William Boyd : Eines Menschen Herz

„Eines Menschen Herz“ sind die fiktiven Tagebuchaufzeichnungen des Schriftstellers Logan Mountstuart, der 1906 in Uruguay geboren wurde und 1991 in Südfrankreich verstarb. Mit siebzehn Jahren, kurz vor dem Wechsel vom College zur Universität, beginnt Logan, Tagebuch zu schreiben. Er plant, Schriftsteller zu werden, und arbeitet bald ernsthaft und letztlich erfolgreich an einer Biographie des romantischen Dichters Shelley. Doch der hoffnungsvolle Auftakt zu einer Schriftstellerkarriere droht bald zu versanden. Während sich sein Freund Peter nach etlichen Kriminalromanen zu einem viel beachteten Autor entwickelt, heiratet er eine Adlige, die er nicht wirklich liebt. Die Ehe wird immer belastender. Als Kriegsberichterstatter zieht Mountstuart in den Spanischen Bürgerkrieg. Auf Seiten der Franco-Gegner beobachtet er die unheilvollen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Anarchisten. Er trifft auf Ernest Hemingway und gerät bei einem Botengang an einige Bilder des Malers Joan Miró, die er seinem anderen Schulfreund Benjamin überläßt. Zurück in Großbritannien trifft er auf seine große Liebe Freya, die er bald heiratet. Beide bekommen eine Tochter. Doch dann verdingt er sich beim Britischen Geheimdienst, für den er den abgedankten König und (aktuellen) Prinzen von Wales bespitzeln soll, da dieser im Verdacht steht, Kontakte zu Sympathisanten der Nationalsozialisten zu pflegen.

Der nächste Auftrag führt ihn dann in die Schweiz. Hier wird er festgenommen und bis zum Kriegsende in Haft gehalten. Freya hält ihn für tot und heiratet erneut. Doch kurz vor Kriegsende kommen sie und die Tochter bei einem Bombenanschlag ums Leben, ein Schicksalsschlag, den Logan nur schwer verwindet. Zwar verarbeitet er seine Haft in einem von der Kritik freundlich aufgenommenen Buch, aber ihn zieht es ins Ausland, zunächst in die USA, wo er eine Filiale der Kunstgalerie seines Freundes Benjamin leitet. Hier ist er vor allem für den Erwerb von Bildern und Kunstwerken zuständig und bewegt sich zwischen Künstlerkreisen und amerikanischem Jet – Set. Sein Alkoholkonsum wächst bedenklich, seine Libido jedoch hat unter dem Verlust von Frau und Tochter gelitten. Ein weiterer Ortswechsel führt ihn nach Nigeria. Hier lehrt er Englisch und gerät in den Bürgerkrieg. Erst in den siebziger Jahren führt ihn sein Weg zurück nach England. Die Suche nach einem bescheidenen Nebenverdienst führt den mittlerweile fast vollkommen Verarmten zu einer Gruppierung, die mit der deutschen Rote Armee Fraktion sympathisiert und sie schließlich auch unterstützt. Und Mountstuart läßt sich nicht gerade unwillig einspannen…

Selten war mein Eindruck von einem Buch so zwiespältig wie bei diesem Roman. Ich gebe zu, ich habe es gerne gelesen, denn William Boyd versteht es, flüssig zu erzählen und zumindest seinen Protagonisten, den er entfernt an den britischen Schriftsteller William Gherardie angelehnt hat, nahezubringen. Dazu trägt sein trockener, teils leicht ironischer Tonfall einiges bei. Ein weiterer Grund liegt für mich in der meisterhaften Umsetzung des Genres Tagebuchroman. Er fügt für verschiedene Tagebücher, die unterschiedliche Lebensabschnitte spiegeln, zusammen, mal sind es lückenlose und akkurat datierte Aufzeichnungen, ein anderes Mal gibt es Auslassungen, Sprünge und eine von einem – ebenso fiktiven – Herausgeber eingefügte grobe Datierung oder eine Zusammenfassung nicht niedergeschriebener Ereignisse, so als wäre man wirklich mit den Zeugnissen eines recht bewegten Lebens konfrontiert.

