sind. Daß die Anmerkungen nicht selten auf die „Briefe aus dem Krieg“ verweisen, bzw. sie ausführlich zitieren, ist gewissermaßen ein Sinnbild für das Problem dieses Buches : der Leser wäre mit den Briefen mit Sicherheit besser bedient. Es fehlen so sehr die Inhalte der Gespräche, die Wertungen der „Führerrede“, des Geburtstages Hitlers oder das Attentat … Eine Ablehnung der Nationalsozialisten, des Krieges kann man jedenfalls nicht erkennen, schlimmer noch : an einer Stelle fantasiert Böll von der Möglichkeit, sich im Osten anzusiedeln.

Bei allem guten Willen : einen Gefallen hat man Böll mit dieser Veröffentlichung nicht getan. Wir mögen hoffen, daß es ihn, der 1985 starb, nicht mehr kümmert.

Bibliographische Angaben :

Heinrich Böll : Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind: Die Kriegstagebücher 1943-1945

Verlag Kiepenhheuer & Witsch

ISBN : 978-3462050202

© Jost Renner

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s