Norbert Zähringer : Einer von vielen

Wir begegnen Edison Frimm im Jahre 2003 auf einer Brücke in Kalifornien : ein achtzigjähriges, bewegtes Leben, zuletzt ein mehrjähriger Gefängnisaufenthalt wegen einer Körperverletzung und die deprimierende Diagnose Alzheimer liegen hinter ihm, sodaß seine Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, solange seine Erinnerungen noch intakt und strukturiert sind, konsequent und nachvollziehbar scheint. Edison wird am 1.September 1923 in einem kleinen Ort mitten in der Mojave-Wüste während eines Erdbebens, dessen Epizentrum in Japan liegt und das dort verheerende Verwüstungen anrichtet, geboren. Am selben Tag kommt in Deutschland Siegfried Heinze zur Welt. Beide haben neben dem Geburtstag gemeinsam, daß es mindestens fraglich ist, ob die Väter, die ihnen früh abhanden kommen, wirklich die biologischen Erzeuger sind. Während Edisons Vater 6 Jahre nach Edisons Geburt auf einer Sauftour verschwindet, wird Siegfrieds Vater, ein früher und strammer Anhänger des Nationalsozialismus, schon am Tag der Geburt seines Sohnes erschossen, angeblich von den Kommunisten. Kommissar Mauser, der mit der Untersuchung befaßt ist, hat da erhebliche Zweifel, zumal sich weitere Leichen finden, die ähnliche Schußwunden aufweisen.

Edison, der von seinem europäischen Pendant nichts weiß, zieht mit seiner Mutter nach Los Angeles. Trotz ihrer Anstellung bei der Post hat die Familie wenig Geld, und Edison nimmt einen Job als Poolreiniger an. Daß sein Arbeitsort der Garten einer leerstehenden Villa eines Filmproduzenten ist, in dessen Pool einst die Aufnahmen für einen Piratenfilm entstanden, wird nicht unerhebliche Auswirkungen auf sein Leben haben, denn zum einem begegnet er hier Toshiro Koga, der nach dem Erdbeben in Japan, bei dem er alle Angehörigen verlor, das Land in Richtung Vereinigte Staaten verließ und der nun zu seinem spirituellen Mentor wird, zum anderen läuft ihm der einstige Stummfilmstar Penelope Brooks über den Weg, die ihn in die Welt des Films bugsiert und seine – zeitweilige – Freundin wird.

Derweil hat in Deutschland das Dritte Reich begonnen. Kommissar Mauser, immer noch auf der Suche nach dem Serienmörder, der Siegfrieds Vater und andere ermordet hat und immer noch tötet, warnt seinen jüdischen Vorgesetzten vor der geplanten Verhaftung. Nicht wirklich einverstanden mit der Diktatur unternimmt er allerdings ansonsten wenig gegen die Gewaltherrschaft. Sein übellauniges Foppen eines Gestapo – Mannes führt sogar dazu, daß er nun Hitlers Sicherheit gewährleisten muß, in dem er Abwasserrohre mit Gittern versieht. Doch zurück an seiner alten Dienststelle hat er noch einmal Gelegenheit, nicht nur im Strom angepaßt mitzuschwimmen, sondern sich gegen das Regime zu stellen, indem er einen jüdischen Jungen vor dem Abtransport rettet und sicher versteckt. Als die Japaner Pearl Harbour angreifen, ist Edison ein Komparse in der dokumentarisch-fiktiven filmischen Aufarbeitung des kriegerischen Überfalls, und als Edisons Militärdienst beginnt, wird er einem Filmteam zugeordnet, daß die Erfolge der Alliierten mit filmischen Mitteln und nicht eben wahrheitsgetreu dokumentieren soll. Man fliegt fiktive Einsätze ins ungefährliche Schottland. Doch bald sind wahre Helden gefunden, die Filmcrew wird vergessen und muß von nun an richtige Einsätze fliegen, bei denen es erhebliche Verluste geben wird.

Als Frimm und seine Kameraden 1945 Berlin bombardieren, wird das Flugzeug abgeschossen. Verantwortlich dafür ist ein letztes Aufgebot von Jugendlichen, das von eben jenem Siegfried Heinze befehligt wird, dessen Geburtstag beide miteinander verbindet. Nun also werden sich beide begegnen, ohne daß einer vom anderen weiß, in der Mitte einer vollkommen zerstörten Stadt. Edison wird gefangengenommen, ebenso sein Kamerad Bebo, ein georgisch-armenischer Exilant, der einst Berlin verlassen hatte, um nicht in die Mühlen der nationalsozialistischen Behörden zu geraten, und nun gerade in dieser Stadt mit dem Fallschirm landen mußte. Beider Weg ist damit jedoch nicht beendet, denn sie geraten später auch in russische Gefangenschaft. Während Edison als amerikanischer Soldat bald in die Staaten zurückkehren darf, hat man mit Bebo anderes vor : sein Transport bewegt sich überraschend in Richtung Sowjetunion….

