Frank Schätzing : Der Schwarm

Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden die Menschen an den verschiedensten Orten mit ungewöhnlichen Ereignissen konfrontiert. Manche davon wie das Verschwinden eines peruanischen Fischers werden allenfalls vermerkt, ohne der Ursache nachzuspüren, andere werfen drängende Fragen auf, wenn etwa große Schiffe durch ungewöhnlich starken Muschelbefall lahmgelegt und die Rettungsversuche von Walen anscheinend gezielt vereitelt werden. Wale sind es auch, die Boote im Norden Kanadas angreifen, auf denen Touristen eine seltene Gelegenheit zum Whale-Watching geboten wird. Diese Form des Tourismus ist nicht unumstritten, doch der leitende Biologe Leon Anawak sieht darin eine Form des Naturschutzes, brauchen doch die Menschen eine gewisse Nähe zu Tieren, um ihr Schutzbedürfnis begreiflich zu machen. Ganz anderer Meinung ist da die Aktivistengruppe um Jack O’Bannon, genannt Greywolf. Doch der Angriff der Wale, der für etliche Touristen aber auch Tierschützer tödlich endet, bringt die einstigen Freunde Leon und Jack wieder zueinander. Die Ursache für das Verhalten der Tiere jedoch bleibt im Dunkeln. Zur selben Zeit tut sich an der norwegischen Küste ähnlich Seltsames, das allerdings weniger bedrohlich scheint : Millionen von Würmern befallen ausgedehnte Flächen aus Methanhydrat und bohren sich hinein. Aufnahmen einer Ölförderungsgesellschaft dokumentieren diesen Vorgang, und der hinzugezogene Wissenschaftler Sigur Johanson ist zunächst ratlos und begreift auch keineswegs das darin liegende Gefährdungspotential, noch weniger allerdings die Ursache für diese Massierung von Lebewesen, die zudem bekannten Arten allenfalls ähneln. Zu spät erkennen er und die inzwischen konsultierten Wissenschaftler, daß nicht der Wurm die eigentliche Gefahr darstellt, sondern die von ihnen transportierten Bakterien, die das Methanhydrat soweit zerfressen, bis instabile Kavernen großflächig explodieren. Ein großflächiger Tsunami wird ausgelöst, der die Küsten Europas weitgehend zerstört und Hunderttausende von Menschen in den verschiedensten Ländern tötet, darunter auch eine Kollegin Johansons.

Weitere Konferenzen zwischen Wissenschaftlern aus aller Welt werden dadurch erschwert, daß Meldungen zu solchen Anomalien unterdrückt und die Kommunikationsversuche massiv behindert werden. Hierfür allerdings gibt es eine Verantwortliche, Judith Li, amerikanische Generalin chinesischer Abstammung und Vertraute des amerikanischen Präsidenten. Den Vereinigten Staaten ist daran gelegen, diese Krise zu nutzen, um mögliche Verursacher auszuschalten und gleichzeitig ihre Vormachtstellung in der Welt zu festigen. Diesem Anliegen widmet sich ebenfalls der schmierige, unsympathische CIA-Direktor Vanderbilt, der durchaus willens ist, seine Ziele mit Gewalt zu verfolgen. Li und er, die sich nicht leiden können, arbeiten dennoch reibungslos zusammen. Allerdings wird Vanderbilts Terror-Idee dadurch ad absurdum geführt, daß diese verheerenden Vorfälle alle Erdregionen gleichermaßen betreffen. Ein Schiff der amerikanischen Marine, umgebaut zu einem modernen Forschungsschiff, wird zum Sammelpunkt von Wissenschaftlern aus aller Welt, die nun damit betraut werden, die Ursachen zu eruieren und Lösungswege aufzuzeigen. Li überläßt wenig dem Zufall : alle Quartiere, Decks und Labore sind mit Kameras und Mikrophonen überwacht, zudem gibt es Einrichtungen, die ausschließlich dem Militär und der CIA vorbehalten sind, wo man ganz andere Ansätze zu verfolgen gewillt ist. Es ist Johanson, der den Verursacher identifizieren kann : Einzeller, die sich zusammenschließen und so eine kollektive Intelligenz bilden können, die Yrr. Und denen scheint daran gelegen, die Menschheit vom Planeten gründlich zu entfernen. Schlimmer aber ist, daß man zunächst keinen Weg findet, das sich abzeichnende Desaster zu vermeiden. Die Wissenschaftler erarbeiten Wege, um mit den Yrr zu kommunizieren, doch ist das Forschungschiff bald selbst Ziel heftigster Angriffe. Dagegen verfolgen General Li und Vanderbilt heimlich einen anderen Plan, denn sie sind nicht an Kommunikation, sondern an Sieg interessiert …

