T.C. Boyle : Talk Talk

Boyle gehört zu den Autoren, die in ihren meist unterhaltsamen Romanen dennoch gesellschaftlich relevante Themen angehen. Und so beschäftigt er sich in „Talk Talk“ mit der relativ neuen Erscheinung des Identitätsdiebstahls. Dana Halter ist etwas über dreißig, Doktorin, Lehrerin an einer Schule für Hörgeschädigte und selbst gehörlos. Ddurch erklärt sich auch der Titel, denn „Talk Talk“ bedeutet in der amerikanischen Gebärdensprache ein Gespräch zwischen Gehörlosen. Als sie wegen eines Verkehrsdeliktes polizeilich überprüft wird, finden sich etliche weitere Vergehen – vom Drogenmißbrauch bis zum illegalen Waffenbesitz – in ihrer Polizeiakte, sodaß sie im Gefängnis landet. Ihr Freund Bridger Martin kann zunächst nichts tun, um sie aus der mißlichen Lage zu befreien. Erst ein Gerichtsverfahren klärt, daß der wahre Übeltäter ein Unbekannter ist. Allerdings ist die Sache damit nicht erledigt, denn nun wollen Handy – Anbieter und Kreditkartenfirmen ihr Geld. Dana beschließt, sich mit ihrem Freund auf die Suche nach dem Täter zu machen,denn die Polizei ist eher desinteressiert den eigentlichen Täter zu finden.

Ein Anruf erbringt erste Hinweise, offenbart dem Täter aber auch die Identität von Danas Freund, die dem Identitätsdieb eine neue Existenz verschafft. Der Dieb ist William „Peck“ Wilson, ein jähzorniger und meist unkontrolliert handelnder Mann, der im Gefängnis auf diese Art, sein Leben zu gestalten, gestoßen war. Er ist ebenso intelligent wie skrupellos und bewegt sich in einer materiell geprägten Welt gewitzt und alert und weiß, seine Vorteile jederzeit zu nutzen. Fortan zieht er mit einer osteuropäischen Freundin, die vor allem Luxus zu schätzen weiß und nichts vom kriminellen Treiben ihres Partners ahnt, und deren Tochter durch Kalifornien. Seine Gegenspielerin, sein Opfer ist ihm vollkommen unähnlich : sensibel, verletzlich und mit einem unbedingten Glauben an die Gerechtigkeit versehen. Quer durch die Vereinigten Staaten führt die Verfolgungsjagd, und alle landen schließlich an der Ostküste, im Staat New York. Und hier kommt es zur Konfrontation…

Auch wenn noch ein älterer Roman von Boyle in meinen Regalen ungelesen herumliegt, habe ich mich zunächst für dieses Buch entschieden, denn natürlich waren sowohl zum Thema Behinderung auch der des Identitätsdiebstahls genügend Schnittstellen vorhanden, um das Buch für mich interessant zu machen. Der Roman ist weniger ein Kriminalroman als eine Art doppeltes Roadmovie. Verfolgte und Verfolger reisen quer durch die USA, was dem Autor auch Gelegenheit bietet, die Beziehung / Nichtbeziehung der jeweiligen Paarkonstruktion zu untersuchen. Die Perspektive wechselt zwischen den drei Hauptcharakteren in alternierenden Kapiteln. So erfährt der Leser einiges über handelnden Personen, über ihre Identität und wie sie geprägt wurde.

In Dana, der gehörlosen Protagonistin, vermochte ich mich wenigstens teilweise wiederzuerkennen, in ihrem Bemühen, sich in der Welt der Nichtbehinderten einzurichten, das von dem Identitätsdieb mindestens infrage gestellt wird, in ihrer nach außen gezeigten Stärke genauso wie in ihrem zeitweisen Ausblenden der Ansichten anderer. Sie hat ihre Behinderung angenommen und verweigert eine „Verbesserung“ durch Cochlea-Implantate. Dies hat sowohl mit ihrem Selbstgefühl, ihrer Identität zu tun wie auch mit einer Wut und auf diese Gesellschaft. Auch Peck ist wütend auf eine Welt, die seine Überlegenheit nicht anerkennen mag, und so ist sein kriminelles Verhalten auch eine Art Rachefeldzug. Daß er Einzelpersonen, Individuen schädigt, die möglicherweise selbst in eine Konflikt mit der Gesellschaft stehen, will oder kann er nicht realisieren. Für ihn sind sie Namen … Namen, die auf Kreditkarten oder Ausweispapieren stehen.

Der Roman bleibt unterhaltsam mittels eines nicht selten bösen Humors, der sich vor allem gegen eine durch das Materielle geprägte Gesellschaft richtet. T.C. Boyle zeigt die Vorgänge aus der Sicht von Täter und Opfer, ohne die moralische Keule zu schwingen. Allerdings ist „Talk Talk“ mit Sicherheit nicht Boyles bestes Buch, denn viele Personen bleiben arg blaß und klischeehaft, was daran liegen mag, daß er die Welt der Gehörlosen nicht wirklich kennt. Dies aber mag ich ihm dann doch nicht vorwerfen, denn es ist und bleibt schwierig, die Erfahrungs – und Innenwelt eines behinderten Menschen Nichtbehinderten zu vermitteln. Eine grundsätzliche Frage allerdings stellt sich mir dann doch : inwieweit die Behinderung für den Roman unabdingbar ist oder ihm Nutzbringendes hinzufügt. Ich kann und will das nicht abschließend beantworten, denn immerhin gab es für mich einen gewissen Wiedererkennungswert. Ein für mich wesentlicherer Aspekt ist, daß manches, was er besser ausgeführt hätte, nur als Subtext mitschwingt, sodaß das Ende des Romans irritieren mag. Fazit : Eine leichte Sommerlektüre ohne hohen Anspruch, die meinen Erwartungen leider nicht ganz gerecht wurde.

Bibliographische Angaben :

T.C. Boyle : Talk Talk

Übersetzt von Dirk van Gunsteren

dtv Verlagsgesellschaft

978-3423210607

© Jost Renner

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