Christoph Hein : Frau Paula Trousseau

Gerade einmal achtundvierzig Jahre ist die Malerin Paula Trousseau, als sie im Jahr 2000 nach ihrem Selbstmord tot in Frankreich aufgefunden wird. Ihr Vermächtnis : etliche Bilder und Zeichnungen, die sich nach dem Mauerfall kaum noch verkaufen ließen, und ihre umfangreichen Erinnerungen, die sie ihrer Tochter Cordula zugedacht hatte – als Erklärung und Rechtfertigung. Doch Cordula öffnet das Paket nicht einmal. Paula Trousseau hatte eine bedrückende Kindheit durchleben müssen : mit einem tyrannischen Vater, einer trinkenden Mutter und wenig Unterstützung durch die älteren Geschwister. Kurz nach dem Beginn ihrer Ausbildung zur Krankenschwester und ihrer Verlobung mit Hans, einem älteren Architekten, beschließt sie, in Berlin Kunst zu studieren. Die Aufnahmeprüfung findet just am Tag der geplanten Hochzeit statt, und es kostet sie Mühe, sich gegen ihre Eltern und ihren Bräutigam durchzusetzen.

Hans ist alles andere als begeistert über Paulas künstlerische Ambitionen und versucht mit allen Tricks, das Studium zu unterbinden. So tauscht er ihre Anti-Baby-Pillen gegen Plazebos aus, schwängert Paula, um sie an Heim und Haus zu ketten. Doch Paula studiert auch hochschwanger und später mit Baby weiter. Als es zur Scheidung kommt, erhält Hans das Sorgerecht für das gemeinsame Kind, nachdem Paula im Gerichtssaal die Umstände ihrer Empfängnis in einem emotionalen Ausbruch anklagend schildert. Für sie bleibt das Studium das unumstößliche Ziel. Sie beginnt eine Beziehung mit einem ihrer Professoren, doch kann ihn nicht wirklich lieben. Erfüllender sind auf Dauer die Beziehungen zu Kathi, einer alten Freundin, und zu Sibylle, der Frau eines gemeinsamen Bekannten von ihr und ihrem Lebensgefährten. Doch auch hier kann sie sich nicht wirklich öffnen. In der Kunsthochschule wird sie weitgehend gemieden, da sie aufgrund ihres Zusammenlebens mit ihrem Lehrer als Karrieristin und Flittchen gesehen wird.

In dieser Zeit entsteht das „Weiße Bild“, eine fast abstrakte Schneelandschaft, das das Mißfallen ihres Freundes erregt und politisch mehr als heikel wäre. Denn die offizielle Politik der DDR sieht abstrakte Kunst als einen dekadenten Einfluß des Westens an. Als ihr Lebensgefährte selbst in Ungnade fällt, nachdem ein anderer Kunstprofessor eine Ausstellung in der Bundesrepublik zur Republikflucht genutzt hat, verläßt sie ihn. Sie besteht ihre Prüfung, muß jedoch schlechte Noten in den politisch-philosophischen Fächern verbuchen. Nur schwer faßt sie als Malerin und Graphikerin Fuß, erst als sie mit dem bekannten Schauspieler Jan zusammen lebt, geht es voran. Dessen Bekannte, Kollegen und Freunde kaufen ihr Bilder und Zeichnungen ab. Für einen größeren Verlag darf sie ein Märchenbuch illustrieren. Jan wird der Vater ihres Sohnes Michael, doch verläßt sie ihn, ohne ihm von der Schwangerschaft zu erzählen.

Nach einer Zeit, in der sie sich auf ihr Kind und ihre künstlerische Arbeit konzentriert, zieht sie mit dem Restaurator Heinrich zusammen. Er scheint der ideale Ersatzvater für ihren Sohn und – als ruhiger, kaum Ansprüche stellender Mann – ein ebenso idealer Lebensgefährte zu sein. Er baut mit Hingabe ein Haus auf dem Land für die kleine Familie um, doch Paula hält es auch mit Heinrich nicht aus. Dann kommt die Wende : Paula verliert die meisten Aufträge, scheitert daran, das Verhältnis zu ihrer Tochter neu aufzubauen und muß feststellen, daß ihr Sohn immer mehr eigene Wege verfolgt….

Recht deutlich gemahnt der Titel „Frau Paula Trousseau“ an ein anderes Werk der deutschen Literatur : an „Frau Jenny Treibel“ von Theodor Fontane. Zwar verfolgen beide verschiedene Lebenswege, doch scheinen sie charakterlich ähnlich und gleichen sich in manchem. Während Jenny Treibel ihren Hang zur Poesie zugunsten materiellen Wohlstands und einer gehobenen gesellschaftlichen Stellung aufgab, der Literatur und dem einfachen Leben allenfalls reichlich sentimental hinterhertrauert, doch recht engagiert die Beziehung ihres jüngsten Sohnes mit einem Mädchen aus einfacheren Verhältnissen hintertreibt und unterbindet, verfolgt Paula, in einer nicht unbedingt geringeren Sentimentalität, ihr Ziel, Kunstmalerin zu werden.

