Dan Simmons : Terror

1845 startet unter der Leitung des gescheiterten Ex – Gouverneurs von Tasmanien John Franklin eine Expedition zur Entdeckung und Kartographierung der Nordwestpassage. Franklin und die britische Admiralität glauben sich wohl gerüstet für dieses Vorhaben, sind doch beide Expeditionsschiffe „Erebus“ und „Terror“ mit Panzerplatten verstärkt und dampfbetrieben, Franklin selbst früherer Teilnehmer verschiedener Reisen in den Polarkreis und die Vorräte dank moderner Konservierungstechnik für drei Jahre ausreichend. Die erste Überwinterung im Packeis in einer geschützten Bucht verläuft glimpflich, nur wenige Mannschaftsmitglieder sterben an TBC. 1846 allerdings trifft Franklin, den Anweisungen der Admiralität folgend, eine verheerende Entscheidung. Gegen den Rat des erfahrenen Schiffskapitäns Francis Crozier fährt man in Richtung Süden und wird im anbrechenden polaren Winter ungeschützt vom Packeis eingeschlossen. Insbesondere das Flaggschiff „Erebus“ wird vom Druck des Eises nach und nach zerstört. Die Kohlevorräte müssen nach und nach verfeuert werden, um die Schiffsräume zu beheizen, da Temperaturen unter fünfzig Grad minus schlicht unerträglich wären.

Eine Landpatrouille stößt bei einer Exkursion auf der nahegelegenen King – William – Insel auf zwei Eskimos und erschießt einen von ihnen. Die Überlebende, „Lady Silence“ genannt, weil ihre Zunge an der Wurzel entfernt worden ist und sie daher nicht sprechen kann, wird an Bord der „Terror“ gebracht. Die Mannschaft begegnet ihr mit Mißtrauen und Aberglauben, sodaß Lieutenant John Irving zu ihrem Schutz und ihrer Überwachung abgestellt wird. Er findet heraus, daß diese Inuitfrau durchaus ihre eigenen Wege geht und das Schiff jederzeit ungesehen zu verlassen und zu betreten weiß und anscheinend über unbekannte Nahrungsquellen verfügt. Doch die Expeditionsteilnehmer haben zunächst andere und drängendere Probleme : ein unbekanntes Raubtier, um etliches größer und gefährlicher als ein Eisbär, dezimiert nach und nach die Mannschaft, die Vorräte werden knapper und erste Fälle von Skorbut treten auf. Als im Sommer 1847 das Packeis nicht weicht, wird die Lage prekär. Die Offiziere der Expedition rechnen jederzeit mit einer Meuterei, Skorbut und die Raubzüge des unbekannten „Monsters“ schwächen die Mannschaften zunehmend. Und entsetzt müssen die Ärzte feststellen, daß etliche der bevorrateten Konserven mit Giftstoffen versetzt sind. Immer mehr Menschen kommen ums Leben, zuletzt auch John Franklin selbst. Zwar ahnen Kapitän Crozier und auch Lieutenant Irving, daß ihnen die Eskimofrau notwendige Überlebenstechniken vermitteln könnte, doch eine Verständigung scheint ausgeschlossen.
Schließlich befiehlt Francis Crozier, beide Schiffe zu evakuieren und zu Fuß, belastet mit etlichen Schlitten und Booten, die King – William – Insel in Richtung Süden zu durchqueren, um an der Südspitze schiffbare Wege zu finden, die das Erreichen der kanadischen Hudson Bay erlauben könnten oder wenigstens die Entdeckung durch eine mögliche Rettungsflotte. Der Fußweg, erschwert durch Eisgrate, Eisschluchten und die schlechte körperliche Verfassung der Seeleute, zehrt an den Kräften und fordert immer neue Tote. Schneeblindheit, Auszehrung, Skorbut und Resignation zermürben die Überlebenden, erst recht als sie erkennen, daß auch hier das Meer wegen des Packeises die Benutzung der Boote nicht erlaubt. Und nun kommt es zur lang erwarteten Meuterei. Unter der Führung des Maates Cornelius Hickey will eine etwa zwanzigköpfige Gruppe die Rückkehr zu den Schiffen durchsetzen. Hickey ist skrupellos und hat schon einen blutigen Rachefeldzug gegen seinen vermeintlichen Widersacher Irving geführt. Crozier kann zwar den allgemeinen Aufstand verhindern, doch die Überlebenden gehen von nun an getrennte Wege. Während Hickeys Gruppe vermeintlich nach Norden abzieht, warten die anderen auf eine Gelegenheit, den Weg in den Süden über Land oder Wasser fortzusetzen. Doch Hickey hat zunächst ganz anderes im Sinn… .

Dan Simmons, der vor allem im Bereich der Science Fiction aktiv war und mit seinem Hyperion – / Endymion – Zyklus weltweit bekannt wurde, hat mit „Terror“ einen etwa tausendseitigen historischen Roman vorgelegt, ohne jedoch die Grenzen dieses Genres strikt einzuhalten. Denn mit dem riesenhaften, eisbärartigen Wesen, das einen Teil der Mannschaft nach und nach brutal abschlachtet, führt er eine übernatürliche Dimension in die Handlung des Buches ein. Die Franklin – Expedition, der sich literarisch schon Sten Nadolny in seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ ausführlich widmete, bietet jedem Autor eine fast ideale Projektionsfläche, gibt es doch kaum Erkenntnisse über die Einzelheiten ihres Verlaufs, keine schriftlichen Aufzeichnungen außer einer kurzen Notiz über die Aufgabe der Schiffe und den geplanten Weg in Richtung Süden und nur wenige Überreste von Menschen oder Material, die von Rettungsexpeditionen aufgefunden werden konnten.

