Dirk Kurbjuweit : Nicht die ganze Wahrheit

Der Privatdetektiv Arthur Koenen ist es gewohnt, im Dreck zu wühlen, nachdem er seine Ambitionen, im Bereich der Wirtschaftskriminalität zu arbeiten, nicht verwirklichen konnte. Der Ich – Erzähler dieses hier vorgestellten Romans befasst sich immer noch mit außerehelichen Affären und muß sich bei der Bekämpfung von Taschendiebstählen im Berliner Zoo ein Zubrot verdienen. Sein neuester Auftrag verspricht Brisanz und nicht unerhebliche Schwierigkeiten, denn seine Mandantin wird die Ehefrau des Partei – und Fraktionsvorsitzenden Leo Schilf, dessen Partei den aktuellen Bundeskanzler stellt. Frau Schilf hat aufgrund des Verhaltens ihres Mannes den Verdacht, er betrüge sie, was ihm wegen der Entfernung von gemeinsamer Heimatstadt und Regierungssitz nicht unbedingt schwer gemacht würde. Koenen hat zunächst Bedenken, denn die Observierung eines von Sicherheitsleuten rundum geschützten Politikers dürfte sich schwierig gestalten, die flächendeckende Beobachtung durch die Medien desgleichen. Dennoch stimmt er schließlich zu, muß allerdings bald erkennen, daß sich seine Befürchtungen bestätigen. Es dauert lange, bis er eine mögliche Geliebte ausfindig machen kann, die junge Abgeordnete Anna Tauert, die als Parteirebellin gilt, weil sie die Pläne des Kanzlers, den Zahnersatz aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu streichen, vehement und öffentlich bekämpft. Doch Arthur Koenen kann allenfalls vage Verdachtsmomente aufspüren, keine handfesten Beweise, sodaß er zu einem letzten, drastischen Mittel greift : er bricht in Annas Wohnung ein, durchforstet ihren Computer und speichert ihren Mailverkehr auf einem Datenträger. Der Detektiv hat recht hohe moralische Grundsätze, und wohl ist ihm bei seinem Vorgehen nicht. Doch in den Mails findet er das benötigte Beweismaterial, mehr noch : den Fortgang einer komplizierten, nicht nur glückverheißenden Liebesgeschichte.

Leo Schilf, der einst selbst hat Kanzler werden wollen und sollen, ist bei einem ungeschickten Auftritt vor Medien vom amtierenden Bundeskanzler Fred Müller ausgebootet worden. Nun sieht er sich als dessen Freund und loyalen Adlatus, folgt der von diesem vorgeschlagenen Politik ohne Wenn und Aber. Neben der Schwierigkeit der Geheimhaltung der Liebesbeziehung erleichtern die politischen Differenzen und die daraus resultierenden Diskussionen das Miteinander von Leo und Anna keineswegs, zumal Leo weder seine Frau, noch seine politische Karriere aufs Spiel zu setzen gewillt ist. Auch Annas Bedürfnis, nicht immer der geheimgehaltene Teil seines Lebens bleiben zu müssen, schafft unvermeidliche Spannungen, erst recht als sie von Leo ein Kind erwartet. Leo erklärt, die Vaterschaft nicht anerkennen zu wollen, verknüpft aber eine Änderung ihres politischen Handelns mit einem möglichen Sinneswandel in dieser Frage. Arthur Koenen verliebt sich in Gedanken in Anna, erkennt aber auch, daß es bei beiden trotz Leos teils recht schäbigen Verhaltens, das in seinem Charakter und in seiner Gewöhnung an Macht und mediale Präsenz begründet liegt, um Liebe geht, so problematisch diese Beziehung auch sein mag. Nach und nach wandelt sich seine Zielsetzung vom ausforschenden Detektiv zu einer Art virtuellem Leibwächter. Er möchte Anna beschützen, letztlich sogar diese Liebesgeschichte vor Entdeckung bewahren, auch wenn er sich im Vergleich zu Leo für geeigneter und liebevoller hält. Seine Observierungen lassen ihn allerdings noch eine weitere Gefahr für Annas und Leos Liebe erkennen : Leo scheint erpresst zu werden. Und so entschließt sich der Detektiv Arthur Koenen zu einem recht eigenwilligen Vorgehen… .

Man kann den Roman formal als eine Art des modernen und durch den Ich – Erzähler moderierten Briefromans sehen. Dieser läßt in seine Erzählung immer wieder die Mails und SMS der beiden eigentlichen Protagonisten einfließen, wählt aus, legt Reihenfolge und Zeitpunkt fest, an dem sie die Erzählung gestalten, und kommentiert recht ausführlich seine Fundstücke. Diese geben ein recht detailliertes, gut ausgeleuchtetes Bild nicht nur des Innenlebens von Politikern, von der Schwierigkeit privaten Lebens unter den Umständen allgegenwärtiger Medienbegleitung, sondern auch von einer nicht unproblematischen Liebesgeschichte. Kurbjuweit, Redakteur und Berliner Büroleiter des „Spiegels“ verfügt über langjährige Erfahrung und Beobachtung der Berliner Politszene, um Mechanismen von Politik und Macht, von Selbstdarstellung und Medien glaubhaft und anspielungsreich, nicht ohne recht ironische Seitenhiebe zu beschreiben.

