Stephen King / Owen King : Sleeping Beauties

Als eines Tages eine junge, unbekleidete Frau in den Wäldern der Appalachen West-Virginias auftaucht, ahnt noch niemand etwas Böses. Das aber soll sich schnell ändern : Sie tötet zwei Drogenkocher mit übermenschlicher Körperkraft, läßt sich bereitwillig festnehmen und in das Frauengefängnis der kleinen Stadt Dooling überstellen, in der der Ehemann der Polizistin Lila Norcross als Psychiater arbeitet. Zeitgleich tritt weltweit ein seltsames Phänomen auf : Frauen schlafen ein, und aus ihren Sekreten entsteht ein Kokon, der sie nach und nach vollkommen umhüllt. Versuche, diesen zu entfernen, läßt die Frauen erwachen, zu reißenden Bestien werden und nach vollendeter Bluttat wieder einschlafen.

Die Frauen versuchen sich, als ihnen ihr Schicksal klar wird, mit allen Mitteln wachzuhalten, trinken literweise Kaffee, nehmen verschreibungspflichtige Medikamente oder – soweit zugänglich – Drogen. Ein besonderer Brennpunkt ist das Frauengefängnis, denn hier sind viele Frauen, Insassen und Aufseherinnen an einem Ort konzentriert. Letztlich aber ist man hilflos, denn ein Gegenmittel gibt es allem Anschein nicht. Nur der Neuzugang, Evie Black, kann wachen und schlafen, ohne dem Bann zu verfallen. Auch anderes läßt sie als mit übernatürlichen Kräften versehen erscheinen.

Die Männer des Ortes – und weltweit – haben ihre eigenen Methoden, mit dem Problem umzugehen. Wiewohl sehr besorgt, ihre – ja noch lebenden – weiblichen Angehörigeen irgendwie in Sicherheit zu bringen, glaubt man aufkommenden Gerüchten, daß die Fasern der Kokons ansteckend seien und geht daran, die Kokons mitsamt der schlafenden Frauen systematisch zu verbrennen. In Dooling selbst haben die Männer Gerüchte gehört, daß im Gefängnis eine Frau sei, die vielleicht helfen könnte, die Frauen wieder erwachen zu lassen. Man rüstet sich also zum Krieg, im Gefängnis unter der Leitung des Psychiaters zur Verteidigung, umso bereitwilliger, weil Evie durchblicken läßt, sie könnte die Frauen zurückbringen. Allerdings auch nur dann, wenn diese zustimmten.

Es ist nicht das erste Mal, daß sich Stephen King mit der Gewalt gegen Frauen beschäftigt, so war das schon Thema in „Rose Madder“ („Das Bild“), wo eine Frau nach 15 Jahren in einer gewalttätigen Beziehung „aufwacht und versucht, ein eigenständiges, neues Leben zu führen, und sich dann mit ihrem sie verfolgenden Ehemann auseinandersetzen muß. In „Sleeping Beauties“ aber gehen Stephen King und Sohn Owen das Thema politischer und globaler an. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern stimmen ganz und gar nicht. Die beschriebenen Männer sind so ein Panoptikum von gewalttätigen, unterdrückenden und herrischen Machthabern oder sind (selbstherrliche, kaum kommunizierende) einsame Wölfe, die die Basis des Miteinanders nicht erfüllen können (oder wollen).

Im Gefängnis finden sich dann die Gegenbilder dazu, Frauen, die selbst getötet haben, drogenabhängig wurden, nicht selten als Folge einer katastrophalen Beziehung, aber auch wegen vielerlei Diskriminierungen … An einer Stelle – in Hinsicht auf das mögliche (und ansatzweise geschilderte) Utopia konstatieren beide aber auch : Gewalt und Zwist gehörten zur menschlichen Grundausstattung, seien also auch dort nie ganz zu vermeiden.

Daß sich nun aber die Übelsten unter den Männern zusammenrotten, um das Gefängnis zu erstürmen, folgt einer typischen Dramaturgie Stephen Kings, wie man sie auch aus „The Stand“ oder „Needful Things“ kennt. Das Übernatürliche spielt gewiß eine – nicht unerhebliche – Rolle, aber die Menschen tun recht bereitwillig iihren Teil dazu, daß aus einem Schlamassel alsbald ein blutiges Gemetzel mit Endzeitcharakter entsteht. Und daran, daß es recht bald übel enden würde, kehrten die Frauen nicht aus ihrem Schlaf zurück, daran lassen beide Autoren keinen Zweifel. Und ich bin sehr geneigt, ihnen darin zu folgen.

Der Roman ist so sehr ein typischer „Stephen King“ – vom Ambiente der an der amerikanischen Ostküste über die Aufteilung der Protagonisten und Antagonisten hin bis zu seinem (hier nicht ganz so) unterschwelligen Engagement -, daß ich mich nach Interviews umsah, in dem der Anteil Owen Kings beschrieben wurde. Die dort geschilderte Arbeitsweise, etwa das gegenseitige Überarbeiten der jeweiligen anderen Teiltexte, haben einen recht einheitlich wirkenden Text entstehen lassen, der sehr deutlich die Handschrift des Vaters trägt. Ich vermute zudem, daß die Ambivalenz des übernatürlichen Wesens, das definitiv diesmal kein Monster ist, einigen Diskussionen zwischen den beiden zu verdanken ist. Auch die klare Struktur des Gesamtwerkes ist mit Sicherheit eine zwangsläufige und notwendige Folge der Kooperation.

Ich habe einen sehr ansprechenden, spannenden und unterhaltsamen Text gelesen, dessen Schemata mir über Jahre, Jahrzehnte vertraut erscheinen, ohne daß sie hier lustlos oder gar abgenutzt erschienen. Auch haben die Personen für mich genug Tiefe, um mehr zu sein als genormte Spielfiguren, aber natürlich weniger als in einem analysierenden psychologischen Kammerspiel, schließlich ist Handlung, zum Teil recht martialisch ein treibendes Element. Gelungen scheint mir auch die Einbindung des politischen, ansatzweise feministischen Hintergrunds, der an keiner Stelle zum Traktat wird, aber dennoch immer präsent ist. Inwieweit erzählende Literatur Bewußtsein verändern (oder auch nur erwecken) kann, bliebe zu diskutieren, aber der Satz „Steter Tropfen höhlt den Stein“ ist nicht ganz zu verwerfen …

Das Buch wird Mitte November 2017 in deutscher Übersetzung von Bernhard Kleinschmidt beim Heyne Verlag (ISBN : 978-3453271449) erscheinen.

Bibliographische Angaben :

Stephen King / Owen King : Sleeping Beauties

Hodder & Stoughton

ISBN : 978-1473665194

© Jost Renner

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