Das Vorhandene hat Simmons in seinem Roman recht akkurat verarbeitet – sowohl der von ihm geschilderte Kannibalismus als auch die fatalen Folgen einer Vergiftung an der konservierten Nahrung scheinen den Untersuchungen standzuhalten, auch wenn die in aufgefundenen Skeletten nachgewiesene Bleivergiftung, die möglicherweise durch fehlerhafte Verlötungen der Konservendosen zustande kam, durchaus auch andere – zeitbedingte – Ursachen hätte haben können. Andererseits wäre auch eine Botulismusvergiftung durch Lufteinschluß nicht von der Hand zu weisen. So stellt sein Roman in der Hauptsache einen möglichen, nachvollziehbaren Verlauf der Ereignisse dar und verzichtet auch darauf, die handelnden Personen mit ihrer Gedankenwelt allzu sehr den heutigen Zeiten anzugleichen, was Nadolny mit seiner Gestaltung des John Franklin durchaus gemacht hat. Simmons nähert sich in abwechselnden Kapiteln den Perspektiven verschiedener Figuren an. Allerdings bleibt er – mit einer Ausnahme – bei einer personalen Erzählweise und läßt nur beim Chirurgen und Tagebuchschreiber Goodsir die Ich – Erzählung zu. Goodsir, wenngleich kein vollausgebildeter Arzt, sondern eher eine Art Feldscher, gehört neben Franklin selbst, Crozier, Irving und Lady Silence zu den Hauptpersonen des Buches, wobei ihr Tun und Lassen ausschließlich durch die Perspektive anderer wahrgenommen und dem Leser vermittelt wird.

Dan Simmons ist es gelungen, einen auf über 1000 Seiten packenden und spannenden Roman zu schreiben, dessen genaue Schilderungen von Tod und Verderben jedoch nicht unbedingt empfindsameren Gemütern zu empfehlen ist. Allerdings drängt sich – zumindest in der ersten Hälfte des Romans – zunächst der Verdacht auf, er selbst traue den real möglichen Handlungsabläufen nicht unbedingt zu, ein Buch über den ganzen Umfang mit Spannungsbögen zu versehen und das Interesse des Lesers konstant zu halten. Weshalb denn sonst hätte er sich bemüßigt sehen sollen, der Erzählung ein phantastisches Element hinzuzufügen, daß so sehr im krassen Widerspruch zum historisch und faktisch Denkbaren steht. Auch wenn einen das Unbehagen damit über weite Strecken nicht wirklich verläßt, funktioniert der Mechanismus auf das Beste : das immer wieder unvermittelt zuschlagende Grauen (einer der drei möglichen Bezüge zum Titel des Romans) packt den Leser immer wieder, setzt Kontrapunkte zum alltäglichen Grauen der sich anbahnenden Katastrophe und entbehrt jeglichen maschinellen oder manierierten Charakters, sodaß für den Leser die Einheit der Handlung gewahrt und seine Teilnahme am Geschehen bestehen bleibt. Doch es wäre ungerecht und würde dem Buch nicht gerecht, führte man als Motivation für einen derartigen Schritt nur handwerkliche und gestalterische Gründe des Autors an. Denn Simmons will mehr, wie auch vor ihm Nadolny mehr wollte. Während sich der Autor der „Entdeckung der Langsamkeit“ bemühte, aus historischen Fakten und Handlungsabläufen eine Zivilisationskritik an der und ein Gegenmodell zur heutigen Gesellschaft zu entwickeln, stellt Simmons vor allem die einstige (nicht nur technische) Hybris der damaligen technologisch entwickelten Gesellschaft der Mythologie und dem Leben im Einklang mit der Natur nativer Völker, hier im Speziellen der Inuit, gegenüber.

Auf den etwa letzten 100 Seiten werden wir mit dem wahren Wesen der Lady Silence, ihrem Denken, den Glaubensstrukturen und den Überlebensstrategien der Eskimos konfrontiert. Der einzig Überlebende ist ihr Begleiter geworden und wird ein Teil ihrer Welt. Unvermeidlich klingen auch hier durchaus gegenwärtige Sehnsüchte und Sichtweisen mit, ebenso wie man die deutliche Brandmarkung der Hybris leichter aus heutigem Wissen und gegenwärtigen technischen Fähigkeiten ableiten kann als aus einer Zeit, in der das Erreichte eben das scheinbar Machbare gewesen ist. Aber auch das stört den Leser in der Regel nicht wirklich. Ich selbst hätte mir allerdings gewünscht, daß Simmons die Gegensicht etwas früher und ausführlicher in die Handlung integriert und sich nicht allein auf zarte Andeutungen verlassen hätte. So erscheinen mir die letzten einhundert Seiten mehr wie ein beinahe störendes Nachkarten, eine nicht ganz organisch eingepaßte Ergänzung. Allerdings hat bei mir dennoch der Gesamteindruck des Romans nicht darunter gelitten. Wer also ein spannendes, abenteuerliches Buch mit hohem Unterhaltungswert zu schätzen weiß, kann auf diesen Roman zurückgreifen, ohne daß er es bereuen müßte.

Bibliographische Angaben :

Dan Simmons : Terror

Übersetzt von Friedrich Mader

Heyne Verlag

ISBN : 978-3453406131

© Jost Renner

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