Einige seiner Figuren sind erkennbar, Fred Müller ist ein genau gezeichnetes, ironisch verfremdetes Portrait des nicht mehr amtierenden Bundeskanzlers Schröder, auch Joschka Fischer, Otto Schily und Angela Merkel geben sich in kurzen Gastauftritten die Ehre, doch die beiden Hauptpersonen sind – gewollt – nicht eindeutig zu identifizieren, obgleich sich für Leo Schilf die Namen Müntefering oder Struck aufdrängen, für Anna eine Andrea Nahles als Vorbild gedient haben könnte. Allerdings ist Anna als Figur jünger, unsicherer und teilweise unbedarfter angelegt als ihr vermeintliches Vorbild. Eine zeitliche Verortung der Handlung des Romans allerdings fällt leichter – wir befinden uns in der zweiten Legislaturperiode der Rot – Grünen Regierung, auch wenn der Autor gut daran tut, die Vorgänge ein wenig zu abstrahieren, die Agenda 2010 durch die komplette Streichung des Zahnersatzes aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu ersetzen. Dennoch wird der Leser nicht umhin kommen, einen Schlüsselroman zu vermuten, die Protagonisten enttarnen zu wollen, auch wenn „Nicht die ganze Wahrheit“ weder ein Schlüsselroman ist bzw. sein will, noch eigentlich ein wirklich politischer Roman. Denn dazu fehlt es an Stellungnahme, an politischer Argumentation.

Kurbjuweit interessieren mehr die Persönlichkeitsstrukturen, die Deformationen durch Macht und die Medien, durch Politikalltag und Fraktionszwänge. Schilf und Müller sind ausgeprägte Machtmenschen, brauchen sowohl Macht als auch mediale Aufmerksamkeit, um sich existent zu fühlen. Gleichzeitig sind sie ständig unter Beobachtung, jedes Zucken der Mundwinkel, jede Blickwendung wird aufgezeichnet, bewertet und interpretiert, sodaß kaum Schlupflöcher bleiben, und jeder Fehler könnte zum Machtverlust führen. Bis dahin aber scheinen sie sich allmächtig zu fühlen – sie bestimmen die Realität, die Wahrheit, mit der sich ein Achtzig – Millionen – Volk auseinanderzusetzen hat. Wirkliche Nähe zu ihren Wählern mit ihren Geschichten, ihren Ausdünstungen wird als eher unangenehm empfunden. Selbst die idealistische Jungabgeordnete Anna Tauert spürt mehr und mehr die Entfremdung, die Abstraktion der politischen Rituale und passt sich wenigstens teilweise an. Kurbjuweit setzt strategisch einen Mittler für solche Beobachtungen und Analysen ein, der das Geschehen, seine Wahrnehmungen kommentiert und möglicherweise auch filtert, bzw. nicht alles erfährt und beobachten kann, sodaß „Nicht die ganze Wahrheit“ auch als eine Art programmatischer Titel des Buches verstanden werden kann.

Ein wenig besteht für den Leser die Gefahr – an der Länge des Teiles dieser Rezension, der sich mit dem Politischen auseinandersetzt ist es auch hier abzulesen – daß die Liebesgeschichte, die komplexen Gefühle der beiden Protagonisten und die Strukturen dieser Beziehung ins Hintertreffen geraten. Anhand der Mails, der Verzögerung bei Antworten, der Beantwortung oder Nichtbeantwortung entsteht ein amouröses Geflecht aus Distanz und Nähe, Hingabe und Abweisung, Offenheit und Konfrontation. Anna muß sich dabei nicht nur gegen den Machismo des gestandenen Politikers, sondern auch gegen seine politische Einflußnahme zur Wehr setzen. Als Person ist sie dem Autor vielleicht zu sehr in die Nähe des Klischees der jungen, naiv-idealistischen und gutaussehenden Politikanfängerin geraten, dennoch beeindrucken ihre Persönlichkeit, ihre unerschütterliche Hinwendung an Leo, obgleich sie wohl die Unglücklichste in dieser Dreierkonstellation ist. Kurbjuweit erzählt seine Geschichte stringent, glaubhaft, in einer klaren, fast schnörkellosen Sprache, sodaß die Lektüre den Leser zu beeindrucken und zu fesseln vermag und ihn ästhetisch durchaus befriedigt, wiewohl der Roman nicht unbedingt als Meisterwerk zu bewerten ist. Immerhin ragt es über den Durchschnitt der Veröffentlichungen in Deutschland heraus und kann mit gutem Gewissen empfohlen werden.

Bibliographische Angaben :

Dirk Kurbjuweit : Nicht die ganze Wahrheit

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423138567

© Jost Renner

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