Mark Z. Danielewski : Das Haus / House of Leaves

Zwei Handlungsstränge verbindet Mark Z. Danielewski in seinem Buch zu einem beinahe 800 Seiten starken Roman. Johnny Truant, eine Hilfskraft in einem Tattoo – Studio, verbringt sein Leben mit seinem Freund Lute, Alkohol, Pillen und – manchmal recht bizarr verlaufenden – One – Night – Stands. Er verliebt sich unsterblich und aussichtslos in die Stripperin Thumper, eine Kundin des Studios. Als ein älterer Nachbar Lutes stirbt, betreten Johnny und sein Freund die Wohnung. Hier findet Johnny zufällig hunderte von vollgeschriebenen Manuskriptseiten und Notizzetteln. Johnny beginnt fasziniert, in diesen Konvoluten zu lesen, und schnell reift in ihm der Entschluß, das Manuskript als Buch herauszugeben. Dies erfordert eine lange Zeit des Ordnens und Sichtens. Zampanò, so der Name des Verstorbenen, analysiert in seinem Manuskript ausführlich einen Dokumentarfilm : den „Navidson – Record“. Mit akademischer Gründlichkeit schildert er Entstehen, Handlungsverlauf, verweist auf Quellen, Diskussionen und Thesen und gibt verschiedene Interpretationsansätze :

Seiner Beziehung zuliebe zieht der Filmemacher Will Navidson, einst ein mit dem Pulitzer – Preis geehrter Fotograph, mit seiner Freundin Karen und den gemeinsamen Kindern Daisy und Chad in ein Haus in einer ländlichen Gegend Virginias. Quasi zum Ausgleich für das aufgegebene Fotographieren macht er sich daran, den Einzug und die ersten Tage im Haus zu dokumentieren. Doch recht bald stößt er auf Merkwürdiges. Unvermittelt bemerkt er einen kleinen Raum, der vorher nicht dagewesen ist und zudem nicht den Außenmaßen des Gebäudes entspricht. Ist die Differenz zwischen Außen und Innen erst nur gering, weitet sich später der Raum zu einem dunklen, unendlich scheinenden Labyrinth. Sein erster Erkundungsgang, den er gegen den Widerstand seiner Freundin unternimmt endet nur mit Glück wieder im heimischen Wohnzimmer, denn er hat sich beinahe rettungslos verlaufen. Doch Navidsons Neugier ist geweckt. Und so holt er seinen Bruder Tom, einen Freund und drei Bergsteiger zu Hilfe, um dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Das Haus verändert sich ständig, ein Grollen läßt auf das Verschieben von Wänden schließen. Die folgende Expedition stößt auf eine unendlich scheinende Wendeltreppe, die über Stunden in die Tiefe führt. Zudem scheint irgendein unsichtbares Wesen die Labyrinthe zu bewohnen, ohne jedoch jemals sichtbar zu werden. Der Anführer der Bergsteiger ist den Belastungen nicht gewachsen : er dreht durch und erschießt einen seiner Begleiter und bleibt dann verschollen. Navidson, der von seinem Zimmer die Expedition überwacht hatte, macht sich mit seinem Freund auf zu einer Rettungsexpedition. Diesmal ist die Treppe um vieles kürzer. Er findet den Getöteten und seinen überlebenden Begleiter. Der Schütze allerdings wird das Tageslicht nicht mehr erreichen. Karen stellt Navidson ein Ultimatum : entweder er stellt die Erkundung des Hauses ein oder sie verläßt ihn. Doch es scheint zu spät, denn das Haus beginnt auch in den sicher geglaubten Räumen zu agieren und tötet Navidsons Bruder Tom, der gerade noch Daisy hatte retten können. Navidson gibt sein Vorhaben zunächst auf und läßt Gesteinsproben in einem Labor untersuchen. Karen stellt aus dem vorhandenen Filmmaterial kurze Ausschnitte zusammen und schickt sie an verschiedene Berühmntheiten, etwa an Stephen King, Anne Rice, an den Regisseur Stanley Kubrick, an die feministische Autorin Camille Paglia, den Mathematiker Douglas R. Hofstadter und den Philosophen und Linguisten Jacques Derrida. Alle reagieren beinahe erwartungsgemäß : während King darauf brennt, den Standort des Hauses zu erfahren, wertet Paglia die Expeditionen als ein Symptom des Vaginalneides, und Derrida dekonstruiert sich selbst. Erstaunlich ist nur, daß viele der Angesprochenen, egal ob Mann oder Frau, Karen um ein Rendezvous bitten. Der Frieden jedoch ist trügerisch, denn Navidson hat längst beschlossen, eine weitere Expedition zu unternehmen – diesmal vollkommen allein. Und es sieht nicht so aus, als könnte er das überleben…

