Olga Flor : Kollateralschaden

Zentrum der Handlung ist ein Supermarkt. Hier treffen die unterschiedlichsten Menschen an einem späten Winternachmittag aufeinander, kaufen ein oder begeben sich auf ihren Heimweg. In der Stunde von 16 Uhr 30 bis 17 Uhr 30 entwickelt sich ganz unversehens eine Tragödie aus beinahe nichtigem Anlaß. Unter den Käufern findet sich unter anderem ein gescheiterter Journalist, der wohl auf immer in eine Lokalredaktion verbannt scheint, nachdem er zu intensiv in den Angelegenheiten einer bekannten Politikerin der Rechten gewühlt hatte, diese Politikerin selbst, die nach dem gewaltsamen Tod ihres Ehemannes ihre politische Karriere mit „Law-and-Order“-Parolen und fremdenfeindlichen Ressentiments gestartet hatte, die einst eine Affäre mit dem Parteivorsitzenden auslebte, die nun einem Gleichgewicht des Schreckens gewichen ist, die Angestellte Doris, die ihr Leben nach Ernährungsrichtlinien gestaltet, ihre sozialen Kontakte vornehmlich in einer Selbsthilfegruppe findet, jedoch dem Süßwarenregal nicht wirklich widerstehen kann oder Anna, deren Ehemann jähzornig und, wie es scheint, gewalttätig ist, die sich in der Kunst des Arrangements übt.

Wir treffen auf Horst, einen Pensionär, der einst im Stadtplanungsamt gearbeitet hatte, sich nach alten Zeiten der Beschäftigung zurücksehnt und nun auch noch durch die Krebserkrankung seiner Frau, deren Operation gerade während seines Einkaufs stattfindet, schwer beunruhigt ist, den Stadtstreicher Anton, dem von der Marktleiterin der Eintritt verweigert wird und der sich, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, mittels einer anonymen Bombendrohung rächen will. Doch durch Ungeduld und Unaufmerksamkeit wendet er sich an die falsche Filiale. Dort nun sammelt sich ein ungeahntes Polizeiaufgebot und wird später – durch die ursprüngliche Bombendrohung sensibilisiert – auch am Ort der Handlung eintreffen.

Jede der Figuren ist in seinen Gedanken und Wahrnehmungen gefangen, Kommunikation findet kaum statt, allenfalls nonverbal oder sehr oberflächlich, neutral und vor allem abweisend. Selbst die Marktleiterin ist nicht in der Lage, sich den Namen einer Kassiererin zu merken, der Azubi Tobias wird mit Hilfsarbeiten in Beschäftigung gehalten, verantwortungsvollere Tätigkeiten bleiben ihm verwehrt, nachdem ihm ein von ihm nicht zu verantwortender Fehler zugeschrieben worden war. Er träumt von Markenturnschuhen als Statussymbolen, die ihm wegen der geringen Ausbildungsvergütung unerreichbar scheinen. Doch er wird seine Chance nutzen. Als Doris zum Treffen ihrer Selbsthilfegruppe fährt, kollidiert sie mit etwas Unbekanntem : ob Wild oder Mensch kann nicht geklärt werden, da das Unfallopfer nicht zu finden ist. Zu allem Unglück hat sie bei ihrer aufgeregten Suche auch noch die Autoschlüssel im Zündschloß stecken lassen, die Türen verriegelt. Hilfsangeboten begegnet sie mißtrauisch und schlägt lieber ein Seitenfenster ein.

Im Supermarkt bahnt sich derweil eine Katastrophe an : Mo (Morgan) hat vor, im Supermarkt einen Durchgang im „Parkour“, einer französischen Trendsportart, in der alle natürlichen Weghindernisse ohne Hilfsmittel überwunden werden müssen, zu absolvieren und sich von seinem Freund Sid dabei filmen zu lassen. Mo ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die sich trotz guter Ausbildung mit Putzjobs über Wasser halten muß, und er versucht, mit solchen Aktionen, der Beengtheit und Trübe seines Alltags zu entgehen, eine Gegenwelt mit Adrenalinrausch und (vermeintlicher) Anerkennung zu schaffen. Doch diesmal geht es schief : in den Gängen des Marktes verliert er den Halt und reißt einen Kunden zu Boden, der verletzt liegen bleibt. Sowohl der Journalist als auch die Politikerin vermuten sofort, es handele sich um einen Terroranschlag, der – bei aller Bedrohung – beiden nicht wirklich ungelegen käme. Dies allerdings hat unabsehbare Folgen….

