Max Mannheimer / Marie-Luise von der Leyen : Drei Leben. Erinnerungen

Lange hat es gedauert, bis Max Mannheimer in die Öffentlichkeit trat und sein Leben in den Konzentrationslagern Auschwitz, Warschau und Dachau interessierten Zuhörern in Vorträgen zu schildern begann. Erst 1985, also 40 Jahre nach seiner Befreiung durch Soldaten der US-Armee, auf Anfrage des Historikers Wolfgang Benz unternahm er es, Schülern, Geistlichen, Soldaten und Parteimitgliedern von seinem Leben zu erzählen. Nur seiner Tochter Eva hatte er bereits 1965 ein „Verspätetes Tagebuch“ über seine Zeit in den deutschen Konzentrationslagern aufgeschrieben, das zunächst zwanzig Jahre unentdeckt in den Archiven der Gedenkstätte des KZs Dachau lagerte, bis es dann 1985 in den Dachauer Heften veröffentlicht wurde.

1920 wird Max Mannheimer im nordmährischen Neutitschein (Nový Jičín) geboren. Die Stadt gehört seit der Loslösung von der k.u.k. Monarchie Österreich nach dem Ersten Weltkrieg zur neugegründeten zur Tschechoslowakischen Republik. Die meisten Einwohner sind Deutsche, die jüdische Gemeinde ist mit gerade 209 Mitgliedern verschwindend gering, kann allerdings relativ unbehelligt leben. Der Vater, zunächst Besitzer einer Gastwirtschaft, eröffnet später einen Lebensmittel-Großhandel und wirtschaftet recht erfolgreich. Dem ältesten Sohn folgen alsbald vier Geschwister – drei Söhne und eine Tochter – nach. Die Kindheit und Jugend verleben er und seine Brüdern und Schwestern relativ unbeschwert, zumal Max sich als optimistisch und teilweise naiv beschreibt. Selbst gelegentlichen antisemitischen Ausfällen ihm gegenüber verhält err sich gelassen, versucht diese aus der allgemeinen Stimmungslage und der Erziehung zu erklären. Denn offener Antisemitismus ist zunächst eher die Ausnahme, und selbst die bald erstarkenden sudetendeutschen Verbünde richten sich erst einmal gegen die tschechischen Mitbürger, denen gegenüber sie sich benachteiligt sehen. Auch der Machtergreifung Hitlers 1933 begegnet man relativ unbesorgt. Daß das Münchner Abkommen von 1938 den Weg für die Besetzung des Sudetenlandes freimachen würde, ahnt man da noch nicht.

Max besucht zunächst die Handelsschule, hilft im väterlichen Betrieb und arbeitet später in einem Kaufhaus. Seine Welt sind Frauen, Autos und Fußball, aber auch seine Aufnahme in die jüdische Gemeinde nimmt er ernst und genießt die ihm dort zugewiesene Rolle. 1938 allerdings ändert sich alles : die Deutschen marschieren ins Sudetenland ein. Schon am 9. November wird allzu deutlich, was nun droht : die „Reichspogromnacht“ findet auch hier statt. Nur die Synagoge wird nicht in Brand gesetzt, sehr wohl aber geplündert, da sie in der Nähe von Gastanks erbaut wurde und ein Brand für den gesamten Ort verheerende Folgen hätte haben können. Der Vater wird verhaftet und erst drei Monate später wieder freigelassen. Der Betrieb geht zugrunde, da die wenigen Kunden, die das Gebot mißachten, nicht bei Juden zu kaufen, das wirtschaftliche Überleben nicht sichern können. Außerdem sind die Juden angewiesen, die besetzten Gebiete zu verlassen und sich im nicht besetzten Teil der Republik anzusiedeln. Dorthin sollten die deutschen Truppen aber bald folgen.

