Franziska Gerstenberg : Wie viel Vögel

In ihrem erzählerischen Debüt hat die 1979 in Dreden geborene Franziska Gerstenberg 15 Erzählungen versammelt, geschrieben aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und Erzählperspektiven : Die meisten ihrer Protagonisten sind etwa ihrer Altersgruppe zuzurechnen, mal männlich, mal weiblich, andere sind jünger oder älter. Ihr Stil ist eher knapp, beinahe lakonisch, die Sätze sind kurze Hauptsätze oder ebenso karge Satzperioden, die dennoch die Hauptpersonen und ihre Konflikte zum Leben erwecken. In „Glückskekse“ beschreibt sie die Urlaubsaffäre einer Touristin mit der sechzehnjährigen Tochter des Betreibers des Ferienbauernhofs, die ein unerwartetes Ende findet, als die Flugzeuge am 11.09. ins World-Trade-Center gesteuert werden, in „Doch Schnee“ wird das trostlose Weihnachtsfest einer Familie geschildert, nachdem die Mutter die Familie verlassen hat. „Die Hecke“ erzählt die Erlebnisse eines Trampers, der sich einer recht trostlosen Gruppe von Campern anschließt und immer wieder an seinen daheim gebliebenen Freund denken muß. Es gibt in anderen Erzählungen eine junge Frau, die heimlich Ballettunterricht nimmt, um ihrer jüngeren Schwester nachzueifern, obwohl ihr Körperbau eher ungeeignet ist, und die mit ihrer Heimlichkeit ihre Beziehung aufs Spiel setzt, Anton, einen autistischen Jungen, der sich als Carlos Santana imaginiert und eines Tages mit dem Fahrrad des Nachbarjungen ausreißt. Fast alle Figuren Gerstenbergs scheinen in ihrem Mikrokosmos, in ihren Persönlichkeitsstrukturen unrettbar gefangen, unfähig, auszubrechen und die ihnen eigentlich zugestandenen Freiheiten auszuleben.

Trotz der kargen, knapp gehalten Sprache, dem teilweise bewußt nur auf die Oberfläche gerichteten Blick der Autorin werden die Figuren äußerst lebendig und kommen dem Leser sehr nahe, so nahe, daß man ab und an die Protagonisten aufrütteln möchte, ihnen ihre freiwillige Selbstbeschränkung und das auch in der Zukunft ungelebte Leben bewußt machen. Die Autorin war zu Zeiten des Mauerfalls und der Wiedervereinigung etwa 10 Jahre alt, und so sind die Erzählungen geographisch und politisch kaum verortet. Manchmal kann man annehmen, ein Schauplatz liege im ehemaligen Osten, aber nur selten. Die eigentlichen Einschränkungen rühren aus dem Innenleben der Personen, ganz gleich, wo sie in Deutschland zuhause sind.

Ich fand die Erzählungen immer berührend, immer sehr intensiv und konnte dem lakonischen Stil sehr viel abgewinnen, denn gerade der Verzicht auf Bombast oder ausufernde Beschreibungen trägt viel zur Konzentriertheit der Texte bei.

Bibliographische Angaben :

Franziska Gerstenberg : Wie viel Vögel

Verlag Schöffling und Co.

ISBN : 978-3895613401

© Jost Renner

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