Nach den Büchern „Nat Tate“ und „Die neuen Bekenntnisse“ ist es das dritte Mal, daß Boyd mit dem Fiktiv- (Auto-) Biographischen spielt. Inhaltlich jedoch war dieser Roman wenig befriedigend. Das beginnt bei dem Eindruck, alle vorkommenden Personen der Zeitgeschichte – von Virginia Woolf, Evelyn Waugh über Pablo Picasso und Ernest Hemingway bis zu Jackson Pollock – blieben reine und immer blechern wirkende Staffage. Aber das Grundproblem des Buches scheint eher im Konzeptionellen zu liegen : Der Protagonist Logan Mountstuart kann von sich behaupten, in jedem Jahrzehnt des Zwanzigsten Jahrhunderts gelebt zu haben, auch wenn das letzte dabei recht kurz kam. Und so ergibt sich beinahe zwangsläufig das Unterfangen des Autors, neben der Darstellung einer Lebensgeschichte, ein bewegtes und bewegendes Jahrhundert zu besichtigen. Und das (allzu) gründlich, denn seine Hauptperson gerät immer wieder in die unterschiedlichen Brennpunkte dieses Jahrhunderts, von der Abdankung des Königs, dem Spanischen Bürgerkrieg und dem Zweiten Weltkrieg über die brodelnde Kunstszene New Yorks und den Biafra-Krieg bis hin zu zu den Nachwirkungen von Kollaboration und Résistance im heutigen Frankreich oder dem Terror durch die RAF, als hätte er eine Sightseeing-Tour gebucht. Das wirkt nicht selten angestrengt, manchmal arg künstlich und auf Dauer ermüdend. Und die Vorstellung, daß ein über siebzigjähriger Mann zum Helfershelfer einer britischen Sympathisantengruppe bundesdeutschen Terrors wird, schien mir allzu bemüht und aufgesetzt, sodaß spätestens hier die Glaubwürdigkeit des gesamten Romans beschädigt wurde.

Es mag sein, der Autor hat gehofft, daß das Liebesleben seiner Figur, deren Alltagsquerelen und das letztendliche Scheitern einer hoffnungsvoll begonnenen Schriftstellerkarriere ein genügend großes Gegengewicht hätten bilden können, damit das Zeitgeschichtliche und das Persönliche zu einem Gesamtbild verschmolzen wären. Aber eben dies scheint mir mißlungen. Vielleicht auch, weil die Intimität von Tagebuchaufzeichnungen die Mehrdimensionalität eines Menschen, mögen sie so ehrlich sein, wie sie können und wie es sich Mountstuart vorgenommen hatte, nur schwer darzustellen in der Lage sind, da eine Außensicht entweder gänzlich unterbleibt oder nur subjektiv gefiltert durch den Tagebuchschreiber wiedergegeben wird, sodaß Ecken und Kanten seltsam geglättet wirken. Mountstuart als Person ist nicht immer sympathisch, jedoch meint man die grundsätzliche Sympathie des Autors für seine Hauptfigur über das ganze Buch hin spüren zu können. Und dies mag sich – wie bei mir – auch auf den Leser übertragen, sodaß er dem Buch und den Volten des Autors gerne folgt. In diesem Sinne möchte ich den zwiespältigen Eindruck noch einmal betonen und damit dem Eindruck eines Totalverisses entgegentreten. Interessierte sollten sich nicht grundsätzlich von diesem Roman abschrecken lassen.

Bibliographische Angaben :

William Boyd : Eines Menschen Herz

Übersetzt von Chris Hirte

Berlin Verlag Taschenbuch

ISBN : 978-3833305085

© Jost Renner

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