Vor allem Max und einer seiner Brüder kommen nun für den Unterhalt der Familie auf, denn der Vater, der über 50 Jahre alt ist, findet keine Stelle. Sie verdingen sich als Straßenbauarbeiter, denn Juden sind nicht-körperliche Arbeiten seit der Annektion durch das Deutsche Reich verboten. Dennoch will man an bessere Zeiten glauben, hofft auf eine Niederlage der Deutschen im Krieg gegen Polen und verschmäht die noch mögliche Ausreise. Auch Max will nicht, sondern sieht sich in der Verantwortung, seine Familie zu ernähren.

1943 wird die gesamte Familie nach Theresienstadt abtransportiert. Max hatte zuvor seine Freundin Eva geheiratet, da es hieß, man würde Eheleute nicht trennen. Die Schwiegereltern bleiben dort, da die Behörden mit ihrem baldigen Ableben rechnen, die übrigen Familienmitglieder werden nach Birkenau geschafft. Die Selektion bei der Ankunft schickt Mutter, Vater, Schwester, einen Bruder und die Ehefrau in den sofortigen Tod. Nur Max und zwei Brüder überleben zunächst (und sie ahnen, ohne zu wissen, daß sie ihre Familie niemals wiedersehen werden). Für Max ist, schon seiner Brüder wegen, Selbstmord keine Alternative. Mit Glück, Geistesgegenwart undd der Hilfe seines jüngeren Bruders gelingt ihm das Überleben im KZ Auschwitz – trotz schwerer Erkrankungen, Schikanen der Blockältesten und Kapos und der wöchentlichen Selektionen. Einer der überlebenden Brüder wird bald arbeitsunfähig und bald von der SS in den Tod geschickt. An Gott mag Max nicht mehr glauben, ganz im Gegensatz zu Edi, der nach der Befreiung tief religiös wird.

Als ein Arbeitskommando für das ehemalige Warschauer Ghetto zusammengestellt wird, kann er einen SS-Offizier von seiner Arbeitsfähigkeit überzeugen und darf den Bruder dorthin begleiten. Er findet sogar Arbeit in Bereichen, die ihn körperlich nicht allzu sehr fordern. Auf dem Gelände des Ghettos entsteht ein neues Konzentrationslager, und da hier Arbeit und nicht Vernichtung im Vordergrund steht, ist die Überlebenschance ein klein wenig größer. Noch besser wird es, als beide nach Dachau gebracht werden, um die Ausfälle bei den Rüstungsarbeitern zu kompensieren. Die Blockältesten und Kapos sind eher politische Gefangene, keine Kriminellen wie in Auschwitz und Warschau, und – mit Ausnahmen – relativ human. Die gesundheitliche Lage und die Versorgung bleiben jedoch katastrophal …

Nach der Befreiung und einiger Zeit als Displaced Persons kehren Edi und er nach Neutitschein (Nový Jičín) zurück. Beide schwören sich, niemals wieder nach Deutschland zurückzukehren. Dennoch heiratet Max, sehr zum Mißfallen seines Bruders, eine nichtjüdische Deutsche, die, sozialdemokratisch geprägt, mit ihrer Familie vielen Juden geholfen hatte. Als Beneš die Vertreibung der meisten Deutschen verfügt, den Sozialdemokraten und anderen Widerstandskämpfern die Entscheidung über eine Ausreise frei läßt, entschliessen sich deren Eltern nach Deutschland zu gehen, und Elfriede, Max‘ Frau, inzwischen schwanger, will ihnen bald folgen. Max befindet sich in einem tiefen Zwiespalt, denn nach Deutschland zurück will er nicht, Efriede mit ihrer gemeinsamen Tochter allein lassen auch nicht. So folgt er ihr dann doch nach Bayern, wo sie bis zu ihrer tödlichen Krebserkrankung eine Karriere als sozialdemokratische Politikerin macht. Max sucht sich – immer wieder und ausschließlich – jüdische Arbeitgeber, zunächst Bekannte aus den Konzentrationslagern. Die recht lückenhafte Entnazifizierung – etliche Kriegsverbrecher und SS-Schergen gelangen mit internationaler Hilfe ins Ausland, die einst ausgesiebte mittlere und höhere Beamtenschaft wird wegen des Mangels an qualifiziertem Personal wieder eingestellt und selbst ein KZ-Wächter, den er wiedererkennt und anzeigt, kommt frei, weil er wahrheitsgemäß aussagt, daß er von Tötungen dieses Bewachers nichts wisse.

