Dörthe Binkert : Weit übers Meer

Der auf einem Zeitungsartikel der New York Times beruhende Roman erzählt vom Schicksal einer in Abendgarderobe als blinde Passagierin reisenden jungen Frau. Valentina Meyer, so nennt sie sich, ist etwa fünfundzwanzig Jahre alt, mit einem russischen Diamantenhändler verheiratet und hat zwei Jahre zuvor ihren zweijährigen Sohn durch einen Unglücksfall verloren. Am Abend des 23. Juli 1904 schmuggelt sie sich im Antwerpener Hafen an Bord des Ozeandampfers Kroonland, ohne Geld oder Papiere. Begünstigt wird das Unternehmen durch den Sohn ihrer Amme, der als Offizier an Bord für Kontrolle der Reisenden zuständig ist, und ein heilloses Durcheinander, das durch die Verspätung der Abfahrt entstanden war. An Bord befinden sich knapp 2000 Passagiere, davon viele Auswanderer, die in New York ein neues Leben beginnen wollen. Nach einer an Deck verbrachten Nacht meldet sie sich beim Kapitän des Schiffes, der ihr – in Erwartung sexueller Gefälligkeiten – eine Kabine in der Ersten Klasse zur Verfügung stellt. Diese allerdings darf sie nur in den Abendstunden verlassen, weil ihre Abendrobe der am Tage geltenden Kleiderordnung so gar nicht entsprechen mag. Dennoch werden auch die anderen Passagiere in der Ersten Klasse schnell auf sie aufmerksam und beginnen, über das Schicksal und die Pläne der jungen Frau heftig zu spekulieren.

Unter ihnen ist Henri, ein belgischer Bildhauer, der sich auf dem Weg zur Weltausstellung in St. Louis befindet und den die geheimnisvolle Frau seltsam berührt. Er erinnert sich an seine einstige Geliebte Lisette, die zu heiraten er sich geweigert hatte und die ihn – schwanger – schließlich verließ. Erst spät erkennt er, daß sie seine große Liebe gewesen ist. An Bord trifft er nun auf die junge, recht naive Verkäuferin Billie, die mit ihrem wohlhabenden und bürgerlichen Geliebten zu einer Europareise aufgebrochen war. Beide kommen sich näher. Und Valentina trifft auf Thomas Witherspoon, einen jungen Geologen, der von seiner älteren und morphiumabhängigen Schwester kontrolliert und bestmöglich von anderen Frauen ferngehalten wird. Für beide ist es Liebe auf den ersten Blick, auch wenn eine Verbindung wegen ihrer Ehe und der strengen Konventionen eher unmöglich erscheint. Beobachtet werden all diese Entwicklungen von anderen Mitreisenden, von Lily Mey, einer sechzehnjährigen Rollstuhlfahrerin, die über ein beachtliches Talent der Wahrnehmung und Interpretation verfügt und anspruchsvolle Pläne für ihre Zukunft hegt : studieren oder Schriftstellerin werden will sie werden, wohl wissend, daß ihre Behinderung solche Vorsätze begünstigt, von Frau Vanstraaten, die wegen eines Ehebruchs von ihrem Mann mit jahrelangem Schweigen bestraft wird, und dem Ehepaar Borg, dessen Eheleben längst in Konventionen erstarrt ist, die weder Raum für Liebe noch für wirklichen Austausch bieten. Valentina reist dennoch einem ungewissen Schicksal entgegen, denn ohne Papiere und als blinder Passagier muß sie damit rechnen, an der Einreise in die USA gehindert zu werden. Ein Telegramm, das sie an einen in New York lebenden Bekannten hatte schicken wollen, wurde durch den Sohn ihrer Amme nicht an den Funker weitergegeben, denn dieser war selbst in sie verliebt und wollte lästige Konkurrenz ausschalten. Und auch der letztlich zurückgewiesene Kapitän will seine Rache….

Mit Fug und Recht kann man diesen Roman als einen historischen Roman einordnen, den die 1949 geborene und lange Jahre als Lektorin in großen Verlagen arbeitende Autorin als ihr Debüt vorlegt. liegen doch mehr als hundert Jahre zwischen der Zeit der Handlung und dem Erscheinungstermin des Buches. Offensiv wirbt der Verlag im Klappentext mit einem „Titanic – Feeling“, das insofern berechtigt ist, daß beide Geschichten auf Ozeanriesen spielen, auf wahren Begebenheiten beruhen und ihre Aufmerksamkeit vornehmlich auf die Passagiere der Ersten Klasse richten, sieht man einmal von James Camerons Verfilmung ab, die einen der Emigranten zum Protagonisten macht. Hierauf verzichtet Frau Binkert nahezu vollkommen. Bis auf zwei kleine Szenen und die bloße Erwähnung spielen die ärmeren und auf dem Zwischendeck verstauten Auswanderer keine Rolle. Sie sind und bleiben Statisten und Statistik. Der werbende Vergleich aber mit der im kollektiven Bewußtsein verankerten Tragödie der Titanic und – natürlich – der nicht weit zurückliegenden Verfilmung des Stoffes hätte dem Rezensenten ein Warnsignal sein können – oder war es auch – das er letztlich ignorierte. Weist doch solch ein Vergleich auf ein nicht zu unterschätzendes kommerzielles Kalkül sowohl des Verlages als auch der in Verlagsgeschäften erfahrenen Autorin hin.