Olga Flor erzählt ihre Geschichte fast ausschließlich aus der Gedankenwelt ihrer Figuren, ihren Wahrnehmungen. Sie setzt in ihren minütlich unterteilten Kapiteln Fragmente der Bewußtseinsströme der Kunden und einiger Angestellter mosaikartig zusammen, die sich hauptsächlich mit sich selbst, mit ihren Enttäuschungen und privaten Katastrophen beschäftigen, die andere nur am Rande und vehement abwehrend wahrnehmen. Niemand scheint willens oder fähig, seine eigene Gedankenwelt zu verlassen, Kontakt aufzunehmen, die Vereinzelung zu durchbrechen und zu kommunizieren. Begegnungen bedeuten ausschließlich Abwehr, Ablehnung, kritische Musterung und entsprechendes gedankliches Kommentieren. Da in den engen, regalbewehrten Gängen des Supermarktes unvermeidlich sind, entsteht ein Geflecht von Reflexionen, die aufeinander Bezug nehmen, vorantreiben und den Erzählstrom, auch mithilfe der chronologischen Unterteilung, einen erzählerischen Zusammenhang geben, der das Fragmentarische zu einer Geschichte zu bündeln vermag. Allerdings ist vom Leser konzentriertes Lesen verlangt, um die Gedankenbruchstücke konsequent den Figuren zuordnen zu können.

Am meisten Raum gewährt die Autorin der rechtsextremen Politikerin, die gelernt hat, in fast allen Situationen die Kontrolle zu behalten, Schwächen zu kaschieren und den Zeitgeist in griffige Parolen zu verpacken. Ihre Weltsicht transportiert die Vereinzelung, das Abwehrverhalten, das Sich-Einrichten in der kleinen persönlichen Welt, am subjektiv empfundenen Elend in das Allgemeine, in die Wahrnehmung der Gesellschaft und findet entsprechend Zustimmung. Ihr und allen anderen gegenübergestellt ist ausgerechnet Mo, der seine kleine Welt so nicht akzeptieren mag, der sich zumindest eine Traumwelt schafft, in die er ab und an ausbrechen kann. Daß sein – im wörtlichen Sinne – Fehltritt zu einer ungeahnten Eskalation führt, ist nicht ihm anzulasten, sondern der Ich – Bezogenheit und mangelnden Kommunikationsbereitschaft des Journalisten und der Politikerin. Und dennoch ahnt man als Leser, daß selbst eine solche Minimalrevolution in einem solchen menschlichen Umfeld gründlich mißlingen muß.

Olga Flor gelingt es immer wieder, schmerzhaft genau zu beobachten, mit knappen aber detaillierten Strichen ein gesellschaftliches Abbild im Kleinen zu schaffen und einer stimmigen Diagnose zu kommen, als befundete sie anhand eines Zellabstriches unter dem Mikroskop die Krankheit eines ganzen Körpers. Es ist ihre Stärke, nicht zu einer System – oder Gesellschaftskritik anzuheben, sondern dem Leser letztlich die – allerdings kaum vermeidbare – Wertung zu überlassen. Der wird sich, sofern er sich nicht durch die Anforderungen des Textes abschrecken läßt, willig dahin geleiten lassen, fasziniert durch eine höchst ausgefeilte Konstruktion, gekonnt gesetzte Spannungsbögen und nachvollziehbare, lebendig erscheinende Personen, deren Glaubwürdigkeit über gut 200 Seiten erhalten bleibt. Auch im Sprachlichen bleibt Olga Flor eher nüchtern, klar und präzise, zwei oder drei Austriazismen stellen kein Hindernis bei der Verständlichkeit dar. Olga Flors Roman ist für mich ein interessanter, frischer und formal wie sprachlich Beitrag zur deutschsprachigen Literatur der Gegenwart.

Bibliographische Angaben :

Olga Flor : Kollateralschaden

Paul Zsolnay Verlag

ISBN : 978-3552054400 (derzeit nur gebraucht erhältlich)

© Jost Renner

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