Im Wesentlichen schweigt Mannheimer – auch seiner Familie gegenüber – und lebt traumatisiert in einem „inneren Ghetto“ wie so viele seiner Leidensgenossen. Er mag nicht hassen – oder kann es nicht – und sucht die Versöhnung. Dennoch bricht er bei einem USA-Besuch (seine dritte Frau, Grace, ist Amerikanerin) beim Anblick eines Hakenkreuzes zusammen. Der anschließende Aufenthalt in einer Psychiatrie und auch Behandlungsversuche in Deutschland scheitern, auch weil er über seine Lagerzeit nicht reden kann. Nur das Malen hilft ihm ein wenig, das Trauma zu lindern. Er verfertigt zunehmend abstrakter werdende Gemälde, signiert sie mit ben jakov zu Ehren seines Vaters und findet Anerkennung als Künstler.

Marie-Luise von der Leyen, einst Journalistin beim „Stern“ und Kulturredakteurin bei der „Vogue“, hat es – nach einigem Zögern – unternommen, Max Mannheimers Erinnerungen in Buchform zu bringen. Erst Mannheimers versöhnliche Haltung habe sie überzeugen können, daß sie für diese Aufgabe die Richtige sei. Sie beläßt darin dem Erzähler sein „Ich“, sodaß größtmögliche Authentizität gewahrt bleibt. So dürfte ihre Hauptaufgabe neben dem Protokollieren darin bestanden haben, stilistisch ein wenig zu schleifen, Fakten beizutragen und den Text sinnvoll zu gliedern. Mannheimer erzählt seine Geschichte in klaren, einfachen Sätzen, wirkt schonungslos ehrlich, auch wenn sich der Eindruck einer eher sachlichen Distanz nie ganz vermeiden läßt. Dies aber ist nicht als Eingriff von der Leyens zu sehen, sondern etwas, das sich Max Mannheimer in seinen Vorträgen selbst antrainiert hat, zumal ihn jeder Vortrag so nervös machte, daß er in der Anfangszeit Beruhigungsmittel brauchte, um überhaupt reden zu können. Ich denke, dies kommt sehr wohl dem Leser zugute, denn dass Ziel seiner Bemühungen seit 1985 und auch dieses Buches ist die Aufklärung. Und die funktioniert, meiner Meinung nach, am besten in einer Mischung aus vollkommener Ehrlichkeit und ein wenig Distanz.

Wir haben Max Mannheimer und zahlreichen anderen zu danken : für ihre Schilderungen des Unvorstellbaren, für ihren Wunsch nach Versöhnung und Aufklärung, die beide Hand in Hand gehen. Beides ist nicht selbstverständlich. Und daß Mannheimer 2016 im Alter von 96 Jahren starb, macht ziemlich deutlich, daß bald die Zeitzeugen des Grauenhaften fehlen werden und die Narrrative der zeitgebundenen Geschichtswissenschaft und interessierten politischen Parteiungen anheimfallen werden. So ist jede Erzählung dees eigenen Erlebens, sei es auf Videos, sei es in Buchform ein Geschenk – und eine Mahnung, nie wieder dorthin zu kommen. Oder, um es mit Max Mannheimer zu sagen :

„Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

Bibliographische Angaben :

Max Mannheimer / Marie-Luise von der Leyen : Drei Leben. Erinnerungen

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423348416

© Jost Renner

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