Und so wurde die Lektüre zu einer recht herben Enttäuschung. Ich gestehe der Autorin zu, daß sie sich mit einem interessanten und wichtigen Thema hatte befassen wollen : den Geschlechterrollen und den Konventionen zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, die ja – nur wenig gemildert bis in die sechziger, siebziger Jahre desselben – in bürgerlichen Kreisen fortdauerten. Doch hier schon übertreibt die Autorin, nicht durch deren geschilderte Erscheinungsformen, sondern durch deren Häufung auf engem (Erzählungs -) Raum. Wir erfahren von Mißhandlungen, von sexuellem Mißbrauch, von der Aussonderung Behinderter, von rigiden Strafmaßnahmen und gar von Beförderung der Prostitution seitens gewisser Arbeitgeber, die niedrige Löhne und den Status der Unverheirateten schamlos auszunutzen wußten. In dieser Massierung allerdings löst das allerdings das nicht unverständliche Ausweichen des Lesers aus, denn nur so ist er dem überdeutlichen Nürnberger Trichter der Autorin nicht ausgeliefert. Gemildert wird diese Deutlichkeit nur durch ihren Stil, der recht historisierend daher kommt, gerechtfertigt aber zumeist durch die wechselnden personalen Erzählperspektiven, die durch Abschnitte in der Ich – Form, eine Art Presse – Statements – aufgelockert werden, und durch das Hohelied der (freigewählten) Liebe, das die Autorin gar lautstark zu singen weiß, auch wenn sie immerhin so schlau war, es bei einem offenen Ende zu belassen. Letzteres entschärft die mögliche kritische Behandlung des Themas nicht nur, sondern kleistert fast alle Konflikte, die sich gerade bei den Protagonisten – Valentina / Thomas respektive Henri / Billie – ergeben, meinem Gefühl nach regelrecht zu.

Die Sprache der Autorin tut ihr Übriges : sie verwendet Adjektive und Adverbien zuhauf, sicherlich im historischen Rahmen, doch wirkt das auf den modernen Leser entweder behäbig, übertrieben oder arg plüschig. Die Grenze meines Erduldens war spätestens dann erreicht, als Henri „mutig“ die Persenning eines Rettungsbootes entfernte, um dort ein Gespräch mit Billie zu führen. Daß sich am Ende der Unterhaltung, in der Billie einen Teil ihrer Lebensgeschichte preisgab, ein heftiges Unwetter entwickelt, das drei Seiten zuvor noch nicht einmal angedeutet war, habe ich nur noch resigniert zur Kenntnis genommen. Allerdings bieten derart Wettererscheinungen auch eine Unterbrechung der vornehmlich zwischenmenschlichen, manchmal nur inneren Handlung, sodaß schnellere, heftigere Akzente gesetzt werden könnten, die sich auf dem begrenzten Raum eines Schiffes, das sich über neun Tage auf dem Atlantik fortbewegt, in der Regel eher selten ergeben, sofern nicht Katastrophen wie die Kollision mit einem Eisberg solche von außen aufnötigen. Und doch versteht es die Autorin, das Wüten der Natur noch zu einem eher retardierenden Element des Romans zu machen, das für Übelkeit, Erbrechen und angedeutete Angstanfälle dienen muß. Faßt man meine Eindrücke zusammen, handelt es sich bei „Weit übers Meer“ um einen reinen Unterhaltungsroman, der seiner potentiellen Zielgruppe durch einen leicht gesellschaftskritischen Hintergrund und vor allem – und davon reichlich – emotionale Ansprache entgegenkommen soll. Dies wird auch weitgehend funktionieren, sofern man dieses Buch als Schmöker nimmt und sich vor literarischen, formalen oder gestalterischen Anforderungen hütet. Zur reinen Entspannung mag es taugen, aber mir ist das dann doch zu wenig, um über die Kritikpunkte hinwegzuhelfen.

Bibliographische Angaben :

Dörthe Binkert : Weit übers Meer

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423253246

© Jost Renner

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