Kathrin Schmidt : Du stirbst nicht

Im Jahr 2002 erleidet die Schriftstellerin Helene Wesendahl eine massive Hirnblutung, nachdem ein Aneurysma gerissen ist. Mit viel Glück hat sie das Ereignis überlebt, denn fast zwei Drittel der Betroffenen versterben. Als sie wieder zu Bewußtsein kommt, kann sie sich weder bewegen, noch erinnern, geschweige denn verständlich machen. Eingeschlossen in ihrem Körper muß sie sich orientieren und begreift nur langsam, daß sie sich in einem Berliner Krankenhaus befindet. Matthes, ihr Mann, kümmert sich fortan rührend um sie, veranlaßt die Verlegung in eine stroke unit, damit die Folgen der Ruptur optimal therapiert werden können. Für Helene beginnt eine harte Zeit : sie ist halbseitig gelähmt und muß wenigstens ein Mindestmaß an selbständiger Beweglichkeit erlangen, um nicht an den Rollstuhl gefesselt zu sein, muß das Sprechen wieder erlernen, nicht nur physiologisch, sondern auch die Worte wiederfinden, derer sie verlustig gegangen ist, um sich verständlich machen zu können. Was an direkter Kommunikationsfähigkeit verschwand, ist aber durch ein Gespür für Menschen kompensiert worden : sie ahnt, ob jemand es gut mit ihr meint, sich ihr zuwendet oder eher widerwillig seine Arbeit als Arzt oder Pfleger verrichtet. Matthes gehört zu denen, die ihr ein Gefühl der Vertrautheit und der Ruhe vermitteln, er ist ebenso umsichtig wie zupackend.

Nach und nach lernt Helene, wieder zu sprechen, spürt Worten nach und verankert Begrifflichkeiten. Doch noch eine Aufgabe liegt vor ihr : sie muß sich erinnern – vor allem das zurückliegende Jahr ist aus ihrem Gedächtnis beinahe ausgelöscht. Sie erinnert sich, wie sie, die damals alleinerziehende Mutter, Kinderpsychologin mit dem verheirateten Matthes zusammenkam, an die Repressalien, die der neuen Patchwork – Familie in der ehemaligen DDR das Leben schwermachten, bis Matthes sich schließlich scheiden ließ und Helene heiratete, an die Kinder der beiden und die Probkeme, die diese neue Familienkonstellation mit sich brachte. Nach und nach allerdings wird ihr auch die allmähliche Entfremdung zwischen Matthes und ihr bewußt : daß er die Nächte oft in einem anderen Zimmer verbrachte, daß er eine Affäre mit einer ihrer Freundin hatte, aber irgendwann reumütig zurückgekehrt war. Mit diesen Erinnerungen wird auch das Verhältnis zu Matthes in der Gegenwart schwieriger, erst recht, als er bei einem kurzen Aufenthalt im eigenen Haus sie zum Sex zwingt, wohl wissend, daß sie sich weder wehren, noch sich wirklich dagegen aussprechen kann. Helene, inzwischen in einer Rehabilitationsklinik macht immer größere Fortschritte, lernt, mit einem Rollator zu laufen, ihre Wünsche zu äußern und immer mehr ihrer Identität zurückzuerobern. wenig bewußt ist ihr zunächst, daß sie geschrieben hatte, daß ein Roman von ihr in kurzer Zeit erscheinen wird und dann eigentlich Lesungen anstünden.

