Iris Hanika : Treffen sich zwei

In einer warmen Augustnacht flüchten Thomas und Senta aus ihren Wohnungen in eine Kreuzberger Kneipe. Ihre Begegnung ist der Beginn einer Liebesgeschichte, die mit dem ersten Blick beginnt und nach zehn Tagen vorerst endet. Beide empfinden das Aufeinandertreffen als schicksalhaft, scheint doch jeder dem Idealbild des Anderen zu entsprechen. Schnell landen beide miteinander im Bett, trennen sich wieder, um ihrer Arbeit nachzugehen. Doch schon die zweite Begegnung läßt Irritationen deutlich werden. Senta hatte Zeit gehabt, nachzudenken, diese ihr unheimliche Liebesgeschichte infrage zu stellen, und verhält sich zunächst abweisend und distanziert. Thomas kann damit überhaupt nicht umgehen, und auch als es Senta gelingt, die Situation zu entspannen und selbst zu ihrer Unbefangenheit zurückzukehren, bleibt ein leichter Schatten zurück.

Beide stammen aus unterschiedlichen Welten : Thomas ist Systemberater, Senta hatte einst ein Studium der Literaturwissenschaft abgebrochen und arbeitet nun in einer Galerie. Zwischen beiden herrscht eine starke körperliche Anziehung und die nicht benennbare Gewissheit, daß sie für einander bestimmt seien. Doch haben sie einander nur wenig zu erzählen. Selbst über ihre sexuellen Begegnungen wird nicht gesprochen, sodaß auch diese nicht wirklich unproblematisch verlaufen. Senta, die stark depressive Züge zeigt, schnell zu Tränen neigt, nimmt dies zum Anlaß, immer mehr Zweifel und Selbstzweifel zu entwickeln, versinkt in Grübeleien und Selbstvorwürfen und stillen Beschimpfungen von Thomas. Thomas bemüht sich dagegen, jeglichem Konflikt aus dem Wege zu gehen, versucht behutsam neutrale Gespräche zu führen und dadurch Anknüpfungspunkte zu finden. Als sich Senta mit ihrer besten Freundin Alina aussprechen will, verprellt sie auch diese. Doch der Abend gipfelt in einer vorläufigen Katastrophe. Sie hat sich betrunken und konfrontiert Thomas, der sie von ihrem Treffen in einer Pizzeria abholen will, mit lauter Stimme vor Personal und Gästen des Restaurants sowohl mit ihren Beschwerden über die gemeinsam verbrachten Nächte als auch mit einer ungestümen Liebeserklärung. Thomas, der sich bloßgestellt fühlt, fährt sie wortlos nach Hause und bricht den Kontakt rigoros ab. Beide leiden unter dieser Trennung, auch wenn es beiden zunächst recht zu sein scheint. Thomas vergräbt sich in seine Arbeit, Senta versinkt nun endgültig in Depressionen und Aggression gegen Thomas. Dieser, ermutigt durch seinen iranischen Chef, beginnt die Situation in der Pizzeria zu überdenken und sachlich zu analysieren, sodaß es ihm nun möglich wird, Strategien für einen Ausweg aus der Krise zu überlegen. Doch verhält er sich zunächst nur zögerlich. Es ist dann Senta, die – von einem unbewußten Impuls getrieben – die Gelegenheit einer Wiederbegegnung schafft, als sie den Hinterhof von Thomas‘ Haus besichtigt, wo sie von Thomas entdeckt wird. Bald kann ein Neuanfang gewagt werden….

