John Updike : Sucht mein Angesicht

Im Frühjahr 2001 wird die achtundsiebzigjährige Malerin Hope Chafetz von der jungen Kunsthistorikerin und Journalistin Kathryn in ihrem Landhaus in Vermont interviewt. Kathryn will für ein Online – Magazin einen Beitrag über den Siegeszug der amerikanischen Kunst und Malerei verfassen und interessiert sich vor allem für die Rolle von Hopes erstem Ehemann Zach McCoy. Dieser gilt mittlerweile als Ikone und Begründer der modernen amerikanischen Kunst. Hope beantwortet die Fragen nur widerstrebend und zurückhaltend, aber das Interview bringt sie dazu, sich an ihre Ehe mit Zach, an die New Yorker Kunstszene und an ihre eigenen Anfänge als Malerin zu erinnern.

Ausgehend von den europäischen Kunsttheorien und vom Surrealismus beginnt sich in den vierziger Jahren die amerikanische Künstlerszene abzukoppeln und eigene Wege zu gehen. Unter ihnen ist Zach McCoy, ein leidenschaftlicher, aber auch an sich selbst leidender Künstler. Hope heiratet ihn – die gesellschaftlichen Zwänge Amerikas gebieten dies – und muß schnell erkennen, daß McCoy nicht nur sich, sondern auch andere quält. Ihr bleibt kaum Raum, selbst zu malen, sondern sie ist mehr und mehr mit der Unterstützung des Ehemanns beschäftigt. Als der mit seinem Stil des „Tröpfelns“ zunehmend Berühmtheit erlangt, die ihm finanziell jedoch kaum etwas einbringt, hat er Schwierigkeiten, sich mit seiner neuen, öffentlichen Rolle zurechtzufinden und beginnt wieder, dem Alkohol zu verfallen. Schließlich verunglückt er im Vollrausch tödlich.

Das Interview gestaltet sich eher zäh, manchmal als Kampf zwischen den beiden so verschiedenen Frauen. Kathryn ist zielorientiert, sachlich und oft quälend insistierend. Nur selten zeigt sie menschliche Regungen, trotz aller Bemühungen auf Seiten der alten Malerin. Nur in kurzen Pausen scheint etwas Natürliches, Menschliches durch. Auch Hopes zweiter Ehemann, Guy Holloway, ist für Kathryn ein interessantes Thema. Der ist ebenfalls Maler und Künstler, gehört aber künstlerisch eher zur nachfolgenden Generation. Er geht mit Kunst eher spielerisch um, sein Augenmerk liegt mehr auf dem Betrachter als darauf, sein Innerstes in seiner Kunst abzubilden. Er ist Gesellschaftstier, Bonvivant und Bohémien. Mit ihm hat Hope drei Kinder, doch nach 17 Jahren Ehe verläßt er sie, ruhelos weitergetrieben. Auch in dieser Ehe war Hope von der Kunst, ihrem eigenen Schaffen und dem ihres Mannes eher ausgeschlossen. Erst in einer dritten Ehe mit einem Kunstsammler kann sie ihr eigenes Talent wieder aufleben lassen…..

Bei diesem Buch handelt es sich in weiten Teilen um einen Schlüsselroman. Zach McCoy ist eindeutig als Jackson Pollock zu identifizieren, Guy Holloway ist eine Komposition aus drei, vier verschiedenen Malern, am deutlichsten zu erkennen : Andy Wahrhol, aber auch Roy Lichtenstein ist in die Romanfigur eingeflossen. Scheinbar verläßt Updike mit diesem Buch sein angestammtes Thema : die Irrungen und Wirrungen der weißen, protestantischen Mittelschicht in den USA, und doch findet man sich genau da wieder.

Die Kunst, die Kunsttheorie nehmen viel Raum ein, sodaß ein nicht kunstinteressierter Leser zumindest am Anfang leicht die Geduld verlieren könnte. Das Buch ist aber nicht monothematisch. Zum einen fesselt es, das Widerspiel der beiden weiblichen Antagonisten – Journalistin und Malerin, die genau weiß, daß nicht sie im Mittelpunkt des Interesses steht, zu verfolgen, zum anderen sind die so entgegengesetzten Figuren der Ehemänner und Hopes Erleben ein lohnendes und reichhaltiges Gebiet, das Updike gekonnt und routiniert gestaltet. Und dies sind nicht die einzigen Aspekte dieses Romans : Einmal mehr – wie zuvor in seinen letzten Büchern – sind Alter und Tod ein zentrales, wenn auch meist eher unterschwelliges Thema, das Bedürfnis, seine Erfahrungen weiterzugeben, wirksam zu sein, bevor man stirbt (sicherlich eine wichtige Motivation für Updikes Schaffen der letzten Jahre).

Titelgebend und die letzten Seiten prägend ist die Suche nach Gott – in sich, in der Kunst und im Leben. Auch wenn das Buch mit Sicherheit nicht das „Opus Magnum“ Updikes ist – das hat er mit der Rabbit-Tetralogie schon lange geschaffen – habe ich dieses Buch mit Interesse, Vergnügen, gespannt und unterhalten gelesen, auch wenn mich am Ende eindeutig patriotische Statements ein wenig geärgert haben.

Bibliographische Angaben :

John Updike : Sucht mein Angesicht

Übersetzt von Maria Carlsson

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499242328

© Jost Renner

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