John Irving : Bis ich Dich finde

In diesem stark autobiographisch geprägten Roman schildert John Irving den Werdegang von Jack Burns. Sein Vater hat sich noch vor seiner Geburt von seiner Mutter, einer Tätowiererin, getrennt. Als Jack vier Jahre alt ist, beschließt seine Mutter Alice, sich mit ihm auf die Suche zu machen, und reist durch verschiedene Städte Europas, darunter Stockholm, Kopenhagen, Oslo, Helsinki und Amsterdam, immer auf der Fährte des Vaters, der dort als Organist arbeiten soll und sich zudem neue Tattoos machen läßt. Alice finanziert diese Reise mit Aushilfsarbeiten bei verschiedenen berühmten Tätowierern und bildet sich gleichzeitig fort. Beide müssen jedoch feststellen, daß der Gesuchte längst weitergezogen ist. Als Jack sechs Jahre alt wird, kehren sie nach Kanada, der ersten Station von Alice Suche, zurück, denn dort soll Jack in einer ehemalig reinen Mädchenschule eingeschult werden. Hier gerät er in die Fänge von Emma Oastler und ihrer Klassenkameradinnen. Die sind sieben Jahre älter und terrorisieren die Schulanfänger, besonders aber Jack, bei dem diese Belästigungen eindeutig sexuelle Formen annehmen.

Das Lehrpersonal der Schule ist größtenteils nicht sonderlich kompetent, aber Jack wird an die Schauspielkunst herangeführt und brilliert bald in den Schulaufführungen, meist jedoch in Mädchenrollen. Jacks Mutter interveniert bei Emmas Mutter wegen der Drangsalierungen ihres Sohne nur halbherzig und beginnt recht bald eine Beziehung mit ihr. Aber nach und nach wandelt sich auch das Verhältnis zwischen Emma und Jack, der eine Art Schützling von ihr wird. Als Jack nach vier Jahren auf eine Jungenschule wechseln muß, bereitet er sich mit Ringen auf die neue Umgebung vor. Seine Sparringspartnerin und bei Gelegenheit auch sein Kindermädchen ist eine ältere Frau, die behauptet, Ringen als Selbstverteidigung zu erlernen, um die Angriffe des Ex – Ehemanns abwehren zu können. Diese Frau mißbraucht Jack mehrmals, und der ist zwischen Qual und Zuneigung hin und her gerissen. Erst Emmas Eingreifen beendet den Mißbrauch.
Jack absolviert seine schulische Ausbildung ohne größere Probleme, hat allerdings immer wieder Beziehungen zu älteren Frauen, die in manchen Fällen auch eher sexueller Mißbrauch sind. Beziehungen zu gleichaltrigen Mädchen scheitern entweder schon im Ansatz oder nach kurzer Zeit. Emma beurteilt inzwischen im Auftrag eines Filmstudios Drehbücher, bewertet sie und empfiehlt Umsetzung oder Ablehnung. Jack kehrt nach dem Ende der Schule nicht zu seiner Mutter nach Kanada zurück, sondern zieht mit Emma zusammen. Sie vermittelt ihm auch die ersten Kontakte zur Filmindustrie. Während Emma zwei erfolgreiche Romane verfasst, die sich kritisch mit Hollywood auseinandersetzen, beginnt Jacks Schauspielkarriere. Wieder sind es Frauenrollen, androgyne Charaktere oder Transvestiten, die ihn populär machen. Jacks Verhältnis zu seiner Mutter ist immer loser geworden. Emma stirbt an einem Herzinfarkt und beauftragt ihn testamentarisch damit, ihren ersten Roman als Drehbuch umzusetzen. Dies gelingt so gut, daß Jack den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch gewinnt. Kurz darauf muß er allerdings erfahren, daß seine Mutter an Brustkrebs erkrankt ist und bald sterben wird. Nach ihrem Tod jedoch wird ihm mehr und mehr klar, daß seine Erinnerungen an die Europareise und die Suche nach seinem leiblichen Vater nicht der Realität entsprechen können, insbesondere Gespräche mit Emmas Mutter bewegen ihn, noch einmal die Reise nach Europa nachzuvollziehen, um endlich Klarheit zu gewinnen. Und er erfährt Unglaubliches….

Der Ton des Romans ist ein eher melancholischer, ohne daß er allerdings einer Prise Humors entbehren würde. Der Wahnwitz und die Absurditäten seiner frühen Romane jedoch fehlen vollkommen, er ähnelt in Erzählhaltung und Tonfall eher den Romanen „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ oder „Owen Meany“. Die Personen sind zumeist glaubhaft, lebensnah und damit auch menschlich, nur einige Nebenpersonen, etwa die Lehrer, werden stark überzeichnet und damit das Ziel satirischer Kritik. Und auch das Leben in Hollywood oder die Filmindustrie bleiben nicht verschont.

Einigen Widerstand hat bei mir die Mißbrauchsthematik ausgelöst, was sich allerdings unter der Berücksichtigung der biographischen Fakten über den Autors dann doch weitestgehend erledigte. Das Buch ist in weiten Teilen stark autobiographisch beeinflußt. Der Protagonist Jack Burns denkt und handelt nicht selten als ein Alter – Ego des Autors. Irving gelingt es eine glaubhafte, manchmal nicht nur untergründig tragische Geschichte interessant, einfühlsam und für den Leser nachvollziehbar und glaubwürdig zu gestalten. Nicht einmal die Liebesbeziehung zwischen Alice und Emmas Mutter wirkt auf lange Sicht überkonstruiert, auch wenn man erstmal schlucken muß. Nach drei Romanen, die mir so gar nicht gefallen wollten, habe ich bei „Until I Find You“ wieder das Gefühl entwickeln können, in dem mir wohlvertrauten literarischen Universum John Irvings angekommen zu sein, mich dem Fluß seiner Geschichte anvertrauen zu können. Mehr noch : Auch John Irving ist wieder dort angekommen, und seine Recherchen sind nicht mehr Fremdkörper und leb – und lieblose Gerüste seiner Konstruktionen, sondern fügen sich harmonisch in die Erzählung und deren Intention.

Für mich ist dieser Roman zwar nicht Irvings Meisterwerk ( aufgrund der Aufarbeitung seiner Autobiographie und der entstandenen Intensität der Thematik mag es später vielleicht dennoch als sein Opus Magnum gelten), aber ich bedaure nicht, ihn gelesen zu haben, sondern freue mich durchaus auch auf das nächste Buch von diesem Schriftsteller.

Bibliographische Angaben :

John Irving : Bis ich Dich finde

Übersetzt von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl

Diogenes Taschenbuch

ISBN : 978-3257236217

© Jost Renner

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