Johnny zieht sich während der Arbeit an diesem Manuskript immer mehr zurück und leidet unter Angstzuständen. In ausführlichen Fußnoten, die sich denen Zampanòs und des Verlages zugesellen, verfolgt der Leser eine ständige Verschlechterung, seine zunehmende Verwahrlosung. Auch ist nicht immer klar, ob Johnny phantasiert, lügt oder bei der Wahrheit bleibt. Auch erfährt man nach und nach die Vorgeschichte Johnnys. Seine Mutter wurde in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen, als er noch ein Kind war, ebenfalls im Kindesalter mußte er den Unfalltod seines Vaters miterleben. Im Anschluß begann eine Irrfahrt durch Pflegefamilien und Schulen. Dort fiel er vor allem durch heftige Schlägereien auf, mit denen er seine Außenseiterrolle nur verfestigte. Und Raymond, ein neuer Pflegevater reagiert ungehemmt gewalttätig auf die Störungen Johnnys. Als Lute stirbt und er auch bei Thumper keinen Halt findet, zieht Johnny, von seinen Angstzuständen geplagt, immer zielloser durch die Gegend….

Dieses Buch ist ebenso wie das in ihm beschriebene Haus ein nahezu undurchdringliches Labyrinth mit einer Unzahl gegenläufiger oder unabhängiger Strukturen. Somit seien alle die gewarnt, die eine linear erzählte und zu einer Auflösung hingeführte Horrorgeschichte erwarten, denn – sinngemäß zitiert – die Rätsel der Kindheit unterscheiden sich von denen des Erwachsenenlebens dadurch, daß sie meist gelöst werden können. Danielewski bedient sich in seinem Roman der verschiedensten Verschleierungs – und Verschlüsselungstechiken, auch wenn er sich vordergründig bekannter Topoi des Horrors bedient. Augenfällig sind Anklänge an den Pseudo – Dokumentarfilm „The Blair Witch Project“ und des Hauses als selbständig handelndes oder beeinflusstes Geistwesen, wie man es bei Stephen Kings „Haus der Verdammnis“, dem Klassiker „Landhaus der toten Seelen“, der Amityville – Reihe oder etwa in der IT – Version „Game Over“ von Philip Kerr finden kann. Auch Bezüge an Eschers Bilder der dimensionsübergreifenden Treppen und damit an Douglas R. Hofstadters „Gödel, Escher Bach – Ein endlos geflochtenes Band“ sind kaum zu übersehen. Doch von Anfang an kann niemand sicher sein, was wirklich real ist, was allein literarisches Verwirrspiel. So scheint es denn doch recht unwahrscheinlich, daß Zampanò als Blinder sich ausgerechnet mit dem visuellen Medium Film auseinandersetzt, er der zur Sichtung und Verarbeitung der Quellen regelmäßig auf Vorleserinnen angewiesen ist. Und trotz der in der wissenschaftlichen Analyse und den Fußnoten immer wieder auftauchenden regen Diskussionen und Reaktionen auf den „Navidson – Record“ ist von einer Veröffentlichung – auch im Erzähluniversum des Buches – nichts wirklich bekannt. reichlich verworren bleibt auch die Urheberschaft der Analyse.

