Julia Alvarez : Die Zeit der Schmetterlinge

Zehn Jahre lang war Julia Alvarez in der Dominikanischen Republik aufgewachsen, dann aber mußten die Eltern mit ihr das Land verlassen, weil der Vater im Widerstand gegen den Diktator Rafael Trujillo engagiert war und der Sturz des Regimes scheiterte. Die Vergeltungsmaßnahmen waren drastisch, und man mußte als Gegner des Diktators um sein Leben fürchten. Vier Monate nach der Flucht sollte das der Mord an den Schwestern Mirabal beweisen. Ihre neue Heimat wurden die USA, wo sie als Ausländerin diskriminiert wurde. Das Lesen und später, ermuntert durch ihre Lehrer, das Schreiben waren ein Mittel gegen die Vereinsamung und auch den Verlust der Heimat. Doch schon als Jugendliche nutzte sie jede Gelegenheit, die alte Heimat zu besuchen. Sie studierte Englische und Amerikanische Literatur und Creative Writing. In diesen Fächern unterrichtete sie dann auch. Sie debütierte zunächst mit Lyrik, und erst 1991, als sie einundvierzig war, erschien ihr erster Roman : „How the Garcia Girls Lost Their Accents“. Immer wiederkehrende Themen sind die Gratwanderung zwischen beiden Kulturen und das Finden eines eigenen Weges aus der Sicht von Frauen.

Auch der hier besprochene Roman „Die Zeit der Schmetterlinge“ macht Frauenschicksale zum Thema. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die vier Schwestern Patria Mercedes Mirabal, Bélgica Adela („Dedé“) Mirabal-Reyes, María Argentina Minerva und Antonia María Teresa („Mate“) Mirabal. Drei von ihnen, Patria, Minerva und Maria Teresa, waren im Widerstand engagiert, der auf den Sturz des Regimes hinarbeitete. Aus der jeweiligen Ich-Perspektive schildert sie die Entwicklung der drei Schwestern, ihren Weg in den aktiven, bewaffneten Widerstand. Minerva ist die erste, die das Grauen der Diktatur begreift, als ihr eine Mitschülerin erzählt, wie alle männlichen Familienmitglieder vom Regime beseitigt wurden, selbst ein Jugendlicher, der keineswegs an Aktionen gegen die Regierung beteiligt war. Trujillo, der in den letzten Jahren seiner Amtszeit in Bedrängnis geraten ist, da weder die USA, noch die Organisation Amerikanischer Staaten, noch die Kirche ihn weiter unterstützen wollen, geht rigoros gegen seine Gegner vor und scheut nicht vor Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil oder sogar Meuchelmord auf offener Straße zurück. Auch Patria, eine junge Frau mit starken religiösen Werten, die eigentlich einmal Nonne werden wollte und dann doch heiratete, ist empört. Die jungen Frauen, einige inzwischen Mütter, und ihre Ehemänner unterstützten die Untergrundgruppe „Agrupación política 14 de junio“, lagern Waffen, agitieren und planen einen Umsturz. Ihre Decknamen lauten Mariposa (Schmetterling) 1, 2 und 3. Nur Dedé mag sich dem nicht anschließen : zum einen ist ihr Ehemann strikt dagegen, zum anderen ist sie den Werten ihrer gutbürgerlichen Familie zu nahe. Und noch einen Grund gibt es : Sie hat schlicht Angst, und das bemerkt sie, als sie sich von ihrem Ehemann, der sie nicht liebevoll, sondern patriarchalisch als selbstverständliches Beiwerk behandelt, trennen und dazu den Weg in die Widerstandsgruppe gehen will. Sie schreckt zurück. Als der geplante Staatsstreich mißlingt, werden die aktiven Schwestern und ihre Männer inhaftiert. Die Frauen werden nach einiger Zeit aber freigelassen, die Männer in ein abgelegenes Gefängnis verlegt. Als die drei Schwestern im November 1960 ihre Gatten besuchen wollen, geraten sie in einen Hinterhalt und werden getötet. Da es aber unvermutet Zeugen gibt, kann die Tat nicht als Unfall getarnt werden. Die Schwestern Mirabal, vorher schon in der Bevölkerung anerkannt, werden nun zu Märtyrerinnen, zu Gestalten der dominikanischen, politischen Mythologie.

