George Saunders : Lincoln in the Bardo

Als William Wallace Lincoln am 20. Februar 1862 an einer Fieber-Erkrankung stirbt, sind seine Eltern, Präsident Abraham Lincoln und seine Frau Mary Todd Lincoln am Boden zerstört. Am Abend zuvor hatten sie noch, der Diagnose eines Arztes vertrauend, daß es ihm besser ginge, noch einen Empfang gegeben und waren von der Feier immer wieder hinauf ins Krankenzimmer des Kindes geeilt. Nach der Beerdigung – und das beruht auf historischen Fakten – begibt sich Abraham Lincoln mehrmals zum Mausoleum auf dem Oak Hill Friedhof, in dem der Sarg des Kindes beigesetzt wurde. Hier entnimmt er den Leichnam aus dem Sarg und hält ihn in Händen, umarmt ihn und redet zu ihm, allerdings ist diese Entnahme nicht wirklich faktisch nachzuweisen.

Der Friedhof selbst ist der Hauptschauplatz dieses ersten Romans von George Saunders : denn sobald es dunkel wird, erwachen die Toten und versuchen, ihr altes Leben fortzuführen oder warten darauf gefunden und in ihre bekannte Welt zurückgeführt zu werden. Sie leben im Bardo, einem Übergangsstadium zwischen Leben und Tod, bis sie ihrer Bestimmung – Himmel, Hölle oder Wiedergeburt – zugeführt werden. Sie wissen nicht, daß sie tot sind oder wollen es nicht wissen, klammern sich an ihre alten Existenzen und ignorieren selbst die Aufforderungen und Ermunterungen sporadisch erscheinender Engel. Auch William gehört nun zu ihnen.

Kinder allerdings dürfen nicht lange im Bardo verweilen, sonst werden sie alsbald von einem Panzer überzogen. Nun aber veranlaßt gerade Präsident Lincolns Handeln den Sohn, dort verharren zu wollen, bis die Wiederaufnahme des liebevollen Familienlebens wieder möglich wäre. Andere Geister, der Reverend Everly Thomas, der vor einem endgültigen Richtspruch zurück ins Bardo geflohen war, Hans Vollman, der zu seinen Lebzeiten eine viel jüngere Frau geheiratet und ihr zuliebe auf Sex verzichtet hatte (und nun immer noch hofft, diese Dimension der Beziehung könnte noch gewonnen werden), und Roger Bevins, ein Homosexueller, der sich tötete, weil er seine Liebe nicht leben konnte, machen sich auf, den Jungen Willie zu retten.

Dazu müssen sie in den Präsidenten hinein, ihn veranlassen, den Tod des Kindes zu akzeptieren und ihn loszulassen. Als Geister allerdings haben sie wenig Einfluß auf die Lebenden und die Geschehnisse in der realen Welt …

Während allerorten immer noch / immer wieder das Ende des Romans beschworen wird, Alternativen gesucht – und eher nicht gefunden – werden, haben zwei Romane des Jahres 2017 bewiesen, daß der Roman weder tot noch so starr ist, als daß er nicht immer aufs Neue seine Existenzberechtigung und seine Innovationskraft beweisen könnte. Andere wiederum zeigten, daß auch das traditionelle Erzählen, wenn klug und ansprechend gehandhabt, zu Recht seine Leser findet.

Zu den innovativen Romanen gehört, neben Paul Austers „4 3 2 1“, mit Sicherheit George Saunders „Lincoln in the Bardo“, der gerade den Man-Booker-Prize gewann und im Mai 2018 bei Luchterhand in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Saunders Herangehensweise ist ungewöhnlich – und das in zwei verschiedenen Erzählsträngen, die zunächst disparat wirken und doch eng zusammengehören.

In einem ersten Erzählstrang vermittelt Saunders das reale zeitgeschichtliche Geschehen mithilfe kurzer Zitate aus historischen Quellen, unter die sich dann doch, still und heimlich, kleine fiktive Schnipsel mischen. So entsteht ein Bild der Vorgänge rund um den Tod des Jungen, der Trauer und des Schocks, man erhält Einblicke in die Persönlichkeit des Präsidenten, in die Reaktionen der Öffentlichkeit, die sein Handeln zum Teil wenigstens unverantwortlich fand und zudem mit den ersten heftigen Verlusten im Bürgerkrieg haderte.

Der zweite, umfangreichere Strang befaßt sich mit dem „Leben“ auf dem Friedhof. Auch hier erzählt Saunders nicht selbst, sondern läßt seine Figuren, vor allem den Reverend Thomas, Hans Vollman und Roger Bevins zu Wort kommen, die die Ereignisse in kurzen Dialogen oder ebenso kurzen Erzählungen wiedergeben. Darein mischen sich immer wieder die Stimmen anderer, die ihr Leben vor dem Tode, ihre Hoffnung auf eine Wiederkehr ins Alte zu Protokoll geben oder auch die Vorzüge des Zwischenzustands zu preisen wissen. Auch die Gesellschaft der Verstorbenen kennt Hierarchien : während die Weißen in Gräbern und Mausoleen bestattet sind, gibt es für Afro-Amerikaner zumeist nur ein Massengrab, unabhängig vom Bildungsniveau oder dem sozialen Status.

Abraham Lincolns Fürsorge für den Leichnam seines Sohnes setzt einiges in Gang, und selbst die Zyniker unter den Toten sehen Zeichen dafür, daß auch für sie Nähe zu ihren Liebsten möglich wäre. Willie Lincoln wird so zu einer Art Maskottchen. Doch, betrachtet man den Titel „Lincoln in the Bardo“, wird klar, daß es Saunders auch oder vor allem um Lincoln selbst geht : der ist mit dem Tod seines Sohnes und den verheerenden Nachrichten vom Bürgerkrieg selbst in einem Zwischenreich angelangt, und weiß zunächst nicht, wie es von dort aus überhaupt weitergehen kann. Und so versucht Saunders – fiktional – eine Leerstelle in Lincolns (psychologischer) Biographie zu füllen. Seine gewonnene Einsicht mag, ebenso wie die Überbetonung der Unschuld des Knaben Willie, den Leser ein paar Abstriche am Lesevergnügen machen lassen : die einen sind recht grausam, die andere ist ein wenig zu dick und kitschig aufgetragen.

Im Ganzen aber ergibt sich ein erfreuliches Ganzes : ein Roman, skurril, ironisch, bisweilen zynisch, dann wieder tragisch, grausam und mitleiderregend. Ein wenig gemahnte er mich an Shakespeare : Ein Spätwinternachtstraum. Und Saunders ist Puck.

Bibliographische Angaben :

George Saunders : Lincoln in the Bardo

Random House

ISBN : 978-0812995343

© Jost Renner

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