Auf knapp eintausend Seiten breitet Frank Schätzing vor dem Leser ein spannendes, geschickt konstruiertes, allerdings mit erheblichen Schwachstellen behaftetes Endzeitszenario aus, daß zumindest seinen Zweck, zu unterhalten, weitgehend erfüllt, auch wenn man sich einige Kürzungen gewünscht hätte. Doch montiert er – wie in einem Drehbuch – schnell geschnitten Episoden hintereinander, die sich meist auf die schnell und heftig ablaufende Handlungsebene konzentrieren und nur ab und an von wissenschaftlichen Erläuterungen in durchaus dem Laien verständlicher Sprache und eher sporadischer sozialer Interaktion unterbrochen werden. Recht schnell gewinnt das Szenario die Qualität einer globalen Katastrophe, sodaß Schätzing gezwungen ist, sein Augenmerk in der zweiten Hälfte des Romans eher auf die wissenschaftliche Arbeit und auf die Konflikte der Menschen, bzw. ihrer Gruppierungen untereinander zu legen. Auch das verlangsamt das Tempo nicht unbedingt, können doch unvermutete Angriffe der Yrr, aber auch das wenig gewaltlose Vorgehen der Generalin und ihres Bundesgenossen Vanderbilt die Spannungsbögen aufrecht erhalten.

Ein weiterer Pluspunkt des Romans ist die genaue und umfassende wissenschaftliche Recherche, mit der Schätzing seine Handlung und die darin verwendeten Thesen untermauert. Wer interessiert ist, mag anhand dieser Linkliste einen Einblick in die wissenschaftlichen Grundlagen des Buches gewinnen. Selbst reale Personen wie die Wissenschaftler Seuss, Bohrmann oder – etwas maskiert – die SETI – Forscherin Jill Tarter erscheinen, um der Katastrophe Herr zu werden. Ebenfalls verfremdet, aber durchaus realen Personen nachempfunden sind General Li, die doch sehr an Condoleezza Rice erinnert, und ihr Freund im Weißen Haus, der allerdings bestenfalls zu einer Karikatur des 43. Präsidenten der USA, George W. Bush, geraten ist. Hier liegt schon die erste Schwachstelle des Romans, denn spätestens mit dem Eingreifen durch die USA und seiner Repräsentanten Li und Vanderbilt, der als Geheimdienstler eher einem drittklassigen Film entsprungen scheint, wird ein kaum nur latenter Anti-Amerikanismus mehr als deutlich. Man mag das mit der Entstehungszeit erklären – die Anschläge des 11. September und die daraus resultierenden Kriege in Afghanistan und im Irak – dürften den Autor wie viele andere Europäer beschäftigt haben. Und doch wirkt diese einseitige Parteinahme und Personenzeichnung eher störend, zumal die davon betroffenen Figuren meist wenig mehr als holzschnittartige Abbilder, kaum jedenfalls eigenständige und lebendige Personen sind. Wirkliche Sorgfalt bei der Wiedergabe von Personen läßt Schätzing allenfalls bei Sigur Johanson und Leon Anawak walten, wobei diese wohl auch die eindeutigen Sympathieträger und Protagonisten des Werkes sind. Das vermag den Unterhaltungswert des Buches nicht wirklich zu vermindern, beraubt es allerdings eines Teils seiner – literarischen – Glaubwürdigkeit und Substanz.