Diente etwa in der Romantik die Erwähnung aufgefundener Manuskripte, überantworteter Tagebücher einer vorgeblichen Absicherung des Wahrheitsgehaltes, überdreht Danielewski diesen Kunstgriff bis ins Extreme : es geht um einen Film, der in einer wissenschaftlichen Analyse behandelt wird, die von Johnny Truant bearbeitet und veröffentlichungsfertig gemacht wurde und letztlich von unbekannten Herausgebern dann auch veröffentlicht worden sein soll. Außer Navidson selbst tragen zudem alle Instanzen zu dem umfangreichen Fußnotenapparat bei, die Instanz der Herausgeber nicht selten korrigierend. trotz dieser Bearbeitungsinstanzen gibt es im Buch und in den Fußnoten nicht selten fehlende Stellen. Seiten sind abhanden gekommen, verschmutzt oder zerstört, Fußnoten bleiben zwar markiert, weisen allerdings keine Inhalte auf etc. Auf der anderen Seite wurden dem Buch drei recht umfangreiche Anhänge und ein ebenfalls ausführlicher Wortindex angefügt, der recht wahllos scheinend vorgebliche Schlüsselbegriffe und deren Vorkommen im Text auflistet. Es ist nicht verwunderlich, daß mancher Leser sich versucht sieht, allein den beiden Geschichten zu folgen und den (pseudo)kritischen Apparat einfach auszublenden, zumal dieser wegen einiger Wortspielereien und sorgsam gelegter Fährten nicht selten ausgedehnte Forschungsarbeiten abgebracht erscheinen läßt. Allerdings denke ich, man beraubt sich dadurch eines Teils des Vergnügens, auch wenn ich vermutlich über Monate an diesem Roman gesessen hätte, um allen Verflechtungen nachzuspüren. Unbedingt zu lesen ist aber der Abschnitt „Die Briefe aus dem Three Attic Whalestoe Institute“, der einiges in Bezug auf Johnny Truant zu erhellen vermag und vielleicht sogar eine Interpretation des gesamten Buches ermöglicht. Eine weitere Hürde beim Lesen ist die immer wieder anzutreffende ungewöhnliche Typographie des Textes. Manchmal drückt sich der Text an die Ränder, bildet Diagonale, oder (kon)zentriert sich mit wenigen Wörtern in der Mitte einer Seite, manchmal liest man in eine Richtung bis zu einem Kehrpunkt, an dem man rückwärts zu blättern gezwungen ist, bis man am Ausgangspunkt den Teil des Textes zu Ende gelesen hat, oder man muß sich mit einem in Spalten aufgeteilten oder auf dem Kopf stehenden Text befassen. Auch dieses Verfahren ist nicht unbedingt neu, man denke an „Alles oder Nichts“ von Raymond Federman oder die konkrete Poesie, ebensowenig wie es die substantielle Verwendung von Fußnoten in literarischen Texten ist, jedoch hat die Kombination dieser unterschiedlichsten Verfremdsungstechinken etwas höchst Eigenes und Experimentelles geschaffen.

Das Buch ist so façettenreich und schillernd, daß nicht wirklich in einer kurzen Rezension in allen Aspekten erfasst und gewertet werden kann. Dennoch strahlen sowohl die Gruselgeschichte als auch die damit eng verbundene Akademiker – und Wissenschaftssatire und der Underdog – Lebenslauf Johnnys einzeln und zusammen eine hohe Faszination aus, der man sich nicht ohne weiteres verschließen kann, vorausgesetzt man bringt denn doch einiges an Leseerfahrung mit. Es entwickelt sich ein wohliges Gefühl zwischen Arbeit und widerstandslosem Verschlingen und Konsumieren. Übersetzt wurde das Buch von Christa Schuenke, die auch für manche Banville – Übersetzung verantwortlich zeichnet, mit Unterstützung von Olaf Schenk. Ihr ist in zweijähriger Arbeit eine wunderbare und gut zu lesende Übersetzung gelungen, die sowohl die verschiedenen Erzählstimmen auseinanderzuhalten und unterschiedlich zu gestalten weiß, als auch den Verästelungen, Spielereien und Verschlüsselungen nachspürt. Da mir in diesem Fall sowohl Übersetzung als auch das englischsprachige Original, an das ich mich dann lieber doch nicht wagte, vorlagen, und ich punktuell Vergleiche anstellen konnte, äußere ich mich ausnahmsweise auch zur Übersetzungsqualität, was ich mir ansonsten mangels Vergleichbarkeit verbiete. Ich denke, „Das Haus“ gehört zu den wichtigsten und besten Büchern der letzten Jahre, das vermutlich Einfluß auf die kommende Literatur nehmen wird.

Bibliographische Angaben :

Mark Z. Danielewski : Das Haus / House of Leaves

Übersetzt von Christa Schuenke

btb Verlag

ISBN : 978-3442739707

© Jost Renner

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