Der Protagonist dieses Romans ist unzweifelhaft Edison Frimm. Er ist der eine, der den Gang dieses Buches zu bestimmen scheint, und doch nur einer von vielen. Sein Leben wie auch der Lauf der Geschichte sind verflochten mit den Schicksalen und Handlungen unzähliger anderer. Öffnet man den Band, stößt der Leser auf der Innenseite des Buches und auf dem Schmutzblatt auf eine eigentümliche Graphik, in der weit mehr als siebzig unterschiedliche Personen mit Linien untereinander verbunden sind. Und es fällt schwer all diesen Linien zu folgen, Beziehungen herzustellen und das Gewirr zu entflechten. Es ist Edisons Mutter Mary, die eine der Grundthesen des Romans formuliert :

„…Nur fünf, sechs Briefe muss man schreiben, um jeden auf der Welt zu erreichen…“

Alle Menschen sind unsichtbar untereinander verbunden und stehen miteinander in ungeahnter Beziehung. Edison selbst scheint das zu spüren, doch sein Mentor Koga rät, dem unter der Oberfläche liegenden Geflecht nicht nachzuspüren, denn der Nutzen sei zweifelhaft, der Schaden möglicherweise groß. An Stelle des Jungen unternimmt nun der Leser, geführt durch den Autor, diese abgründige Reise in einem Buch, das sich zunächst vor allem durch eine gewagte und komplizierte Konstruktion auszeichnet. Dabei macht es der Autor dem geneigten Leser zeitweise wirklich schwer : gerade zu Beginn wechseln Personen und Zeitebenen in rasantem Wechsel, ein kontinuierliches Erzählen mag nicht aufscheinen, sodaß es vorstellbar ist, daß sich bald ein innerer Widerstand entwickelt, die Lektüre fortzusetzen. Dazu sei aber schon an dieser Stelle ermuntert, denn Zähringer beherrscht seine Konstruktion in allen Details, vermag scheinbar Unzusammenhängendes zueinander zu bringen, jeden angefangenen Faden aufzunehmen und bis an sein Ende zu verfolgen, bis das Geflecht dem Leser entwirrt und jeder Zusammenhang erkennbar ist. Dennoch ist diese Übermacht der Konstruktion allenthalben spürbar, auch wenn der Autor nach einiger Zeit dem Erzählen mehr Raum läßt, Passagen einer Erzähllinie aneinanderfügt, sodaß es nun leichter wird, Edison oder dem Kommissar Mauser zu folgen und eine Geschichte zu erkennen.

Erschwert der technische Bauplan dieses Romans nun die Lektüre, so erleichtert der Autor dem Leser den Zugang vor allem mit sprachlichen und literarischen Mitteln : den ersten Teil des Buches prägt ein immer gegenwärtiger Unterton der Ironie, der die Episoden ebenso unterhaltsam wie gut lesbar macht, zudem ist die Sprache klar und präzise. Die Ironie, auch die bis dahin durchgehende Freundlichkeit ändert sich dann – mit einer gewissen Zwangsläufigkeit, wenn Figuren und Leser mit der Unmenschlichkeit des Krieges und der Bestialität des Nationalsozialismus konfrontiert werden. Die Entwicklung um Kommissar Mauser bedient dabei aber dennoch das Genre der Kriminalerzählung, weist also nachvollziehbare und willkommene Spannungsbögen auf, doch ist Norbert Zähringer nun direkter, bitterer und harscher zugange, als der erste Teil des Romans hätte vermuten lassen. Auch die Kriegsszenen werden durch nichts mehr abgemildert, allerdings auch nicht voyeuristisch ausgeschlachtet. Ein kaum zu übersehendes Element des Romans ist der Film. Anspielungen, Zitate und Verfremdungen, selbst Cameo-Auftritte integrieren die Filmkunst in Zähringers Romankonstrukt, um des Autors These anhand einer zweiten Ebene zu bebildern. Man begegnet Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger als der Wirklichkeit entlehnten Figuren, kann in der Figur des fiktiven Filmmoguls ohne jede Schwierigkeit Howard Hughes identifizieren und einen der zitierten Filme als „Der Dieb von Bagdad“ benennen, einen Klassiker der Filmkunst, der auch Nicht – Cineasten ein Begriff sein dürfte. Aber auch unter der glatt und reibungslos erscheinenden Oberfläche eines Films liegt ein vom Zuschauer kaum wahrzunehmendes Geflecht an Zufälligkeiten, Schicksalen und Tricksereien. Etwa der abgehalfterte und zahlungsunfähige einstige Star, die ob ihrer – angeblich – quietschenden Stimme beim Siegeszug des Tonfilms ausgemusterte Stummfilm-Diva. Vor allem aber die Tricksereien des Business : eine Seeschlacht, die in einem Swimmingpool gedreht wird, die unbemerkte Fiktionalisierung des Dokumentarischen zu Zwecken der Propaganda etc. Spätestens hier erscheint der Eindruck nicht abwegig, daß der Autor mit diesem Roman, mithilfe der Konstruktion und dem Spiel mit dem Film auch eine Metaebene des Schreibens gestalten wollte, den Leser also unter die glatte Handlungsebene einer durchaus interessanten Erzählung führen und gleichsam sein Skizzenbuch öffnen wollte.

Ziehe ich nun ein Fazit, kann ich feststellen, daß ich ein gutes, aber nicht unbedingt ein sehr gutes Buch gelesen habe, das nicht zu Unrecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises geführt wurde, das aber in meinen Augen – ebenso nachvollziehbar – nicht bis ins Finale gelangte. Dazu wirkt das Buch teilweise denn doch zu konstruiert. Und mag diese These für ein individuelles Leben hinreichend und für den Leser mit Gewinn illustriert worden sein, so fällt die Anwendung auf den Lauf der Geschichte nicht ganz so zwingend aus, denn gerade Mausers Retten eines jüdischen Kindes fällt in seiner Prägnanz und Eindrücklichkeit gegen den Rest des Buches doch ein wenig ab – so, als wäre der monumentale Plan eines Ölgemäldes in einem – durchaus kunstvollen – Aquarell verwirklicht worden. Dennoch lohnt die Lektüre allemal.

Bibliographische Angaben :

Norbert Zähringer : Einer von vielen

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499242861

© Jost Renner

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