Edward P. Jones : Die bekannte Welt

Henry Townsend, Sklave des Farmers William Robbins, der ihn schätzt und zum Schuster ausbilden läßt, wird von seinen Eltern Augustus und Mildred freigekauft. Robbins verweigert ihm auch weiterhin nicht seine Protektion, sondern verkauft ihm Land, fördert und unterstützt ihn. Und nicht zuletzt verkauft er ihm den Sklaven Moses, mit dem sich Henry daranmacht, ein Haus zu bauen und die Grundlage seiner künftigen Pflanzung zu schaffen. Somit ist Henry einer der wenigen schwarzen Sklavenhalter in Virginia. Er heiratet die frei geborene Caldonia, deren Mutter einst ihren Ehemann vergiftet hatte, als der sich mit dem Gedanken getragen hatte, die ihm gehörenden Sklaven freizulassen. Nach und nach wächst die Bevölkerung der Farm, denn immer mehr Sklaven werden gekauft, um die Arbeiten bewältigen zu können.

Moses, zu dem Henry immer ein besonderes Vertrauensverhältnis hatte, wird zum Aufseher befördert und erledigt seine Arbeit gewissenhaft. Manchester County, der fiktive Bezirk in Virginia, ist von Unruhen und Aufständen weitgehend verschont, jedoch wird auf Anraten des größten Farmers, William Robbins, eine Patrouille installiert, die eventuelle Fluchtversuche unterbinden soll. Während der Sheriff, John Skiffington, gläubig, ruhig und gesetzestreu seinen Dienst versieht, sind die Mitglieder der Patrouille zumeist weniger vertrauenswürdig. Als Henry unerwartet stirbt, erbt Caldonia das Land und die mittlerweile 33 Sklaven. Moses macht ihr schon kurz nach dem Ableben Henrys den Hof, denn er hofft nicht nur auf Freilassung, sondern auch darauf, bald selbst die Stellung des Verstorbenen einnehmen zu können. Er entledigt sich kurzerhand seiner Frau und seines Kindes, indem er sie mit einer vermeintlich Verrückten auf die Flucht schickt. Die Verhältnisse auf der Pflanzung geraten mehr und mehr aus der Kontrolle,und die Oberschicht des Counties, sowie die Gesetzeshüter sind zunehmend beunruhigt.

Jones‘ Roman behandelt ein weitgehend unbekanntes Phänomen : die Sklavenhaltung durch Afro – Amerikaner vor Beginn des Bürgerkriegs in den Südstaatender USA, die es vereinzelt gegeben hat. Durch den Freikauf von Familienmitgliedern besaßen Farbige sogar zum Teil ihre Ehefrauen und Kinder, gemäß den damaligen gesetzlichen Gegebenheiten. Das geschilderte Manchester County, alle handelnden Personen und die beschriebenen Ereignisse sind jedoch rein fiktiv. Jones‘ Behandlung des Themas und die Erzählweise sind ruhig und wenig spektakulär. Die Gefühlswelt erschließt sich im Miteinander oder Gegeneinander der dort versammelten Personen. Zunächst möchte man meinen, daß sich alle mit dem System der Sklaverei arrangiert hätten, nur selten flackern Widerstand oder Rebellionsgedanken auf, selten ereignen sich spektakuläre Katastrophen oder rigide Bestrafungen, aber doch zeigt der Autor immer wieder, wie unter der ruhigen Oberfläche ddes Alltags die Inhumanität des Systems zum Vorschein kommt und seine Opfer fordert.

Der Erzählfluß ist nicht rein linear, denn immer wieder gibt es Rückblenden auf den
Werdegang Henrys, aber genauso gut Ausblicke auf den Werdegang einzelner Personen.
Es irritiert manchmal ein wenig, wenn Jones den Lebenslauf einer Person vorwegnimmt, die zum Zeitpunkt der Handlung ein Kind ist, und deren letzte Lebenstage – etwa 90 Jahre später – ausmalt. Manchmal finden sich Ausflüge ins Irreale, Übernatürliche, die an Gabriel Garcia Marquez gemahnen oder einen mehr oder minder deutlichen religiösen Bezug herstellen.

Jones Schilderung ist keine Schwarz-Weiß-Malerei. Fast alle Personen haben sympathische Züge, viele der Weißen sind zumindest bemüht, gesetzestreu und mit moralischer Verantwortung ein Zusammenleben auch unter dem System der Sklaverei zu befördern, auch wenn sie letztlich an sich selbst, an Ausnahmesituationen, an der Handlungsweise rassistischerer und bedenkenloserer Menschen und nicht zuletzt am System selbst scheitern. Für mich war es eine interessante Lektüre, ein spannendes und unterhaltsames Literaturerlebnis.

Bibliographische Angaben :

Edward P. Jones : Die bekannte Welt

Übersetzt von Hans-Christian Oeser

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423135368

© Jost Renner

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.