Kazuo Ishiguro : Der begrabene Riese

Weit zurück in die britische Vergangenheit führt uns Kazuo Ishiguros bislang letzter Roman : Wir befinden uns im 5. oder 6. Jahrhundert nach Christus, die römische Besatzung ist ebenso Vergangenheit wie die Zeit des sagenhaften Königs Artus. Das Christentum hat sich weitgehend durchgesetzt, wenngleich noch nicht alle Rituale und Aberglauben der heidnischen Zeit verschwunden sind. Immerhin tummeln sich noch Drachen, Kobolde und menschenfressende Oger in der Nähe der Siedlungen und vermögen, manches Unheil zu stiften. Britannier und eingewanderte Sachsen leben in einem labilen Frieden miteinander.

Beatrice und Axl, ein recht altes Ehepaar, das sich inzwischen an den Rand der Dorfgemeinschaft gedrängt sieht, beschließt, sich auf die Reise zu ihrem Sohn zu begeben. Dies allerdings ist ein recht schwieriges Unterfangen : neben den körperlichen Einschränkungen erschwert fehlende Erinnerung das Unternehmen. Weder Beatrice noch Axl wissen, wohin ihr Sohn gezogen ist, wie er aussah und weshalb er überhaupt fortgegangen war. Und das Vergessen sucht alle heim, als läge ein Nebel über dem Land, der die Erinnerung raubt.

Auf ihrer langen Reise treffen sie auf einen elfjährigen Jungen, der von Ogern geraubt und in Gefangenschaft von einem unbekannten Tier verletzt wurde, sodaß er nach seiner Rettung von der Gemeinschaft seines Heimatortes als Gefahr gesehen wird, und auf dessen Retter, den Krieger Wistan. Mit den beiden ziehen sie weiter und begegnen alsbald dem Ritter Gawain, dem letzten Überlebenden der Tafelrunde. Daß Wistan und Gawain erbitterte Gegner sind oder alsbald sein werden, ahnen sie derweil noch nicht. Immerhin sind die beiden mehr damit beschäftigt, trotz Beatrices Schmerzen überhaupt vorwärts zu kommen und die ab und an aufblitzenden beunruhigenden Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit mit der augenscheinlich vorhandenen tiefen Liebe zueinander in Einklang zu bringen.

Bald erfahren sie, daß die Ursache des Vergessens wohl der Atem des weiblichen Drachens Querig ist und daß der Recke Wistan ausgezogen war, die Drachin zu töten und Erinnerung wieder aufleben zu lassen. Daß Gawain dies nicht zulassen will, merken sie, als Wistan verraten wird, den Häschern allerdings dann doch entkommt. Und so treffen Gawain und Wistan im Kampfe aufeinander …

Kazuo Ishiguro hat sich für seinen Roman eine weit zurückliegende Zeit ausgesucht, über die man relativ wenig weiß, denn Aufzeichnungen und Dokumente sind rar. Gleichzeitig rechtfertigt die zeitliche Nähe zur sagenumwobenen Herrschaft König Artus‘ und die Anbindung die Aufnahme fantastischer Elemente und Lebewesen. Mögen diese auch nie existiert haben, so waren sie im Volksglauben und in der – späteren – literarischen Tradierung immer vorhanden und höchst lebendig. Ishiguro behandelt dieses – stimmige – Fantasy-Setting dennoch mit äußerster Zurückhaltung : mehr als einige, fast scheue Blicke werden dem Leser kaum geboten, denn anderes ist wichtiger.

Der Roman ist Diskurs und Parabel zu den Themen Erinnern und Vergessen gleichermaßen, und dankenswerter Weise beschränkt sich der Autor nicht auf die politische Ebene, sondern wählt eine zweite, sehr persönliche Ebene : die Liebe. Recht früh in der Geschichte begegnen Axl und Beatrice nämlich einem Fährmann und einer von ihm abgewiesenen Passagierin. Während er ihren Gatten übersetzte, mußte sie zurückbleiben. Grund dafür war, daß die Ehepartner nicht gleich ann ihre gemeinsame Vergangenheit hatten erinnern können, daß also ihre Liebe zueinander immerhin zweifelhaft erschien. Und Beatrice und Axl haben ein ähnliches Problem : durch den Drachenatem können sie sich nicht an die Vergangenheit erinnern, und tauchen doch Bruchstücke auf, so sind sie verstöend und stellen infrage, wer oder was sie (einander) sind und bedeuten. Und daß der Leser sich hüten möge, den Augenschein und die Selbstbilder für bare Münze zu nehmen, erübrigt sich beinahe.

„Der begrabene Riese“ des Titels, das ist die Vergangenheit, bzw. Ishiguros Metapher für sie, und man kann sich vermutlich lebhaft vorstellen, daß seine Wiedererweckung zumindest nicht unproblematisch wäre. Dennoch gibt es Menschen, die genau daran interessiert sind, in diesem Buch die Sachsen, und andere, die die Vergangenheit lieber ruhen lassen wollen, hier die Britannier, für die Ritter Gawain ins Feld zieht und sich seinem Gegner Wistan entgegenstellt. Denn ist nicht das friedliche, aber gefährdete Zusammenleben von Sachsen und Britanniern nicht gerade diesem Vergessen, dem Verdrängen geschuldet ? Wenn wir erfahren, daß Artus den Frieden durch Verrat und ein unmenschliches Gemetzel hergestellt hatte und dann Merlin beauftragte, die Drachin zu verzaubern, wird es allmählich vorstellbar. Erst recht dann, wenn Wistan den Jungen schwören läßt, künftig alle Britannier zu hassen.

Erinnerung nämlich vermag, die Rache der einst Unterlegenen zu gebären oder die rigiden Unterdrückungsmaßnahmen der einstigen Sieger, um eben jene Rache zu verhindern. Konfrontation ist – zumindest in Ishiguros Sicht – unweigerlich die Folge. Politisch ist das allemal, schaut man auf die Bürgerkriege und Völkermorde des zwanzigsten Jahrhunderts zurück. Ob man dem Autor so ganz folgen mag, muß jeder selbst entscheiden, denn möglicherweise sind Aussöhnungsbemühungen wie etwa zwischen Weißen und Schwarzen in Südafrika zur Apartheid langfristig doch erfolgreich. Und dazu bedarf es eben schon der Bewußtmachung des vergangenen Unrechts. In diesem Roman hat allerdings Gawain, der Hüter der Drachin und des Vergessens die besseren Argumente für sich.

„Der begrabene Riese“ ist ein ebenso faszinierendes wie gelungenes Buch. Das verdankt sich zum einen dem Verzicht auf oberflächliche Thesenbildung und einer eher philosophischen und psychologischen Betrachtungsweise wie auch der sehr gelungenen Figurenbeschreibung, die eben Menschen mit all ihren Unwägbarkeiten und Unebenheiten handeln läßt und sie nicht als Thesen-Träger oder bessere Plakate mißbraucht. Die Geschichte ist spannend und unterhaltsam erzählt, wie es einem Buch aus dem Genre Fantasy ja durchaus entspricht (oder zumindest entsprechen sollte) und dennoch dabei fast minimalistisch instrumentiert. Als Vehikel für jedweden Eskapismus eignet sich der Roman allerdings nicht : man ist recht nah dran an einem wichtigen Thema unserer Gegenwart und darf – nachdenken.

Bibliographische Angaben :

Kazuo Ishiguro : Der begrabene Riese

Übersetzt von Barbara Schaden

Heyne Verlag

ISBN : 978-3453420007

© Jost Renner

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