Unterstützung findet sie weder im Elternhaus, noch bei ihrem Ehemann, der sie mit dem Austausch ihrer Kontrazeptiva schmählich verrät. In ihrer Enttäuschung und Wut nimmt sie es in Kauf, daß sie das Sorgerecht für ihre Tochter verliert, fühlt sich sogar einer Falle entkommen. Ihre folgenden Beziehungen sieht sie leidenschaftslos und rational, Liebe ist dabei niemals im Spiel, allenfalls ihre Beziehungen zu Frauen gründen auf Emotionen, sind aber von wirklicher Hingabe und Vertrauen fast ebensoweit entfernt. Dennoch scheint ihr ihr Zweckdenken, ihre Ausnutzung der Lebensgefährten allenfalls halb bewußt zu sein, wiederum etwas, was sie mit Jenny Treibel eint.

Weite Teile des Romans werden von der Ich-Erzählerin, Paula Trousseau, erzählt, ergänzt von einigen eingeschobenen Kapiteln, in denen ein neutraler Erzähler ihre Kindheit schildert, die von Schikanen und Wutausbrüchen ihres autoritären Vaters und der alkoholisierten Gleichgültigkeit der Mutter geprägt war. Nur einmal, als der Vater schwer erkrankt und sein Ableben zu erwarten steht, gelingt es der Mutter das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen, klare Strukturen zu schaffen, um dann – als sich die Krankheit des Vaters als ungefährlicher als gedacht herausstellt – wieder im Alkohol zu versinken. Als sie sich in einen Gleichaltrigen wahrhaft verliebt, wirft der ihr vor, sie sei kaltherzig und berechnend – was sich allerdings erst in ihren nachfolgenden Beziehungen bewahrheiten wird. Ihr Ausweg wird die Malerei, teilweise recht düster und immer ohne menschliche Figuren.

Paula, die ihre Geschichte niederschreibt, ist Malerin, keine Schriftstellerin, auch wenn sie in späten Jahren mit Prosaskizzen, die ebenso menschenleer wie ihre Bilder sind, zu reüssieren versucht. Entsprechend ist ihr Erzählstil – und mit ihm der des Autors Christoph Hein – eher ausgreifend und an der Grenze der Redundanz. Es ist eine tastende, sich vergewissernde Selbstbeobachtung, ein Erklärungsversuch und eine Rechtfertigung gegenüber der im Stich gelassenen Tochter, die – naturgemäß – auf eine deutliche Analyse und Wertung des Autors verzichtet. Dem Leser selbst bleibt die Analyse und Wertung vorbehalten, während er sich im Spannungsfeld psychischer Mechanismen und des Widerspiels von Ursache und Wirkung bewegt. Dies ist eine klug gewählte Strategie, denn es garantiert die innere und emotionale Beteiligung des Lesers ebenso wie die differenzierte Darstellung und Wahrnehmung dieser doch recht komplexen Lebensgeschichte.

Deren Komplexität gewinnt eine weitere Dimension dadurch, daß es ein Leben in der nun vergangenen DDR ist, einen Zeitraum vom Ende der sechziger Jahre bis zu Nach – Wende – Zeiten umspannt. Es ist ein Frauenschicksal in einem Land, das offiziell die Gleichberechtigung von Frauen und Männern als erreicht ansah, und doch wird deutlich, daß auch hier patriarchalische Mechanismen wirkten, daß Emanzipation und Gleichberechtigung ihren nicht zu geringen Preis forderten. Die realsozialistische Wirklichkeit bleibt weitgehend dezent im Hintergrund, wird aber in einzelnen Aspekten, etwa bei der Kunstauffassung und in der Frage der Ahndung von Republikflucht dann wieder bedrohlich greifbar. Zur Kulisse oder gar reinen Stffage verkommt sie nie. Paula selbst will „nur malen“, sieht sich selbst also als unpolitisch. Und so arrangiert sie sich mit dem System, versteckt ihr „Weißes Bild“ und arbeitet im geduldeten Rahmen weiter, ohne dies als ein politisches Verhalten zu begreifen, noch weniger als endgültige Beschneidung ihrer künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Dies wird ihr erst sehr spät – zu spät – bewußt.

Christoph Hein gestaltete diesen Roman ohne jegliche Larmoyanz seiner Protagonistin, allerdings ließ er auch die fortschreitende Verhärtung der Figur nicht oder kaum in den Erzählstil oder die Sprache seiner Figur einfließen. So war das Buch für mich eine interessante, befriedigende und auf der sprachlichen Ebene sehr angenehme Lektüre, zumal ich eine etwas ausgreifendere Erzählweise immer zu schätzen weiß.

Bibliographische Angaben :

Christoph Hein : Frau Paula Trousseau

Suhrkamp Verlag

ISBN : 978-3518460047

© Jost Renner

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