Susanna Clarke : Jonathan Strange und Mr. Norrell

Vom Herbst 1806 bis ins Jahr 1817 erzählt die Autorin die Geschehnisse um ihre beiden Protagonisten Jonathan Strange und Gilbert Norrell. Angesiedelt ist die Handlung in einem Großbritannien, daß auf eine reiche, aber inzwischen beinahe versiegte magische Tradition zurückblicken kann. Immer noch gibt es Magier, doch die beschäftigen sich fast ausschließlich mit den historischen und theoretischen Aspekten der Zauberei. Lange vergangen scheint das Goldene Zeitalter der Magie, in dem der Rabenkönig seine Herrschaftsgebiete Nordengland, das Elfenland und einen Teil der Hölle zusammenhielt. Doch in Yorkshire lebt Gilbert Norrell, ein eigenbrötlerischer und manischer Sammler von Büchern über die Zauberei, der sich – als einziger noch praktizierender Zauberer – berufen fühlt, die Magie in England wiederzubeleben. Auch wenn er keinen besseren Zeitpunkt hätte wählen können – Großbritannien braucht dringend Unterstützung im Kampf gegen die Armeen Napoleons – fehlen ihm doch die notwendigen Kontakte und Umgangsformen, um sein Vorhaben zu verwirklichen. So beginnt er mithilfe zweier Stutzer in der guten Gesellschaft Londons und den politischen Kreisen zu antichambrieren. Doch erst der Tod der jungen Ehefrau eines Politikers ebnet ihm den Weg, denn er schafft es, sie mit Unterstützung eines Elfen wiederzuerwecken. Norrell aber macht damit einen fatalen Fehler, denn der Elf bittet sich eine Gegenleistung aus, die der Zauberer vollkommen falsch einschätzt und daher gewährt : Die Hälfte ihrer noch verbleibenden Lebenszeit soll die Frau mit dem Elfenwesen verbringen. Abgelenkt durch das Auftauchen eines zweiten Zauberers, Jonathan Strange, und die Magie im Dienste der britischen Krone erfährt er nie, daß die Gerettete von nun an regelmäßig zu gespenstischen Bällen ins äußerst düstere Elfenland entführt wird und zurück in der realen Welt immer weiter psychisch zerfällt. Norrell, der eifersüchtig darauf bedacht ist, seine alleinige Kompetenz im Bereich der Zauberei zu behaupten, findet in Strange einen kompetenten und schnell verstehenden Gesprächspartner, sodaß er ihn als Schüler und Mitstreiter akzeptiert. Jedoch ist er eifrig darauf bedacht, vieles vor diesem geheimzuhalten und dessen Eifer zu bremsen. Jonathan Strange jedoch drängt es, seine Fähigkeiten zu beweisen, die Möglichkeiten bis hin zur Schwarzen Magie auszuprobieren, obwohl er bei weitem nicht alles beherrscht.

Als er vor Ort in Spanien und Belgien die britische Armee mit Magie unterstützen soll, findet er ein einzigartiges Experimentierfeld – und niemanden, der ihn zu bremsen vermag. So verändert er ungeniert Landschaften, versetzt Städte und Berge, ohne seine Handlungen jemals rückgängig zu machen oder erweckt tote feindliche Soldaten, um sie verhören zu können, weiß jedoch nicht, wie er sie wieder sterben oder wirklich leben lassen kann, sodaß sie als Untote dem Troß des englischen Militärs folgen müssen. Und Stranges Bestreben geht weit darüber hinaus : fasziniert vom „Rabenkönig“, dessen Wiedererscheinen von einem Scharlatan prophezeit wurde, und von der Zusammenarbeit zwischen menschlichen Magiern und Gehilfen aus dem Elfenland, beschäftigt er sich immer mehr mit diesem Grenzbereich. Dabei trifft er auf den erbitterten Widerstand seines Lehrers und Mentors Norrell, sodaß sich bald beide heftigst bekämpfen. Derweil ist der einstige Helfer Norrels nicht untätig : zum einen hat er Gefallen an Stranges Ehefrau gefunden und entführt sie in sein düsteres Reich, zum anderen macht er sich daran, den farbigen Diener Stephen Black, der einst im Hause der verstorbenen Politikerfrau gedient hatte, in seinen Bann zu ziehen und als „neuen Rabenkönig“ zu installieren. Jonathan, der durch den scheinbaren Tod seiner Frau schwer getroffen wurde, experimentiert mit Elixieren, die ihn in Wahnsinn versetzen, um Kontakt mit dem Elfenland aufnehmen zu können. Auch eine junge Frau, die er kennenlernt, kann ihn nicht von seinen Versuchen abbringen. Als seine Bemühungen Erfolg haben, muß er erfahren, daß seine Frau nicht gestorben ist und daß sich deren Entführer ein nächstes Opfer ausgesucht hat : seine neue Bekannte. Allmählich wird ihm die Gefahr bewußt, die von diesem Elfenwesen ausgeht, und auch Mr. Norrell wird nach und nach deutlich, welche Gefahren sich aus seinem Handeln entwickelt haben.

