Ketil Bjørnstad : Der Tanz des Lebens

Schon zu Beginn des Romans wird ein Mord angekündigt, der von der Polizei nur schwer aufzuklären ist, da es nicht einmal eine Leiche gibt. Um das Geschehen dem Leser begreifbar zu machen, schildert der Autor das Leben seines Protagonisten, Ludvig Hassel, vom Dezember 1998 bis zum Tatzeitpunkt im Sommer 1999. Ludvig Hassel ist Kunsthistoriker und als solcher als Hauptkustos der Osloer Nationalgalerie tätig. Einst hatte er über George Seurats „Die Badenden von Asnières“ promoviert, das für ihn ein Ideal von Reinheit und Unschuld symbolisiert. Danach aber arbeitete nur noch sporadisch auf wissenschaftlichem Gebiet und konzentrierte sich eher auf seine Karriere. Wiewohl hochintelligent, muß er mit seinen zweiundfünfzig Jahren feststellen, daß er für wichtige Stellungen nicht mehr in Frage kommt, daß er mehrfach übergangen worden ist, als Positionen in der norwegischen Kulturlandschaft vergeben wurden. Den von ihm ersehnten Posten eines Direktors der Nationalgalerie hat eine Frau erhalten, als Mitglied einer norwegischen Wertekommission kommt er überhaupt nicht in Betracht und in den Medien haben längst andere die führende Rolle übernommen.

Auch privat ist er gescheitert. Er ist geschieden, seit er seine Frau mit einer Studentin betrog. Dagny, seine ehemalige Frau, nutzt dies aus und erpresst mittels seiner Schuldgefühle immer wieder finanzielle Zuwendungen. Mit Anne – Beth, seiner damaligen Affäre ist er zusammengeblieben, wehrt sich aber vehement gegen eine enge Bindung oder gar ein Zusammenziehen. Seine beiden erwachsenen Kinder sind labil und schwache Persönlichkeiten. Zu allem Überfluß muß er feststellen, daß seine Tochter sich einen seiner schärfsten, jüngeren Konkurrenten als Lebenspartner gewählt hat. Das alljährliche Familientreffen zu Weihnachten droht, zur Katastrophe zu werden. Doch hier trifft er auf die zwanzigjährige Freundin seines Sohnes, Anja Vikersund, Model, Skifliegerin und angehende Biologiestudentin. Mit einem Mal beginnt Ludvig zu brillieren, immer betrunkener sich selbst in Szene zu setzen. Und er meint wahrzunehmen, daß er die junge Frau wirklich beeindruckt. In den nächsten Wochen beschäftigt er sich gedanklich immer mehr mit der Freundin seines Sohnes. Sie scheint ihm eine neue Perspektive zu eröffnen. Als sie sich von seinem Sohn trennt, fährt er zu ihr und will seine Chance nutzen… .

Das Buch ist nur vordergründig ein Kriminalroman, und doch gibt es einen Mord und eine – überraschende – Lösung. Im Mittelpunkt des Romans allerdings steht die Persönlichkeit des Protagonisten Ludvig Hassel, die der Autor stringent aus dessen Perspektive schildert. Scheint es zunächst, als sei er durch die Zeitläufte, sein Alter und gewiss einige Fehlentscheidungen in seinem Leben gestrandet, werden nach und nach die Abgründe seines Charakters sichtbar. Ludvig ist geltungssüchtig, haßerfüllt, verurteilt beinahe alles und jeden, trinkt oft genug bis zur Bewußtlosigkeit und hat einen Hang zu jungen Frauen. Dies alles weiß er zunächst hinter einer bürgerlichen Fassade zu verbergen, die im Laufe des Romans massiv zerbröckelt. Sichtbar wird ein zynischer, rechthaberischer Alkoholiker, der wegen seines Versagens von Rachegedanken getrieben ist, selbst vor Mord nicht zurückschrecken würde.

Bjørnstads Wahl der personalen Perspektive trägt diesen Roman, denn während Ludvig Hassel zunächst beinahe jovial Einblick in sein Scheitern gewährt und damit Interesse oder Mitleid zu wecken vermag, wird die Selbstdarstellung immer mehr zur Selbstentblößung und Demaskierung. Interessant ist dieses Buch allemal, und Autor wie auch Protagonist sind mehr als hinreichend intelligent, den Leser zu fesseln und zwischen Interesse und Abscheu schwanken zu lassen. Auch die Klammer der Kriminalhandlung schien mir berechtigt und glaubwürdig eingesetzt. Doch hatte ich ein leichtes Problem mit der Entwicklung der Persönlichkeit im Laufe des Romans : So fand ich, daß die – möglichen – Abgründe des Charakters über lange Strecken nur angedeutet sind, im letzten Drittel aber geballt zutage treten. Ich hätte mir ein gleichmäßigeres Gefälle gewünscht. Und dennoch wird einem Ludvig Hassel länger im Gedächtnis bleiben.

Bibliographische Angaben :

Ketil Bjørnstad : Der Tanz des Lebens

Übersetzt von Lothar Schneider

Suhrkamp Verlag

ISBN : 978-3518455647

© Jost Renner

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