Die Eingangsszene des Buches zeigt das Gespräch einer im amerikanischen Exil lebenden Dominikanerin mit Dedé, der überlebenden Schwester, die das Vermächtnis der drei Getöteten und ein ihnen zu Ehren eingerichtetes Museum hütet. Wir können uns vorstellen, daß dies eine der Begegnungen Julia Alvarez‘ mit ihr ist. Sie hat sich von ihr, von den Kindern der ermordeten Mirabal-Schwestern, von einstigen Mitgefangenen alles erzählen lassen, was diese Frauen betrifft. Ziel der Erkundungen war es, ihre Motivationen, ihr alltägliches Leben, das nun ja nicht immer heroisch war, und ihre Persönlichkeiten zu erkunden, um sie schließlich von mythologischen Gestalten zu Frauen, Menschen zu machen. Denn Alvarez schreibt in ihrem Nachwort :

„Ironischerweise haben wir die Mirabals, indem wir sie zum Mythos erhoben haben, ein zweites Mal verloren, und zugleich haben wir uns vor der Herausforderung gedrückt, genausoviel Mut wie sie zu beweisen, indem wir unsere Begrenztheit als Durchschnittsmenschen vorschützten.“

Auch ist dieses Buch – wie der Tag, an dem die drei Schwestern getötet wurden, der 25 November – ein Mahnmal gegen Gewalt gegen Frauen. Trujillo, der eine Verurteilung zum Tode oder eine Hinrichtung ohne Urteil nicht riskieren konnte, weil die politischen Konsequenzen durch die USA und die katholische Kirche nicht absehbar gewesen wären, griff zum Mittel des heimtückischen Mordes., um seine gefährlichsten Gegnerinnen auszuschalten.

Julia Alvarez ist es sehr glaubhaft gelungen, die Geschichte aus der Perspektive ihrer drei Protagonistinnen zu erzählen. Sie macht ihre Wege, ihr Erleben und ihre Entscheidungen nachvollziehbar und bringt sie dem Leser nahe. Ein eifriges Studium von Briefen und Tagebüchern haben ihr dazu verholfen, ihnen eigenständige, menschliche Stimmen zu verleihen. Nur Dedé wird konsequent in der dritten Person geschrieben, was mich zwar ein wenig verwunderte, aber nicht wirklich störte. Das Buch ist rundum gelungen und vermag, dem Leser einen Einblick zu geben in einen ihm sicherlich nicht immer präsenten Teil der Weltgeschichte. Und selbst ein skeptischer Ausblick auf die anbrechenden Zeiten des Tourismus und Kapitalismus fehlt nicht : Hat sich dafür das alles gelohnt ? Haben die Schwestern Mirabal dafür gekämpft ?

Nachtrag : Bélgica Adela („Dedé“) Mirabal-Reyes starb 2014 an Krebs.

Bibliographische Angaben :

Julia Alvarez : Die Zeit der Schmetterlinge

Übersetzt von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn

Piper Verlag

ISBN : 978-3492500883

© Jost Renner

3 Kommentare

  1. Ich weiß nicht mehr, wann ich dieses Buch gelesen hatte. In den 90igern? Wahrscheinlich. Und ich freue mich sehr, dass Du dieses Buch heute hier auf Deinem Blog besprichst, so wird meine Erinnerung aufgefrischt. Parallel zu diesem Buch, bzw. hinterher, empfehle ich „Das Fest vom Ziegenbock“ von Marion Vargas Llosa unbedingt. Trujillo als grausamer Protagonist, die Geschichte der Dominikanischen Republik und Haiiti wird von Llhosa sehr lesenswert verarbeitet.

    Gefällt 1 Person

      1. Ich kann leider nicht mehr allzu viel aus dem Gedächtnis hervorrufen, da ich auch den Ziegenbock in den Neunzigern las. In dem Punkt „es gefiel mir weitaus besser …“ gebe Dir unbedingt Recht – Llhosa schreibt kräftig, ausdrucksstark; ähnlich baut er wie Umberto Eco’s „… Rose“ eine grandiose Geschichte auf. So was von eindrücklich beschreibt er den Diktator Trujillo, aber auch all die anderen Schicksale der beschriebenen Personen. Llhosa gibt dem Leser wahrlich einen tiefen Einblick in die physischen und psychologischen Dimensionen von dikatatorischen Staatsführungen. Diesen Roman vergesse ich nie.
        Alvarez Erzählstil habe ich dagegen verhaltener, „sanfter“, „vorsichtiger“ in Erinnerung.

        Gefällt 1 Person

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