In dieser Hinsicht verheerender ist jedoch Schätzings Umgang mit der Sprache. Zumeist bewegt sich seine Erzählperspektive recht nah an der jeweils im Mittelpunkt einer Episode stehenden Figur. Auffallend ist seine Verwendung vieler und das Tempo verstärkender, nachdrücklicher Adjektive und manchmal leicht übertrieben wirkender Verben, sodaß man sich bald in einen eher minderwertigen Actionschmöker versetzt fühlt. Dann allerdings gibt es Sätze, in denen er sich plötzlich zu einer vollkommen überhöhten Sprachebene aufschwingt, es tauchen Worte wie „Gestade“, „Gefilde“ auf, die der geschilderten Situation und dem gesamten sprachlichen Gebildes des Buches seltsam unangemessen scheinen. Ordnet er Sprache den Äußerungen und Gedanken seiner Figuren zu, wird es ab und an wirklich unangenehm : zum einen läßt er jegliche sprachliche Differenzierung und damit die Unterscheidung der einzelnen Figuren vermissen, zum anderen begibt er sich auch dort auf ein sprachliches Niveau, das eher mit dem Genre des Actionfilms, nicht aber mit der Bildung hochspezialisierter Wissenschaftler zu vereinbaren ist. Letztlich ist das ebenso enervierend wie auf Dauer langweilend. In den letzten Abschnitten, die die zum Teil halluzinatorische Tauchfahrt der Wissenschaftsjournalistin Karen Weaver zu den Yrr schildern, gesellt sich nun auch noch ein leichtes Pathos, das der Roman bis dorthin ebenso erfolgreich vermieden hatte wie den erhobenen Zeigefinger. Bedenkt man, daß der Autor auf den einhundert bis einhundertfünfzig Seiten zuvor eher zu einem Schlachtfest eingeladen zu haben schien, wirken diese Passagen eher deplaziert, auch wenn einem die Motivation für gerade diesen Lösungsweg nachvollziehbar scheint.

Abgeschlossen wird das Buch mit einer Tagebuchaufzeichnung der SETI – Forscherin Samantha Crowe, die eigentlich – wie alle weiblichen Figuren – eher blass wirkte, in der sie ein Jahr nach der Katastrophe den religiös-philosophischen Implikationen der Begegnung mit den Yrr und letztlich der Unterlegenheit der menschlichen Rasse nachgeht. Kaum nachvollziehbar beschränkt sie sich dabei auf die Dogmen der christlichen Kirche und stellt besonders eine Frage nicht : Was ist oder wäre, wenn der Mensch nicht mehr am Ende der Nahrungskette stünde, sondern letztlich anderen Mächten ohne Möglichkeit der Gegenwehr ausgeliefert wäre. Denn der Roman als solcher kann diese Frage nur ansatzweise beantworten, er ist ja auf ein – zeitweiliges – verhältnismäßig gutes Ende angelegt.

Sofern man sich gut unterhalten und in seinen Gedanken über einen weitgehend unerforschten Teil unserer Lebenswelt, der sich gerade deshalb ausgezeichnet als Projektionsfläche für Ängste und Katastrophenszenarien eignet, anregen lassen möchte, ist dieser Roman von Frank Schätzing bestens geeignet. Man sollte es allerdings vermeiden, nach hochliterarischem Anspruch Ausschau zu halten. Denn diesen kann das Buch nicht erfüllen, will es aber auch nicht. Immerhin vermag Frank Schätzing es, den Leser an der Lektüre zu halten und den Ereignissen mit hoher Aufmerksamkeit folgen zu lassen. Auch das kann nicht jeder.

Bibliographische Angben :

Frank Schätzing : Der Schwarm

Fischer Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3596164530

© Jost Renner

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