Die Autorin Susanna Clarke hat sich für ihren Roman ein umfangreiches Pensum gewählt. Nicht nur wollte sie einen Fantasyroman schreiben, der die Leser mit magischen, düsteren und unheimlichen Begebenheiten in seinen Bann zieht, sondern zugleich auch ein stimmiges, gut recherchiertes und immer wieder ironisches Gesellschaftsportrait Englands zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Im Buch selbst und in verschiedenen Interviews stößt man auf verschiedene literarische Bezugspunkte und Einflüsse, ohne daß man jedoch in Versuchung geraten sollte, eine Entsprechung zu erwarten, umso weniger als „Gothic Novel“ und Gesellschaftsromane von Austen oder Dickens denn doch weit auseinander liegen. Im Roman werden vor allem die Vertreter des britischen Schauerromans namentlich aufgeführt – Matthew Lewis („Der Mönch“), William Beckford („Vathek“), der Kreis um Mary Shelley („Frankenstein“) und Ann Radcliffe („Der Italiäner“) – ohne jedoch handelnde Personen zu sein. Allein Lord Byron (der durch sein Gedicht „Manfred“, dessen Protagonist ebenfalls ein Zauberer ist, sich bedingt dort einreihen kann) ist eine Nebenfigur, auf den Jonathan Strange mehrmals trifft.

Nur langsam und beinahe zögerlich entwickelt sich die magische, übernatürliche Ebene der Handlung, denn im Vordergrund steht zunächst die Abbildung der britischen Gesellschaft in den ersten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts. Susanna Clarke konzentriert sich dabei vor allem auf die gehobene Gesellschaft und wirft nur ab und an ein Schlaglicht auf andere Schichten der Gesellschaft, sieht man von zwei wichtigen Nebenpersonen – dem Diener und Berater Norrells, Childermass, und dem zum „Rabenkönig“ mutierenden Stephen Black ab. Vom Königshaus über die Ministerien, die Armeeführung bis in die Salons Londons streift ihr präziser und herb – ironischer Blick. Charles Dickens und vor allem Jane Austen haben in diesem Bereich einen unübersehbaren Einfluß, der sich in der Erzählhaltung, im Tonfall und dem ironischen Blickwinkel manifestiert (in der englischsprachigen Ausgabe, die ich gelesen habe, selbst bis in die zum Teil zeitgebundene Rechtschreibung).

In weiten Teilen des Romans stehen sich nicht Gut und Böse oder Menschen und das Übernatürliche gegenüber, sondern die beiden Protagonisten Gilbert Norrell und Jonathan Strange. Beide sind vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten. Norrell ist eher ein elitärer Bewohner eines Elfenbeinturms, kaum im Umgang mit Menschen geübt, ein eifersüchtiger und eifriger Bücher – und Wissenssammler, Strange dagegen eher dem praktischen Versuch und der ungehinderten Verbreitung der magischen Errungenschaften zugeneigt. Allerdings eint neben dem Interesse an der Magie beide eine Besonderheit : ihre nicht unbedingt meisterlichen magischen Fähigkeiten. Immer wieder scheitern beide, verrennen sich oder bewirken Dinge, deren Folgen sie weder abzuschätzen noch zu beherrschen in der Lage sind. So verpuffen die Alpträume, die Norrell zu Napoleon schickt, wirkungslos, seine sträfliche Fehleinschätzung des Elfen setzt Kräfte frei, die zunehmend bedrohlicher werden. Und Jonathan Stranges Zaubereien verlaufen nicht selten nach dem Muster „Versuch und Irrtum“. Beide Figuren geben der Autorin Gelegenheit zu recht schwarzhumorigen Anmerkungen, die – ebenso wie der generell ironische Tonfall – das Buch zu einer meist unterhaltsamen Lektüre machen.

Allerdings ist das Erzähltempo fast über den ganzen Roman eher gelassen, sodaß sich bei einer Länge von etwas mehr als eintausend Seiten doch gewisse Ermüdungserscheinungen einstellen, ohne daß man das dem sprachlichen Vermögen der Autorin oder ihren genauen Beobachtungen anlasten wollte. Ab und an hätte ich mir jedoch eine leichte Straffung der Handlung gewünscht, ohne aber andererseits auf Einsichten, Schilderungen und Blickwinkel verzichten zu wollen. Eine Besonderheit dieses Romans scheint sich dabei sofort anzubieten : Susanna Clarke hat den ganzen Roman mit Fußnoten versehen. Um die 180 davon verteilen sich – zum Teil über zwei Seiten fortlaufend – auf den gesamten Text. Hier bettet die Autorin ihre Geschichte in Teils fiktive, teils reale Quellen ein, wirft einen blick auf Volkserzählungen über Magie und auf die Geschichte des Goldenen (und Silbernen) Zeitalters der Magie in England (die es in diesem Sinne niemals gegeben hat oder die nie in diesem Maße überliefert wurde). Für mich allerdings gehören die Fußnoten unbedingt zu diesem Roman und tragen zu seiner Originalität ebenso bei wie zur Anpassung an Literaturkonventionen des neunzehnten Jahrhunderts.

„Jonathan Strange und Mr. Norrell“ ist bei weitem kein Meisterwerk, kein Meilenstein der Fantasy oder der postmodernen Spielerei, aber ein solides, unterhaltsames, sprachlich sehr angenehmes Buch, das weder flach daherkommt, noch im Grundsatz auf Marketingstrategien wie „Ein Harry Potter für Erwachsene“ abgestellt ist, sondern eigenständig und hintergründig seine Daseinsberechtigung unter Beweis stellt. Allerdings sollte man mit Muße und ebenso gelassen, wie es die Erzählhaltung der Autorin nahelegt, an die Lektüre herangehen.

Bibliographische Angaben :

Susanna Clarke : Jonathan Strange und Mr. Norrell

Berlin Verlag Taschenbuch

ISBN : 978-3833303333

© Jost Renner

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s