„Treffen sich zwei“ ist der Beginn einer altbekannten Formel zur Einleitung eines Witzes, der meist darauf beruht, daß sich die Kommunikation der beiden Beteiligten in Richtung eines Mißverständnis bewegt, aus dem dann die Pointe entwickelt wird. Iris Hanika hat aber mit diesem Buch keinen Witz auf knapp 240 Seiten aufgebläht, allerdings die Tücken der (fehlenden) Kommunikation zu einem der Themen ihres Buches gemacht. Ihre beiden Protagonisten sind beide im vierten Lebensjahrzehnt, haben jeder ihre Beziehungserfahrungen gemacht und bewußt oder unbewußt Strategien entwickelt, um mit Liebe und Beziehung umgehen zu können. Senta Bergner, deren Namenspatronin allerdings eher in der den Liebestod sterbenden weiblichen Hauptrolle der Wagner – Oper „Der fliegende Holländer“ als in der Schauspielerin Senta Berger zu suchen ist, scheitert in ihren Beziehungen regelmäßig, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre Wünsche nach Romantik nicht erfüllt werden können. Wenn der Liebeskummer unerträglich wird, flüchtet sie voller Idealismus in eine neue Beziehung, die jedoch schnell durch ihre Depressionen und Zweifel unterminiert wird. Thomas dagegen hat gelernt, Konflikte zu vermeiden, unverfänglich zu bleiben und sich möglichst an den jeweiligen Partner anzupassen. Aber auch er hat das Bedürfnis nach Romantik, dem Idealen. Und so scheint die Begegnung der beiden Figuren wirklich vielversprechend. Ihr Sexualleben gestaltet sich, soweit es die Autorin andeutet, eher ungestüm und knapp. Doch eigentlich hätten beide das Bedürfnis, es langsamer und zärtlicher angehen zu lassen, ohne dies jedoch kundzutun. Und so passt sich jeder – vermeintlich – dem anderen an und vernachlässigt dabei die bei beiden vorhandenen tatsächlichen Bedürfnisse, bis es in der Pizzeria zum Eklat kommt.

Darin liegt eine gewisse Ironie, ebenso wie in der Kluft der gerade von Senta durch Kleist-Zitate und Versen aus der Popmusik erhofften Romantik und dem alltäglichen Erleben. Dennoch ist es nicht wirklich ein ironischer Roman, auch wenn eine gewisse Distanz der Autorin zu ihren Figuren, eine manchmal romantisch überhöhte und auf den Leser bombastisch wirkende Sprache diesen Effekt verstärkt. Genau diese Sprache könnte dem Leser aber den Einsteig erschweren und ihn gewisse Abwehrreflexe entwickeln lassen, doch ist sie für die Figur der Senta geradezu folgerichtig und konsequent, sodaß ein Weiterlesen unbedingt zu empfehlen ist. Der Leser ist im ganzen Buch eingeladen, sich auf (literarische) Spurensuche zu begeben, denn es finden sich höchst unterschiedliche Anspielungen, Zitate und Paraphrasierungen von Kleist über Rilke zu Jelinek oder Sexualratgebern etwa von Alex Comfort.

Iris Hanika, die vordem vor allem kleinere Prosastücke geschrieben hatte, gestaltet die aus wechselnder Perspektive der beiden Protagonisten geschriebenen Kapitel relativ kurz, garniert sie mit Einschüben, in denen etwa Problemmanagement-Strategien angerissen werden, ein Ausflug in die Geschichte des „Engelbeckens“, einer von Kreuzberg nach Berlin – Mitte verlaufenden Grünanlage, gemacht wird oder die Vorteile von Quickies auf einer sachlichen, dennoch werbenden Ebene abgehandelt werden. Dies macht, neben der temporeich erzählten Geschichte, einen Reiz des Buches aus. Iris Hanika beschränkt sich auf ein sehr kleines Ensemble von Figuren, von denen die meisten, außer den Protagonisten, meist im Hintergrund bleiben. Nur Alina, Sentas Freundin, die Arbeitgeber von Senta und Thomas haben an jeweils einer Stelle einen markanten Auftritt.

Und selbst Thomas ist mehr notwendiger Antagonist als wirklich im Zentrum des Buches. Iris Hanika, die sich vor allem auf die autobiographisch angelegte Figur der Senta konzentriert, vermag es aber dennoch, Thomas genug Leben einzuhauchen, damit er nicht als Staffage mißachtet werden kann, auch wenn man allzu schnell bereit ist, ihn als einen typischen Vertreter des männlichen Geschlechts abzubuchen. Doch er bleibt sympathisch, bemüht sich um Beziehung und Senta, auch wenn er von der hysterisch – depressiven Senta bald überfordert scheint. Und diese ist in voller Entfaltung nur schwer zu ertragen, für Thomas, den Leser und auch für sich selbst. Aber gerade ihre depressiven Grübeleien, ihre aggressiven Ausbrüche bieten zumindest im Kern auch einen Wiedererkennungswert, der hier allerdings potenziert und damit für ihre Mitmenschen unverträglich wird. Das Buch ist wunderbar klug konstruiert, sehr angenehm zu lesen und bietet Literatur und Unterhaltung auf hohem Niveau.

Bibliographische Angaben :

Iris Hanika : Treffen sich zwei

btb Verlag

ISBN : 978-3442739769

© Jost Renner

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