Ernst Piper : Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs

2013, kurz bevor sich der Tag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges zum einhundertsten Male jähren sollte, legte Ernst Piper, Historiker, Literaturagent und Verleger, seine Kulturgeschichte des ersten Weltkrieges vor. Der Einleitung kann man entnehmen, daß das – einstige – Familien-Unternehmen, der Piper-Verlag direkt vom Krieg betroffen war : hatte man sich zunächst als Begleiter der Avantgarde etabliert, so stand nun die Produktion von patriotischen Heften und Büchern im Vordergrund. Insgesamt aber war das Verlagsgeschäft in den Kriegsjahren ein Risiko, denn die deutsche Zensur war rigide, und wurden etwa pazifistische oder auch nur versöhnende Texte veröffentlicht, konnte das Verbote, aber auch mangelnden Absatz nach sich ziehen. Auch Großbritannien kannte bei Pazifismus kaum Nachsicht.

Piper eröffnet seine ausführliche Darstellung mit dem Schicksal Trakls, der als Militärapotheker diente, einen Nervenzusammenbruch erlitt, weil er mit den fürchterlichen Zuständen und der Hilflosigkeit im Lazarett nicht zurechtkam, wurde von Kameraden an einem Selbstmordversuch gehindert und in ein Militärhospital zur Beobachtung seines Geisteszustandes eingewiesen. Dort starb er an einer Überdosis Kokain. Wie viele andere expressionistischen Dichter behandelte er in seinen Texten das Thema Krieg, jedoch war für ihn – im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen – damit nichts Positives verbunden : er war die Apokalypse, der keine Erlösung folgen würde.

Viele Expressionisten, später sehr viel extremer die italienischen Futuristen, sahen den Krieg als Agens zur Änderung der herrschenden Zustände, als notwendiges Chaos zur Überwindung des grauen Einerlei. Insbesondere in Deutschland und Frankreich zogen unzählige Künstler in den Krieg – und verloren ihr Leben. So starben Apollinaire, der britische Komponist George Butterworth, Alfred Lichtenstein, August Stramm, Hermann Löns, August Macke und Franz Marc auf den Schlachtfeldern. Nicht wenige von ihnen waren begeistert ins Feld gezogen, um ihr jeweiliges Land zu verteidigen.

Auch die offizielle deutsche Propaganda sah Deutschland in einem Verteidigungskrieg. Man schuf im Parlament einen Burgfrieden, und die Sozialdemokraten stimmten immer wieder den Kriegskrediten zu, auch um dadurch eine Demokratisierung zu erreichen, die jedoch ausblieb. In Frankreich gab es als Pendant die Union sacrée, die allerdings liberaler und demokratischer war – und damit erfolgreicher. Selbst als deutsche Truppen die belgische Stadt Löwen und später die Kathedrale von Reims zerstörten, fanden sich Wissenschaftler und Akademiker, die solch barbarisches Vorgehen als notwendig verteidigten und den Argumenten des Kaisers und der Regierung blind folgten. Die Verteidigung dieser sinnlosen Zerstörungen gerieten außenpolitisch jedoch zum Desaster. Hatten die Länder bislang schon Kunst und Literatur des jeweiligen Gegners „aussortiert“, brachen nun auch die wissenschaftlichen Arbeitsbeziehungen zusammen.

Einer der wenigen Lichtblicke war die Schweiz : als neutraler Staat mit einer liberalen Einwanderungspolitik, die sich erst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ändern sollte, bot sie Zuflucht für Oppositionelle, Pazifisten aus allen Staaten. Romain Rolland, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Yvan Goll und Hugo Ball fanden hier Sicherheit …

Ernst Pipers Buch ist im wesentlichen eine populärwissenschaftliche Darstellung der künstlerischen und intellektuellen Positionen in den Jahren des Krieges, also kein Fachbuch, das an der Erarbeitung neuer historischer Erkenntnisse interessiert wäre. Das kommt dem Leser wegen einer sehr guten Lesbarkeit durchaus zugute. Als Laie ist es mir kaum möglich, etwaige Fehler zu finden oder die Aktualität der verwendeten Quellen zu beurteilen. (Dazu lese man den betreffenden Abschnitt einer Sammelrezension bei H-Soz-Kult.)

Der Autor folgt zumeist der Chronologie der Geschehnisse, unterbricht sie aber ab und an, um bestimmte Schwerpunkte, etwa das Exil in der Schweiz, die Lage der Juden in Deutschland und Rußland auszuleuchten oder die Entwicklung des Alldeutschen, des Antisemitismus und Völkischen bis hin zum späteren Nationalsozialismus darzustellen. Hier weitet sich die Kulturgeschichte in Bereiche der Geistesgeschichte und Ideologie-Geschichte. Das scheint mir wichtig und geboten, denn keine Kunst, kein Künstler existiert außerhalb geistiger, gesellschaftlicher Strömungen, mag er sich ihnen anschließen oder zu ihnen in Opposition stehen.Dennoch wirkt der Aufbau des Buches so teils wenig stringent, manchmal ein bißchen zerfleddert. Dagegen findet Alltag, bzw. Kulturgeschichte „von unten“ fast gar nicht statt.

„Nacht über Europa“ ist in meinen Augen ein gelungener Überblick über die künstlerischen und intellektuellen Debatten Strömungen und Ereignisse der damaligen Zeit, gut und gut lesbar geschrieben und durchaus anregend, sich mit dem Thema und der Zeit weiter lesend auseinanderzusetzen. Es ist geeignet, manches Erstaunen durch Erklärungen und Antworten abzumildern und in die nachfolgenden historischen Entwicklungen einzufügen. Als interessierter Laie war ich zwar immer gefordert, nie aber überfordert, und mein Schulwissen wurde – relevant – in einigen Bereichen erweitert.

Bibliographische Angaben :

Ernst Piper : Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs

Propyläen Verlag

ISBN : 978-3549073735

© Jost Renner

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