Und erst durch Zufall erinnert sie sich an Viola, eine Transsexuelle, die sie bei Arbeiten zu einer Studie kennengelernt hatte und in die sie sich verliebte. Viola war – noch in der DDR – zur Scheidung gezwungen worden, mußte den Kontakt zu ihren Söhnen abbrechen und die Personenstandsänderung per Operation unumkehrbar machen. Allerdings hatte es Probleme gegeben, die die eigentlich begrüßte Änderung mit kleinen Widerhaken versah : die Brüste blieben trotz Hormontherapie klein, der Bartwuchs fand nie wirklich ein Ende. Ihre Begegnungen waren von Helenes Irritationen und Violas Verletzlichkeiten geprägt, doch emotional fanden beide doch zueinander. Allerdings haftete Helene stark am Vertrauten, entwickelte gleichzeitig Strategien, den Ehemann wieder an sich zu binden, und stieß damit Viola unbewußt zurück. Als Matthes ihr in der Klinik eröffnet, Viola sei gestorben, erleidet Helene einen Rückfall, einen der Epilepsie nicht unähnlichen Hirnkrampf, der ihr alle erreichten Fähigkeiten wieder nimmt. Noch einmal müssen Therapien und Training beginnen. Allerdings duldet sie von nun an nicht mehr jede ihr aufgezwungene Maßnahme oder Medikation, sodaß die Ärzte sogar ein Betreuungsverfahren anregen, das aber auch von Matthes kategorisch abgelehnt wird. Einem Freund verspricht sie sogar, eine Einleitung zu einer Büchner – Rezitation zu schreiben, auch wenn sie sich erst spät wirklich daran wagt, ist sie ihrer Sprache doch immer noch unsicher wie ihres Körpers, der die notwendigen Schreibbewegungen nur mühsam ausführen kann. Doch der Text wird entstehen… .

Mit ihrem in wesentlichen Teilen autobiographischen Roman „Du stirbst nicht“ hatte Kathrin Schmidt ohne Frage einen der besten deutschsprachigen Romane des Frühjahrs 2009 vorgelegt. Wie ihre Protagonistin, die ihr auch in anderen Lebensstationen gleicht, hat die Autorin den Riß eines Aneurysmas erlitten und überlebt, sich ähnlichen Therapien und Lernprozessen unterziehen müssen. Der jetzt vorgestellte Roman folgte allerdings nicht unmittelbar auf die Genesung – „Seebachs schwarze Katzen“ erschien 2005 – sondern in notwendigem und für den Leser auch wohltuenden Abstand. Was ein larmoyantes Klagelied oder eine hadernde Selbstbetrachtung hätte werden können, geriet zu einem gut kalkulierten, dennoch intensiven Roman, dessen Erzählperspektive meist eng bei der Protagonistin bleibt, aber jeden Anschein der Betroffenheitsliteratur weit von sich weist.

Allerdings fordert diese Nähe den Leser, Therapie und das Ringen um Worte, Bewegung, Erinnerung und letztendlich Identität, die zu verzeichnenden Rückschläge werden zur beinahe quälenden Gegenwart des Lesers. Kathrin Schmidt hat eine mehr oder weniger personale Erzählhaltung gewählt, das „Ich“ wohlweislich vermieden. Ihr ist in diesem Buch vieles erlaubt : sie nähert sich an bis zur erlebten Rede, beinahe bis in einen inneren Monolog, kann und darf aber auch immer wieder Abstand gewinnen und (sich selbst) kommentieren. Neben Perspektive und Erzählhaltung ist die Sprache der Autorin eines der prägendsten Merkmale des 348 Seiten langen Romans. Hier entwickelt die Autorin wahre Meisterschaft, verbunden mit einer nicht zu unterschätzenden Sensibilität. Mühsam wie der Protagonistin der Weg aus der Sprachunfähigkeit gerät, fällt auch Schmidts Umgang mit der Sprache in den Anfangspassagen des Buches aus, abgehackt, tastend, rhapsodisch, um dann an Intensität, Freiheit und Wortlust zu gewinnen, sich ab und an auf fast lyrischer Ebene durch den Test zu mäandern, ohne doch jemals die Bodenhaftung zu verlieren. Es entsteht ein Resonanz – und Klangraum, der die Handlung und eines der Hauptthemen des Romans mit zurückhaltender, sich aber nie verbergender Poesie unterfüttert. Man wollte, müßte weiterlesen, auch wenn einem die Handlungsebene des Buches fremd bliebe. Jedoch auch diese vermag zu fesseln, das Aneinanderfügen von Bruchstücken der Erinnerung zu einer, ihrer Identität, die in sechs Kapiteln sich steigernden, dann wieder retardierenden Schritte in ein selbstbestimmtes und erfüllendes Leben. Das ist Literatur auf hohem Niveau, die einen inhaltlich und sprachlich gleichermaßen zu begeistern vermag. Und ich mag diese Lektüre nicht missen.

Bibliographische Angaben :

Kathrin Schmidt : Du stirbst nicht

btb Verlag

ISBN : 978-3442741137

© Jost Renner

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